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Migration und Integration in Deutschland

Die Qualität einer freiheitlichen Gesellschaft bewährt sich nicht zuletzt darin, wie mit Minderheiten umgegangen wird und wie sich Minderheiten in einer Gesellschaft fühlen.

Wolfgang Schäuble, Rede zur Amtseinführung des Beuauftragten für Auslandsdeutsche, Februar 2006

Kanaken schnacken – Deutsche unter sich

Der Name ist Programm!

Was passiert, wenn ein deutscher Wissenschaftler und ein deutscher Kabarettist sich auf Kneipentour begeben? Natürlich. Viele andere Deutsche schließen sich den beiden an, Lehrer, Polizisten – die neue MiGAZIN Kolumne von Aladin El-Mafaalani und Fatih Çevikkollu.

VONEl-Mafaalani & Çevikkollu

 Der Name ist Programm!
Aladin El-Mafaalani, Dortmunder, Professor für Politische Soziologie in Münster. Fatih Çevikkollu, Kölner, Schauspieler, Kabarettist und Buchautor

DATUM17. April 2014

KOMMENTARE14

RESSORTAktuell, Meinung

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Ohne uns persönlich zu kennen, verabredeten wir uns vor einiger Zeit zu einer Kneipentour. Wissenschaft trifft Kabarett – und genau so war es. Wir sprachen kurz über unsere Heimatstädte, Dortmund und Köln, ganz kurz über die Situation in den Herkunftsländern unserer Eltern, Syrien und Türkei, aber hauptsächlich über die üblichen Themen: Arbeit, Familie, Fußball und die Lage der Nation.

Wir scheinen dabei einen offenen Eindruck gemacht zu haben, kontinuierlich stellten sich Menschen zu uns und diskutierten mit. Die Kneipentour entwickelte sich nach und nach zu einer Milieustudie. Diese vielen verschiedenen Gespräche gingen früher oder später in dieselbe Richtung: „Wenn doch alle so wären wie ihr“. In den Gesprächen musste notgedrungen darüber gesprochen werden, was mit „alle“ und wer mit „ihr“ gemeint ist. Mit Bier und Zigarette lässt sich das Ganze sehr entspannt diskutieren.

Ein Mann fragte etwas unbeholfen: „Darf ich euch zuhören?“ Und er durfte sogar mitreden. Irgendwann kam, was kommen musste: „Du hast eine ganz andere Kultur“. Gegenfrage: „Wie hast du das denn jetzt festgestellt?“ Reaktion: Stottern. Der Gesamtschullehrer wagte einen neuen Anlauf: „Ich meine, ihr könnt euch doch viel besser in die jungen benachteiligten Migranten hineinversetzen.“ Nachdem er ausführlich und in politisch korrekter Sprache geschildert hatte, was für Probleme seinen Schulalltag prägen, musste einer von uns beiden resümieren: „Du machst deinen Job seit 10 Jahren und redest so, als wärst du Berufseinsteiger. Du kannst doch nicht ernsthaft glauben, dass einer von uns das besser könnte als du, nur weil wir schwarze Haare haben! Ich glaube, du hältst von deinem eigenen Berufsstand weniger als ich.“ Zu unserer Überraschung hat uns der Studienrat für diesen kritischen Einschub eine Runde Schnaps spendiert – er hat es genau so verstanden, wie es gemeint war: kritisch und anerkennend zugleich.

Im Laufe des Abends kam ein junger Polizist, vielleicht Mitte 20, dazu. Er fand uns offenbar derart nett, dass er uns ganz unverfroren über sein Tätigkeitsfeld berichten musste: Er beschäftige sich mit Roma. Und er klärt uns in gutem Beamtendeutsch auf: Je nach Herkunftsregion hätten sich Roma auf eine andere Form der Kriminalität spezialisiert. Aber mehrfach betont er: „Alle Roma sind so, die sind einfach so. Das ist zum Kotzen!“ Einem von uns wird es zu bunt: „Hör mal, wir können darüber reden, ob ihr unterbesetzt seid, ob Polizisten Supervision benötigen oder so, aber du kannst dich nicht darüber beschweren, dass du als Polizist mit Verbrechern zu tun hast. Und so menschenverachtend über eine ganze Gruppe zu sprechen und zu denken, ist echt keine gute Lösung.“ Er lacht und erwidert plump: „ Sozialromantik, hör auf, das ist Sozialromantik!“ Ein Begriff, den man des Öfteren auch von bekannten Polizeifunktionären hört und der offenbar genauso zur Ausbildung bzw. Einsozialisation in den Beruf gehört, wie das Racial Profiling. „Woran soll man denn sonst entscheiden, wen man kontrolliert?!“, stellt der Jungpolizist rhetorisch fragend in den Raum. Wenn wir ehrlich sind, entstand bei uns der Eindruck, als würde sich die Polizei zu einer lupenreinen Parallelgesellschaft entwickeln – oder war sie das schon immer? Zuletzt kommt aber die Erlösung, naja, unsere Erlösung: „Ihr seid voll korrekt!“ Überhaupt seien Türken nicht mehr das große Problem, stellt er altklug fest.

Wir konnten wahrnehmen, was unser Bundesinnenminister kürzlich auch festgestellt hatte: Das Reden über Migration und Integration ist seit der Sarrazin-Debatte ehrlicher geworden – ja, genau: ehrlicher! Der selbsternannte Kritiker des Tugendterrors hat selbst eine Tugend gefördert. Und wir wissen, Ehrlichkeit ist nicht immer schön. Im Gegenteil: In manchen Kontexten ist Ehrlichkeit das Gegenteil von Höflichkeit, manchmal sogar das Gegenteil von Vernunft. Aber in jedem Fall weiß man, woran man ist.

Und wir sind ganz offenbar die Gewinner einer Ausgrenzungspraxis. Jung, aber nicht zu jung. Exotisch, aber nicht zu sehr. Akzentfrei, aber mit regionalem Dialekt. Trinken gerne Bier, manchmal auch viel. Gute Zuhörer, sehr gute. Unsere Gesprächspartner haben uns deutlich gemacht, dass wir erwünscht sind. Was nett gemeint war, ist doch ganz bemerkenswert: Während wir selbstverständlich da sind, weil wir nie woanders waren, besteht das Bedürfnis, uns willkommen zu heißen. Während wir beide – wie unzählige andere – längst (in) Deutschland mitgestalten, wird uns mitgeteilt, dass wir dazugehören (dürfen). Hinz und Kunz sehen sich auf der Grundlage optischer Merkmale wie selbstverständlich zu Juroren avanciert. Wobei unser Erscheinungsbild noch deutlich zugänglicher ist als unsere (Nach-)Namen.

Aus Fatih Çevikkollu und Aladin El-Mafaalani lässt sich auch nicht ohne weiteres ein griffiger Kolumnentitel ableiten. Daher wird das Programm zum Namen: „Kanaken schnacken: Deutsche unter sich“. Der humorvollere von uns beiden kam auf den ersten Teil des Namens, der andere ergänzte passend. Dem Trend zur Ehrlichkeit folgend geht es auch in den nächsten Folgen schonungslos weiter, Thema: „Der Türke als Teilzeitdemokrat“.

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14 Kommentare
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  1. deutscher staatsbürger sagt:

    Wissenschaft trifft Kabarett find ich super. So wenig Text sagt so viel. Einfach mal tief durchatmen, locker machen, nochmal lesen, Vorurteile abbauen, ganz umsonst, wo gibt’s denn so was, danke euch beiden. Ich habe es mit Genuss konsumiert und freu mich schon auf den Teilzeitdemokraten.

  2. Kosmopolit sagt:

    Ich will hier selber nicht pauschalisieren, aber es fällt schon auf, dass die Polizei in vielerlei Hinsicht ethnisch kategorisiert. Oft werden bestimmte „Kapitalverbrechen“ mit bestimmten Volkszugehörigkeiten in Verbindung gesetzt. Neben wir als Beispiel die Prostitution. Sie wird ausschließlich mit Osteuropa problematisiert. Drogen mit Nordafrika & Roma mit Diebstahl/Einbruch/Bettelei. Was und vor allem wie innerhalb der Polizei diskutiert wird, gibt einen zu denken. Ähnlich wird gerade hitzig in Leserbriefen und polizeilichen Gewerkschaftsblättern diskutiert (oder eher festgestellt), dass Muslime vollständig und kategorisch Frauen als Polizeibeamtinnen ablehnen, das sogar die Ablehnung an sich ein klares Indiz dafür ist, dass dein Gegeüber Muslim ist. Das viele Polizeibeamtinnen und -beamte selber Muslime sind & eine Zuwanderungsgeschichte haben, wird ausgeblendet. Nun ja, vielleicht ist das ja alles „Sozialromantik“!

  3. Lynx sagt:

    Alkohol trinkende und Kneipen besuchende Mitbürger türkischer oder arabischer Herkunft – mit muslimischem Hintergrund – sind bei uns deutschen Muslimen nicht willkommen – nicht wegen ihrer Herkunft, sondern wegen ihres sündigen Lebenswandels.

  4. Ana sagt:

    Genial. Ich habe es ebenfalls sehr genossen, es zu lesen. Musste trotzdem heulen und freue mich aufs Nächste! Klingt richtig vielversprechend. 🙂

  5. Wendy sagt:

    @Lynx – ich wußte gar nicht, dass Sie zum Sprecher der „Deutschen Muslime“ ernannt wurden. Wo is denn ihre Ernennungsurkunde?
    Ob ein Muslim sich an die Regeln (ich sage extra nicht Gesetze, denn die stellt der GESETZGEBER auf, keine Religion) seiner Religion hält oder nicht ist seine eigene Entscheidung. Jemanden deswegen „nicht willkommen“ zu heißen zeigt eher eine kleingeistige Haltung. Ich hoffe inständig, dass sie da ein Einzelfall unter den von Ihnen genannten „Deutschen Muslimen“ sind.

    Davon abgesehen – wenn ich in einem arabischen Land geboren werde bin ich nahezu überall „automatisch“ Muslim, auch wenn ich keiner sein will. Gerade Muslime die hier hermigrieren taten dies oft weil sie mit dem besthenden System nicht einverstanden sind.

    Ein Mensch ist immer noch Mensch, ich heiße hier jeden Willkommen der sich an geltendes Recht und humanistische Werte hält.

  6. aberbitte sagt:

    @Lynx
    Scherzkommentar oder ernst gemeint? Falss Scherz: Ironie funktioniert im Internet nicht (zuzmindest hier ommt sie nicht rüber).

    Falls ernst gemeint: Bitte sprechen Sie doch nur für sich. Ihre Intoleranz gegenüber Anderen ist ja erschreckend. Warum sollen „Alkohol trinkende und Kneipen besuchende Mitbürger türkischer oder arabischer Herkunft – mit muslimischem Hintergrund“ keine deutschen Muslime sein?
    und woher nehmen Sie sich die Dreistigkeit, für alle deutschen Muslime zu sprechen?

    Vermutlich ist ein großer Teil deutscher Muslime sehr wohl tolerant eingestellt und lässt andere Menschen sein, wie sie wollen, solange es dies nicht Andere beeinträchtigt. Ich habe eine solche intolerante Haltung, wie Sie sie zum Ausdruck bringen, bislang zum Glück nur selten erleben müssen.

  7. Richard Reiser sagt:

    Bezeichnen sich selbst als Kanaken und beschweren sich, nicht als Deutsche wahrgenommen zu werden. Aua!

  8. Mika sagt:

    Polizisten leben ja auch immer in ihrer eigenen Parallelwelt: sie lernen ja rein beruflich nur Migranten mit kriminellen Machenschaften kennen und schlussfolgern, dass alle so sind! Wer von denen hat denn bitteschön privat auch mit Migranten zu tun? Es sind recht wenige! Hinzu kommt das immer wiederkehrende mediale Vorkauen von den ach so schrecklichen Migranten und perfekt ist das Bild vom kriminellen Ausländern!

  9. Kosmopolit sagt:

    Das wir alle durch unseren Beruf maßgeblich beeinflusst werden, ist sicherlich kein Geheimnis. Die intellektuelle Leistung liegt darin sich objektiv mit diesen Einflüssen auseinanderzusetzen. Tatsächlich diktiert der Notruf in vielerlei Hinsicht die Weltsicht vieler Polizistinnen und Polizisten und das ist schade. Diesen Umstand – supervision hin oder her – muss man ansprechen und thematisieren.

  10. u. h. sagt:

    Großartig!

    Kitzelt die Kneinpenbesucher, daß sie sagen, was sie denken, und dann werden sich Deutsche und Muslime (was für eine schrecklich falsche Gegenüberstellung) am Ende besser verstehen können. Und wenn Ihr merkt, daß Ihr den Kneipenbesuchern intellektuell überlegen seid – laßt es sie nicht arrogant merken, sondern redet mit ihnen, wir Leser der folgenden Kolumnen werden es Ihnen danken, auch Ihren Gesprächspartnern.

    Weiter so, viel Erfolg, und allen Lesern Erkenntnisgewinn!

    Ach so, fast hätte ich es vergessen: Ich wünsche Ihnen viel Spaß bei Ihren Kneipengesprächen.


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