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Bei dem Lebensalter der ausländischen Arbeitnehmer wirkt sich das z. Z. vor allem für die deutsche Rentenversicherung sehr günstig aus, weil sie weit höhere Beiträge von den ausländischen Arbeitnehmern einnimmt, als sie gegenwärtig an Rentenleistungen für diesen Personenkreis aufzubringen hat.

Ludwig Kattenstroth, Staatssekretär im Arbeitsministerium, März 1966, Bundesvereinigung der Dt. Arbeitgeberverbände, 1966

Irgendwie unvollständig

Deutsch lernen ohne Aussprache (?)

Wie soll man eine Sprache sprechen, ohne zu wissen wie? Grammatik- und Wortschatzarbeit hilft hier nicht weiter. Eine professionelle Vermittlung der Aussprache ist hie die Lösung und führt sogar einen Schritt weiter.

VONLisa Göbel

 Deutsch lernen ohne Aussprache (?)
Die Verfasserin ist freiberufliche Aussprache- und Kommunikationstrainerin in Berlin. Schon im Laufe ihres Studiums der Sprechwissenschaft ergab sich die Möglichkeit, Kurse zum Thema Aussprache zu geben: So wurde die Phonetik zu ihrem Spezialgebiet und ist es auch geblieben. Mehr Informationen: www.sprichschoen.de

DATUM14. Mai 2014

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Eine Sprache lernt man zumeist aus zwei einfachen Gründen: Man möchte die Sprechenden verstehen und man möchte verstanden werden. Letztlich handelt es sich dabei um zwei Grundkompetenzen, die es ermöglichen, den Alltag in diesem zu bestreiten.

Das klingt simpel und erschließt sich schnell. Einen Schritt weiter gedacht, stehen Sprache (das Sprachsystem) und Sprechen (die Realisierung des Sprachsystems) jedoch in weiter reichenden Zusammenhängen: Sie sind Elemente der Identitätsbildung. Sie sind ein Teil eines Ganzen, über das man sich selbst definiert. Außerdem ermöglichen oder verhindern sie den Zugang zu bestimmten Kommunikationssituationen, womit auch der Zugang zu sozialen Gruppen innerhalb der Gesellschaft zusammenhängt. Bei der Sprache und dem Sprechen handelt sich also nicht nur um ein bloßes technisches Handwerkszeug zum Verstehen und Verstanden werden, sondern um ein Mittel zur Identitätsbildung und gleichzeitig um einen Türöffner zu diversen Kommunikationssituationen.

Besonders die Aussprache trägt in dieser Hinsicht einen wesentlichen Anteil daran. Schon innerhalb Deutschlands kann man am Beispiel von vielen Unterschieden wie Dialekten und Soziolekten (zum Beispiel Jugendsprache, Wissenschaftssprache, etc.) beobachten, wie unsere Aussprache als Instrument zur Identitätsbildung wirkt und wie sie uns Zugang zu bestimmten Menschengruppen ermöglicht oder erschwert. Obwohl in einer Gesprächssituation alle die gleiche Sprache – nämlich Deutsch – sprechen, entstehen Identifikationsgruppen, indem diese eine Sprache beispielsweise durch dialektale Einfärbungen auf unterschiedliche Weise ausgesprochen wird. Dabei ist niemand an eine bestimmte Gruppe gebunden, stattdessen besitzt jede/r schon innerhalb einer Sprache zahlreiche Identitäten, beispielsweise die einer Mutter, einer Wissenschaftlerin, einer Tochter, etc. In jeder dieser zahlreichen Rollen ist das verwendete sprecherische Repertoire unterschiedlich. Man passt es an die Konvention der jeweiligen Situation an. Gleichzeitig fällt eine Person ungewöhnlich auf, die sich in einer bestimmten Situation oder im Kontakt mit einer bestimmten Gruppe nicht an einen (ungeschriebenen) sprecherischen Verhaltenskodex halten kann oder will. Die Tücke in umgekehrter Richtung ist dabei: Wer den sprecherischen Gepflogenheiten einer Gruppe nicht folgen kann, sie also nicht versteht, ist zudem nicht kommunikationsfähig.

Für Menschen, deren Muttersprache Deutsch ist, stellt das bereits oft eine Herausforderung dar, für Deutschlernende umso mehr.

Ein Sprachunterricht, dessen Schwerpunkt auf der Vermittlung von Wortschatz und Grammatik liegt, vermittelt nötige Grundlagen. Ein Aussprachetraining geht einen Schritt weiter: Im besten Fall entwickelt sich dadurch der Umgang mit der Sprache vom mechanischen Abspulen zu einem natürlichen Umgang. Wer ein wirkliches Bewusstsein für die Laute und die Betonung des Deutschen hat, kann mühelos verstehen, was sein Gegenüber sagt und ist im Falle von Störungen wie Versprechern oder Störgeräusche fähig, Fehler innerlich zu korrigieren oder Lücken zu ergänzen. Dies ist der erste Schritt zur Kommunikationsfähigkeit und kann durch intensives Hörtraining erlangt werden. Dabei handelt es sich um keinen einfachen Prozess, da die Hörgewohnheiten, welche durch die Muttersprache gefestigt sind, aufgebrochen und um das Repertoire der deutschen Aussprache erweitert werden müssen. Doch nicht nur die Hörgewohnheiten, auch die Artikulationsgewohnheiten werden im Verlauf eines Aussprachetrainings erweitert. Die Wahrnehmung für die Artikulationsorgane und die Bildung von Lauten werden geschult und somit Feingefühl aufgebaut. Im besten Fall entsteht auf diese Weise eine sprecherische Flexibilität, die viele Möglichkeiten eröffnet (auf der sprecherischen und somit auch auf der sozialen Ebene).

Hierbei ist wichtig zu erwähnen, dass im Training zunächst die Standardlautung gelehrt wird, wie sie beispielsweise von RadiosprecherInnen und ModeratorInnen gesprochen wird. Das Ziel ist trotzdem nicht, das Sprechen zu normieren. Stattdessen soll durch Sensibilisierung und Kompetenzvermittlung die Möglichkeit der freien Wahl eröffnet werden: Die Lernenden können sich letztlich entscheiden, in welcher Situation sie auf welche Art sprechen wollen. Wer also in bestimmten Situationen aufgrund des Akzents nicht fremdkategorisiert werden möchte, ist dem nicht ausgeliefert. In anderen Situationen macht der Akzent vielleicht Sinn, zum Beispiel zur eigenen Identitätsbildung und deren Darstellung nach außen. Wer sich je nach Situation frei entscheiden kann, fühlt sich auch freier.

Ein Aussprachetraining erreicht also viel mehr als das pure Verstehen und sich verständlich machen. Es soll den Lernenden die Möglichkeit zur Identitätsbildung in der Fremdsprache Deutsch eröffnen und erleichtern. Varietäten des Deutschen werden leichter zugänglich. Auf diese Weise fallen viele Barrieren, die den Alltag und die Kommunikation erschweren.

Trotz dieser Argumente nimmt die Aussprache (wenn überhaupt) nur einen kleinen Teil in der Sprachlehre ein und wird selten als gleichwertiges Element neben der Grammatik und der Wortschatzarbeit wahrgenommen. Argumente gegen die Aussprache lauten oft Zeitmangel oder die Bewertung als nicht notwendige „Kosmetik“. Dahinter steht oftmals die fehlende Ausbildung der Lehrenden in der DaF/DaZ-Ausbildung. Phonetik wird dort nur am Rande behandelt. Somit stehen die Lehrenden vor einem ihnen tendenziell unbekannten Feld und haben Schwierigkeiten, es an ihre Lernenden weiterzugeben. Durch eine Erweiterung des Bewusstseins im Hinblick auf die Ausspracheschulung und (als Schlussfolgerung daraus) spezialisierte Fortbildungen und die Integration der Phonetik als wesentliches Element in der Sprachenlehre schon in der Ausbildung könnte dieses Problem behoben werden. Vorerst ist jedoch der Besuch eines Aussprachekurses neben dem Sprachunterricht eine gute Lösung.

Aussprachetraining – egal, ob in den Sprachunterricht integriert oder als zusätzliches Angebot – erweitert sowohl die Kommunikationsfähigkeiten als auch die Kommunikationsmöglichkeiten von Deutschlernenden maßgeblich. Und das sollte schließlich ein gemeinsames Ziel von Menschen mit Deutsch als Muttersprache und Deutschlernenden sein: Miteinander kommunizieren und sich bestmöglich verstehen.

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Ein Kommentar
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  1. […] oder vielleicht auch einmal ein deutsches Buch liest, wird schnell Erfolge hinsichtlich der Aussprache und der korrekten Schreibweise bemerken. Denn grundsätzlich gilt, dass der Mensch am besten lernt, […]



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