MiGAZIN

Migration und Integration in Deutschland

Das Beitragsaufkommen [in den Rentenversicherungen beträgt] auf Grund der Beschäftigung der ausländischen Arbeitnehmer jährlich rd. 1,2 Milliarden DM, während sich die Rentenzahlungen an ausländische Arbeitnehmer jährlich auf rd. 127 Millionen DM, also etwa ein Zehntel, belaufen.

Ludwig Kattenstroth, Staatssekretär im Arbeitsministerium, März 1966, Bundesvereinigung der Dt. Arbeitgeberverbände

Aladin El-Mafaalani

„Würden Sie sich vorschreiben lassen, wie Sie zu leben haben?“

Konflikte sind ein Zeichen gelungener Integration. Denn je integrierter Menschen sind, desto stärker wollen sie mitgestalten, verändern, Ansprüche erheben, Interessen vertreten, sich organisieren – Aladin El-Mafaalanis Birlikte-Rede zum 10. Jahrestag des NSU-Bombenanschlags.

VONAladin El-Mafaalani

Aladin El-Mafaalani, Dortmunder, Professor für Politische Soziologie in Münster.

DATUM12. Juni 2014

KOMMENTARE6

RESSORTLeitartikel, Meinung

SCHLAGWÖRTER , , , , , ,

Seite 1 2

DRUCKENAnsicht

MEHR ZUM ARTIKEL

DANKE,
ich möchte MiGAZIN auch in Zukunft lesen!

Der Kopftuch-Streit steht für solche Veränderungen und ist ein solcher Konflikt. Aber was vergessen wird: Erst als eine Frau mit Kopftuch ein Lehramtsstudium erfolgreich absolviert und Lehrerin in Deutschland werden will – was ein wunderbarer Beleg für gelungene Integration ist, übrigens ist sie Deutschlehrerin – entwickelt sich ein Problem. Erst aufgrund dieses Bildungserfolgs entsteht der Kopftuchstreit, bei dem es natürlich nicht um Teilhabechancen und Zugehörigkeit ging, also nicht um Integration ging, sondern ausschließlich um ihre Lebensweisen. Und Sie können sich selbst überlegen: Wie sehr würden Sie sich vorschreiben lassen, wie Sie zu leben haben?

Lassen Sie sich auf folgendes Gedankenexperiment ein: Stellen sie sich vor, Sie wären hochqualifiziert, Sie können irgendetwas, was auf dem Weltarbeitsmarkt sehr gefragt ist und Sie sind bereit, Ihre Heimat Deutschland zu verlassen. Sie haben mehrere Angebote aus mehreren Ländern. Im dem einen Land, Land A, wird erwartet, dass ihre Kinder nicht mehr deutsch sprechen und schon gar nicht deutsch in der Schule lernen, es herrscht eine insgesamt negative Stimmung bezüglich Einwanderung und das Motto lautet: „Wenn du schon herkommst, dann pass dich gefälligst an!“ Das war Land A. In Land B wird klar kommuniziert: „Bleib wie du bist, und gestalte mit!“ Deine Kinder können und sollen deutsch sprechen und das auch richtig lernen, deine Religiösität oder Nicht-Religiösität wird geachtet. Sei ein Teil des Ganzen, und wir schreiben dir nicht vor, wie du zu leben hast. Sie sind Hochqualifiziert, Sie sind weltweit gefragt und Sie haben die Wahl. Wohin würden Sie gehen?

Natürlich haben Sie gemerkt, dass das eine rhetorische Frage ist. Denn wenn Sie sich für Land A entscheiden, dann ist das ein guter Anfangsverdacht für eine psychische Störung und bevor Sie das Land verlassen, sollten Sie lieber einen Therapeuten aufsuchen.
Natürlich, gehen diejenigen, die die Wahl haben, die Top-Qualifizierten, auf Dauer nicht dort hin, wo am lautesten über Migration gemeckert wird. Und diejenigen, die schon da sind, passen sich doch auch nicht an, nur weil man permanent über sie herzieht. Und diejenigen, denen es wirklich schlecht geht, die Armen und Bedrohten der Welt, hält man durch eine negative Stimmung nicht davon ab, zu kommen, und damit hilft man ihnen schon gar nicht.

Meckern ist nicht immer schlecht, meckern ist gut, wenn man besser werden will, wenn man damit kritisieren will, dass Chancengleichheit noch nicht erreicht ist, dass Rassismus ein Problem ist, wenn man vorwärts kommen möchte. Aber die scharfe Kritik der Populisten und Demagogen ist meist ein Ausdruck von Skepsis gegenüber Einwanderung überhaupt und ja auch Ausdruck einer grundlegenden Ablehnung, mit dem Argument, es würde alles schlecht laufen und immer schlechter werden, was nicht stimmt und wodurch man den Rassismus in unserer Gesellschaft nur noch stärker schürt.

Und deshalb sage ich es abschließend nochmal: Wer meint, dass es im Hinblick auf Integration früher besser war als heute, der leidet an einer schweren Form von Nostalgie oder lebte die letzten Jahrzehnte in einem anderen Land. Vielen Dank!

Seite: 1 2
Testen Sie den kostenlosen MiGAZIN Newsletter:

6 Kommentare
Diskutieren Sie mit!»

  1. Saadiya sagt:

    Klasse Rede!

  2. Kai Diekelmann sagt:

    Was für ein erfrischender Beitrag!
    Was ich anders sehe, ist: Skepsis gegenüber Einwanderung überhaupt ist nicht nur bei Populisten und Demagogen vorhanden, sondern anthropologisch in uns angelegt, lediglich die Ausprägung ist unterschiedlich. Ein wesentlicher Einflussfaktor auf die Skepsis sind Bereitschaft und Gelegenheit zur Annäherung an Andere/Fremde und die dabei gemachten Erfahrungen. El Mafaalani ist zuzustimmen, dass selbstbewusst „Integrierte“ mitgestalten und mitbestimmen wollen und Ansprüche erheben. Das ist die eigentliche Nagelprobe, insbesondere für Menschen mit wenig stabilem Selbstwertgefühl. Die bekommen schlicht Angst, dass plötzlich ungewohnte „neue Mächtige“ ihnen vorschreiben wollen, wie sie zu leben und zu denken haben. – Die frühere Berliner „Ausländerbeauftragte“, Barbara John, hat gesagt: Integration ist eine Jahrhundertaufgabe. Ich fürchte, sie hat Recht, was die notwendige Geduld im Eintreten für mehr Vielfalt-Akzeptanz in der Bevölkerung betrifft.

  3. Max sagt:

    Zitat:
    „Die Kritiker verwechseln Integration häufig mit Ruhe und Provinzialität. Das Verständnis der Kritiker von Integration bezieht sich eben nicht auf Teilhabechancen und Zugehörigkeit, sondern eher darauf, eine gewisse Lebensweise vorzuschreiben und dann in Kontroversen und Veränderungen immer nur das Schlechte zu sehen.“

    Tja, dann gibt es wohl viele Deutsche, die die Provinzialität der naja, was auch immer das Gegenteil ist.
    Wer findet das z.B. Neukölln oder andere „Melting pots“ Deutschlands, wo kopftuchtragende Frauen und hohe Jugendkriminalität das Straßenbild bestimmen ein Modell für ganz Deutschland ist, der kann ja dorthin ziehen.

    Zitat:
    „Der Kopftuch-Streit steht für solche Veränderungen und ist ein solcher Konflikt. Aber was vergessen wird: Erst als eine Frau mit Kopftuch ein Lehramtsstudium erfolgreich absolviert und Lehrerin in Deutschland werden will – was ein wunderbarer Beleg für gelungene Integration ist, übrigens ist sie Deutschlehrerin – entwickelt sich ein Problem. Erst aufgrund dieses Bildungserfolgs entsteht der Kopftuchstreit, bei dem es natürlich nicht um Teilhabechancen und Zugehörigkeit ging, also nicht um Integration ging, sondern ausschließlich um ihre Lebensweisen.“

    Bei dem Kopftuchstreit geht es nicht um Lebensweisen, sondern um die weltanschauliche und religiöse Neutralität der Lehrpersonen.
    Eine Lehrperson vermittels im Dialog mit den Schülern Wissen, im Idealfall.
    Dieser Dialog kann aber nicht vorurteilsfrei und offen erfolgen, wenn die Lehrerin ihre Religion wie eine Monstranz vor sich herträgt.
    Wer als Studentin ein Lehramtsstudium anfängt, sollte sich im Vorhinein klar sein, welchen Rahmenbedingungen sie später unterliegt.

    Zitat:
    „Sie haben mehrere Angebote aus mehreren Ländern. Im dem einen Land, Land A, wird erwartet, dass ihre Kinder nicht mehr deutsch sprechen und schon gar nicht deutsch in der Schule lernen, es herrscht eine insgesamt negative Stimmung bezüglich Einwanderung und das Motto lautet: „Wenn du schon herkommst, dann pass dich gefälligst an!“ Das war Land A.“

    Das viele, vor allem aus der Türkei stammende Migranten in Deutschland Sprachprobleme haben, ist wohl eher Ergebnis von zu wenig Sprachübung, vor allem im Elternhaus und im privaten Umfeld.
    Wenn Herr Erdogan fordert Türken bzw. Deutsch- Türken sollten in Deutschland zuerst die türkische Sprache und dann die deutsche Sprache lernen, dann werden doch Erfordernisse völlig verdreht.
    Und Anpassen sollte man sich doch auf jeden Fall an das Land, in das man zieht, bzw. in dem man lebt.

  4. […] Crosspost – die Rede erschien bereits auf Migazin. […]

  5. sandmann_hh sagt:

    Super Beitrag, danke fürs Veröffentlichen hier!

  6. Han Yen sagt:

    Lieber Herr Aladin El-Mafaalani,

    aus meiner Perspektive funktioniert die Integration sehr schlecht, weil die Bürokratien subnationaler Gebietskörperschaften das Sagen haben und jedes Land macht, was es will. Das wird der ökonomischen Bedeutung der Migration nicht gerecht.

    Migration hat aber globale Auswirkungen. Z.B. geht ein grosser Teil der Katastrophenhilfe bei Erdbeben, Flutkatastrophen und Dürre auf die transnationale Solidarität zurück. Das Volumen des Solidarkapitals ist gross und stellt UNO-Organisationen in den Schatten. Dennoch sind die UNO Bürokratien nicht für diasporische Kandidaten wirklich offen.

    Bei der Migration handelt es sich eigentlich um regionale Verflechtungen zwischen Ein- und Auswanderungsregionen. Dennoch existieren in den UNO Strukturen kein Repräsentativorgan der Ein- und Auswanderungsregionen, sondern die UNO wird von Exekutiven der Territorialstaaten dominiert.

    Wir wissen, dass sich z.B. die globalen Gewerkschaften der Seeleute hervorragende Wohlfahrtsorganisationen für Häusle-Bauer, Telefonie, Mikrokreditprogrammen und Seelsorge haben für eine grosse Auswahl von Auswanderungsstaaten. Dennoch werden Migranten Großbanken, Bausparkassen und den Kredithaien der Mikrokreditindustrie zum Fraß vorgeworfen und jede Panethnizität asiatische Deutsche, schwarze Deutsche, muslimische Deutsche meint das Rad neu erfinden zu müssen.

    Die Sprachkurse und Citizenship Education Programme der Territorialstaaten hätten längst nach Second Life migrieren sollen. Ein- und Auswanderungsquoten dürften gar nicht ohne solche Vereinbarungen mit einem regulierten citizenship education Programm mit einem sinnvoll ausgearbeiteten Sprachkurs der 24/7 in der virtuellen Welt verfügbar ist, verhandelt werden.

    Bei den Cross-Border Entrepreneurship hätten Ein- und Auswanderungsstaaten sehr leicht mit der britischen Regierung einen Kapitallieferanten nach britischen Recht in der Rechtsform eines Venture Capital Trust vereinbaren können, um diasporische Gründungsrisiken beherrschen zu können.

    Die Arbeiter auf den Ölplatformen haben betriebswirtschaftlich hervorragend geführte portierbare Pensionsansprüche und Krankenversicherungen, die man in andere Jurisdiktionen mitnehmen kann. Diesen Leuten passiert nicht einfach eine Aussiedlerwelle mit Fremdrentengesetzen, die dafür sorgt dass kein Geld mehr in der Rentenkasse ist und dann mit seltsamen Stromsteuern die Mißwirtschaft vertuscht wird. Migranten könnten so eine Institution auch sehr gut gebrauchen.

    Die älteren Mitarbeiter in den noch vorhandenden Normalarbeitsplätzen benötigen ein Bachelor 40+ Teilzeitstudium, damit sie nicht zum alten Eisen geworfen werden. Firmen müssen ihr Humanvermögen am Ball halten. Das geht mit sporadischen Weiterbildungsmassnahmen nicht. Hier ist eigentlich die Chance die Nachqualifizierung der Migranten mit einem akademischen Abschluss zusammen mit den älteren Betriebsmitarbeitern in einem Bachelor 40+ Programm zu organisieren.

    Das Grosso System der Zeitungen ist veraltet. Film, Musik, Zeitungen und kulturelle Artefakte gehören von modernen Verwertungsgesellschaften mit Digital Rights Management Systemen reguliert. Solange jedes Land sein eigenes Süppchen kocht, wird es niemals etwas mit einheitlichen kulturellen diasporischen Institutionen unabhängig von den Territorialstaaten. Kulturelles Gedächtnis ist eigentlich im Zeitalter des Internets Sache einer transnationalen Institution – möglicherweise ähnlich aufgestellt wie die UNESCO Weltkulturerbe.

    Die diasporische Jugend ist schlaff und frönt einer albernen Ghetto und Sportkultur. Man muss sie dynamisieren, in die Freiwillige Feuerwehr mobilisieren, sie müssen sich in der FAO Hungerhilfe weltweit einsetzbar werden.

    Kleinkinder brauchen einen Waldkindergarten mit angeschlossenden Citizenship Science Programm, um Pflanzen und Tiere mit Bestimmungsbüchern kennenzulernen.

    Teenager gehören in ein Fablab organisiert, die von einer lokalen Bibliothek mit Datenbanken von 3D Modellen unterstützt werden, so dass sie sich eigene Mikroskope, Messgeräte,… basteln können.

    Die Märchen und Volkslieder der Diasporas sollten nach niederländischen Vorbild in einer Datenbank gesammelt werden und durch Algorithmen zerlegt und wieder zusammen gesetzt werden können, damit ich nicht mehr diese unerträglich schlechte deutsche-(migrantische) Literatur und Musik ertragen muss.

    Die Restaurants brauchen einfach einmal ein Category Management für ihre Speisekarte. Gäste müssen in der lage sein den Fraß via Internetwahl abzuwählen.

    Ach ja. Was ist an der Kopftuch Debatte eigentlich interessant, dass solche elend schlechte Vielschreiber wie Necla Kelek, Seyran Ates, Güner Balci hier Bekanntheitsgrad erreichen können. Ist die deutsche Kritik völlig übergeschnappt und reif für die Klapse ?



Bitte beachten Sie unsere Netiquette. Vielen Dank!

Ihr Kommentar dazu:

MiGAZIN

Ziel und Zweck von MiGAZIN ist die Förderung der politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Partizipation von Migrant(inn)en in der Aufnahmegesellschaft. In diesem Sinne soll MiGAZIN die Kommunikation fördern und füreinander sensibilisieren. Mehr über uns...

MiGMACHEN

Die Redaktionsmitglieder von MiGAZIN haben vor allem eins gelernt: Wer über sein Wissen und seine Erfahrungen schreibt, lernt immens dazu. Die kritische Diskussion mit Lesern eröffnet neue Horizonte. Daher hat das MiGAZIN-Team die Aktion-MiGMACHEN ins Leben gerufen. Hier bieten wir allen Interessierten die Möglichkeit, MiGAZIN als Autor, Pate oder Jungautor mitzugestalten. Nähere Informationen...

GRIMME Online Award 2012

    Begründung der Jury: "Über Migranten und Migration wird in Deutschland viel gesprochen. Vor allem von Deutschen. Im Chor der vielen und oft sehr lauten Stimmen fehlen aber zumeist die der Migranten. Und genau diese Lücke füllt das MiGAZIN mit qualitativ hochwertigen Texten und verständlicher Berichterstattung." Weiter ...