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Migration und Integration in Deutschland

Die Zerteilung der Arbeit in kurze und ständig zu wiederholende, gleichförmige Handgriffe ermöglicht es, Arbeiter ohne Qualifikation und ohne Kenntnis der deutschen Sprache einzusetzen; die Art der Arbeit erfordert es vielleicht sogar.

Hans-Günter Kleff, Vom Bauern zum Industriearbeiter, 1985

Mitte-Studie

Ablehnung gegenüber Muslimen, Asylbewerbern sowie Roma steigt dramatisch

Jeder fünfte Deutsche ist ausländerfeindlich. Besonders groß ist die Abneigung gegenüber Asylsuchenden, Muslimen sowie Sinti und Roma. Wie die neue „Mitte-Studie“ belegt, sind auch die Wählerschaft der großen Parteien SPD und CDU davon nicht ausgenommen.

Etwa jeder fünfte Deutsche (18,1 Prozent) ist im Jahr 2014 ausländerfeindlich eingestellt. Verglichen mit Ergebnissen aus 2012 ist das ein Rückgang von 7 Prozent. Soweit die positiven Befunde aus der am Mittwoch vorgestellten sozialpsychologischen „Mitte-Studie“ der Universität Leipzig. Doch der Teufel steckt im Detail. Trotz der positiven Entwicklung in der Langzeitbetrachtung, erfahren heute Asylsuchende, Muslime sowie Sinti und Roma eine deutlich höhere Stigmatisierung.

So stimmt mehr als jeder Dritte (36,6 Prozent) der Aussage zu: „Muslimen sollte die Zuwanderung nach Deutschland untersagt werden“. Und 43 Prozent fühlen sich „durch die vielen Muslime (…) manchmal wie ein Fremder im eigenen Land“. Zum Vergleich: In der Heitmeyer Studie aus dem Jahr 2011 stimmten noch 22,6 Prozent der ersten Aussage zu und knapp über 30 Prozent der zweiten.

Abneigung gegen Asylbewerber verdreifacht
Ähnlich stark sind Ressentiments gegen Sinti und Roma gestiegen: Hatten im Jahr 2012 noch 40,1 Prozent ein Problem damit, wenn sich Sinti und Roma in ihrer Gegend aufhalten, sind es in der aktuellen Erhebung 55,4 Prozent. 47,1 Prozent sind zudem der Auffassung, dass Sinti und Roma aus den Innenstädten verbannt werden sollten (2012: 27,7 Prozent).

Fast verdreifacht hat sich die Abneigung sogar gegenüber Asylbewerbern. Waren im Jahr 2012 noch 25,8 Prozent der Meinung, der Staat sollte bei der Prüfung von Asylanträgen nicht großzügig sein, sind es aktuell 76 Prozent.

Beck fordert Tonänderung
Diese Befunde lassen beim innenpolitischen Sprecher der Grünen im Bundestag, Volker Beck, die Alarmglocken läuten. „In den feindlichen Haltungen gegenüber Sinti & Roma, Muslimen und Flüchtlingen spiegeln sich die politischen Debatten der letzten Jahre wider. Hier sehen wir die giftigen Früchte der Diskussionen über Sinti und Roma, die pauschal zu betrügenden ‚Armutszuwanderern‘ gemacht wurden, um Muslime und darüber, ob ihre Religion zu Deutschland gehöre, oder Asylbewerbern, deren Verfolgung und Leid viel zu oft ausgeblendet wird, um gegen angeblichen ‚Sozialmissbrauch‘ zu hetzen“, so Beck. Er fordert eine Tonänderung in Politik und Gesellschaft: „Das Einprügeln auf Minderheiten um kurzfristig bei den Wählern zu punkten, darf keine Toleranz mehr erfahren.“

Diplompsychologe Oliver Decker von der Abteilung für Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie der Universität Leipzig resümiert: „Die Empfänglichkeit für die Ideologie der Ungleichwertigkeit ist weiterhin vorhanden. Wir sehen hier eine autoritäre Dynamik: Nicht Migranten im Allgemeinen werden abgelehnt, viele Deutsche denken nun: Die bringen uns was. Aber jene, die die Fantasie auslösen, sie seien grundlegend anders oder hätten ein gutes Leben ohne Arbeit, ziehen die Wut auf sich.“

Zusammenhang von Wirtschaft und Politik
Die Wissenschaftler nennen das Phänomen den sekundären Autoritarismus. Die Stellung der Wirtschaft in Deutschland spiele mit hinein. „Sie ist zu so etwas wie einer nicht hinterfragbaren Autorität geworden“, erklärt Decker. „Wenn sie stark ist, freuen sich die Menschen. Aber trotzdem müssen sie sich ihr unterordnen, und das produziert Aggressionen, die sich dann gegen Abweichende oder Schwächere richten.“

Demgegenüber ist der Anteil derjenigen, die ein geschlossenes rechtsextremes Weltbild haben, in ganz Deutschland deutlich zurückgegangen – von 9,7 Prozent im Jahr 2002 auf 5,6 Prozent im Jahr 2014. „Die Bundesrepublik Deutschland befindet sich bildlich gesprochen in einer Insellage. Die wirtschaftliche Gesamtentwicklung ist mit Wirtschaftswachstum und Exportsteigerung so gut wie seit Jahren nicht mehr. Dabei wissen wir schon seit Jahren um den engen Zusammenhang von Wirtschaft und politischer Einstellung. Jetzt ist auch der Kontrast zu allen anderen Ländern in Europa sehr groß: Das stabilisiert die Mitte der Gesellschaft“, erklärt Decker.

Ausländerfeindlichkeit parteiübergreifend
Ein weiterer Faktor für rechtsextreme Einstellungen ist laut Studie nach wie vor der Bildungsgrad. Befragte mit Abitur stimmen allen Dimensionen des Rechtsextremismus-Fragebogens signifikant seltener zu als Personen mit einem niedrigeren formalen Bildungsabschluss. Der Effekt der Bildung ist deutlich: Beispielsweise sind 6,8 Prozent der Menschen mit Abitur, aber 20,8 Prozent ohne Abitur ausländerfeindlich eingestellt.

Info: Im Rahmen der sozialpsychologischen „Mitte-Studie“ an der Universität Leipzig werden seit 2002 im Zwei-Jahres-Rhythmus repräsentative Erhebungen zur rechtsextremen Einstellung in Deutschland durchgeführt. Die aktuelle Publikation präsentiert Ergebnisse aus der Befragung im Jahr 2014 und vergleicht sie mit den Studienergebnissen der letzten zwölf Jahre. Dabei wurde ein starker Rückgang bei allen rechtsextremen Dimensionen verzeichnet und somit weniger manifest rechtsextrem Eingestellte.

Die diesjährigen Ergebnisse dokumentieren zudem erneut, dass rechtsextreme Positionen bei den Anhängern sämtlicher politischer Parteien nachweisbar sind, und dass auch die Wählerschaft der großen Parteien SPD und CDU davon nicht ausgenommen ist. „Es fällt allerdings auf, dass die stärkste Anziehungskraft bei den Wählern mit einer ausländerfeindlichen, antisemitischen und chauvinistischen Einstellung neben den rechtsextremen Parteien die AfD hat“, erklärt der Sozialwissenschaftler Johannes Kiess, der seit 2008 an der Studie mitarbeitet.

Ostdeutschland weiterhin ein Problem
Wie aus der Studie außerdem hervorgeht, sind Chauvinismus und Ausländerfeindlichkeit in Ostdeutschland noch immer häufiger zu beobachten als in Westdeutschland. Beim Chauvinismus fällt auf, dass 28,7 Prozent der Ostdeutschen der Meinung sind, Deutschland solle sich endlich wieder Macht und Geltung verschaffen (im Vergleich zu 19,5 Prozent in Westdeutschland). Auch Ausländerfeindlichkeit findet in den neuen Bundesländern noch immer höhere Zustimmungswerte als in den alten. „Wo weniger Migranten leben, ist die Diskriminierung von ‚Ausländern‘ stärker verbreitet“, erklärt der Mitherausgeber der Studie, Prof. Dr. Elmar Brähler. „Der Kontakt verhindert Vorurteile, darum wissen wir seit einigen Jahren.“

Schließlich beleuchtet die Studie auch die Einstellung der Deutschen zur Europäischen Union. Ergebnis: Die EU wird von den Deutschen auch 2014 immer noch skeptisch betrachtet. Nachdem zunächst eine starke Euphorie festzustellen war, flachte die Begeisterung mit den Jahren ab. „Unsere Ergebnisse aus dem Frühjahr 2014 weisen eine stabile Zustimmung zur EU bei 40 bis 45 Prozent der Bevölkerung aus“, erläutert Kiess. „Doch bei mehr als 50 Prozent hat sie keine positive Resonanz.“ Dabei zeigt die Analyse, dass der fehlende Anklang der EU sehr stark mit der antidemokratischen Orientierung der Befragten zusammenhängt: „Wir müssen feststellen, dass Menschen mit rechtsextremer Einstellung und der Bereitschaft, andere Gruppen abzuwerten, die EU deutlich häufiger ablehnen.“ (bk)

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10 Kommentare
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  1. Chris Mahns sagt:

    Wie kommt´s? Der gebetesmühlenartige Vortrag junge Zuwanderer seien nicht krimineller als Deutsche hilft nicht- so ganz stimmt er ja auch nicht – und das ist den Bürgern bekannt. Das Problem ist ja nicht, dass junge Migranten krimineller sind, sie befinden sich in einer schwierigen Lage, was abweichendes Verhalten begünstigt.
    Klar ist das Ergebnis beänstigend, aber wirklich überraschend ist es nicht, da die Zahl der Einwanderer stark zunimmt. Die soziale Lage wird nicht besser. Die Armutswanderung macht den sozial Schwachen Deutschen Angst, leider zu Recht. Abhilfe: Mensch müsste Zuwanderer persönlich kennenlernen. Dazu bedarf es auch viel Integrationsbemühungen der Zuwanderer. Und große Gruppen junger männlicher Zuwanderer wirken immer bedrohlich (nicht anders als bei großen Gruppen von Fußballfans, Punks oder Parytgäste).

  2. Lionel sagt:

    Es gibt noch einen intereessanten Zusammenhang:
    Die meisten Flüchtlinge scheinen entweder Muslime oder Roma zu sein.

    Hauptherkunftsländer im April 2014 waren:
    Syrien, Serbien,, Afghanistan, Albanien, Eritrea, Mazedonien, Bosnien-H., Somalia, Russ. Föderation, Irak.
    http://www.bmi.bund.de/SharedDocs/Downloads/DE/Nachrichten/Pressemitteilungen/2014/05/pm-asylzahlen.pdf?__blob=publicationFile

  3. Meissner sagt:

    Schon ganz schön blöd, wenn man eine Einwanderungspolitik durchdrückt, die niemals eine Mehrheit in der Bevölkerung gefunden hätte und sich dann wundert, wenn die Menschen unzufrieden sind.

    In einer Demokratie ist es normal, wenn eine fehlgeleitete Politik sich früher oder später rächt. Die Rechtspopulisten sind die Rache an den europäischen Regierung für das linke Diktat, der letzten Jahrzehnte.

  4. Omowale sagt:

    Self fulfillig Prohecy jahrelange Diffamierung in den Medien Tag für Tag. Irgendwann baut sich dann eine Antipathie und Hass auf.Dies kommt der Regierung ganz gelegen, wo doch die eigentlichen Probleme Enteigung der Sparer duch Nullzinsen wegen Eurokrise, unsichere Arbeitsplätze mit schlechten Arbeitsbedingungen in den Hintergrund rücken. Da eignen sich die Schwächsten in der Gesellschaft als Sündenbock sehr gut.

  5. S. sagt:

    linke Diktat???

    Schonmal die „Ausländerpolitik“ der letzten Jahrzehnte betrachtet? Insbesondere die ewigen Jahre unter Kohl??

    Vielleicht hilft Herrn oder Frau Meissner, vermutlich frei von rassistischen Erfahrungen, die aktuelle Rede Navid Kermanis auf die Sprünge:

    https://www.bundestag.de/dokumente/textarchiv/2014/-/280688

    Wie kann LeserIn des Migazins sein und so gleichzeitig so ignorant und uniwssend sein?

  6. […] Islamfeindlichkeit überschritten sieht“, möchte Jelpke wissen und verweist auf die neue „Mitte“-Studie der Universität Leipzig. Danach reicht die Ablehnung und Feindschaft gegenüber Muslimen bis tief in die Volksparteien […]

  7. surviver sagt:

    Wenn man ständig Waffen in Kriesengebiete schickt, wovon wir Bürger UND sogar der Bundestag nichts mitbekommt, braucht man sich auch nicht wundern, wenn es überall auf der Welt nur Mord und Totschlag gibt.
    Wir , die kein Krieg miterleben durften (fragt sich, wie lange noch), können uns gar nicht vorstellen was diese Flüchtlinge durchgemacht haben müssen.
    Wir, im Westen, sollten uns lieber die Frage stellen: Warum gibt es soviel Krieg und soviel Flüchtlinge auf der Welt und WAS oder WIE können wir dazu beitragen um das zu verhindern.
    Aus der Geschichte sieht man doch eindeutig was Krieg anrichtet. Wahrscheinlich liegt es an der Natur der Menschen sich gegenseitig zu zerstören.
    Was Rassismus angeht, sag ich immer wieder. Die Hauptursache dafür sind die „Hetz-Medien“.
    Die scheinen soviel zu Macht zu haben, dass sogar Politiker, nicht nur aus Deutschland, nach ihrer Pfeife tanzen müssen. Tun sie’s nicht, (also ihre zionistischen Interessen vertreten) werden sie schnell von der Bildfläche weggefegt.
    Dafür gibt es unzählige Beispiele aus der Vergangenheit.
    Beispiel: Christian Wullf, CDU, „der Islam gehört zu Deutschland“, weggefegt.
    Michael Hartmann, „Ausländerfreundliche Politik“, Christel Med (oder wie das heißt), weggefegt.
    Jürgen Möllemann, FDP, Israel Kritik bezüglich Völkerrechtsbruch und Vorgehensweise gegenüber der Palästinensischen Bevölkerung, weggefegt. Angeblich ging sein Fallschirm nicht auf……usw usf.
    Diese Liste kann man unendlich fortführen.
    Diese Marionetten-Regierung scheint nicht im Stande zu sein, dieser Presse, was der Mitte der Gesellschaft Rassismus und Hetze verbreitet, ihre Grenzen aufzuzeigen.
    Aber, keine Sorge, liebe Leute. Die AfD kommt. Ich freue mich jetzt schon auf die Gesichter der CDU bei den Wahlen 2017.
    Die AfD hat vor „Luzifer s Dienern“ keine Angst.

  8. Mediator sagt:

    Ist ja auch kein Wunder bei dieser einseitigen Hetze. Und es geht immer weiter, und wird immer dreister gegen die Muslime. SOgar vermeintlich gebildete Medien (zumindest habe ich lange viel von diesen gehalten) wie die ZEIT schrecken nicht vor Stigmatisierung der Muslime zurück. Man sehe sich nur das Cover dieser Woche an !

    Dass die Muslime am Freitag nach dem Freitagsgebet in ganz Deutschland auf großen Veranstaltungen gegen Hass und Gewalt aufgerufen haben, schafft es nur am Rande in die Nachrichten. Wäre der jüdische Vertreter Dieter Graumann nicht dabei gewesen, hätten die friedliebenden Muslime wohl überhaupt keine mediale Aufmerksamkeit erhalten.

    Eine Sharia-Polizei, jeder muslimisch angehauchte Extremist mit Waffe in der Hand aber auch Solidaritätsbekundungen der Juden für (!!) Israel hingegen werden wochenlang durch die Schlagzeilen und Talkshows gehypt.

    So reimt man sich selektiv ein medial passendes Bild vom „bösen Moslem“ zusammen, den jeder verabscheuen muss. Schuld will danach wieder keiner sein, wenn der Hass überschäumt…

    Doch als Muslim ist man darüber gelassen, denn der Koran und das Leben des Propheten Muhammad (sws) lehren uns, dass der Islam von Beginn an gewaltsam verfolgt und verspottet wurde. Auch Jesus (Isa), Noah (Nuh) oder Abraham (Ibrahim) waren gewaltigen Anfeindungen ausgesetzt. Die Beleidigungen, die sich der Prophet gefallen lassen musste, sind sogar im Koran erwähnt. Und am Ende nahm der Prophet absolut friedlich ohne jeglicher Gewalt die Stadt Mekka, aus der er vertrieben worden war, wieder ein. In weißen Gewändern und bewaffnet nur mit dem Wort Gottes. Auch an dieses, in der Geschichte einmalige Ereignis, erinnern Muslime jährlich bei der Hajj.

  9. Mediator sagt:

    hier der Link zur Ansprache des ZMD, http://islam.de/24184, hab ich leider vergessen

  10. […] aber auch Stadtverwaltung, Bildungsträger und Wohlfahrtsverbände miteinander zu vernetzen. Wie Studien zeigen, ist die Ablehnung gegenüber „Fremden“ dort am größten, wo die wenigsten Begegnungen […]



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