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Essay

Demokratie durch Kritik: Wider die EU-Skepsis

Es gibt keinen Grund, die Europäisierung der politischen Öffentlichkeit nicht voranzutreiben. Die Demokratie erfährt durch die EU-Integration eine Erweiterung, entsprechend müsste sich auch die Öffentlichkeit erweitern – von Mayte Peters.

VONMayte Peters

Dr. rer. publ., geb. 1981; Initiatorin und Vorstandsvorsitzende von Publixphere e.V.

DATUM20. Mai 2014

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RESSORTAktuell, Meinung, Politik

QUELLE Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. Mayte Peters für "Aus Politik und Zeitgeschichte" (APuZ); bpb.de

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Der Populismus in Europa ist im Aufwind, die Sorge vor einem Erfolg EU-skeptischer Parteien bei den bevorstehenden Europawahlen geht um. Die Argumente, mit denen die antieuropäischen Parteien Wahlkampf machen, richten sich oftmals gegen die Europäische Union im Allgemeinen. Allerdings werden sie auch durch die in Europa weit verbreitete Praxis befeuert, „Brüssel“ für Politikergebnisse verantwortlich zu machen, die unter Beteiligung nationaler Regierungen zustande gekommen sind. Einfache Bekenntnisse zu Europa reichen als effektive Antwort auf EU-Skeptiker nicht mehr aus.

Eine Möglichkeit, EU-Skepsis entgegenzutreten, ohne Kritikwürdiges an der Union unter den Teppich zu kehren, besteht darin, die vorhandenen Rahmenbedingungen einer demokratischen Europäischen Union endlich mit Leben zu füllen. Eine Europäisierung politischer Öffentlichkeit ist dafür unerlässlich. Eine kritische Auseinandersetzung mit der EU muss Kritik an Politikergebnissen von einer Infragestellung politischer Institutionen lösen. Zudem müssen Wählerinnen und Wähler in die Lage versetzt werden, die EU als eine Institution wahrzunehmen, in der sie repräsentiert sind. Dafür bedarf es der Politisierung der Europäischen Union durch Abgeordnete und Regierungen. Nur so ist eine lebendige Demokratie im EU-integrierten Nationalstaat denkbar. Unter diesen Voraussetzungen ist es auch möglich, antieuropäischen Tendenzen entschieden entgegenzutreten und eine differenzierte Debatte darüber zu führen, wie die Zukunft der EU aussehen soll.

Damoklesschwert EU-Skepsis
Im Mai 2014 erwarten uns die wichtigsten Europawahlen seit Langem – und die Nachricht von dem Erstarken populistischer Parteien hängt über der Europäischen Union wie ein Damoklesschwert.1 Kaum ein Kommentar zur Europawahl kommt noch aus ohne einen Verweis auf die Populisten und die Frage, wie diesen am besten begegnet werden könnte.2 Gut ist, dass die Europadebatte dadurch an Brisanz gewinnt. Anhand des Umgangs etablierter Parteien mit der EU-Skepsis zeigen sich jedoch auch die Unzulänglichkeiten der gegenwärtigen Debatte: EU-Skeptiker treiben EU-Befürworter allzu oft vor sich her.

Ob United Kingdom Independence Party, „Die (wahren) Finnen“ oder Alternative für Deutschland – europaskeptische Parteien gewinnen an Zulauf in England wie in Frankreich, in Griechenland wie in Deutschland. Sie gehören zum linken Spektrum ebenso wie zum rechten, vertreten zum Teil inhaltlich diametral unterschiedliche Positionen. Und sie schaffen es, Wähler zu mobilisieren. Manchmal suchen sie sogar den grenzüberschreitenden Schulterschluss, so im Fall des niederländischen Rechtspopulisten Geert Wilders und der französischen Front-National-Chefin Marine Le Pen.3 Entscheidend ist jedoch, wie der „Economist“ in seiner mit „Europe’s Tea Parties“ betitelten ersten Ausgabe 2014 schrieb: „What they all have in common is that they are populist and nationalist, that they have strong views on the EU, immigration and national sovereignty, and that as a result they are doing very well in the polls.“4 Sie spielen mit der Angst vieler Bürgerinnen und Bürger vor dem Verlust der nationalen Identität, der nationalen Souveränität, der Demokratie und Kultur.

Etablierte Parteien in ganz Europa, so auch in Deutschland, reagieren mit starken Bekenntnissen zur EU. Der SPD-Chef Sigmar Gabriel etwa betont, seine Partei werde den „Gegnern Europas entschieden entgegen treten“.5 Denn etablierte Parteien sehen sich zu Recht genötigt, auf die europaskeptischen Parteien zu reagieren. Sie tun dies auf unterschiedliche Weise. Während sich etwa SPD, Grüne, CDU und FDP zu einem positiven Europabild bekennen und sich deutlich von Europaskeptikern distanzieren, sehen manche Beobachter eine Annäherung der CSU an europaskeptische Rhetorik.6

Allerdings ist die Grenze zwischen „konstruktiver“ EU-Kritik und solcher, die den EU-Skeptizismus eher befördert, nicht immer leicht zu erkennen. Eine effektive Antwort auf die Argumente der Skeptiker fehlt nach wie vor. Sätze wie „die EU ist auch ein Hebel zur Zerstörung von Demokratie“,7 geäußert von Sahra Wagenknecht (Die Linke), können zwar durchaus genutzt werden, um EU-kritische Positionen zu vertreten. Allerdings bezog sich dieses Zitat auf die Praxis nationaler Regierungen, politische Verantwortung für unpopuläre Entscheidungen auf Brüssel zu delegieren und ihren Anteil daran zu verdrängen. Diese Praxis ist auch von dezidierten EU-Befürwortern schon oft (und zu Recht) kritisiert worden.8

Wie Verantwortlichkeiten auf EU-Ebene bis zur Unkenntlichkeit verschleiert werden können, illustriert das Glühbirnenverbot, das zu den meist zitierten Beispielen für Brüsseler „Überregulierung“ zählt. Mit einem Brief an die EU-Kommission hatte Sigmar Gabriel 2007 während seiner Zeit als Bundesumweltminister den Verbotsprozess überhaupt erst richtig ins Rollen gebracht.9 Später wollte die SPD von dieser Mitverantwortlichkeit aber nur noch wenig wissen. SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück bezog sich im Wahlkampf 2013 öffentlichkeitswirksam auf das Glühbirnenverbot, um die EU-Kommission für ihre „Regelungswut“ zu schelten.10 Anhand dieses Beispiels lässt sich ebenfalls aufzeigen, dass EU-Regelungen auf nationaler Ebene selten rechtzeitig diskutiert werden. Obwohl das Thema schon im Dezember 2008 Gegenstand einer Kleinen Anfrage der FDP im Bundestag war,11 fand das Verbot erst Eingang in die öffentliche Debatte, nachdem Medien es kurz vor seinem Inkrafttreten aufgriffen. Da war es für eine mögliche Beeinflussung der Entscheidung bereits zu spät. Eine frühere und somit demokratischere Beteiligung der Öffentlichkeit wäre durchaus möglich gewesen.

Auch die in Deutschland kürzlich geführte Debatte um vermeintliche „Armutszuwanderung“ von Rumänen und Bulgaren offenbart, wo die möglichen Fallstricke einer Auseinandersetzung über europapolitische Themen liegen. Ängste vor Überfremdung und einer Überforderung der Sozialsysteme wurden von Vertretern der Politik ebenso bedient wie von Medienvertretern.12 Die Europäische Kommission sah sich vor dem Hintergrund der Medienberichterstattung zu einer Klarstellung genötigt.13

  1. Vgl. Karsten Grabow/Florian Hartleb, Europa – Nein danke? Studie zum Aufstieg Rechts- und Nationalpopulistischer Parteien in Europa, Sankt Augustin–Berlin 2013  []
  2. Vgl. zum Beispiel „Die Identität ist das geringste Problem„, Interview mit Christoph Möllers, in: Die Zeit, Nr. 2 vom 2.2.2014  []
  3. Vgl. Rendezvous der Rechten. Le Pen und Wilders gemeinsam gegen Europa, 13.11.2013  []
  4. Turning right, in: The Economist, Nr. 8868 vom 4.1.2014, S. 17.  []
  5. Sigmar Gabriel, Rede auf dem SPD-Bundesparteitag, Berlin 26.1.2014  []
  6. Vgl. Heribert Prantl, Klares Bekenntnis zu Europa, 27.1.2014  []
  7. Die EU ist ein Hebel zur Zerstörung der Demokratie„, Interview mit Sarah Wagenknecht, 13.1.2014  []
  8. Vgl. zum Beispiel „Damit machen wir Europa fertig„, Interview mit Elmar Brok, 31.5.2013  []
  9. Vgl. Jochen Bittner, Ein Schlag auf die Birne, in: Die Zeit, Nr. 36 vom 27.8.2009  []
  10. Vgl. Steinbrück hortet Glühbirnen, 8.7.2013  []
  11. Vgl. Deutscher Bundestag, Drucksache 16/11471, 17.12.2008  []
  12. Einen Überblick über die durchaus komplexe Debatte bietet das von der Stiftung Mercator geförderte Diskussions- und Informationsportal Publixphere, das gezielt auf europapolitische Zusammenhänge hinzuweisen sucht: Alexander Wragge, Armutswanderung in der EU, 8.1.2014 (Debattenstart)   []
  13. Vgl. Europäische Kommission in Deutschland, Klarstellung: Deutschland muss nicht allen arbeitslosen EU-Bürgern hierzulande Sozialhilfe zahlen, 10.1.2014.  []
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