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Gefahr!

Inflationärer Gebrauch der Begriffe Antisemitismus und Rassismus

Sind die Begriffe Antisemitismus und Rassismus durch ihren inflationären Gebrauch konturlos geworden? Dieser Meinung ist jedenfalls der Frankfurter Erziehungswissenschaftler Micha Brumlik. Auf einer Fachtagung in Köln referierte er über die Chancen und Grenzen der Erziehungsarbeit.

Gesellschaftliche Werte und Bezugspunkte ändern sich mit der Zeit. Die Frage „War dein Opa Nazi oder nicht?“ bietet für rassismus- und antisemitismuskritische Bildungsarbeit in Deutschland kaum noch Anknüpfungspunkte, denn familiäre Bezüge zum Nationalsozialismus sind mittlerweile so gut wie passé. Das sagte der emeritierte Frankfurter Erziehungswissenschaftler Micha Brumlik auf einer Fachtagung in Köln.

Brumlik arbeitet jetzt als Senior-Advisor am Zentrum für jüdische Studien Berlin/Brandenburg. Er stellte die These auf, die Begriffe Antisemitismus und Rassismus seien durch ihren inflationären Gebrauch konturlos geworden: „Wir müssen uns bemühen, diese Begriffe noch einmal zu schärfen vor dem Hintergrund einer globalisierten Gesellschaft, in der die Sensibilität für Ungerechtigkeiten aller Art deutlich gewachsen ist.“

Wandlungen des Begriffs „Antisemitismus“
Zur Wandlung des Begriffs „Antisemitismus“ im gegenwärtigen Diskurs führte er aus: „Es gibt Verschiebungen bei dem, was wir als Antisemitismus bezeichnen von den Rothschilds zum Staat Israel.“ Im 19. Jahrhundert haben Antisemiten das Bankhaus Rothschild mit seinen finanziellen Transaktionen stellvertretend für alles „Jüdische“ gebrandmarkt. Heute beziehen Antisemiten sich häufig pauschal auf den Staat Israel als vermeintlichen „Gesamtjuden“, um ihre Vorurteile zu bedienen. Differenzierungen gehen dabei unter. Und, so Brumlik: „Antisemitismus hat kaum oder wenig mit realem Verhalten von Juden zu tun.“ Aufgabe und Lernziel einer neu ausgerichteten kritischen Pädagogik sei es daher, politische Ereignisse und Verantwortlichkeiten von Menschen zu entkoppeln von ihrer Religion, Nationalität oder anderen konstruierten Zugehörigkeiten.

Vom Hautfarbenrassismus zum Neo-Rassismus
Der Hautfarbenrassismus etwa habe seinen Ursprung in der Sklaverei des 16. Jahrhunderts, sagte Brumlik, als christliche Kolonialisten in Lateinamerika in einem „moralischen Dilemma“ steckten: Einerseits plagte sie ihr Gewissen angesichts der Massaker an den Ureinwohnern, andererseits brauchten sie aber Arbeitskräfte für die Ausbeutung der Minen. „Und so hat man entdeckt, dass es da vielleicht in Afrika menschenähnliche Wesen gibt, die aber faktisch keine Menschen, sondern Untermenschen sind und die man deswegen mit einem etwas besseren Gewissen auch als unfreie, unwürdige Arbeitstiere verwenden kann, die sogenannten Neger“, erläuterte Brumlik.

Der transatlantische Sklavenhandel habe dann auch Bewusstsein und Unbewusstes von Gesellschaften geprägt, die selbst nicht am Sklavenhandel beteiligt waren. So seien deutsche Kolonialisten verantwortlich für den Völkermord an den Herero 1904 bis 1908 im heutigen Namibia. Damals wurden 85 000 Menschen umgebracht. In diesem Zusammenhang erinnerte Brumlik auch an die wenig bekannte Diskussion um Kinder, die seit dem Ende des Ersten Weltkriegs bis zur Zeit des Nationalsozialismus als „Rheinland-Bastarde“ beschimpft wurden, weil sie in der damals französisch besetzten Region lebten und einen schwarzen Vater und eine weiße Mutter hatten.

Das Problem sei die im Rassismus der letzten 30, 40 Jahre verfestigte Zuschreibung von solchen Zugehörigkeiten, die angeblich biologisch vererbt und unveränderbar seien. „Mittlerweile wissen wir“, erklärte Brumlik, „dass es einen Neo-Rassismus gibt, kulturalistisch gewendet, der Menschen auf ihre Herkunftskultur, die angeblich auch unveränderlich ist, festschreibt.“

An die Stelle eines direkten, auf Schuldverdrängung basierenden Antisemitismus seien heute zwei aktuellere Diskriminierungsformen getreten, so die Karlsruher Pädagogikprofessorin Astrid Messerschmidt. Da gibt es zunächst den Antisemitismus der neuen bürgerlichen deutschen Mitte, der auf Freiheit fokussiert und sich zum Beispiel in der Debatte um Thilo Sarrazins jüngstes Buch „Der neue Tugendterror“ zeigt, in dem dieser angeblich aufgestellte Denkverbote thematisiert. Die zweite Form sei ein Antisemitismus der Gleichheit, der vor allem von benachteiligten und diskriminierten Gruppen junger Migranten ausgeht. Auf diese Entwicklung sollten Bildungsträger sich einstellen. Schließlich kämen in den großen Städten in den nächsten fünf Jahren 50 Prozent der Kinder und Jugendlichen aus migrantischen Familien – mit einer völlig anderen Vorgeschichte als Herkunfts-Deutsche.

Neue Maskeraden des Ressentiments
In der Bildungsarbeit mit jüngeren aus migrantischen Milieus stammenden Jugendlichen wird man sich, so Brumlik, mit der Besatzungspolitik Israels befassen müssen, da sie ein besonders medienwirksames Beispiel für postkoloniale westliche Machtausübung darstellt. Dabei helfe es wenig, zu sagen: „Na ja – verglichen mit dem, was in Syrien oder im Kongo oder in Mali stattfindet, ist das doch gar nichts: Bitte nicht so aufregen!“

Vielmehr gelte es, „hinter den neuesten Maskeraden des Ressentiments die alten Muster des Hasses zu zeigen“. Er nannte drei Anhaltspunkte nach Nathan Scharansky. Erstens gibt es die „Dämonisierung“, d. h. politische Handlungen Israels werden extrem negativ bewertet – etwa durch Gleichsetzung mit nationalsozialistischen Praktiken, was immer wieder passiert.
Ein weiteres Indiz sei der „doppelte Standard“, d.h. Israel wird etwas angekreidet, was anderswo hingenommen wird – etwa wenn die Besiedelung von Teilen der Westbank durch Israel kritisiert wird, ohne zugleich die Annexion Tibets durch China anzuprangern. Brumlik gibt hierbei zu bedenken, dass man ganz auf Kritik verzichten müsse, wenn man jedes Mal, wenn man ein bestimmtes Unrecht anspricht, noch mitteilen muss, was es sonst noch alles gibt. Als dritten Anhaltspunkt für antisemitische Ressentiments nannte er „Illegitimation“, d.h. dem Staat Israel wird die Existenzberechtigung abgestritten. Das verbiete sich als unbegründbar.

Lernziele
Für eine Bildungsarbeit, die sich im Zeitalter der Globalisierung gegen Antisemitismus und Rassismus wendet, benannte Brumlik fünf Lernziele. Notwendig sei erstens eine „sensibilisierende Solidarität mit allen Opfern“ und damit verbunden zweitens eine „unnachsichtige, aber um so genauere Kritik an allen Tätern, Tätergruppen und den sie tragenden gesellschaftlichen Strukturen“. Speziell für die Bundesrepublik gelte es drittens, bewusst eine staatsbürgerliche Verantwortung für die deutsche und europäische Geschichte zu übernehmen, wobei es jetzt überhaupt nicht mehr um Schuld gehen könne.

Als viertes Lernziel nannte Brumlik „Menschenrechtsbildung“. Er plädierte dafür, Kurse zu Themen anzubieten, die vermitteln, was die Menschenrechte heute in dieser Weltgesellschaft bedeuten. Dabei müsse man fünftens alle „Diskriminierungen ansprechen – Besatzungspolitik genauso wie Sklavenhandel“. Der transatlantische Sklavenhandel, der den Hautfarbenrassismus ermöglichte, wäre ohne den islamischen Herrschaftsbereich überhaupt nicht möglich gewesen, konstatierte Brumlik. Das belegten auch afrikanische Wissenschaftler wie der senegalesische Anthropologe Tidiane N’Diaye, der in seinem Buch „Der verschleierte Völkermord“ die Geschichte des moslemischen Sklavenhandels in Afrika beschreibt. Sodann sei – bei allem Verständnis für die Sicherheitsinteressen Israels – nicht zu übersehen, dass die Gründung und Konsolidierung des Staates auf ethnischen Säuberungen und nach 1967 auf fortgesetzten klassisch kolonialen Praktiken beruhen.

Die Bildungsarbeit müsse folglich darauf hinweisen, dass auch der islamische Kulturbereich seinen Beitrag zum Rassismus geliefert hat, womit sich jede Verklärung des Islam als einer Kultur der Gleichheit und Freiheit ebenso verbietet wie eine pauschale Verächtlichmachung. Ebenso dürfe man nicht ignorieren, dass auch Juden kolonialistischer und rassistischer Einstellungen und Praktiken fähig sind, aber das nicht pauschal dem „Judentum“ ankreiden.

Brumliks Fazit: „Das Lernziel unserer Arbeit kann nur sein: Menschenrechtsbildung und Bildung zu Weltbürgern.“ Der Widerspruch zwischen einer antisemitismuskritischen und einer postkolonialen Bildungsarbeit lasse sich nur aufheben, wenn die Ebene einfacher moralistischer parteilicher Stellungnahmen verlassen und eine weltbürgerliche Perspektive und Verantwortung angestrebt wird. Globalisierung und Migration, so Brumlik, haben in der Bundesrepublik Deutschland eine Situation geschaffen, die mit der deutschen Vergangenheit relativ wenig zu tun hat. Diese neue Ausgangssituation muss in der Bildungsarbeit erst einmal erkannt und anerkannt werden. (awo)