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Andreas Scheuer, CSU-Generalsekretär, PresseClub Regensburg, 15.9.2016

Hauptsache gegen Erdoğan

Künstliche Aufregung und Scheinheiligkeit

Laufend berichten Medien über das Grubenunglück in Soma mit über 300 Toten. Doch statt ehrlicher Anteilnahme wird das Unglück politisiert an der Person Erdoğans. Emran Feroz über die künstliche Aufregung und scheinheilige Ehrlichkeit.

VONEmran Feroz

 Künstliche Aufregung und Scheinheiligkeit
Der Verfasser ist Blogger und freier Journalist mit afghanischen Wurzeln. Er ist in Österreich geboren und aufgewachsen und studiert derzeit in Deutschland. Er schreibt hauptsächlich über die politische Situation im Nahen Osten, Migration und über den Islam in Europa. Emran Feroz hat bis jetzt unter anderem in der "TAZ" und "Die Presse" veröffentlicht.

DATUM23. Mai 2014

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RESSORTAktuell, Meinung

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Am Samstag wird der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdoğan in Köln zu den Massen sprechen. Aufgrund des Grubenunglücks von Soma, dem Umgang mit der Gezi-Bewegung sowie einiger anderer Skandale wird der diesjährige Besuch von massiver Kritik am Staatschef begleitet. Viele Kritikpunkte an Erdoğan sowie an der herrschenden AKP sind sicherlich gerechtfertigt. Nichtsdestotrotz konnte man in den letzten Tagen Zeuge einer tendenziösen Berichterstattung werden, die einige Fragen offen lässt.

In Soma fanden Hunderte von Bergarbeitern einen grausamen Tod. Schnell lag der Fokus der deutschen Medien auf der Stadt im Westen der Türkei. Man berichtete über die unangemessene Reaktion der Regierung in Ankara und versuchte sie – vor allem den Staatschef – für das Grubenunglück verantwortlich zu machen. Ehrliche Anteilnahme und Mitgefühl gegenüber den Opfern waren da fehl am Platz. Stattdessen wurde Soma schnell politisiert. Das Hauptaugenmerk zahlreicher Leitmedien lag nicht auf den Bergarbeitern oder auf ihre harten Arbeitsverhältnisse, sondern auf dem Ministerpräsidenten Erdoğan – wieder einmal. Erwähnenswert ist die Tatsache, dass vor rund zwei Wochen ein Erdrutsch im Norden Afghanistans ein ganzes Dorf unter sich begrub. Mindestens zweitausend Menschen fanden dabei den Tod. Berichtet wurde jedoch kaum. Den meisten Medien war eine der schlimmsten Naturkatastrophen in der jüngeren afghanischen Geschichte nur eine Randmeldung wert. Einer der Gründe mag vielleicht jener sein, dass es am Hindukusch keinen Erdoğan gibt, auf den man wieder einmal herfallen und ihn für alles verantwortlich machen kann.

Nun kommt also dieser Mann, der stets für alles verantwortlich gemacht wird und der auch sicherlich – gelinde gesagt – „viel Dreck am Stecken“ hat, wieder einmal nach Deutschland, wo seine zahlreichen Anhänger aber auch Gegner ihn schon brennend erwarten. Sowohl Politiker als auch Medien stehen dem Erdoğan-Besuch skeptisch gegenüber. Aufgrund des Grubenunglücks und einiger Aktionen wird der Zeitpunkt als „unpassend“ betrachtet – der Premier soll jemanden geohrfeigt haben, während der Tritt seines Beraters auf einen am Boden liegenden Demonstranten wahrscheinlich in die Geschichtsbücher eingehen wird. Einige Kritiker gehen sogar weiter und verlangen Sanktionen und andere „eindeutige Botschaften“ seitens der EU und der Bundesregierung gegen den temperamentvollen Mann vom Bosporus.

Allem Anschein nach haben diese Personen jedoch vergessen, dass Deutschland ein demokratischer Staat ist, in dem jeder das Recht zu sprechen hat. Wenn ein Joachim Gauck in die Türkei reist und sich dort als Gast das Recht nimmt, die AKP-Regierung offen zu kritisieren, sollte es gegebenenfalls auch anders herum der Fall sein dürfen. Bezüglich Gauck sollte man sich jedoch noch die Frage stellen, wie glaubwürdig seine Kritik im Allgemeinen gewesen ist. Der gute „erste Mann des Staates“ ist ja mittlerweile bekannt dafür, lediglich dort zu kritisieren, wo es die Interessen erlauben. Da kann man auch gleich fragen, wo all die Kritiker Erdoğans waren, als Barack Obama – ein Mann, der wöchentlich Drohnen-Mordbefehle unterzeichnet, Menschen in Guantanamo foltern und die Massen überwachen lässt – seine Rede in Berlin hielt und natürlich auch Wahlkampf betrieb, indem er seine potenziellen Wähler mehr oder weniger ansprach. Ähnliches gilt für andere Staatschefs, ob nun Francois Hollande oder Silvio Berlusconi.

Aus diesem Grund hat auch Erdoğan – so verhasst er bei vielen sein mag – dasselbe Recht. In Deutschland gibt es mehr Türken als US-Amerikaner, Engländer oder Italiener. Ein beachtlicher Teil von ihnen würde diesen Mann wohl wählen – egal ob morgen, nächsten Monat oder nächstes Jahr. Diese Tatsache mag wahrscheinlich nicht in die Weltanschauung vieler Personen passen, allerdings ist sie nun einmal Realität und nicht zu leugnen.

Diese Realität wird auch seitens deutscher Leitmedien nur ungern angesprochen. Stattdessen versucht man immer wieder und teils verzweifelt, den türkischen Staatschef in einem äußerst negativen Licht darzustellen. Dies kann man täglich beobachten. So ist ein Erdoğan, der herumbrüllt so etwas wie der „Teufel in Person“, während ein schreiender Frank-Walter Steinmeier, der offensichtlich aggressiv gegenüber Demonstranten auftritt, als „mutiger Held“ gefeiert wird.

Wie die Bundesregierung vor Kurzem verlauten ließ, freut sie sich schon auf den Besuch des frisch gekürten indischen Premierministers Narendra Modi. Vor nicht allzu langer Zeit war der Hindu-Nationalist Modi als Chief Minister des Bundesstaats Gujarat tätig. Während seiner Amtszeit kam es zu blutigen Massakern und Pogromen an der muslimische Bevölkerung. Bis heute wird Modi hierfür direkt verantwortlich gemacht. Kein einziges Mal hat der Premier diese blutigen Tage öffentlich bedauert. Allem Anschein nach muss er das auch nicht. Modi, der noch bis vor Kurzem weder in die EU noch in die USA einreisen durfte, ist nun überall willkommen. Seitens der Bundesregierung fehlt von Kritik und Ablehnung jegliche Spur. Stattdessen blickt man auf eine gemeinsame, möglichst profitable Zukunft. Indien gehört zu jenen Ländern, in denen die meisten deutschen Kleinwaffen geliefert werden. Modi, der in Gujarat eine radikal neoliberale Finanzpolitik durchboxte, wird diese wohl in ganz Indien expandieren. Ein Schelm, wer nun dabei Böses denkt!

Solange Modi, Obama und andere Politiker, die mittlerweile alles andere als „Saubermänner“ sind, stets herzlich eingeladen und empfangen werden, während man ihnen alle möglichen Redefreiheiten gewährt, sollte man sich nicht künstlich über den Erdoğan-Besuch aufregen.

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52 Kommentare
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  1. posteo sagt:

    Mein Gott MIGAZIN!
    Bevor die Öffentlichkeit über Erdogan hergefallen ist, sind 2 Begleiter des Ministerpräsidenten am Unfallort über Angehörige der Grubenopfer hergefallen.

    Ich habe heute morgen zufällig folgenden Kommentar gehört:
    (Erdogan hat eine http://www.swr.de/swr2/kultur-info/meinung/erdogan-trotz-unglueck-auf-wahlkampftour/-/id=8812286/did=13443200/nid=8812286/n18o9q/index.html und er persönlich)

    Klicken Sie doch auch mal rein.

  2. JJJuncker sagt:

    @Feroz
    „Solange Modi, Obama und andere Politiker, die mittlerweile alles andere als „Saubermänner“ sind, stets herzlich eingeladen und empfangen werden, während man ihnen alle möglichen Redefreiheiten gewährt, sollte man sich nicht künstlich über den Erdoğan-Besuch aufregen“

    Naja, es macht schon ein Unterschied ob man jemanden einladet oder jemand ein Wahlkampf veranstaltet der den politischen Interessen des Gast Landes zuwiderlaufen und seine Landsleute gegen die Deutschen aufwiegelt. Die Türkei ist nicht die USA oder Indien, sondern ein EU-Beitrittskandidat der gemassregelt werden muß, wenn er sich nicht an die Spielregeln hält.

    Übrigens wird regelmäßig über Gebäude in Bangladesch berichtet, die mehrere 100 Fabrikarbeiter unter sich begraben haben. Den Vorwurf den sie da formuliert haben ist durch ein verpasstes Ereignis nicht haltbar. Aber nun gut vielleicht schauen Sie sich auch während den Geziprotesten auch Pinguindokumentationen an. 300 türkische Bergarbeiter sind tot und die türkische Regierung war diesem Ereignis gegenüber nicht nur gleicvhgültig gegenüber, sondern ging sogar soweit gegenüber Demonstranten handgreiflich zu werden.

  3. Esma sagt:

    @JJJuncker

    Informieren Sie sich erst einmal, ob und was die türkische Regierung gemacht hat für die Hinterbliebenen, bevor Sie von nichts reden. Das Problem mit den Demonstranten ist ebenfalls ganz einfach: gegen friedliche Demonstranten hat in der Türkei niemand etwas. Gegen Vandalismus und Gewalt aber schon. Da greift die Polizei durch – nicht nur in der Türkei!

  4. Klaus sagt:

    Das sind schon abenteuerliche Vergleiche. Das Unglück in Afghanistan war eine Naturkatastrophe, das Grubenunglück in der Türkei war menschengemacht, durch eine korrupte Führung, die kurz vorher noch ein Gesetz über verbesserte Sicherheit verhindert hat.
    Hoffentlich kommen ganz viele Türken zu den Gegendemos. Es geht nicht um Türken-Bashing, wie dieser Artikel durch Vergleich mit anderen, willkommeneren, Staatsführern suggeriert, sondern um Kritik an einem autoritären, immer abgehobeneren Herrscher, der selbst einmal gesagt hat, dass er Demokratie nur als Steigbügel zur Machterlangung versteht. Und einem, der hier in Deutschland eine fünfte Kolonne errichten will, die für das Land, in dem sie lebt, nicht interessiert. Hoffentlich ist er wenigstens damit auf dem Holzweg.

  5. muslim sagt:

    Ein sehr scharfer und gelungener Artikel wider dem Mainstream. Chapeau Herr Feroz!
    In der Tat sollten sich die Deutschen mal an die eigene Nase fassen, bevor sie so aggressiv gegen Erdogan hetzen.

    – In der Ukraine fährt ein von DE und der EU und USA unterstützter rechtsradikaler Putschist mit Panzern gegen seine eigene Zivilbevölkerung aus. Kein Wort der Verurteilung seitens Friedenspastor Gauck und Co.

    – In Ungarn regiert ein extrem rechtsradikaler Nationalist, Victor Orban. Dieses Land ist EU-Mitgliedstaat. Entweder Rassissmus und Nationalismus sind mittlerweile Werte der EU, oder aber die EU tritt selbst ihre Verträge mit Füßen. Zur Erinnerung: In Art. 2 EUV steht: „Die Werte, auf die sich die Union gründet, sind die Achtung der Menschenwürde, Freiheit, Demokratie, Gleichheit, Rechtsstaatlichkeit und die Wahrung der Menschenrechte einschließlich der Rechte der Personen, die Minderheiten angehören. Diese Werte sind allen Mitgliedstaaten in einer Gesellschaft gemeinsam“

    – In Frankreich sind zahlreiche Kommunen in fester Hand der Front National, einer rechtsextremistischen Radikalenpartei

    – Mitten in Berlin darf ein Präsidentschaftskandidat Wahlkampf machen, der unser GG missachtet, unsere Kanzlerin abhört, die Wirtschaft ausspäht und die Menschenrechte auf der ganzen Welt verletzt

    … Aber Erdogan ist das Problem?

  6. muslim sagt:

    @JJJuncker

    Für Sie sind 2000 tote Afghaneb also einfach „ein verpasstes Ereignis“????
    Und das in Zeiten des global village? In einem Land, in dem auch DE aktiv ist? Geht uns das nichts an?!
    Mit diesem Kommentar haben Sie sich leider selbst komplett unglaubwürdig gemacht. Gute Nacht…

  7. posteo sagt:

    Esma sagt: „Informieren Sie sich erst einmal, ob und was die türkische Regierung gemacht hat für die Hinterbliebenen, bevor Sie von nichts reden.“

    Auch wenn sich die türkische Regierung inzwischen um die Hinterbliebenen der Grubenopfer kümmert, die per Video dokumentierten Attacken durch einen Berater wie durch Erdogan selbst, sind schlicht indiskutabel.
    Selbst wenn die Vorwürfe der Angehörigen völlig grundlos waren, in solch einer Situation reagieren Menschen einfach nicht besonnen, sondern aufgewühlt und zornig, das würde mir sicher auch so gehen.

  8. deutscher staatsbürger sagt:

    Es ist keine künstliche Aufregung und Scheinheiligen. Seit über ne Woche sehr ich mit dieses Schauspiel in Deutschland an. Deutschland steckt bis zur Hüfte in der türkischen Politik. Mittlerweile werden sogar tote Menschen für die eigenen Interessen benutzt. Opfer werden instrumentalisiert. Verschiedene türkische Gruppen werden gegeneinander aufgebracht. Weiß nicht welche Rechnung hier gemacht worden ist aber das Ergebnis ist erschreckend.

    Ich weiß nicht ob ich das richtig sehe, denn ich sehe rot. Rote Flecken auf Deutschlands Händen. Ich hoffe es ist kein Blut. Ich sehe Menschen sterben während gewisse deutsche Medienvertreter und gewisse deutsche Politiker, in ihren klimatisierten Zimmern auf ihren chefsesseln sitzend, gegen die Türkei hetzen.

    Seit fünfzig Jahren keine ordentliche Hilfe für die in Deutschland lebenden Türken aber jetzt auf einmal die Türkei retten wollen. Wenn keine Menschen sterben würden, könnte ich es als Witz sehen. Ist jetzt ein neues modernes Mittelalter in Deutschland eingebrochen? Für mich sieht es wie ein Kreuzzug aus. Die selbsternannten Ritter haben sich in der deutschen Medienlandschaft schon Gehör verschafft. In den Kommentarbereichen wurde Gefolgschaft signalisiert. Ich habe angst bekommen. Müssen jetzt schon wieder Türken sterben?

  9. huni sagt:

    „Naja, es macht schon ein Unterschied ob man jemanden einladet oder jemand ein Wahlkampf veranstaltet der den politischen Interessen des Gast Landes zuwiderlaufen und seine Landsleute gegen die Deutschen aufwiegelt. Die Türkei ist nicht die USA oder Indien, sondern ein EU-Beitrittskandidat der gemassregelt werden muß, wenn er sich nicht an die Spielregeln hält.“

    mein gott diese überheblichkeit und dann der doppelstandart , nein die usa muss nicht gemassregelt werden , da sie mal abgesehn von foltergefängniss ,60 jahre besatzung und rundum überwachung und kulturellem monopol nichts getan hat .

    und seit wann wiegelt erdogan die hier lebenden türken gegen deutschland auf ? vielleicht sollten sie sich mal an den kopf fassen und sachlich nachdenken was ihr problem ist , anstatt wie ein hysterisches weib ständig nach nem schuldigen zusuchen !

  10. Natascha sagt:

    Ich bin überzeugt, wenn ein Österreicher vor dem Kölner Dom eine Rede halten würde, wäre mehr los als bei Erdogan. Wir Deutschen lieben Österreicher über alles!


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