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Übrigens

Landkarten voller Vorurteile

Landkarten der Vorurteile haben Konjunktur in Social Media. Sie sind vereinfachend hintergründig. In ihnen steckt mehr Wahrheit, als wir wahrhaben wollen – von Fritz Goergen

In der Illinois Staats-Zeitung erschien in deutscher Sprache am 11. August 1888 der Leitartikel mit dem unzweideutigen Titel „Ungebetene Gäste“ über italienische Einwanderer:

„Die Untersuchungsbeamten des Kongresses haben … festgestellt, dass die Italiener von Abfällen leben, wie Tiere zusammengepfercht wohnen und nicht die geringste Ahnung von Reinlichkeit und Hygiene haben. Solche Menschen ins Land zu lassen, kann keinerlei Vorteile bringen. Sie können höchstens barbarische Verhältnisse schaffen. Wenn man noch weiter denkt, dass diese Leute in wenigen Jahren das Wahlrecht haben werden und damit an der Bestimmung der Geschicke des Landes teilhaben, kann man nur schaudern bei der Vorstellung, dass die Zukunft solchen Menschen anvertraut sein soll.“

Heute zählen die Amerikaner, deren Vorfahren aus Italien einwanderten, zu den Erfolgreichsten in wirtschaftlicher Hinsicht und zu den Maßgebendsten kulturell und gesellschaftlich. Italiener wandern in unseren Tagen wenig aus. Vielmehr ist Italien selbst Einwanderungsland. Menschen aus Rumänien zieht es vor allem dorthin. Ihre Sprache hat so viel Gemeinsames mit dem Italienischen, dass viele schon nach drei Monaten fließend italienisch sprechen.

Ganz so schlimm sind die Vorurteile der Italiener gegen Rumänen nicht wie die der Deutschen und Engländer, die 1888 vor den Italienern Amerikaner geworden waren. Aber auch im heutigen Italien begegnen Rumänen den gleichen Klischees wie sie und die Bulgaren in Deutschland, wo diese seit Anfang 2014 ohne Zuzugsbeschränkung in größerem Umfang hinkommen. Italien hatte schon lange keine Einwanderungsbremse für neue EU-Mitgliedsländer. Viele Rumänen arbeiten in Italien wie in Deutschland als Reinigungskräfte, in der Pflege und gegen Niedriglöhne – legal und illegal. Die Polen, die so ihr Geld außerhalb Polens verdienen, bleiben inzwischen daheim, weil Polens Wirtschaft sich weiter gut entwickelt. Oder sie gehen auch saisonal nicht mehr nach Deutschland, sondern nach England der besseren Verdienste wegen. Die Billigproduktion der Fleischindustrie wäre ohne die Hunger-Akkord-Löhne für Südost-Europäer nicht möglich. Die Altenpflege würde ohne die Illegalen von dort und aus Asien zusammenbrechen. Die Krankenhäuser kämen ohne sie nicht aus.

Seit nun Rumänen und Bulgaren in Deutschland keine Arbeitserlaubnis mehr beantragen müssen, ist ihre Zahl auf 430.000 angestiegen, auf 5,5 Prozent der 7,7 Millionen Ausländer in Deutschland. Für das von den Gegnern der Freizügigkeit an die Wand gemalte Gespenst der „Einwanderung in die Sozialsysteme“ gibt es keine Anzeichen. Ihr Anteil an Hartz-IV-Empfängern – jeder Zehnte kriegt Unterstützung vom Jobcenter – liegt unter dem Durchschnitt aller Ausländer in Deutschland. Viele waren schon lange illegal da und können jetzt einen Job suchen oder ihren illegalen legalisieren. Die Rumänen und Bulgaren, die jetzt neu zuziehen, kennzeichnet, dass die meisten gut ausgebildet sind und schnell Arbeit finden.

EU-Europa schlägt ein neues Kapitel auf: Alte EU-Länder importieren nicht mehr nur Billiglöhner, die jene Arbeit machen, die die eigenen Leute ablehnen. Sie kompensieren ihren Mangel an eigenen Fachkräften, indem sie diese jungen EU-Ländern entziehen: Ingenieure und Mediziner vor allem. Das wird den Vorurteilen den jeweils Anderen gegenüber neue hinzufügen.

Bis sich wenigstens die Europäer nicht mehr als Fremde und Ausländer untereinander verstehen, ist noch ein weiter Weg. Aber der fremdenfeindliche Leitartikel der Illinois Staats-Zeitung von 1888 ist nur noch Geschichte. Also dürfen wir zuversichtlich sein, auch wenn es lange dauert.