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Die Freischwimmerin

Ihr habt euch anzupassen! Ihr habt mitzuschwimmen!

Ilayda ist eine tolle Schwimmerin. An ihrem Wiener Gymnasium will sie sich aber nicht im Badeanzug zeigen. Der Druck wächst, als ihr Team vor der Disqualifizierung steht. Ilayda gibt nach – für Nermin Ismail missachten öffentlich-rechtliche Sender mit dieser Botschaft ihren Bildungsauftrag.

VONNermin Ismail

Die Verfasserin ist Journalistin in Wien. Sie schreibt für diverse Tageszeitungen und arbeitet nebenberuflich beim ORF.

DATUM10. Juni 2014

KOMMENTARE14

RESSORTAktuell, Meinung

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„Wenn du nicht kommst, haben alle umsonst trainiert“, sagt die junge Lehrerin ihrer Schülerin. Sie will sie ja nicht überreden, sondern ihr nur klarmachen: „Es ist doch ganz egal ob du in dem Ding oder im Badeanzug schwimmst.“ Das muss die Schülerin verstehen und sie soll sich gefälligst anpassen, nicht so stur sein. Ilayda Demirel will im Burkini (Gankörperbadeanzug) schwimmen. „Ich mache das nicht. Ich schwimme nicht im Badeanzug vor all den Leuten und all den Kameras“, sagt sie überzeugt.

Kurz vor dem Wettkampf erfährt sie, dass das ganze Team disqualifiziert wird, wenn sie nicht mitschwimmt. Ilayda scheint dennoch entschlossen zu sein, ihre Lehrerin gibt auf, überlässt ihr die Entscheidung und geht raus, um zu verkünden: Ilayda macht nicht mit. „Scheiße“, klagt ihr Team-Kollege erzürnt. Alle sind schwer enttäuscht. Plötzlich setzt fröhliche Musik ein, Ilayda erscheint unerwartet – im Badeanzug. Alle sind glücklich und zufrieden, nur sie scheint es nicht zu sein. Ilayda hat sich angepasst.

Anpassen angesagt

Was ist nun die Aussage aus dieser zentralen Stelle im Film? Ilayda wollte sich dem Druck nicht beugen und ihren Werten treu bleiben, aber sie tat es doch. Die Lehrerin und der Direktor versuchten mit dem Zuständigen zu sprechen, der jedoch will keine Ausnahme machen: „Die Burschen schwimmen in Shorts, die Mädchen in Badeanzügen. Aus.“ Schließlich mache er das hier seit zehn Jahren und es habe nie Probleme gegeben. Es gibt nun mal Spielregeln, macht er klar. Passt du dich nicht an und zeigst mehr von deinem Körper, als dir lieb ist, wirst du disqualifiziert.

Doch sind das die Spielregeln eines Zusammenlebens in Diversität? Martha, die engagierte Lehrerin, erklärt, sie habe das Burkini mit der Sekretärin abgesprochen. Doch vergeblich, der Entscheider lässt sich nicht darauf ein, schaltet auf stur, steht verärgert auf und geht. Der Einsatz der Lehrerin und des Direktors sind wertvoll, schließlich geht es um ihre Schülerin, doch der ist nicht von Dauer. Schnell geben sie auf und der Druck wandert zur Schülerin über. Hätten Lehrerin und Direktor nicht mehr machen können?

Bitte mitschwimmen

„Sie ist ein Schwan, der sich selbst zum hässlichen Entlein gemacht hat.“ Das schreibt Elmar Krekeler in Die Welt über Ilayda. Und in der Filmbeschreibung steht, Ilayda hätte sich ihre Ausgrenzung selbst gewählt. Stellt sich die Frage nach dem Warum? Entscheidet sich Ilayda für das Kopftuch, so ist sie automatisch ausgegrenzt. Dabei wurde sie weder gezwungen noch unterdrückt, sie selbst will es so. In diesem Fall ist es die Schule, die zur Quelle des Drucks wird und sie dazu zwingt, etwas zu machen, was sie nicht will.

Von ihr wird erwartet mitzumachen, mitzuschwimmen und ja nicht anders zu sein. Will sie anders sein, will sie im Burkini schwimmen, kann sie nicht dazu gehören, wird sie nicht zugelassen. Und trotzdem soll sie sich selbst ausgegrenzt haben, das hässliches Entlein? Sie ist die Freischwimmerin, weil sie sich äußerlich von ihrer Kleidung befreit, innerlich jedoch sich dem Druck der anderen beugt und sich fremdbestimmen lässt. Die Gesellschaft entscheidet darüber, wer frei ist und wer nicht. Ilayda zieht sich aus, um nicht ausgeschlossen zu werden, wider Willen. Und das ist die Botschaft des Filmes der gelungenen Integration: Ihr habt euch anzupassen. Ihr habt mitzuschwimmen.

Kein Platz für Vielfalt

Besonders Jugendliche mit Migrationshintergrund geraten in ihrem Prozess der Identitätsfindung ins Schwimmen. Verheerend finde ich, dass hier öffentlich-rechtliche Sender ihren Bildungsauftrag grob missachten. Es wird vermittelt, dass es für Vielfalt keinen Platz gibt. Wer mitschwimmen will, hat sich anzupassen und gegebenenfalls seine Werte abzulegen.

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14 Kommentare
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  1. Warum sagt:

    Man muss aber nicht alles akzeptieren. Burkinis im Schulsport z.B.

  2. Kolibri sagt:

    „Es wird vermittelt, dass es für Vielfalt keinen Platz gibt. Wer mitschwimmen will, hat sich anzupassen und gegebenenfalls seine Werte abzulegen.“

    Wer ständig Vielfalt propagiert, muß auch damit einverstanden sein, dass es vielfältige Meinungen zu einem Thema gibt. Die einen akzeptieren den Burkini und die anderen nicht und es kann keiner Garantieren, dass diejenigen die den Burkini ablehnen sich nicht am Ende vielleicht durchsetzen. Damit muß man dann auch leben können. Entweder die Mehrheit akzeptiert den Burkini, oder die Minderheit akzeptiert eine gewisse Kleiderordnung. Toleranz und Anpassungsfähigkeit müssen von beiden Seiten gefordert werden! Und es ist nicht immer Diskriminierung, wenn die Minderheit sich der Mehrheit anpassen muß, wie leider zu oft propagiert!

  3. Warum nicht sagt:

    Warum sollte man gerade die Burkinis nicht akzeptieren. Was spricht dagegen? Es ist eine gute MÖGLICHKEIT für „beide Seiten“, dass die Schülerin am Schwimmunterricht teilnehmen kann / und auch soll.
    Liegt es daran, dass es nicht genug ästethisch aussieht? Oder dass nicht genug Beine zu sehen sind?
    Falls es an der „Ästhetik“ liegen sollte, ist dass denn dann nicht auch „Unästhetisch“, wenn manche Schüler vielleicht mit blauen Haaren oder mit tausend Piercings am Unterricht teilnehmen?
    Für die einen kann es dann sehr ästhetisch wirken, für andere sehr unangenehm. Wer beurteilt darüber?
    Wenn es doch diese FREIHEIT angeboten wird, aber es von der Schule nicht erlaubt wird, fragt man sich doch, wer hier denn genau die Freiheit ihr wegnimmt.

  4. Ute Fabel sagt:

    Die FIFA hat es brasilianischen Fußballern – wie ich meine zu Recht – untersagt bei Spielen „Jesus liebt dich“-T-Shirts zu tragen. Dabei handelt es sich keineswegs um einen Kampf gegen Diversität und religiöse Vielfalt. Es besteht ein berechtigtes Allgemeininteresse, dass Sportveranstaltungen nicht zur einer Plattform für religiöse Propaganda missbraucht werden. Sport soll verbinden und nicht trennen. Auch der Burkini ist nicht einfach irgendein Kleidungsstück sondern steht für eine politisch-religiöse Botschaft. Zurückhaltung mit eigenen auffälligen Bekenntnissen bei Schulsportereignissen ist ein Ausdruck des Respekts vor Meinungen Andersdenkender. Wer zu dieser Selbstbeschränkung nicht bereit ist, grenzt sich tatsächlich selbst aus und ist kein Diskriminierungsopfer.

  5. Cengiz K sagt:

    Die Botschaft dieses Machwerks: „Friss oder stirb!“

  6. Jan sagt:

    Bitte nicht überinterpretieren… „Es wird vermittelt, dass es für Vielfalt keinen Platz gibt.“ Das war wohl kaum das Ziel des Filmes, im Gegenteil… Am Ende wird, nachdem sie das Kopftuch aus- und wieder angezogen hat, Ilaydas Andersartigkeit positiv bestätigt und ihre Mitschüler ziehen aus Solidarität ein Tuch über den Kopf. Auch wird deutlich, wie verschieden die Motivationen hinter dem Symbol Kopftuch sein können, eben nicht „Druck der Familie“. Das Kopftuch auf, ab, und wieder aufzuziehen ist immer die Entscheidung des Mädchens. Die Kritik des Films richtet sich eher gegen den starsinnigen Schiedsrichter. Der Film möchte fast überbemüht zeigen, wie man mit Vielfalt positiv umgehen soll – sehr sehr pädadogisch…

  7. posteo sagt:

    Nachdem ich den Film kurz überflogen habe, muss ich hierzu auch noch senften.
    1. spielt der Film in Österreich. In Deutschland ist der Burkini im Schulsport erlaubt. Er wurde meines Wissens sogar von einer deutschen Muslimin erfunden und ist aus einem Material, das sowohl hygienisch als auch sicherheitstechnisch zum Schwimmen geeignet ist (saugt sich nicht voll und wird dadurch auch nicht zu schwer). Probleme gab es hierzulande nur mit einzelnen Schülerinnen, denen auch der Burkini oder der Anblick ihrer männlichen Schulkameraden zu unzüchtig sei.
    2. Ist der von der Lehrerin vorgeschlagene Burkini zum Wettkampfschwimmen ungeeignet, da er durch seinen losen Sitz zu viel Widerstand bietet. Hierfür gibt es Ganzkörperanzüge, wie sie bei internationalen Wettkämpfen inzwischen üblich sind.
    3. konnte die Schülerin im Film nachts allein die Schulschwimmhalle benutzen, was eigentlich völlig unrealistisch ist.
    Also alles in allem kein Film, der besondere Beachtung verdient.

  8. posteo sagt:

    Korrektur: Der Burkini stammt aus Australien, wird aber in Deutschland unter Lizenz von einer deutschen Muslimin vertrieben.

  9. Mika sagt:

    Traurig, wie mit dieser Thematik umgegangen wird: entweder du passt dich an oder du gehörst nicht zu uns (was du ja eh schon durch dein dunkles Äußeres nicht tust, aber wir tun mal so, als ob du es könntest)!
    Und auch die Hauptdarstellerin fühlte sich wohl genötigt, in einem Interview zu betonen, dass sie durchaus gerne schwimmen geht – natürlich ohne Burkini

  10. Murat sagt:

    @Nermin Ismail:
    „Besonders Jugendliche mit Migrationshintergrund geraten in ihrem Prozess der Identitätsfindung ins Schwimmen. Wer mitschwimmen will, hat sich anzupassen und gegebenenfalls seine Werte abzulegen.“

    Mit dieser Aussage bedient die Autorin leider das völlig falsche Stereotyp,dass die „Werte“ von Jugendlichen aus türkischen Zuwandererfamilien generell auf einem kompromisslosen Bekenntnis zur Verhüllung aufbauen. Solche unzutreffenden Verallgemeinerungen leisten bestehenden falschen Vorurteilen sogar noch Vorschub. Aufgeklärtes Denken und Hinterfragen von alten Traditionen sind auch für viele türkische Migranten ein ganz wichtiges Lebensprinzip, während man auch unter alteingesessenen Deutschen Anhänger unverrückbarer religiöser Dogmen findet.


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