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Mindestens 23.000 tote Flüchtlinge seit dem Jahr 2000

Das Bootsunglück vor der Küste der Insel Lampedusa im Oktober 2013 ist noch in bester Erinnerung. Der Tod von etwa 390 Flüchtlingen hatte europaweit eine Diskussion über die europäische Flüchtlingspolitik ausgelöst. Die Vorstellung darüber, dass die Abschottungspolitik der Europäischen Union (EU) so vielen Menschen das Leben gekostet hatte, war groß.

Dabei gilt als sicher, dass Lampedusa nur die Spitze des Eisbergs ist. Wie viele Menschen die Flüchtlingspolitik der EU tatsächlich auf dem Gewissen hat, ist nicht bekannt. Tote Flüchtlinge, die an den Küsten angespült werden, werden in der Regel anonym bestattet. So bleiben die Folgen der europäischen Abschottungspolitik im Dunkeln. Weder die EU noch die Bundesregierung zeigen ein Interesse daran, eine Statistik zu führen.

23.000 Tote und Vermisste
Lediglich das UN-Flüchtlingswerk UNHCR gibt in regelmäßigen Abständen Schätzungen zu Todesfällen ab, das Interviews mit Überlebenden, Telefonanrufe und E-Mails von Angehörigen auswertet. Darüber hinaus veröffentlicht der italienische Journalist Gabriele del Grande auf Medienberichten basierende Schätzungen auf dem Blog „Fortress Europe“. Von ihm stammt auch die Zahl der 19.000 Toten seit 1988.

Wie ein neues, journalistisches Datenbankprojekt nun offenlegt, liegen die bisherigen Schätzungen jedoch weit unter den tatsächlichen Zahlen. Die Neue Zürcher Zeitung, die an dem Projekt beteiligt ist, nennt die Zahl von 23.000 Toten und Vermissten allein für den Zeitraum ab 1. Januar 2000. Le monde diplomatique spezifiert die Zahl auf 23.258 – eine Steigerung um 70 Prozent gegenüber bisherigen Schätzungen.

Projekt füllt Lücke
Das neue Projekt führt die Auswertungen von mehreren Quellen zusammen und analysiert laufend die Berichterstattung über Todesfälle und Vermisstenmeldungen. Mittels einer durchgehenden Erhebungssystematik, Datenbereinigungen und Gegenchecks wollen die Journalisten eine möglichst zuverlässige Statistik über tote Flüchtlinge schaffen.

Ziel der Journalisten ist es, eine Lücke zu füllen. Denn während die EU unter anderem in das hoch technisierte Überwachungssystem Eurosur an den europäischen Land- und Seegrenzen investiert, das Flüchtlingsboote etwa durch Drohnen und Satelliten ausfindig machen soll, erheben weder die Behörden der europäischen Mitgliedstaaten noch Frontex Statistiken über die Todesfälle an Europas Außengrenzen. Auch die Bundesregierung zeigt sich nicht nur unwissend, sondern auch uninteressiert. Das geht aus mehreren Antworten auf parlamentarische Anfragen der Linksfraktion hervor.

Bundesregierung „betroffen“ und uninteressiert
Im vergangenen Jahr etwa hatte das Bundesinnenministerium erklärt, zu Todesopfern unter Flüchtlingen an den Grenzen Deutschlands und der EU lägen keine amtlichen Erkenntnisse vor. Wie die Bundesregierung in einer aktuellen Antwort mitteilt, besteht aus ihrer Sicht auch „kein Bedarf an einer systematischen Erhebung der angefragten Daten“. Für die Bundesregierung „ist ein Mehrwert einer derartigen Statistik nicht erkennbar“.

Das sieht die Linke-Innenpolitikerin Ulla Jelpke anders. Die Bundesregierung kümmere sich nicht darum. Die Linkspolitikerin beklagt ein demonstratives Desinteresse an den alltäglichen Opfern der EU-Abschottungspolitik, auch wenn sich die Bundesregierung gerne human zeigt. In ihrer aktuellen Antwort heißt es tatsächlich: „Die Bundesregierung ist angesichts der schrecklichen Unglücke z.B. vor der Küste der italienischen Insel Lampedusa, bei denen zahlreiche Flüchtlinge zu Schaden gekommen sind oder gar ihr Leben verloren haben, tief betroffen.“ (bk)