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Third Culture

Massaker bei Flamingos im Frankfurter Zoo

Grausam verstümmelt, bestialisch ermordet, Köpfe abgerissen/durchtrennt – das Massaker bei den Flamingos im Frankfurter Zoo zog zum Glück kein weiteres bei den Pinguinen nach sich. Warum nicht? Das lesen sie hier. Über Selbst- (gemachte) und Fremd- (gemachte) Bilder II.

„Massaker bei den Flamingos im Frankfurter Zoo“, hörte ich die seriöse Stimme des hr-Nachrichtensprechers aus dem Radio. Schnell drehte ich leiser, damit mein vierjähriger Sohn auf dem Rücksitz nichts davon mitbekommt. Das Wort „Massaker“ kennt er nicht und zum Glück war er gerade durch eine Baustelle abgelenkt. In diesem Alter möchten Kinder nämlich eine Erklärung für alles und für alle Wörter. Neulich fragte er mich: „Mama, was ist ein Prophet?“. Weiß der Himmel, wo er das gehört hat! Manchmal ist es eine erkenntnisreiche Herausforderung, Worte, Sätze und … ganz schnell mal die Welt zu erklären. An diesem Tag war ich aber wirklich nicht in der Stimmung, das Wort Massaker zu erläutern und schon gar nicht im Zusammenhang mit unseren Flamingos.

Pinkes Gefieder und superbuntes Wasserreis

Wir kennen bzw. kannten die Flamingos quasi persönlich! Erst vor Kurzem standen wir vor dem Flamingo-Gehege und ich erzählte meinem Sohn, dass Flamingos pink sind, weil sie in der Natur kleine rote Wasserkrebse und spezielle Algen fressen, deren Farbstoff sich in ihrem Gefieder ablagert. Daraufhin wollte er wissen, ob das der Grund ist, warum er kein superbuntes Wassereis bekommt. Damals lebten sie noch, die Flamingos. Jetzt liefen in meinem Kopf Kurzfilme mit dunklen Gestalten. Mit starrem Blick und Macheten in den Händen schlachten sie Nächtens auf grausame Art und Weise unsere Flamingos ab. Dicke Blutspritzer, blutroter Rasen und blutgetränkte Hände …

Wie B R U T A L – „Irre Tierhasser“!

An der Tankstelle schlugen mir just auch noch die Zeilen der Zeitung ins Auge, die immer Klartext schreibt: „Irre Tierhasser rissen drei der edlen Vögel die Köpfe ab …“ und „Grausam verstümmelt liegen die toten Vögel im Gras. Die einst edlen, schlanken Hälse sind zerquetscht oder gar durchtrennt. Unbekannte richteten ein Flamingo-Massaker im Zoo an. Das unfassbare Verbrechen geschah irgendwann in der Nacht …“ Wie B R U T A L! Die schönen Flamingos sind jeden Montag im Kinderturnen unsere Vorbilder für „Auf-Einem-Bein-Steh-Übungen“ – und nun? Endlich sagt‘s mal wieder einer, so wie‘s ist: Irre Tierhasser waren unterwegs! Eiskalt und grausam. Die sind halt so, die Psychopathen! Dann schob ich eine Musik-CD ein und wendete mich wieder unserem selten alltäglichen Alltag zu, der die „Flamingo-Killer“ verdrängte.

Jack the Flamingo-Ripper war …

Einige Zeit später bekamen wir Besuch aus Frankfurt. Der Zufall brachte uns auf das Thema Farbstoffe. So kamen wir auf die barbarisch getöteten Flamingos zu sprechen und ich erfuhr: „Jack the Flamingo-Ripper war laut Obduktionsbericht … ein Fuchs!“ Selbst die Polizei ging laut ihrer Pressemeldung davon aus, dass „ein oder mehrere bislang unbekannte Täter auf das Gelände des Frankfurter Zoos“ gelangten und dort insgesamt neun Flamingos töteten, „indem sie ihnen die Köpfe abtrennten bzw. schwere Stichverletzungen beibrachten“. Da waren wohl alle auf der falschen Fährte und haben umsonst beim Nachbarn nach blutigen Flamingofedern am Schuh geguckt.

Medien sind Medien

Hätte ich diese „Fuchs-Nachricht“ nicht durch Zufall erfahren, gäbe es in meinem Bewusstsein irgendwo noch immer ein gruseliges „Schweigen der Flamingos“. Erleichtert googelte ich – doch neugierig geworden – zum damaligen online Artikel der FAZ. Immerhin, jedoch erst in der Mitte des Artikels las ich: „Wer oder was die Tiere getötet hat, ist noch nicht klar. Während die Polizei von ‚einem oder mehreren bislang unbekannten Tätern‘ spricht, schließt (der Zoodirektor) Niekisch nicht aus, dass ein Fuchs oder ein anderes Raubtier, etwa ein Marder, die Vögel gerissen hat.“ Christine Kurrle vom Frankfurter Zoo erklärte mir dazu, dass zu Beginn „das Wundbild alle Möglichkeiten offen ließ“. Sowohl die Möglichkeit eines menschlichen Täters als auch die Tötung durch ein Tier. Neben die Aussage „ein Journalist ist ein Journalist ist ein Mensch“ (Hemingway) gesellt sich hier gut: Medien sind Medien sind Wirtschafts- und Interessenunternehmen. Mit Bildern wird Geld verdient, Meinung und Politik gemacht. Das wird auch immer so sein. Ist es aber auch nicht so, dass alle Meinungen ihre Berechtigung haben, damit wir uns perfekt definieren und den besten Weg für uns finden können?

Flamingo Massaker-Wachsamkeit

In diesem Fall ging es „ja nur“ um die irrtümliche Verdächtigung eines oder mehrerer Psychopathen. Es ist aber ein gutes Beispiel dafür, welche Bilder Medien kreieren können, die dann bleiben, weil man „das Ende“ nicht mitbekommt oder weil man nur die Schlagzeilen liest. Ich habe jedenfalls die Zeitungs- und Online-Artikel zum Flamingo-Drama abgeheftet und werde sie vielleicht mal meinem Sohn zeigen. Medien sind die wichtigste Quelle für Stereotypenbildung und -bestätigung. Ich kann meinem Kind hoffentlich beibringen, selbst und fremd gemachte Bilder nicht in Stein zu meißeln, sondern immer erfahrungsoffen zu sein. Sich eine Art humorvolle „Flamingo-Massaker-Wachsamkeit“ anzueignen.

(Unter uns, Leute)

Und übrigens, wäre es ein Flamingo mordender Psychopath gewesen, hätte der sich bestimmt seine Psychopathenkammer mit den vielen blutigen Massaker-Artikeln tapeziert. Und sobald das Medieninteresse nachgelassen hätte, wären die PINGUINE dran gewesen!

(Unter uns, Leute: Ich glaube, „Hassbuchschreiber“ machen das auch so.)