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Armin Laschet, Nordrhein-Westfälischer Integrationsminister, MiGAZIN, 28. Januar 2010

Mittendrin! Dazwischen?

Vorhang auf für die Deutsche Islam Konferenz Teil III – Bleibt alles anders?

Montag war es soweit: Der Vorhang für den dritten Akt der Deutschen Islam Konferenz (DIK) wurde gelüftet und damit die dritte Arbeitsphase der DIK (DIK III) eingeläutet. Der Dialog soll weitergehen, aber mit schlankeren Strukturen, weniger Teilnehmenden, anderen Themen und mit mehr Mitspracherechten für muslimische Verbände.

Selbstverständlich ist die Weiterführung der DIK nicht neu. Über sieben Jahre saß sich das 30-köpfige “Who is Who“ der Politik und der Muslime am Verhandlungstisch gegenüber. Sie versuchten auf Augenhöhe die religionsrechtliche Gleichstellung des Islams und die gesellschaftliche Integration von Muslimen in Deutschland anzukurbeln – so zumindest die Gründungsidee.

Hat die Konferenz das erreicht? Leider nicht zufriedenstellend. Hat sie es versucht? Nicht immer. Seit dem Start der DIK im Jahr 2006 gab die Konferenz wichtige Impulse – beispielsweise für die Einführung des islamischen Religionsunterrichts oder für die Etablierung Islamischer Theologie. Aber auf die Agenda haben es auch Themen geschafft, die den Dialog zum Stocken gebracht haben. So mussten sich muslimische Mitglieder erst einmal formell zum Grundgesetz bekennen oder sich später gegen Islamismus und häusliche Gewalt aussprechen. Diese „Wir-Ihr-Logik“ prägte die Konferenz auf ihrem holprigen Weg bis zuletzt.

Jede Menge Luft nach oben
Manchmal war es bei der DIK ein bisschen so, als hätte man versucht, Spaghetti nur mit einem Löffel zu essen: Die Idee ist nicht schlecht, aber so richtig gelingen will es nicht! Kurzum: Bei der Fortführung der DIK gibt es jede Menge Luft nach oben. Und die möchte man zukünftig auch nutzen. Ende 2013 hat das Innenministerium schon eine Neuauflage der Konferenz in Aussicht gestellt. Hier den Reset-Knopf zu drücken und die Islamkonferenz konzeptionell neu zu denken, war sicherlich auch ein guter Schachzug des Bundesinnenministers, um die bisher entstandenen Imageflecken abzuschütteln und neu anzufangen.

Seit Januar dieses Jahres traf er sich zu Hintergrundgesprächen mit mehreren Vertretern muslimischer Verbände. Überraschenderweise gab es nicht nur Gespräche mit den zuletzt in der DIK vertretenden Organisationen, sondern auch mit dem Islamrat und dem Zentralrat der Muslime, die seit 2010 nicht mehr an der DIK beteiligt sind, sowie mit der Ahmadiyya. Hier gibt es also auch eine gewisse Öffnung der DIK. Die Verbände sollen nun das Drehbuch in den entscheidenden Punkten mitgestalten können, nämlich wenn es darum geht, wer künftig bei der DIK mitreden darf, welche Themen gesetzt und wie gearbeitet werden soll. Diese Einbeziehung ist ungewohnt, neu und vielleicht ein erster Vorgeschmack auf ein bisschen mehr Pragmatismus.

Was uns in der DIK III erwartet
Denn zukünftig möchte und muss man konkreter werden – aber wie? Es gibt zwei Arbeitsebenen: einen Lenkungsausschuss, in dem die Mitglieder auf Leitungsebene zusammenkommen und die kontinuierlich tagenden AGs, in den Einzelaspekte vertieft werden. Das gleicht der bisherigen Struktur. Allerdings können sich nicht organisierte Personen künftig nur noch als geladene Experten in die DIK einbringen. Vorher hatten sie einen festen Sitz. Die insgesamt neun Verbände haben hingegen zusammen mit weiteren neun ministeriellen Vertretern im dritten Akt der DIK als alleinige muslimische Gesprächspartner eine erachtliche Hauptrolle. Es ist auch eine enorme Statusaufwertung der Verbände.

Dass die DIK-Regie nun einen religionsrechtlichen Fokus setzt und hierbei die Verbandsverteter zentrale Ansprechpartner sind, ist grundsätzlich positiv. Gerade in den Feldern Seelsorge und Wohlfahrtsangebote haben die Verbände seit Jahren Kompetenzen aufgebaut. Mit diesen Themen haben auch zwei seit langem geführte Debatten und die damit verbundenen Forderungen nach professionalisierten gemeinnützigen Strukturen den Sprung in die DIK geschafft. Es sind die zentralen Schwerpunktthemen der Konferenz.

Warum eigentlich erst jetzt, möchte man fragen. Die Gründung eines muslimischen Wohlfahrtsverbandes – nach über einem halben Jahrhundert muslimischen Lebens in Deutschland und analogen zu religiösen und weltlichen Strukturen – ist längst überfällig. Die Strukturoffenheit im Islam ist hierbei sicher eine Herausforderung, der man sich nun auch im Rahmen der DIK annehmen wird. Mit der Seelsorge werden andere wichtige Bereiche in den Blick genommen, etwa die Begleitung in staatlichen Institutionen wie Gefängnissen, Polizei und Bundeswehr.

Auch die Forderung nach einem bundesweiten islamischen Feiertag hat es in das Arbeitsprogramm geschafft. Während dieser Punkt schon vor Konferenzbeginn für Diskussionen gesorgt hat, wurden in Frankreich letztes Jahr nicht nur ein muslimischer und ein jüdischer Feiertag gefordert, sondern sogar die Abschaffung von zwei christlichen Feiertagen als Ausgleich. Das zeigt: Wir sind mittendrin in einer Gleichstellungsdebatte und der mit ihr verbundenen wichtigen Fragen: Wo fängt sie an, wer gestaltet sie mit und wie weit muss sie gehen?

Wenn es, wie ursprünglich angedacht, auch einen dritten, allgemein gehaltenen Themenbereich „muslimisches Leben“ geben sollte, dann sollten hier auch nicht organisierte Muslime berücksichtigt werden. Denn das muslimische Leben in Deutschland geht über die Verbandsarbeit hinaus.

Neuausrichtung eine Chance für die Generation von morgen
Die thematische Drehbuchänderung, um beim Bild zu bleiben, kommt nicht nur bei denjenigen gut an, die an der Umsetzung direkt beteiligt sein werden. Die Junge Islam Konferenz (JIK) hat in den letzten Jahren mit einem jungen, kritisch-konstruktiven Blick die Arbeit der DIK teilnehmend und beobachtend begleitet und ihren Vorsitzenden – zuletzt im Mai 2013 – empfohlen, sich auf das ursprüngliche Kernziel der Konferenz zu konzentrieren: nämlich auf die religionsrechtliche Gleichstellung des Islams. Dass diese Kritik gehört wurde und die Themen Sicherheit und Integration nun ausgelagert werden, ist erfreulich. Das ist auch eine gute Chance, um die integrationsnahen Fragen dort zu platzieren, wo sie gesellschaftsübergreifend und ohne Islam-Muslime-Bezüge besprochen werden können – im Deutschen Bundestag. Dafür plädiert auch die JIK in ihrem letzten Empfehlungskatalog.

Gleichzeitig bleibt bisher unklar, ob sich das verkleinerte DIK-Gremium künftig auch für junge Perspektiven öffnen wird. Junge Muslime mit einem selbstverständlichen multipolaren und Vielfalt anerkennenden Blick haben zu Recht den Wunsch, dass auch ihre Stimme hier gehört wird. Junge Hochschulabsolventen der Islamischen Theologie werden genauso wie Sprecher der muslimischen Jugendarbeit und weitere Engagierte in Zukunft die religiöse Alltagspraxis von Muslimen in Deutschland eher mehr als weniger mitgestalten. Warum diese Generation von morgen also nicht schon jetzt als Gesprächspartner in die DIK einbinden?

Bleibt alles anders?
Der Innenminister hielt bei der Neuausrichtung am Namen der DIK fest. Vielleicht auch mit dem Wissen, dass es – analog zu dem hier gezeichneten Bild eines Theaterstücks – nicht darauf ankommt, wie das Format heißt, sondern darauf, wie es besetzt wird und wie gut die Zusammenarbeit gelingt. Die Erwartungen an die DIK III sind also hoch, und sie können nur mit einem Dialog auf Augenhöhe eingelöst werden. Ob dies gelingt oder ob „alles anders bleibt“, wird sich am Beifall zeigen – spätestens dann, wenn sich der Vorhang der DIK am Ende dieser Legislaturperiode wieder schließt.

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4 Kommentare
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  1. Benedikt sagt:

    Mit Wohlfahrt/Seelsorge und der Feiertagsfrage werden — ähnlich wie auch schon bei den staatlich-muslimischen Verträgen in HB und HB zwei sehr griffige religionsrechtlichen Aspekte aufgegriffen. Was auf den ersten Blick ein bisschen wie ein Kuhhandel nach dem Motto „Rechte (Feiertage) bringen Pflichten (Wohlfahrt) mit sich“ klingt, ist tatsächlich sehr erfreulich, denn die Wohlfahrt, bzw. der Zugang zu öffentlichen Einrichtungen zu seelsorgerlichen Zwecken ist ähnlich wie der Anspruch auf religiöse Feiertage oder auch die Erteilung des konfessionellen Religionsunterrichts verfassungsrechtlich verbrieftes Recht von Religionsgemeinschaften — unabhängig davon, ob sie nun Körperschaftstatus haben, oder nicht. Insofern ist diese Wendung wirklich eine erfreuliche Nachricht.

    Es trügt aber möglicherweise der Eindruck, es handle sich um die große, durch die Ablösung Friedrichs durch DeMaizière ermöglichte Kehrtwende in der DIK: Bei der Abschlusssitzung der DIK im Mai 2013 kündigte Friedrich jedenfalls genau diese Schwerpunktsetzung auf „Wohlfahrt“ für eine etwaige Fortführung der DIK bereits an. Insbesondere die Einbeziehung der aus der DIK ausgetretenen/ausgeschlossenen Verbände ist aber sicher ein Punkt, der an DeMaizière geht…

    Seien wir gespannt und hoffen wir, dass die DIK diesen religionsrechtlich orientierten Weg zur Gleichstellung des Islam beherzt und ernsthaft in Angriff nimmt und nicht immer wieder in die Integrations- und Sicherheitsfalle stolpert!

    PS: eine kleine Korrektur: gemeint ist wohl „nach über einem halben JahrHUNDERT muslimischen Lebens in Deutschland „

  2. Saadiya sagt:

    nein lieber Benedikt. Muslime lebten bereits im 18 Jahrhundert in Deutschland. Die Begegnung mit den Muslimen geht in der Geschichte weit zurück. Schon Karl d. Große( im 8. Jahrhundert) pflegte gute Kontakte zu Bagdad, das damalige Zentrum des islamischen Kalifat. Vor allem waren die Handelsbeziehungen Anlass für freundschaftlichen Austausch von Geschenken und Gesandten. Obwohl in der gleichen Zeit Karl d. Große gegen die Araber in Spanien Krieg führte, beeinträchtigte dies nicht die gute Beziehung zum islamischen Kalifat in Bagdad .

    Islamisches Leben in Deutschland gibt es schon seit über 260 Jahren – doch über die wenigen Hundert oder Tausend Muslime, die vor allem durch das Militär nach Deutschland kamen, ist nur wenig bekannt. Zu den ersten gehörten übrigens 20 Männer, die bei den „langen Kerls“ von Preußenkönig Friedrich Wilhelm I. dienten. Sie bekamen sogar einen eigenen Moscheesaal eingerichtet – in einer Garnisonskirche. Im Lauf des 18. und 19. Jahrhunderts kamen außer Soldaten auch muslimische Studenten, Diplomaten und Kaufleute vor allem nach Preußen. Einer der Gründe dafür war das Bündnis zwischen dem Osmanischen Reich und Preußen sowie später dem Deutschen Reich. Anfang des 20. Jahrhundert (1924) lebten 3000 Muslime in Deutschland, davon waren 260-300 deutschstämmig. Diese kleine Zahl Muslime verfügte über beachtliche Organisationen, die auch teilweise im Bereich Dialog und gegenseitigen Gesprächkreisen unter Intellektuellen, Philosophen und Wissenschaftler aktiv waren. Die hier lebenden Muslime waren meistens Kaufleute, Akademiker, Forscher und Schriftsteller. Auf dieser Ebene fanden natürlich Begegnungen mit Andersgläubigen statt. Um die 1920er Jahre entwickelte sich dann hauptsächlich in Berlin islamisches Leben. 1915 wurde in in Berlin-Wünsdorf die erste, offizielle Moschee Deutschlands gebaut. Das Zentralinstitut Islam-Archiv wurde 1927 in Berlin gegründet und ist bis zum heutigen Tage dort aktiv . Bis in die 1930er Jahre wurden zahlreiche islamische Vereine, der Islamische Weltkongress mit Zweigstelle Berlin und die erste moslemische Bildungseinrichtung in Deutschland gegründet. Unter deren Dach schlossen sich im Jahr 1933 alle muslimischen Vereinigungen zusammen. Diese Sektion errichtete mit einem „Islam Kolloquium “ die erste muslimische Bildungseinrichtung, der auch die Erteilung eines islamischen Religionsunterrichtes an muslimische Kinder übertragen wurde. Das Islam-Kolloquium ist heute Teil des Zentralinstitut Islam-Archiv Deutschland. Doch die Machtübernahme durch die Nationalsozialisten setzte der Entwicklung bald ein Ende. Die Muslime fielen unter die Rassegesetze; sie wurden verfolgt, viele von ihnen deportiert und ermordet. Andererseits nutzten die Nazis islamische Institutionen für Propaganda-Zwecke. Mit dem Anwerbeabkommen von 1961 begann ein neues Kapitel muslimischen Lebens in Deutschland.

    Lesen Sie mehr: http://www.helmut-zenz.de/hzislam8.html

  3. Benedikt sagt:

    Hallo Saadiya,

    vielen Dank für die Ergänzungen — die sind natürlich richtig und werden leider viel zu oft einfach unter den Tisch gekehrt (wenn mal eben wieder scheinheilig die jüdisch-christliche Identität Europas hervorgehoben wird zum Beispiel).

    Ich bezog mich mit meinem Hinweis auf eine Stelle in dem Artikel, wo sich der Fehlerteufel eingeschlichen hatte und die historisch auf das zunehmend im Alltag sichtbare muslimische Leben in Deutschland im Zuge der Gastarbeiter_innen-Migration verwies.

  4. nirvana sagt:

    Religion sollte reine Privatsache sein. Eine stärkere Trennung zwischen Staat und Religionen ware generell wünschenswert. Die privillegierte Stellung der beiden großen christlichen Kirchen gegenüber anderen Gesinnungsgemeinschaften sollte besser abgebaut werden, anstatt den Islam nun schrittweise auf dieses Niveau zu heben. Jeder Religionsggemeinschaft steht es frei Akademien zu gründen, für bekenntnisspezifische staatsfinanzierte theologische Fakultäten an öffentlichen Universistäten sehe ich keine sachliche Rechtfertigung. Stattdessen sollte es eine bekenntnisübergreifende Studienrichtung Religionswissenschaften geben. In Frankreich und den USA gibt es keinen staatlichen finanzierten konfessionellen Religionsunterricht, was einer konsequenteren Trennung zwischen Staat und Religion entspricht. Das würde ich auch für Deutschland sehr befürworten.



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