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Bundesanstalt für Arbeit, Repräsentativuntersuchung ’72 über die Beschäftigung ausländischer Arbeitnehmer…, 1973

Burka Verbot an der Uni

Die Wissenschaft braucht kein Gesicht, sie braucht Argumente

Die Universität Gießen hat einer Studentin untersagt, mit Burka in den Hörsaal zu kommen. Mit einer Verschleierung sei ein wissenschaftlich-akademischer Diskurs nicht möglich. Denn Mimik und Gestik seien wichtige Aspekte der Kommunikation. Diesem Argument folgt auch Parvin Sadigh in „Die Zeit“ – eine Replik von Sanjay Patel.

VONSanjay Patel

Der Verfasser ist Berliner indischer Abstammung. Er studierte Mathematik & Informatik und promovierte im Fachgebiet Künstliche Intelligenz.

DATUM16. Mai 2014

KOMMENTARE55

RESSORTAktuell, Meinung

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In ihrem Kommentar „Burka-Verbot an der Uni: Kommunikation braucht ein Gesicht“ folgt die Journalistin Parvin Sadigh von Zeit Online der Linie der Uni Gießen. Die wissenschaftliche Kommunikation braucht jedoch kein Gesicht, sie braucht schlüssige Argumente.

Sadigh schreibt: „Eine Muslimin studiert in Gießen auf Lehramt. Sie trägt normalerweise eine Burka, einen Ganzkörperumhang, der nur ihre Augen freilässt. Damit wollte sie auch in den Hörsaal gehen. Aber die Uni-Leitung hat ihr mitgeteilt: Ein wissenschaftlicher und interaktiver Diskurs sei damit nicht möglich.

In der Schule und erst recht an der Uni lernen Schüler und Studenten nicht nur Fakten. Sie lernen auch, indem sie argumentieren und mit anderen diskutieren. Kommunikation läuft aber nicht nur über Sprache. Wer sich mit anderen verständigen möchte, ist auf Zeichen angewiesen, die sich im Gesicht des anderen zeigen. Wer sich verbirgt, isoliert sich von den anderen und nimmt an einem wesentlichen Teil des Unterrichts entweder gar nicht mehr teil – oder irritiert Mitschüler und Kommilitonen ebenso wie Lehrer und Dozenten. Darauf hat auch die Uni Gießen die Studentin hingewiesen.

Nach dem Hochschulrahmengesetz gilt: Lehre und Studium sollen den Studenten auf ein berufliches Tätigkeitsfeld vorbereiten und ihm die dafür erforderlichen fachlichen Kenntnisse, Fähigkeiten und Methoden dem jeweiligen Studiengang entsprechend so vermitteln, dass er zu wissenschaftlicher oder künstlerischer Arbeit und zu verantwortlichem Handeln in einem freiheitlichen, demokratischen und sozialen Rechtsstaat befähigt wird.

Wissenschaftliche Arbeit beruht in der Tat auf Fakten und schlüssigen Argumenten innerhalb der akzeptierten wissenschaftlichen Methoden, um neue Fakten und Erkenntnisse zu erzeugen. Die Rolle der Kommunikation besteht darin, Fakten, Argumente und Grundideen der Welt zugänglich zu machen. Allerdings abstrahiert die Wissenschaft von belanglosen Details, die nichts zur Plausibilität eines Arguments beitragen. Solche belanglosen Details sind zum Beispiel das Geschlecht, die sexuelle Neigung, die politische oder religiöse Einstellung derjenigen Person, die das Argument hervorbringt. Ebenso wenig interessiert sich die Wissenschaft dafür, ob das Argument aus dem Geiste einer Person stammt, die notorisch rote Socken, einen zu kurzen Minirock oder eine Burka trägt. Die Wissenschaft schert sich auch nicht sonderlich darum, ob das Argument spöttisch, sarkastisch, ironisch oder trocken abgehandelt wird. Die Wissenschaft interessiert sich nur für Erkenntnisgewinn. Das ist allerdings nur dann möglich, wenn man in der Lage ist Argumente kritisch zu hinterfragen statt sich mit dem Gesichtsausdruck des Argumentierenden, seiner Kleidung, dem Zucken seiner Gesichtsmuskeln und der Modulation seiner Stimme aufzuhalten. Kurz, die Universität ist kein Schwatzklub ideologisch Gleichgesinnter, die nicht mehr zugänglich für Argumente sind, wenn diese von Personen außerhalb des eigenen weltanschaulichen Koordinatensystems hervorgebracht werden.

Aufmerksame Leser werden die Ziele des Studiums vielleicht dahingehend auslegen, dass die Burka unvereinbar mit den Aufgaben der Universität sei, die Studenten auf ein berufliches Tätigkeitsfeld vorzubereiten und zu verantwortlichen Handeln in einem freiheitlichen, demokratischen und sozialen Rechtsstaat zu befähigen. Dem ist zu entgegen, dass sich die Vorbereitung auf das Tätigkeitsfeld und das verantwortliche Handeln alleine auf die fachliche Seite beschränkt. Beispiel: Ein Informatiker aus dem Bereich Big Data Analytics soll auf der einen Seite die fachlichen Grundlagen beherrschen, die er in seinem zukünftigen Beruf benötigt, aber er soll sich auch über die möglichen negativen Begleiterscheinungen seiner Neuerungen bewusst sein und in diesem Sinne verantwortlich handeln. Eine solche negative Begleiterscheinung wäre die Entwicklung von Technologien, die auch für den flächendeckenden Missbrauch des Datenschutzes und der Privatsphäre eines Nutzers eingesetzt werden könnten. Eine ideologische Begleiterziehung neben dem eigentlichen Studiengang, wie beispielsweise im Iran oder in der ehemaligen DDR, ist in Deutschland bewusst nicht vorgesehen.

Ein weiterer Punkt ist, dass der von der Uni-Leitung Gießen hervorgebrachte und von Parvon Sadigh ausgebaute Einwand konsequenterweise Blinde vom Studium ausschließen müsste. Denn diese sind unfähig für die wissenschaftliche Argumentation. Sie sollen ja nicht nur Fakten lernen, sondern auch die Mimik von Nerds beim monologisieren über Backbones und Cloud Computing studieren. Das Argument der Uni Gießen und von Parvon Sadigh wirkt deswegen so an den Haaren herbeigezogen, weil auch Studierende der Physik, Chemie, Mathematik oder Informatik in faktisch nicht stattfindenden Debattierrunden zu Küchentischpsychologen ausgebildet werden sollen, um für die Wissenschaft überflüssige Körpersignale ihrer Kommilitonen korrekt deuten und einordnen zu können.

Endgültig bricht die Argumentation von Sadigh als auch der Uni Gießen in sich zusammen, wenn man die jüngsten Trends in der Lehre beobachtet. Das sind Online-Vorlesungen für Studenten und Nicht-Studenten weltweit, die überwiegend von  Top-Universitäten der USA angeboten werden. Prominente Plattformen sind beispielsweise Coursera oder Udacity. Die Online-Veranstaltungen bieten Video-Vorlesungen mit den üblichen Hausaufgaben zur Vertiefung des Lehrstoffes an. Zur Standardausrüstung dieser Online-Angebote gehört auch stets ein Forum zum Austausch über den Inhalt der Vorlesung, für Diskussionen oder Fragen. An den völlig gesichtslosen Diskussionen in den Foren beteiligen sich zahlreiche Studenten weltweit. Diese Form der Interaktionen bringt einen Mehrwert, der in der realen Welt alleine aus Zeitgründen überhaupt nicht möglich wäre. Die erfolgreiche Teilnahme an einer  solchen Vorlesung kann man sich übrigens zertifizieren lassen. Courseras Konzept ist recht erfolgreich. Innerhalb von nur zwei Jahren konnte Coursera bereits über 100 Partner, 500 Kurse und über 5 Millionen Teilnehmern aus aller Welt zählen.

Alleine an der Vorlesung “Machine Learning” von Andrew Ng nehmen regelmäßig über 100.000 Studenten weltweit teil. Aus Sicht von Sadigh und der Uni Gießen nehmen all diese gesichtslosen Studenten jedoch am “wesentlichen Teil des Unterrichts nicht mehr teil”, weil man deren Gesichter nicht sieht und man deswegen nicht vernünftig miteinander kommunizieren kann. Im Umkehrschluss bedeutet das, international renommierte Spitzenwissenschaftler wie Andrew Ng haben trotz der extrem hohen Nachfrage an ihren Kursen im Gegensatz zu den Regionalgrößen der Uni-Leitung Gießen und einer Journalistin einfach keine Ahnung, wie eine richtige Lehre aussieht. Die Argumentation der Universitätsleitung ist nicht nur unplausibel, sondern legt auch eine Ignoranz an dem Tag, die davon zeugt, dass man die jüngsten Entwicklungen in der Lehre völlig verschlafen hat. Aber immerhin hat die Unileitung Gießen ein Gesicht.

Der hessische CDU-Abgeordnete Ismail Tipi zeigte sich laut Frankfurter Rundschau zufrieden über die Reaktion der Behörden. Es sei richtig, dass die Gießener Uni-Leitung auf einer Teilnahme ohne Verschleierung bestehe. Hessen müsse „klare Kante zeigen“, betonte der CDU-Politiker. „Die Burka hat in unserer demokratischen Gesellschaft keinen Platz.“ Sie nehme Frauen ihr Gesicht weg. Man müsse dem gerade an Schulen und Universitäten „einen Riegel vorschieben“, forderte Tipi. Auch der SPD-Integrationspolitiker Gerhard Merz lobte, die Universität habe angemessen reagiert. In Lehrveranstaltungen müsse Kommunikation möglich sein.

Stellt sich die Frage, auf welche rechtliche Grundlage sich Tipi oder die Uni-Leitung berufen. Es ist eine Sache, etwas aus persönlichen Gründen abzulehnen aber eine völlig andere, seine persönlichen Vorlieben zum rechtlich verbindlichen Standard zu erheben, weil man so vermessen ist und glaubt, anderen damit helfen zu müssen. Es ist nicht der Auftrag einer Universität in gesellschaftlichen Fragen “klare Kanten” zu zeigen und an der Befreiung von angeblich unterdrückten Frauen mitzuarbeiten. Die Studentin hat sich bereit erklärt, die Burka abzulegen. Das bedeutet, sie hat sich offenbar freiwillig dazu entschieden, eine Burka zu tragen. Dazu gehört in dieser Gesellschaft eine gehörige Portion Selbstbewusstsein, die nicht zum Klischeebild der unterdrückten und gesichtslosen Frau passt. Sie benötigt keine Hilfe oder Befreiung von wohlgesonnenen Professoren und Politikern, die sich eine Befreiung so vorstellen, dass sie mittels Druck ihr Opfer zu etwas zwingen, was in erster Linie eigenen Interessen und Vorstellungen dient.

Egal, wie ablehnend man zur Burka steht, man kann schlecht ohne jegliche Rechtsgrundlage erwachsene Frauen bevormunden und ihnen willkürlich den Zugang zur Universität verweigern, weil man seine private Weltanschauung für normativ und rechtlich bindend hält. Auch das damalige Weltbild diktierte den Herren vor über 100 Jahren, dass am besten keine Frau studieren sollte. Die Scheinargumente, damals wie heute, hatten mit der Sache, um die es eigentlich geht, nämlich der Wissenschaft selbst, überhaupt nichts zu tun. Im Gegenteil, hier werden gesellschaftliche Debatten unzulässig unter dem hervor geschobenen Vorwand der Wissenschaft ausgetragen. Man entmündigt eine Studentin, die man vor Entmündigung zu schützen vorgibt. Wissenschaftliche Kommunikation in der Lehre braucht kein Gesicht, sondern ein Argument. Die erfolgreiche Online-Plattform Coursera ist das lebendige Gegenargument, das die Verlautbarungen der Uni Gießen und der Journalistin Sadigh eindrucksvoll widerlegt.

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55 Kommentare
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  1. Hoppla sagt:

    „Egal, wie ablehnend man zur Burka steht, man kann schlecht ohne jegliche Rechtsgrundlage erwachsene Frauen bevormunden und ihnen willkürlich den Zugang zur Universität verweigern, weil man seine private Weltanschauung für normativ und rechtlich bindend hält.“

    Laut Autorin wäre es also durchaus akzeptabel im Bikini zur Vorlesung zu kommen oder gleich ganz nackt? Nein sorry, aber ich finde man sollte nicht zu naiv und leichtfertig mit dem Freiheitsbegriff umgehen, ansonsten ist sie ruckzuck abgeschafft!

    Die Burka nimmt der Studentin die Freiheit gesehen und wiedererkannt zu werden. Es ist ein absolutes Kommunikationshemmnis und sowas muß von einer Uni nicht akzeptiert werden!

  2. deniz sagt:

    naja,

    onlinestudium hin oder her die prüfungen legt man nicht virtuell ab und da wird ein identitätsnachweis erwartet. mit niqab schwierig, oder?

    und dass man beim onlinestudium nicht direkt kommunizieren kann wird von vielen lehrstuhlinhaberinnen als problematisch angesehen.

    laizismus ist darüber hinaus ein wichtiges gut. was eine private uni macht ist ja egal aber staatliche unis sollten als öffentliche einrichtungen die religionen draußen lassen – nicht nur den islam sondern auch die anderen religionen. ich empfinde auch ein großes umhängekreuz als unangemessen. ich gehe ja auch nicht mit csu-fahne oder spd-fahne zum unterricht. und religionen sind wohl ein noch deutlicheres statement als parteizugehörigkeit.

    der DDR-vergleich ist ja wohl das höchste. ideologie ist doch wohl das niqab-tragen und nicht der freie blick ins gesicht von menschen???

  3. Bernd Schäfer sagt:

    Auch ich begrüße die Entscheidung der Gießener Universitätsleitung. Wäre es um das Mittragen des Korans, das Tragen eines Kopftuches, lange Röcke, schwarze Kleidung oder Ähnliches gegangen, hätte ich klar dafür plädiert, jede Äußerlichkeit tolerant aufzunehmen.
    Aber die Vorstellung, mich mit anonymen Menschen am Arbeitsplatz, in der Schule, der Universität oder sonstwo treffen und mit Ihnen arbeiten zu müssen, bereitet mir großes Unbehagen bis zu Angst. Ich glaube, dass ich es als freiheitsliebender,Offenheit liebender Mensch nicht ertragen könnte, nur noch mit gesichtslosen Nummern umzugehen, deren wahre Identität mir verschlossen bleibt.
    Die Argumentation von MIGAZIN trifft ins Schwarze, wenn es um die Publikation und überhaupt alle schriftlichen Arbeiten geht. Aber im Umgang mit Menschen möchte ich gern nicht Computerwesen vor mir haben. Das erweckt in mir die gleiche Ablehnung wie die Masken des Ku-Kux-Clans und anderer Gruppen, die ihr Gesicht verhüllen, um anonym handeln zu können.

  4. Zeynep Cindik-Jungermann sagt:

    Als ehemalige Studentin der JLU Giessen finde ich diese Entscheidung, die Studentin auszuschliessen, vollkommen in Ordnung. Wenn sich die junge Frau durch Maskierung ausschliesst und anonymisiert und entindividualisiert, muss sie damit rechnen, von anderen auch ausgeschlossen zu werden. Eine religiöse Bedeckung in Form eines Kopftuches ist vollkommen zur Religionsausübung ausreichend. Wenn wir als Muslime Respekt einfordern, was wir ja unaufhörlich und unüberhörbar tun, sollten wir auch mal Respekt den mehrheitlich gegen die Ganzkörperverhüllung eingestellten Menschen hierzulande entgegenbringen.

  5. glamorama sagt:

    Ich bin kein Freund von Verschleierung, finde die Gießener Entscheidung aber unglücklich. Entweder sollte die Uni religiöse Kleidung generell ablehnen; dann dürften in den Hörsälen des Instituts für Katholische Theologie aber auch keine Menschen in Soutane oder Ordenstracht herumsitzen. Dann stellt sich aber die Frage nach den Grenzen: Darf ein jüdischer Professor eine Kippa tragen? Eine katholische Studentin ein Kruzifix an der Halskette? Oder der Biologiestudent ein T-Shirt mit dem fliegenden Spaghettimonster?

    Besser wäre es, wenn sich die Uni weltoffen zeigt und alle Formen friedlicher Religionsausübung und die damit verbundenen Kleiderregeln am Campus toleriert. So ginge sie mit gutem Beispiel voran: Fundamentalismus lässt sich immer noch am besten mit Vielfalt bekämpfen.

  6. Sanjay Patel sagt:

    Vielen Dank für Ihre Kommentare. Meine Bemerkungen zu Ihren Kommentaren befinden sich in folgender Reihenfolge:

    @Zeynep Cindik-Jungermann
    @Hoppla
    @deniz
    @Bernd Schäfer

    @Zeynep Cindik-Jungermann
    *** Wenn sich die junge Frau durch Maskierung ausschliesst und anonymisiert und entindividualisiert, muss sie damit rechnen, von anderen auch ausgeschlossen zu werden.
    ***

    Das ist sicher richtig, jedoch das private Problem der Studentin. Dieses Argument rechtfertigt keinen Ausschluss durch die Universität.

    **** Eine religiöse Bedeckung in Form eines Kopftuches ist vollkommen zur Religionsausübung ausreichend. Wenn wir als Muslime Respekt einfordern, was wir ja unaufhörlich und unüberhörbar tun, sollten wir auch mal Respekt den mehrheitlich gegen die Ganzkörperverhüllung eingestellten Menschen hierzulande entgegenbringen.
    ****

    Es ist irrelevant, wie wir die Burka finden und was wir von der Burka halten. Wenn ein Grundrechtsträger das Burkatragen als bindendes religiöses Gebot empfindet und das deutsche Gericht dem zustimmt, dann fällt die Burka unter Religionsfreiheit. Kein Grundrechtsträger muss sich von einem Gericht vorhalten lassen, sein Verhalten falle nicht unter Religionsfreiheit, denn man könne seinen Glauben ja auch anders leben. Es ist dabei völlig egal, ob es sich um eine akzeptierte religiöse Position oder um eine krude sektiererische Verirrung handelt. Die Religionsfreiheit schützt auch und gerade den religiösen Außenseiter.

    Ich weiß nicht, weshalb die Studentin eine Burka trug, die sie nach dem Gespräch mit der Unileitung wieder ablegte. Ich weiß nur eines: Ein Verbot, das Gesicht zu verhüllen, würde die Grundrechte von Frauen verletzen, die Ganzkörperschleier als Ausdruck ihres Glaubens und ihrer Identität tragen. Solche Frauen gibt es auch und deren Rechte gilt es zu schützen.

    @Hoppla

    *** Laut Autorin wäre es also durchaus akzeptabel im Bikini zur Vorlesung zu kommen oder gleich ganz nackt? Nein sorry, aber ich finde man sollte nicht zu naiv und leichtfertig mit dem Freiheitsbegriff umgehen, ansonsten ist sie ruckzuck abgeschafft!
    ***

    Nicht leichtfertig mit dem Freiheitsbegriff umgehen bedeutet auch, dass Grundrechte nicht leichtfertig eingeschränkt werden. Das Argument der Universität Gießen ist von der Zielsetzung des Studiums und vom akademischen Standpunkt unhaltbar. Mit einem unhaltbaren Argument Grundrechte einzuschränken ist nicht nur leichtfertig, sondern auch fahrlässig.

    *** Die Burka nimmt der Studentin die Freiheit gesehen und wiedererkannt zu werden. Es ist ein absolutes Kommunikationshemmnis und sowas muß von einer Uni nicht akzeptiert werden! ***

    Eine Universität überschreitet ihre Kompetenzen, wenn sie meint, kommunikationsunwillige und diskussionsscheue Studenten vom Unibetrieb ausschließen zu dürfen. Ein solcher Ausschluss bedarf einer guten Begründung, die nicht auf persönlichen Empfindungen und privaten Weltanschauungen beruht.

    @deniz

    *** onlinestudium hin oder her die prüfungen legt man nicht virtuell ab und da wird ein identitätsnachweis erwartet. mit niqab schwierig, oder? ***

    Bei Onlineplattformen wie Coursera finden Prüfungen virtuell statt. Dazu muss allerdings gesagt werden, dass die Zertifikate nicht zu einem formalen Abschluss angerechnet werden können. Sie belegen jedoch, dass die Studenten die Lernziele erreicht und den Lerninhalt verstanden haben.

    *** und dass man beim onlinestudium nicht direkt kommunizieren kann wird von vielen lehrstuhlinhaberinnen als problematisch angesehen. ***

    Ein berechtigter Einwand. Die direkte Interaktion zwischen Professor und Studenten weltweit ist nicht möglich. Allerdings trifft dieser Einwand eher auf Universitäten in den USA als in Deutschland zu. Deutsche Universitäten sind Massenuniversitäten, so dass direkte Kommunikation nur sehr eingeschränkt möglich ist.

    Der Vorteil von Online-Kursen ist ein anderer. Was in vielen Studiengebieten nicht klappt sind die klassischen Vorlesungen. Für die meisten Studenten sind sie zu schnell oder unverständlich. Studenten lernen am Besten, wenn sie selbst ein Problem lösen müssen. Sie können die Videos vor und zurückspulen, bis sie ihr Verständnisproblem gelöst haben. Vermutlich ist deswegen der Vorreiter, die kleinen Lehrvideos Khan Academy so ein Erfolg bei Schülern. Sie lernen in der Khan Academy, was sie im interaktiven Unterricht in der Schule nicht verstanden haben.

    *** laizismus ist darüber hinaus ein wichtiges gut. was eine private uni macht ist ja egal aber staatliche unis sollten als öffentliche einrichtungen die religionen draußen lassen – nicht nur den islam sondern auch die anderen religionen. ich empfinde auch ein großes umhängekreuz als unangemessen. ich gehe ja auch nicht mit csu-fahne oder spd-fahne zum unterricht. und religionen sind wohl ein noch deutlicheres statement als parteizugehörigkeit. ***

    Laizismus bedeutet nicht, dass die Bürger neutral sein sollen, sondern dass der Staat sich neutral bezüglich der Religion seiner Bürger verhält. Die staatliche Universität darf also nicht fordern, dass die erfolgreiche Teilnahme an Fächern wie beispielsweise „Einführung in die Lehren der katholischen Kirche“ Bestandteil jedes erfolgreich abgeschlossenen Studiums sein müssen. Die Religionsfreiheit als Menschenrecht bleibt im Laizismus weiterhin unangetastet.

    Nun ist die Universität kein religions- und weltanschauungsfreier Raum. Das zeigen die politischen Plakate des Asta, T-Shirts mit Che Guevara Aufdruck, Kreuze, Kippa, Kopftücher und eben auch in den seltensten Fällen Burkas. Das Gleichstellungsgesetz gestattet mir, auch in der Universität meine weltanschauliche und religiöse Anschauung als Teil meiner persönlichen Identität öffentlich zu machen, solange dadurch der universitären Ablauf nicht gestört wird.

    Die Universität Gießen bediente sich jedoch eines völlig anderen Arguments, um die Burka zu verbieten. Dieses Argument ist jedoch an den Haaren herbeigezogen. In der akademischen Lehre zählt nur das Argument und die Fakten, sonst nichts.

    Wer also die Burka verbieten möchte, muss nachweisen dass eine Burka unverhältnismäßig den Ablauf einer Universität beeinträchtigt. Dieser Nachweis wurde bisher nicht erbracht.

    @Bernd Schäfer

    *** Aber die Vorstellung, mich mit anonymen Menschen am Arbeitsplatz, in der Schule, der Universität oder sonstwo treffen und mit Ihnen arbeiten zu müssen, bereitet mir großes Unbehagen bis zu Angst. Ich glaube, dass ich es als freiheitsliebender,Offenheit liebender Mensch nicht ertragen könnte, nur noch mit gesichtslosen Nummern umzugehen, deren wahre Identität mir verschlossen bleibt. ***

    Es geht um die Teilnahme an ein Studium und nicht um die Zusammenarbeit mit Mitarbeitern an einem Arbeitsplatz. Es ist völlig in Ordnung, dass Sie Kommilitonen nicht ertragen, die Sie außerhalb Ihres privaten Wertesystems verorten. Ich denke, das geht vielen Menschen so. Und weil es vielen Menschen so geht, gibt es Grundrechte, damit sich nicht die stärkste Ideologie durchsetzt und sämtliche Minderheiten diskriminiert.

  7. Donkey Kong sagt:

    Ich denke, man sollte die Studentin NICHT ausschließen und sie in ihrer Kleidungswahl gewähren lassen. Ich habe generell was gegen (auch inoffizielle) Bekleidungsgebote. Eine moderne Gesellschaft muss sowas aushalten und tolerieren können, ja, mehr noch, es sollte nicht mal zur Debatte stehen. Die junge Frau hat sich dafür entschieden, sich gänzlich zu verschleiern. Ja und? Warum denn nicht? Und wer hier mit Vermummungsverbot kommt: eine Uni ist kein Kampfplatz. Sie setzt sich in die Vorlesung, nimmt an einem Seminar teil, schreibt ihre Prüfungen. Sicherlich, hier könnte es ein Problem geben: nämlich der Nachweis der Identität. Könnte aber leicht in einem Nebenraum von einer weiblichen Angestellten überprüft werden. Kein Thema also. Und gegen die guten Sitten (vgl. hier nackt oder im Bikini) verstößt es meines Erachtens ebenfalls nicht. Es wirkt befremdlich, es wirkt ungewöhnlich, es wirkt ausgrenzend, ja, aber das geht die anderen nichts an.

  8. Slub sagt:

    @Sanjay Patel

    Ich glaube, über die Burka wird, spätestens wenn dieses Phänomen sich stärker ausbreitet (was es im Moment ja noch nicht tut), einmal vom BVerfG eine Grundsatzentscheidung getroffen werden, dass es sich dabei um ein weltanschauliches Symbol handelt, welches nicht verfassungskonform ist, ähnlich wie völkisch-rassistische Symbole. Die Taliban fordern die Burka nicht umsonst unter Androhung von körperlicher Misshandlung oder Tod ein.

  9. Lionel sagt:

    Artikel 4 GG lautet:

    (1) Die Freiheit des Glaubens, des Gewissens und die Freiheit des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses sind unverletzlich.

    (2) Die ungestörte Religionsausübung wird gewährleistet.

    Ob das Tragen des Niqab durch Art. 4 GG geschützt ist, erscheint zumindest fraglich zu sein.
    Religionsausübuing in Abs. 2 meint im Kern den christlichen Gottesdiernst – nicht zu vergesessen, das GG ist 1948/49 verfasst worden.
    Oder analog die Gebetsversannlungen in der Moschee.
    Der besondere Schutz ein bestimmtes Kleidungsstück auch in bestimmten Einrichtungen öffentlichen Rechts tragen zu dürfen, ist hier sicherlich nicht gemeint.

    Auch aus Abs. 1 kann nicht zwingend explizit ein grundgesetzlicher Niqab-Schutz formuliert werden.
    Die Freiheit des Glaubens bedeutet einen bestimmten Glauben haben zu dürfen, oder eben nicht – und nicht mehr.
    Auch die Freiheit des religiösesn und weltanschaulichen Bekenntnisses weist lediglich auf eine Wahlfreiheit hin.

    Daher steht nicht jede individuelle und subjektive Handlung, die als religiös begründet wird – hier das Tragen des Niqab in einem nichtreligiösen Raum – unter dem Schutz des GG.

  10. XX sagt:

    Sehr geehrter Herr Patel,

    vielen Dank für diese sachliche Entgegnung des Zeit-Artikels. Ich stimme all ihren Gedanken vollkommen zu! Seit Tagen suche ich nach solchen wissenschaftlichen Erwiderungen, um auf die Äußerungen von Frau Sadigh zu reagieren. Ich, mündige Bürgerin eines freiheitlich demokratischen Staates, finde es beschämend und erniedrigend für einen Staat, der eigentlich die Würde des Menschen als unantastbar erklärt, ständig unter der Vormundschaft von Politik und Gesellschaft zu leben. Politischen Bildner, die mich während meiner schulischen Sozialisation begleiteten, vermittelten mir oft ein gänzlich anderes Bild von einer Demokratie. Eine Demokratie lebt auf der Basis der Kompromisslösung von unterschiedlichen Meinungsverschiedenheiten, deren Rahmen die Verfassung und das Grundgesetz bilden. Schade, dass nicht ’normale(siehe Artikel Sadigh)‘ Männer und Frauen dieses Landes immer wieder mit der Realität dieser demokratischen Streitkultur-was nicht passt, wird passend gemacht/bevormundet- konfrontiert sind. Glücklich und weiterhin optimistisch macht mich jedoch, dass ‚Anormale‘ wissenschaftliche Repliken verfassen können. Das Vertrauen in die Demokratie bleibt sowieso!


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