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Migration und Integration in Deutschland

Wir haben unsere Behörden über Jahrzehnte in eine Abschottungskultur hineinentwickelt. Man hat gesagt: Haltet uns die Leute vom Hals, die wollen alle nur in unsere Sozialsysteme einwandern. Jetzt müssen wir deutlich machen, dass wir Fachkräfte brauchen, dass wir um sie werben müssen.

Peter Clever, Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände, April 2013

Rattenschwänze und frittierte Hühnchen

Eine vietnamesische Mutter, ein Student und das Abenteuer mit den Ämtern

Unzählige Anträge wurden ausgefüllt und Dokumente eingereicht, die es eigentlich gar nicht gab. Eine Odyssee eines Studenten mit einer alleinerziehenden vietnamesische Mutter durch den berliner Behörden-Jungle – Sándor Namesnik erinnert sich.

VONSándor Namesnik

 Eine vietnamesische Mutter, ein Student und das Abenteuer mit den Ämtern
Der Verfasser (24) ist in Eberswalde (Brandenburg) in einer Patchwork-Familie mit ungarischem Vater und deutscher Mutter aufgewachsen. Nach dem Abitur zog es ihn nach Berlin, wo er Südostasienwissenschaften mit Fokus auf Vietnam und der vietnamesischen Sprache an der Humboldt-Universität studierte. Im Rahmen eines Auslandssemesters lebte er 2011 ein gut halbes Jahr in Hanoi. Derzeit studiert er an der Humboldt-Universität Geografie der Großstadt im Master.

DATUM17. April 2014

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Es war ein typischer grauer Januartag in Berlin. Einige Kommilitonen und ich saßen im Café „die Krähe“ im Hauptgebäude der Humboldt-Universität und tranken Kaffee. Wir redeten wie meist über Auslandsaufenthalte, Faulheit im Alltag und ungewisse Zukunft. Mein Auslandssemester in Hanoi war nun schon ein Jahr her und statt meine Pläne zu realisieren, mich in Berlin einzubringen und zu engagieren, saß ich eben in Cafés. Statt meine Vietnamesischkenntnisse zu nutzen, verlernte ich sie stetig.

An diesem grauen Januartag aber bekam ich einen Anruf. Während die Frau am anderen Ende mir ihren Namen nannte und mich fragte, ob ich Zeit hätte, wusste ich weder meinen Kopf so schnell auf Vietnamesisch umzustellen, um eine ordentliche Antwort hervorzubringen, noch fiel mir schnell genug ein, woher ich diese Person kannte. Dennoch willigte ich ein. Erst Minuten nach meiner Zusage fiel es mir wieder ein.

Ich erzählte meinen Kommilitonen von Linh Tran, die gerade mal ein Jahr älter ist als ich und mir im Sommer 2012 in einer E-Mail vorgestellt wurde: „Lieber Sándor, wir bedanken uns noch einmal herzlich bei dir, dass du dich bei uns angemeldet hast. Wir haben vor Kurzem von Frau Tran erfahren. Sie ist hochschwanger und kommt zu einer Beratung zu uns. Kannst du auch kommen, um zu übersetzen?“

Das Kennenlernen mit Linh
Ja, so habe ich Linh kennengelernt. Es war ein Freitagmorgen um 10 Uhr in der Oranienstraße in Berlin-Kreuzberg in einer Bäckerei, als wir uns das erste Mal trafen. Während wir auf den Termin bei der Beratungsstelle warteten, hielten wir Smalltalk. Ich verstand nicht alles. Sie kam aus Hai Phong, einer Hafenstadt im Norden Vietnams. Fünf Jahre arbeitete sie als Nageldesignerin in Tschechien. Dann wurde sie schwanger. Der Erzeuger des Kindes – verheiratet mit einer anderen Frau und Vater – komplimentierte sie nach Berlin.

Vom Amtstermin – es ging um Kostenübernahmen bei schwangerschafts- und geburtsbedingten Arztterminen und Krankenhausaufenthalten – blieb nicht viel im Gedächtnis. Ich weiß nur, dass ich sehr enttäuscht war. Ich hatte den Eindruck, nicht helfen zu können und ärgerte mich über meine zunehmend mangelhaften Vietnamesischkenntnisse. Und darüber, dass ich eigentlich nur an das Fußball-Länderspiel der deutschen Nationalmannschaft am Abend dachte. Bier, Freunde und Fußball besiegten die Enttäuschung über diesen ersten bescheidenen Versuch, mich sozial zu engagieren.

Knapp zwei Jahre später
Linh lebte immer noch in Berlin. Ihre Duldung muss wohl verlängert worden sein und mehr noch: Sie hatte ihr Kind hier bekommen. Dieses musste schon an die 6 Monate alt sein. Jetzt wollten wir uns also ein zweites Mal treffen.

Direkt unter den S-Bahn Gleisen in Berlin-Spandau stand ich nun wie alle anderen, ein belegtes Brot in der linken und einen kleinen Kaffee in der rechten Hand. Normalerweise drehe ich mich um diese Zeit noch einmal aufs andere Ohr. Stattdessen hatte ich schon eine Stunde S-Bahnfahrt hinter mir. Linh und ich begrüßten uns sehr distanziert, sehr schüchtern, unwissend, worüber wir reden sollten. Ein kleiner flüchtiger Blick in den Kinderwagen zeigte mir, dass sie noch schlief, die kleine Tina Bich Thu. Linh erzählte mir, was sie vom Bürgeramt wollte. Und ich fühlte mich fast ohnmächtig. „Natürlich, das mit dem Übersetzen kriegen wir schon irgendwie hin….“ An mehr dachte ich auch nicht. Aber nun sollte ich behilflich sein, die kleine Tina zu einer Deutschen zu machen und so über das Schicksal dieser Zwei-Personen-Familie mit zu entscheiden. Es begann eine Odyssee, die ein Jahr andauern sollte.

Regelmäßig musste ich nun an Tagen, in denen ich nicht in die Uni, nicht zur Arbeit gehen brauchte, den Weg nach Berlin-Spandau auf mich nehmen. Linh wartete praktisch auf Tage, an denen ich frei hatte. Nach Stunden des Wartens in den eigentlich ganz schön anzusehenden Hallen des Spandauer Rathauses, nach peinlichem Füllen dieser Stunden mit Gesprächen über Studium, Familie und Vietnam, nach mehrmaligem Hin-und-her-geschickt-worden-Seins zwischen Bürger- und Standesamt, nach eben so vielen Anfragen an den leiblichen deutschen Vater Tinas, der Vollmachten abzugeben und dringend benötigte Unterlagen des Standesamtes einzureichen hatte, nach überhaupt endlosen Gesprächen mit den Frauen hinter den Schreibtischen, die nicht verstanden, weshalb Tina bei der Mutter wohnt, aber dennoch den Nachnamen des Vaters trägt („ach wissen Sie was, in Vietnam ist das halt so“), erfuhr ich etwa einen Monat nach unserem zweiten Treffen im S-Bahnhof per SMS, dass Tina den deutschen Pass bekommen hatte. Jetzt konnten die nächsten Schritte angegangen werden: Linh wollte Deutsch lernen und Tina sollte in den Kindergarten.

Losgetreten
Wir wussten nicht, was wir damit lostreten würden. Wir hatten keine Ahnung, wie kühn diese lapidaren Wünsche waren, welches Unheil sie mit sich bringen würden, welch Geduld und langen Atem sie erfordern würden. Um an einen Deutschkurs teilnehmen zu können, brauchte Linh noch eine Sozialversicherungsnummer, eine Steuer-ID, eine Krankenversicherung, Sozialgeld, Kindergeld, Elterngeld. All das musste beantragt werden. In jedem Computer von Finanz-, Bürger-, Standes- und Jugendamt mussten Linhs Name und der ihrer Tochter erst mal eine anerkannte, registrierte Zahl werden. Für das Jobcenter und die Krankenkasse mussten Anträge ausgefüllt, weitere Unterlagen besorgt, Umstände erklärt werden. Nie werde ich das sprachlose Gesicht der Frau im Jobcenter vergessen, als wir ihr begreiflich machen wollten, warum einige Felder im Antrag für Sozialgeld einfach nicht ausgefüllt werden konnten. „Worin bestand das vorherige Einkommen der Bezugsgemeinschaft?“ Der SGB II Antrag schien nicht gemacht für eine vietnamesische Nageldesignerin mit abgelaufenem Arbeitsvisum für Tschechien, schwanger von einem verheirateten Mann, der ihr sagte, in Berlin ließe sich ein Kind einfacher großziehen. Eine Frau, die das gesamte Jahr nach der Einreise bei Freunden und Bekannten untergebracht war und alles Lebensnotwendige von diesen Menschen vorgestreckt bekam. Auch das Feld des Unterhaltes gestaltete sich schwierig. Wie ich vermutet hatte, bezog sie keinen formalen Unterhalt vom leiblichen Vater. Der war immer da, wenn es brenzlig wurde und half mit Geld, Lebensmitteln oder Windeln aus. Aber wie sollten wir nun diese Anträge ausfüllen? Wir überschlugen einfach einen monatlichen Schätzwert und füllten ihn in das Feld für den Unterhalt.

Weiter ging es zum Jugendamt, wo wir weitere Antragsformulare für Eltern- und Kindergeld bekamen. Wir nahmen sie mit zu ihr nach Hause und versuchten sie auszufüllen. Linh bereitete gegrillten Tintenfisch zu, während ich versuchte, aus dem Behördendeutsch schlau zu werden und die aufgebrachte, übermüdete Tina zu beruhigen. Wieder brachten mich die Anträge an meine Grenzen. Unterlagen, von dessen Existenz ich nie wusste, sollten wie selbstverständlich beigefügt werden. Bei manchen Dokumenten – ich vergaß längst, um welche es sich handelte – wusste ich nicht einmal, wo man sie herbekommt. Bei anderen war es frustrierender. Zum Beispiel bei dem Schreiben des Standesamtes, das die deutsche Staatsbürgerschaft Tinas bestätigte. Dieses wird nur einmal als Original ausgehändigt und ist extra für das Jugendamt gedacht. Durch vorheriges Abgeben beim Jobcenter war es aber nicht mehr da. Außerdem stieß ich immer wieder auf Felder, die durch Linhs besondere Situation einfach nicht anzukreuzen waren. Für einen anderen Punkt mussten wir den leiblichen Vater Tinas einen handschriftlichen Zettel schreiben lassen, in dem er versichert, dass er regelmäßig unseren zuvor erfundenen Betrag an Unterhalt zahlt. Die Steuer-ID Nummer von Linh, die wir einfach online beantragen konnten, die aber Wochen benötigte, per Brief einzutreffen, gaben wir wie nachträglich beim Pförtner im Briefkasten ab.

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