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Bundespräsident Christian Wulff, Rede zum 20. Jahrestag der Deutschen Einheit am 3. Oktober 2010

Mehrsprachige Erziehung

Worauf Eltern achten sollten

„Redet Deutsch zu Hause!“ So oder so ähnlich appellieren Politiker nicht selten an Eltern mit Migrationshintergrund, wenn es um die Spracherziehung geht. Dabei ist dieser Ratschlag falsch, wenn die Eltern selbst nicht gut deutsch sprechen.

Studien zeigen: Die Zahl der Kinder zwischen vier und sechs Jahren, die nicht richtig Deutsch sprechen können, steigt trotz umfangreicher Fördermaßnahmen an. In Hamburg ist 2013 davon sogar jedes vierte Kind betroffen, in Bayern 15 Prozent. Die Gründe sind vielfältig, allen voran: Die Eltern können nicht ausreichend Deutsch sprechen. Dennoch wird immer wieder die Forderung erhoben, dass Migranten zu Hause mehr Deutsch sprechen sollten.

Dabei hat die Wissenschaft längst das Gegenteil bewiesen: Es ist gut, wenn Eltern mit ihren Kindern die Sprache sprechen, die sie selbst am besten beherrschen. Wenn Migranten mit ihren Kindern Deutsch anstelle ihrer Herkunftssprache sprechen, verschlechtert sich die Herkunftssprache bei den Kindern, ohne dass sich die Deutschkenntnisse verbessern. Das belegt unter anderem eine Studie mit russischsprachigen Kindern, die am Zentrum für Allgemeine Sprachwissenschaft in Berlin durchgeführt wurde. Außerdem kann eine schlechte Kenntnis der Herkunftssprache bei den Kindern langfristig zu Identitäts- und Beziehungsproblemen in der Familie führen.

Worauf bilinguale Eltern achten sollten:

  • Jedes Elternteil spricht in seiner Muttersprache mit dem Kind, da so die Voraussetzungen für einen umfangreichen Wortschatz und eine gute Grammatik am höchsten sind.
  • Das Kind muss erfahren und motiviert sein, mit zwei Sprachen aufzuwachsen. Lebt es in Deutschland, merkt es im Alltag schnell, dass Deutsch sehr wichtig für sein Leben ist. Um den Sinn der zweiten Sprache zu erkennen, bieten sich regelmäßige Telefonate mit Verwandten oder Urlaube im entsprechenden Land an.
  • Damit das Kind die Eltern sprachlich nicht gegeneinander ausspielt, ist es ratsam, dass Mutter und Vater den Grundwortschatz der jeweils anderen Sprache beherrschen, um einfachen Unterhaltungen folgen zu können.

Sprache im Alltag ausleben
Je nach Alter gibt es verschiedene Möglichkeiten, um die Sprachfähigkeiten weiterhin zu fördern. Mit speziellen Lernspielen, die immer mehr Spielwarenhersteller wie Walzkidzz anbieten, lassen sich neue Buchstaben, Zahlen oder Wörter in verschiedenen Sprachen spielen und dadurch vertiefen. Ist das Kind bereits in der Schule kann es Bücher in seiner Freizeit lesen. Die stärkere Sprache lässt sich dadurch verfeinern, in der schwächeren können sich Defizite ausgleichen.

Um die Sprachentwicklung weiterhin zu fördern, ist darauf zu achten, dass in der Kindertagesstätte möglichst viel Deutsch zu sprechen ist. In multikulturellen Kindergärten besteht oftmals die Gefahr, dass die Kinder sich mit ihresgleichen zusammentun und in ihrer Landessprache kommunizieren. Sie haben dadurch die Möglichkeit, sich von anderen Schülern abzugrenzen und in ihrer Geheimsprache zu reden. Im Vorfeld ist daher mit den Erziehern abzuklären, wie sie auf ein solches Verhalten reagieren.

Aktionen in der Kita
Außerdem ist in der Kindertagesstätte wichtig, dass viel Interaktion stattfindet. Singen, Spielen, Vorlesen oder Reimen fördern die Sprachfähigkeit des Nachwuchses. Eltern sollten daher beobachten, wie Erzieher sich mit den Kindern beschäftigen oder ob sie diese eher sich selbst überlassen. Die Grundregel lautet: Je mehr Kinder mit Menschen sprechen, die eine Sprache sehr gut sprechen, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie damit später keine Probleme haben – das gilt auch für die deutsche Sprache. (sb)

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2 Kommentare
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  1. Wiebke sagt:

    Sprache ist aber keine abstrakte Technik. Sie steht in direkter Verbindung mit Gefühlen. Es geht daher nicht nur darum, dass Eltern ‚eine‘ Sprache gut beherrrschen, die sie mit ihrem Kind sprechen, sondern dass sie mit ihm in der Sprache reden, in denen sie ihre ureigensten Gefühle am besten ausdrücken können. Und das ist in der Regel die Muttersprache. Eine Sprache, bei der Wörter und Grammatik zwar korrekt gebraucht werden, aber in der nicht die Emotionen mitschwingen, die dazu gehören, nützt den Kindern wenig in ihrer emotionalen Entwicklung und Artikulierung.

  2. Frank sagt:

    @Wiebke

    „Es geht daher nicht nur darum, dass Eltern ‘eine’ Sprache gut beherrrschen, die sie mit ihrem Kind sprechen, sondern dass sie mit ihm in der Sprache reden, in denen sie ihre ureigensten Gefühle am besten ausdrücken können.“

    Wenn man eine Sprache gut beherrscht, dann werden die „ureigensten Gefühle“ sowieso mit ausgedrückt! Man klingt doch nur wie ein Roboter, wenn man die Sprache nicht beherrscht und ständig nach Wörtern sucht. Auch viele Deutschtürken können Deutsch und türkisch sehr emotional rüberbringen.



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