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Friedrich Landwehrmann, Strukturfragen der Ausländerbeschäftigung, 1969

Debatte

Rassismus (nicht) beim Namen nennen

In den vergangenen Jahren entwickelte sich ein Gefühl dafür, dass es Rassismus auch im eigenen Umfeld gibt. Iman Attia definiert mit Bezug zur Fachdebatte, was Rassismus ist, auf welchen Ebenen und in welchen Formen er wirksam wird.

VONIman Attia

Die Verfasserin, Dr. phil., Erziehungswissenschaftlerin, ist Professorin an der Alice Salomon Hochschule Berlin. Sie lehrt und forscht zu Rassismus und Migration.

DATUM18. Juni 2014

KOMMENTARE7

RESSORTGesellschaft, Leitartikel, Meinung

QUELLE Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. Iman Attia für "Aus Politik und Zeitgeschichte" (APuZ); bpb.de

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„Was Du sagst, ist rassistisch!“ oder „Du bist Rassist!“ sind schwerwiegende Anschuldigungen. Wer auf diese Weise angesprochen wird, fühlt sich beschimpft, falsch verstanden, vielleicht auch überführt. Der Vorwurf weist darauf hin, dass eine Grenze überschritten wurde. Dennoch passiert es immer wieder, dass wir andere oder auch uns selbst dabei ertappen, Dinge zu denken, zu sagen oder zu fühlen, etwas zu tun oder zu unterlassen, wovon wir selbst wissen oder vermuten, dass es rassistisch sein könnte. In den vergangenen Jahren entwickelte sich ein Gefühl dafür, dass es Rassismus auch im eigenen Alltag und Umfeld gibt, auch wenn nicht immer klar ist, ob es sich in einer konkreten Situation tatsächlich um Rassismus handelt. Im Folgenden wird anhand von Beispielen und mit Bezug zur Fachdebatte1 definiert, was Rassismus ist, auf welchen Ebenen und in welchen Formen er wirksam wird und in welcher Weise er zum „normalen“ Bestandteil unseres persönlichen und gesellschaftlichen Alltags gehört.

Bis in die 1990er Jahre hinein wurde der Begriff „Rassismus“ in bundesdeutschen Debatten primär im Zusammenhang mit der Verfolgung und Ermordung von Juden und Jüdinnen im Nationalsozialismus, den „Rassenunruhen“ in den USA und dem Apartheidregime in Südafrika verwendet. Indem Rassismus in die Vergangenheit und in andere Kontinente verlagert wurde, fand kaum eine Auseinandersetzung mit eigenen gesellschaftlichen Zusammenhängen statt. Diese Sichtweise, die lange Zeit rassistische Kontinuitäten und verschiedene Formen und Ebenen von gegenwärtigem Rassismus vernachlässigte, trug dazu bei, andere als die antisemitisch begründeten rassistischen Verfolgungs- und Vernichtungsgeschichten in der deutschen Vergangenheit weitgehend auszublenden.

Selbst die Verfolgung und Ermordung von Sinti und Roma im Nationalsozialismus wurde lange Zeit nicht als rassistische anerkannt, denn diese seien aufgrund ihrer vermeintlichen sozialen Praxis registriert, sanktioniert, verfolgt, interniert und getötet worden. Die nationalsozialistische „Zigeunerpolizeistelle“ in München, die maßgeblich an der Verfolgung beteiligt war, wurde nach 1945 in „Landfahrerzentrale“ umbenannt und wirkte mit gleichem Personal und gleichen Akten bis 1970 weiter.2

Rassismus gegen Sinti und Roma

Diese Praxis war möglich, weil die rassistischen Bilder über Sinti und Roma als gesellschaftlich anerkanntes Wissen etabliert waren und auch heute noch verbreitet sind. Der Jahrhunderte währenden Konstruktion einer vermeintlichen Roma-Kultur3 nach seien Roma in wesentlichen Aspekten ganz anders als „wir“, weil ihre Kultur (und in der NS-Ideologie auch ihre Erbanlagen) sich von „unserer“ unterscheide. Dieses vermeintliche Wissen bildete im Nationalsozialismus die Grundlage dafür, Sinti und Roma als homogene Gruppe zu sehen mit der Folge, dass Menschen, die als Sinti und Roma wahrgenommen wurden, geschmäht, beschimpft, „erzogen“, bestraft, verfolgt und getötet wurden. Sie sind jedoch nicht mehr oder weniger sozial oder kriminell als andere Bevölkerungsgruppen; entsprechend führte nicht ihr Verhalten zu ihrer Verfolgung und Vernichtung, sondern ihre Konstruktion als „Rasse“, der eine bestimmte Kultur und spezifische Verhaltensweisen zugeschrieben wurden (auch Rassialisierung oder Rassifizierung genannt). Dass Sinti und Roma im Nationalsozialismus aufgrund ihrer Rassialisierung verfolgt wurden, ist erst in den 1970er Jahren durch die Auflösung der „Landfahrerzentrale“ und in den 1980er Jahren durch geringfügige Entschädigungszahlungen anerkannt worden. Die politische, mediale und alltägliche Stigmatisierung von Roma und ihre Diskriminierung in vielen Lebensbereichen halten jedoch weiterhin an.4 Das rassistische Wissen über Sinti und Roma, das biologische mit kulturellen und sozialen Merkmalen verbindet, ist erhalten geblieben. Heute werden die kulturellen und sozialen Aspekte gegenüber den biologischen betont. Die Kulturalisierung stellt demnach die gegenwärtige Form der Rassialisierung dar.

Sich im Gegenbild des konstruierten Anderen zu definieren und dabei als zivilisierter zu imaginieren, ist ein zentraler Aspekt der Rassialisierung, der als Othering bezeichnet wird. Dabei werden vermeintliche oder tatsächliche Unterschiede zu Gruppenmerkmalen zusammengefasst und zum (kulturell, religiös oder biologisch bedingten) „Wesen“ dieser Gruppe erklärt. Alle Mitglieder einer so konstruierten Gruppe werden als prinzipiell gleich angesehen und homogenisiert. Die auf diese Weise als wesenhaft anders, also als essenzialistisch hervorgebrachte Fremdgruppe wird der Eigengruppe gegenübergestellt. Erst der Otheringprozess bringt also verschiedene Rassen hervor, wobei hierzu biologische, kulturelle, religiöse und andere Merkmale und Zuschreibungen genutzt werden, um Andere zu rassialisieren. „Rasse“, „Kultur“, „Ethnie“ und „Religion“ als jeweils homogenes und essenzielles Merkmal einer Gruppe, das der eigenen dichotom gegenübersteht, ist demnach ein Effekt von Rassialisierung (und nicht umgekehrt).

Der rassialisierende Otheringprozess folgt einer Logik und hat die Funktion, das Verhältnis zwischen „Rassen“, „Kulturen“, „Ethnien“ und „Religionen“ zu legitimieren. Dieses Verhältnis ist von Macht durchzogen: Welche Diskurse sich als Wissen durchsetzen, wer in der Position ist, sie durchzusetzen, ob sie institutionalisiert werden und in Regeln und Gesetzen ihren Niederschlag finden – all das sind machtvolle Prozesse, die das Verhältnis von „uns“ und „den Anderen“ immer wieder neu festlegen. Dabei profitieren diejenigen, die dazugehören und unmarkiert bleiben, (ob sie dies wollen oder nicht) davon, dass „die Anderen“ als rückständig, unzivilisiert, asozial, integrationsunwillig, kriminell usw. bezeichnet und behandelt werden.

Ein ähnlicher Prozess liegt auch dem kolonialen Rassismus zugrunde. Während der Rassismus gegen Sinti und Roma vornehmlich die Funktion hatte, sich selbst im Gegenbild des konstruierten Anderen zu definieren, diente der koloniale Rassismus vor allem dazu, die Versklavung und Kolonisierung von Afrikanerinnen und Afrikanern, Latinos und Latinas, Aborigines und first nations peoples zu legitimieren. Auch sie wurden homogenisiert („alle gleich“), essenzialisiert („weil ihre Natur so ist“) und dichotomisiert („ganz anders als wir“), und auch dies geschah aus einer Machtposition heraus. Ihre Rassialisierung diente dazu, die Aggressionen gegen sie und die eigenen Privilegien durch ihre Versklavung und Kolonisierung als Zivilisierungsmission umzudeuten. Ihre Ausbeutung wurde beispielsweise als Erziehung zur Arbeit und ihre gewaltsame Christianisierung als Rettung ihrer Seele umdefiniert.

  1. Vgl. zur Einführung: Claus Melter/Paul Mecheril (Hrsg.), Rassismuskritik, Bd. 1, Schwalbach/Ts. 2009.  []
  2. Vgl. Michail Krausnick, Der Kampf der Sinti und Roma um Bürgerrechte, in: Jacqueline Giere (Hrsg.), Die gesellschaftliche Konstruktion des Zigeuners, Frankfurt/M. 1996, S. 150.  []
  3. Vgl. Klaus-Michael Bogdal, Europa erfindet die Zigeuner, Berlin 2011.  []
  4. Vgl. Elizabeta Jonuz, Stigma Ethnizität, Opladen–Farmington Hills 2009.  []
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7 Kommentare
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  1. Omowale sagt:

    Ein exzellenter Beitrag. Vielleicht der Beste überhaupt, den ich hier gelesen habe. Iman Attia herzlichen Dank!

  2. Wiebke sagt:

    Die Absicht der Autorin ist ja gut und schön, aber die Argumentation zur Frage von Gruppen etwas kurz gegriffen. Man darf nicht einfach das Kind mit dem Bade ausschütten. Gruppenidentität hat zwei Seiten, einerseits entsteht sie als Abgrenzung gegen Andere, was man als negative Gruppenidentität bezeichnen könnte. Andererseits aber aus einem ‚Wir-Verständnis‘ heraus, das als positive Gruppen-Identität den Mitgliedern Orientierung, Schutz und Geborgenheit vermittelt. Von Generation zu Generation wird in diesem Sinn zu Loyalität erzogen..

    Gerade das Beispie der Sinti und Roma verdeutlich dies. Trotz ihrer sehr unterschiedlichen Dialekte und Kulturausformungen, haben sie in Sprache, Herkunft und Kultur zweifellos Gemeinsamkeiten, was sich auch aus der Geschichte erklärt ( eine der Vrefolgung, was eine sehr starke Gruppenidentität schafft, siehe auch bei den Juden. Ich würde allerdings behaupten, dass zwischen den Einwohnern Israels, die sich alle als jüdisch verstehen, weit größere Diskrepanzen herrschen als zwischen Sinti und Roma)
    Territoriale Herkunft, Sprache und Geschichte sind starke Gruppen’marker‘ im positiven Sinn. So etwas zu leugnen würde nicht nur zu einem weiteren Zerfall von Gesellschaft beitragen (im Sinne einer neoliberalen M.Thatcher: there is no such thing as society) sondern z.B. auch dazu, dass Deutsche sich nicht mehr für den Holocaust der Nazis verantwortlich fühlen. Was haben wir mit denen zu schaffen???

    Ich habe mit Sinti zusammengearbeitet, die haben sich dagegen gewehrt, dass ich als ‚Gadsche‘ ihre Sprache lerne. .Soll das rassistisch sein? Wenn Deutsche in den Sechziger und Siebzigern die Gastarbeiter daran hinderten ordentlich deutsch zu lernen, war das natürlich, wenn nicht rassistisch, so jedenfalls fremdenfeindlich motviert (Der ehemalige CSU-Inneminister Zimmermann wollte seinerzeit Gastarbeiter an einer Integration hindern). Es kommt also immer auch auf den Zusammenhang an.

    Andererseits habe ich bei einer Romagruppe im europäischen Ausland erlebt: sobald sie mich als jemand akzeptierten, der ihnen positiv gegenüber steht, galt ich als einer der ihren und wurde beschützt.

  3. Lionel sagt:

    @Wiebke

    Es wäre nett, wenn Sie die Behauptung, Deutsche hätten Gastarbeiter in den 60er und 70er Jahren am Spracherwerb gehindert, näher belegen könnten.
    Mir ist in Erinnerung, dass bspw. die Volkshochschulen Kurse mit dem Titel Deutsch für Ausländer“ anboten, sogar im Fernsehen (3. Programme) und im Radio gab es regelmäßige Sendungen in denen Gastarbeiter die deutsche Sprache erlernen konnten.

    Mir ist auch nicht klar, weshalb jetzt lebende Deutsche sich für den Holocaust der Nazis verantwortlich fühlen sollten.
    In der örtlichen jüdischen Gemeinde, zu der ich einen guten Kontakt pflege, hat das noch nie jemand verlangt.
    Allerdings besteht, wie ich meine, eine Verpflichtung aus der Geschichte zu lernen.
    Das gilt jedoch für alle hier Lebenden.
    Ein falsches (oder übertriebenes) Verständnis von Schuld und Verantwortung führt jedoch dazu:
    http://www.tagesanzeiger.ch/wissen/medizin-und-psychologie/Deutsche-moegen-Fremde-mehr-als-sich-selbst/story/22081964

  4. Cengiz K sagt:

    Sehr guter Artikel.. Die werden immer rarer bei Migazin..

  5. CDUler sagt:

    Bevor man vom „Rassismus“ in Deutschland redet, sollte man lieber von den sehr hohen Steuern und Abgaben sprechen. Dieses Thema kommt meist viel zu kurz. Nur mal so ein Vorschlag an die Runde.

  6. aloo masala sagt:

    Ein anderes Problem, was ebenfalls nicht beim Namen genannt wird ist, dass der Rassismusdiskurs der Akademiker nicht nur Cargo-Kult Wissenschaft ist, sondern auch ein (unfreiwilliger) Teil des Klassenkampfes gegen die weiße Arbeiterklasse, die man heute politisch korrekt Mittelschicht nennt.

    Der Rassismus-Diskurs ist eine Cargo-Kult Wissenschaft, weil die Theorien der Rassismusforscher mehr vom Wunschdenken als von realen sozialen Begebenheiten geprägt sind. Wer den Begriff Cargo-Kult Wissenschaft nicht kennt, hier die Beschreibung des Nobelpresiträgers Richard Feynman: „Auf den Samoainseln haben die Einheimischen nicht begriffen, was es mit den Flugzeugen auf sich hat, die während des Krieges landeten und ihnen alle möglichen herrlichen Dinge brachten. Und jetzt huldigen sie einem Flugzeugkult. Sie legen künstliche Landebahnen an, neben denen sie Feuer entzünden, um die Signallichter nachzuahmen. Und in einer Holzhütte hockt so ein armer Eingeborener mit hölzernen Kopfhörern, aus denen Bambusstäbe ragen, die Antennen darstellen sollen, und dreht den Kopf hin und her. Auch Radartürme aus Holz haben sie und alles mögliche andere und hoffen, so die Flugzeuge anzulocken, die ihnen die schönen Dinge bringen. Sie machen alles richtig. Der Form nach einwandfrei. Alles sieht genau so aus wie damals. Aber es haut nicht hin. Nicht ein Flugzeug landet.“

  7. Han Yen sagt:

    Kann ich nicht zustimmen. Rassismusforscher eignen sich nicht einfach aus Effekthascherei und imitieren formal Handlungsroutinen „richtiger“ Wissenschaftler, um ineffektive Ergebnisse zu produzieren.

    Rassismusforschung existiert in der Psychologie, Soziologie, Neurologie, Ökonomie, Geographie, Jura, Politikwissenschaft, Literaturwissenschaft, Filmwissenschaft, Musikwissenschaft, Werbewissenschaft,…Unter ihnen sind die statistischen Methoden und experimentellen Methoden bei Psychologen, Neurologen und Verhaltensökonomen besonders weit entwickelt. Bei den Soziologen, Geographen und Geisteswissenschaften spielen naturgemäss andere Methoden als massiv skalierbare variablenzentrierte Forschungsmethodologien die Hauptrolle.

    Sie denken völlig verdreht. Rassismusforschung existiert auf Seiten der Arbeitgeberseite und Arbeitnehmerseite. Die Arbeitgeberseite nutzt traditionell Rassismus gegen die weiße Arbeiterklasse. Der akademische Rassismus Diskurs wird in Europa von weißen Mittelschichten getragen. Rassismus-Diskurse existieren aber auch bei den rassifizierten Bevölkerungsgruppen. Von einem Kampf der Akademiker gegen die weisse Arbeiterklasse kann überhaupt nicht gesprochen werden. Man kann sagen, dass weisse Akademiker typischerweise Rassismus-Diskurse der rassifizierten Gruppen als prä-theoretisches Gedöns abtut – aber weiße Rassismusforscher wenden sich sehr selten gegen die weiße Arbeiterklasse. Warum sollte sie das tun ? Meistens geht es weißen Rassismusforscher doch darum, dass die weiße Arbeiterklasse ihre wahren Interessen erkennen soll und sich mit den rassifizierten Gruppen gegen die Kapitalbesitzer vereinigen sollen. Der Rassismus der weissen Arbeiterklasse wird deswegen auch immer klein geredet – entgegen historischer Quellen.



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