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Migration und Integration in Deutschland

Demnach waren die Arbeitgeber bestrebt, diejenigen ausländischen Arbeitnehmer zu halten, die sich in mehrjähriger Beschäftigung bewährt hatten, zumal bei ihnen die Anpassungs- und hier vor allem die Sprachschwierigkeiten … überwunden waren.

Bundesanstalt für Arbeitsvermittlung und Arbeitslosenversicherung, 1968

Anredeformen weltweit

Mr. President, Mr. Obama oder Barack?

Den richtigen Ton in einer E-Mail treffen, online Massen erreichen oder vom „Sie“ zum „Du“ wechseln. Bettina Kluge untersucht, wie Menschen sich anreden und wirkt an der Gründung eines internationalen Netzwerks zur Anredeforschung mit. Isa Lange sprach mit der Professorin für Angewandte Sprachwissenschaft über Anredeformen weltweit.

Guten Tag und herzlich willkommen in Hildesheim, Frau Professorin Kluge – wir kennen uns noch nicht und die Anrede gehört zum ersten Eindruck, der bei einer Begegnung entsteht. Habe ich den richtigen Weg gewählt?

Guten Tag, Frau Lange, vielen Dank für die Einladung zum Gespräch. Aus meiner Sicht haben Sie bei der Begrüßung alles richtig gemacht. Wobei es ja unterschiedliche Ansichten gibt, ob Berufsbezeichnungen in der Anrede feminisiert werden sollten oder nicht, also Frau Professor oder Frau Professorin. Meinetwegen reicht auch schlicht und einfach Frau Kluge!

Was sagt die Wahl der Anrede über die Person aus, die sie ausspricht? Und was verrät sie über die Beziehung des Verfassers zum Adressaten?

Menschen haben viele Möglichkeiten, einander anzuzeigen, wie sie die Beziehung zueinander charakterisieren wollen, wir nennen das „relational work“. Die Anrede ist aber einer der sensibelsten Bereiche, gerade weil sie häufig nur mit Mühe zu vermeiden ist. Solche Fälle haben Sie bestimmt auch schon erlebt, wenn man mit allen Kräften versucht, die Anrede zu vermeiden, weil man nicht weiß, ob man jemanden duzen oder siezen soll? Dann fällt man häufig in einen Nominalstil, der auch nicht schön ist und häufig unpassend wirkt.

Hallo, Sehr geehrte, Verehrter, Guten Tag, Liebe, Grüß Gott, Du, Sie – wir haben eine Vielzahl von Anreden im Deutschen, die wir je nach Anlass verwenden. Welche Herausforderung besteht denn im Gespräch zwischen Menschen, die unterschiedliche Herkunftssprachen haben?

Lassen Sie mich das Englische als Beispiel nehmen, das ist ja in der Unternehmenskommunikation inzwischen eine sehr häufige Sprache, auch in Situationen, wo manchmal keine Muttersprachler des Englischen anwesend sind. Anders als im Deutschen gibt es im heutigen Englisch nur ein Anredepronomen: you. Viele glauben daher, dass Englisch einfach sei und man nichts falsch machen kann; ich kenne Kollegen, die deswegen auf internationalen Tagungen andere Kollegen auf Englisch begrüßen, weil sie so hoffen, sich um die Frage „du oder Sie?“ herum zu mogeln. Aber da soll man sich nicht täuschen: es gibt im Englischen einen großen Unterschied in der sogenannten nominalen Anrede, die dann doch wieder die sozialen Beziehung zueinander klarstellt. Ob beispielsweise Angela Merkel den Präsidenten der Vereinigten Staaten mit Mr. President, Mr. Obama, Barack oder gar Barry anredet, macht einen großen Unterschied!

Aber auch innerhalb ein und derselben Sprache kann es sehr große Unterschiede in der Anrede geben, die bereits zwischen Sprechern unterschiedlicher Varietäten zu Konflikten führen kann: während zum Beispiel die US-Amerikaner dafür berühmt-berüchtigt sind, baldmöglichst den Vornamen zu verwenden, ist das im britischen Englisch nicht der Fall. Ähnlich auch im Deutschen, wie unsere Kollegen aus Melbourne herausgefunden haben: so kann man offenbar selbst in der Anrede zwischen West- und Ostdeutschen Unterschiede feststellen. Die Ostdeutschen duzen offenbar seltener als die Westdeutschen, und an dem Stereotyp, dass Österreicher gerne allen und jeden mit Herr oder Frau Professor anreden ist etwas dran. Titel werden sehr gerne in die Anrede integriert – wobei eine ‚Professorin‘ in Österreich bereits eine Gymnasiallehrerin ist.

Wer greift wann zu förmlichen, wann zu privateren Anreden? Und wie schnell erfolgt denn der Wechsel, etwa vom Sie zum du?

Wer sozusagen zu unserer Ingroup gehört, die wir familiärer anreden, – da gibt es sehr große Unterschiede zwischen den einzelnen Ländern und auch schon zwischen einzelnen Regionen. Auch innerhalb derselben Sprache gibt es Menschen, die schneller zu privateren Anreden tendieren als andere. Insofern sind Generalisierungen problematisch.

Wir beobachten große Unterschiede in der Schnelligkeit des Wechsels von einer eher förmlichen Anrede auf eine eher familiäre. In Deutschland dauert es manchmal ja ewig, bis man sich zu duzen beginnt. Auch wenn das Ritual des Bruderschafttrinkens offenbar inzwischen sehr selten geworden ist. Auf jeden Fall muss man sich unter Deutschen nach meiner Beobachtung persönlich treffen, um den Wechsel von Sie auf du durchzuziehen. In anderen Sprachen geht das auch virtuell. Wenn ich etwa Emails mit englisch- oder spanischsprachigen Kolleginnen und Kollegen austausche, landen wir sehr schnell, häufig innerhalb von drei, vier Email-Wechseln bei einer vertrauten Anrede. Dann wird aus der Muy estimada profesora Kluge (Sehr verehrte Frau Prof. Dr. Kluge) in der ersten Mail sehr bald ein Hola Bettina (Hallo Bettina).

Und dann gibt es in einigen Sprachen, wie etwa dem Spanischen, die Möglichkeit, dass man ein und dieselbe Person mit unterschiedlichen Anredepronomen anredet. In vielen lateinamerikanischen Ländern ist es möglich und üblich, in emotionalen Ausnahmezuständen die Anrede zu wechseln: ärgert sich eine Mutter beispielsweise über ihre Tochter und will sie ausschimpfen, kann sie sie kurzfristig mit usted (also Sie) anreden. Das ist das sogenannte usted de enojo (Sie der Wut). Aber es gibt auch ein usted de cariño (Sie der Zärtlichkeit): wenn man jemanden zeigen möchte, wie unglaublich gern man jemanden hat, kann man von oder vos auf usted wechseln. Im Deutschen ist das eher unüblich, am ehesten noch, wenn man im Spaß gute Freunde mit Na, Frau Kollegin? anredet, obwohl man sie sonst duzt.

Wie untersuchen Sie eigentlich das Anredeverhalten, wie geht man methodisch vor?

Früher wurde viel mit Fragebögen gearbeitet, die sind schnell zu verteilen und man kann sie schnell auswerten. Inzwischen wissen wir aber, dass Menschen hier häufig nur die Formen angeben, von denen sie glauben, dass sie sie verwenden. Aber gerade so ein kurzfristiger Wechsel aus emotionalen Gründen wie das eben beschriebene usted de enojo – das würde niemals in einem Fragebogen bewusst genannt. Am ehesten noch, wenn man konkrete Beispiele gibt und die Informanten nach der Akzeptabilität der Daten befragt. Heutzutage arbeitet man stattdessen häufig mit einem Methoden-Mix: neben den Fragebögen gibt es auch Gruppendiskussionen und natürlich die Analyse von Aufnahmen von Gesprächen. Und auch literarische Werke (Romane und Spielfilme) werden hinzugezogen – wobei man sich hierbei immer sehr bewusst sein muss, dass es sich um fiktive Daten handelt. Aber natürlich wollen etwa Drehbuchschreiber, dass ihre Figuren authentisch wirken. Insofern wird die Anrede auch im Film und in literarischen Werken häufig der „realen“ entsprechen. Nur, wir wissen es nicht genau und müssen daher vorsichtig sein.

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2 Kommentare
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  1. M.E. sagt:

    Schönes Thema! Kennen Sie / kennt ihr das auch: An Kindergarten und Grundschule verwenden hier im Rheinland eigentlich fast alle Eltern mehr oder weniger von Anfang an das Du. Wenn jemand sehr förmlich angezogen ist, sieze ich vorsichtshalber. Weil ich nicht unhöflich sein möchte, sieze ich meist auch erst mal Eltern, deren Migrationshintergrund offensichtlich ist, z.B. Frauen mit Kopftuch. Das ist zwar respektvoll gemeint, schafft aber gleichzeitig Distanz – und manchmal komme ich dann aus der „Sie-Falle“ nicht mehr heraus, gegen meinen Willen.

  2. Lynx sagt:

    In einigen Sprachen kennt man in der Anrede ursprünglich nur die „Du“-Form, wie im Arabischen, Neuhebräischen oder Lateinischen. In letzterem wird die Achtung vor der anderen Person durch die Hinzufügung entsprechender Adjektive ausgedrückt, wie „honorabilis“ (ehrenhaft) oder „spectabilis“ (ansehnlich) etc.
    Meistens verstehen Abendländer es nicht, mit arabischen Namen umzugehen. Diese setzen sich gewöhnlich aus dem eigenen Vornamen, dem Vornamen des Vaters, des Großvaters und dann dem Namen des Stammes oder eines ferneren Vorfahren zusammen. Ist der Vorname etwas ungewöhnlich und nicht allgemein verbreitet, dann wird häufig dieser gebraucht, also sagen wir eher „Baschschār“ und nicht „Assad“ oder „Herr Assad“. Wenn westliche Journalisten den früheren irakischen Präsidenten als „Hussein“ bezeichnen, ist das für einen Araber unverständlich, da er unter dem Namen „Saddām Hussein“ oder einfach nur „Saddām“ bekannt war. „Hussein“ hieß vielleicht sein Großvater oder ein noch fernerer Vorfahr, nicht jedoch Saddām selbst. Bei den Arabern nimmt gewöhlich auch nicht die Frau bei der Heirat den Familiennamen ihres Mannes an, sondern behält ihren ursprünglichen.
    In Khair ad-Dīn Ziriklīs Lexikon arabischer (einschließlich arabistischer) Persönlichkeiten findet man bspw. den deutschen Orientalisten Carl Brockelmann nicht unter „Brockelmann“, sondern unter „Carl“.
    Unter den deutschsprachigen Muslimen ist es verbreitet, sich zu duzen, da sie sich als Brüder und Schwestern im Glauben betrachten und durch das „Sie“ bestehende Ferne überwunden sehen wollen. Diese Form der Anrede kommt auch den Muslimen mit arabischem Migrationshintergrund entgegen, während diejenigen mit türkischem von ihrer Sprache her die Anrede mit „Ihr“ gewöhnt sind.



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