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Das Fachmagazin für Migration und Integration in Deutschland

Bei dem Lebensalter der ausländischen Arbeitnehmer wirkt sich das z. Z. vor allem für die deutsche Rentenversicherung sehr günstig aus, weil sie weit höhere Beiträge von den ausländischen Arbeitnehmern einnimmt, als sie gegenwärtig an Rentenleistungen für diesen Personenkreis aufzubringen hat.

Ludwig Kattenstroth, Staatssekretär im Arbeitsministerium, März 1966, Bundesvereinigung der Dt. Arbeitgeberverbände, 1966

Mittendrin! Dazwischen?

Über Konfliktlinien hinweg

Mittendrin! Dazwischen? So heißt die neue Kolumne, in der sich die JUNGE ISLAM KONFERENZ ab jetzt zu Wort melden wird. Hier gibt es Alltagserzählungen, Anekdoten und kritische Kommentare. Ziel: Auseinandersetzung mit den migrationsbedingten Veränderungen in Deutschland. Den Auftakt machen Esra Küçük und Robin Laumann.

Unser Land verändert sich. Es ist vielfältiger, mehrdimensionaler, globalisiert und komplex geworden. Viele Menschen verunsichert dieser Wandel. Sie sehnen sich nach Eindeutigkeiten. Auch politische Diskussionen spiegeln dieses Bedürfnis wider. Die Debatte um die doppelte Staatsangehörigkeit zeigt den Wunsch nach dieser Eindeutigkeit, nach klarer Positionierung. Wo steht ihr? Zu welchem Land gehört ihr? In welche Schublade passt ihr?

Aus dieser „ihr“- und „wir“-Rhetorik heraus wurden lange Jahre Minderheiten dazu getrimmt, mit „einer Stimme zu sprechen“. Häufig haben die jeweiligen Vertreter oder jene, die als solche herangezogen wurden, versucht, diesem Anspruch gerecht zu werden. Diese Entwicklung offenbart jedoch ein Problem: Sie reduziert Vielfältigkeit und Heterogenität und macht daraus Eindeutigkeit, welche die Realität aber nicht widerspiegelt. Plötzlich haben wir es mit einer Auseinandersetzung mit „dem“ Islam“ zu tun. Anstatt die vielen verschiedenen Identifikationsmerkmale der hier lebenden Muslime anzuerkennen, entsteht „der Muslim“ als Deutschland bedrohende Figur des Fremden.

Als zivilgesellschaftlicher Akteur in einem politisch aufgeladenen Feld werden wir als JIK mit ähnlichen Herausforderungen konfrontiert, hinter denen das Bedürfnis nach Kategorisierung steht. Denn man will ja schließlich wissen, mit wem man es da zu tun hat – und da irritiert es die Menschen einfach, wenn wir sagen, wir heißen zwar Junge Islam Konferenz, aber wir behandeln weder „den Islam“ per se, noch sind wir ein Forum junger Muslime: Wir behandeln die Auseinandersetzung über und mit Islam und Muslimen in Deutschland. Und das machen wir gemeinsam mit interessierten und aktiven Jugendlichen aus Deutschland – ganz gleich ob muslimisch oder nicht. In der Tat sind sogar die Hälfte der Jugendlichen der JIK keine Muslime. So werden wir häufig gefragt: Repräsentiert ihr junge Muslime angemessen? Versucht ihr, eine säkular geprägte Interpretation des Islam zu propagieren? Nun sagt schon, positioniert euch, seid ihr ein Organ staatlicher oder muslimischer Vertretung?

Und so merken wir, dass der Diskurs über Islam und Muslime wenig Verständnis für Akteure mitbringt, die sich genau dieser „ihr“- und „wir“-Logik widersetzen und sich nicht in althergebrachte Konfliktlinien einreihen möchten. Die JIK, als Forum für junge Menschen mit und ohne muslimischen Migrationshintergrund, das sich herkunfts-, nationen-, religions- und weltanschauungsübergreifend zusammensetzt, passt nicht in eine dieser herkömmlichen Schubladen.

Was ist die JIK? Wir sind ein Forum für Debatten und Austausch, für Wissensgewinn und politische Intervention. Dabei liegt der thematische Fokus auf Konstruktionen und Perzeptionen „des“ Islam und „der“ Muslime in der deutschen Gesellschaft. Ein Repräsentationsanspruch leitet sich daraus nicht ab. Vielmehr geht es um Gesellschaftspolitik, um das Demokratieverständnis und um die Frage nach Zusammenhalt in einem Land, in dem sich seit Jahren ein Wandel in eine Einwanderungsgesellschaft vollzieht. Die Junge Islam Konferenz – Deutschland ist ein Projekt der Stiftung Mercator, des Mercator Program Centers und der Humboldt-Universität zu Berlin. Mehr zum Projekt hier.

Und genau um diese Sichtweise soll es in dieser Kolumne gehen. Wir haben den Eindruck, dass es noch immer an Verständnis und Akzeptanz für transnationale, postmigrantische und hybride Identitäten im öffentlichen Diskurs fehlt. Wir möchten eine frische und vielseitige Perspektive auf die deutsche Gesellschaftspolitik liefern, losgelöst von eindimensionalen Assoziationen auf der Grundlage nationaler, religiöser, ethnischer oder kultureller Zuschreibungen. Wir versuchen uns hier an einem neuen Narrativ für eine entsprechende gesellschaftliche Haltung. Wir setzen uns dafür ein, dass Vielfalt als Normalität begriffen wird. Wir vertreten eine postmigrantische Perspektive – die Idee einer postnationalen Gesellschaft, die auf universellen und kosmopolitischen Werten beruht. Dabei setzen wir uns für ein konstruktives und differenziertes Islambild in Deutschland ein, da sich aus dem Umgang mit Islam und Muslimen Erkenntnisse bezüglich des Umgangs mit Minderheiten in Demokratien ableiten lassen. Muslime stellen die größte religiöse Minderheit in Deutschland dar. Zahlreiche Studien belegen, dass Ressentiments gegen Muslime in allen Bevölkerungsschichten weit verbreitet sind. Hier knüpfen wir an.

Wir haben den Anspruch, mitzugestalten, wie in Deutschland über Vielfalt gesprochen wird; ein Anspruch, der gleichzeitig Leitfaden unserer täglichen Arbeit ist. Wir arbeiten mit dem Ziel, ein Teil der Veränderung zu sein, die wir uns wünschen. Durch die Diskussion kultureller und sozialer Vielfalt möchten wir in den Kern des deutschen Demokratieverständnisses vordringen und über konstruierte Grenzen hinweg das Zusammenleben in Deutschland gestalten. Unsere Teilnehmenden sind nicht nur Träger einer Botschaft, sie verkörpern diese auch. In der Vielfalt ihrer alltäglichen Existenzen stehen die Teilnehmenden für die „Neuen Deutschen“, die längst integraler Teil unserer Gesellschaft sind. Dabei sehen wir „Neue Deutsche“ nicht nur als ein Ersatzbegriff für Personen mit Migrationshintergrund: Für uns sind die neuen Deutschen alle, die sich entlang der Haltung zu Vielfalt in Deutschland positionieren, diese als Normalität in diesem Land anerkennen und nicht als Bedrohung. Hier ist die Haltung wesentlich relevanter als die Herkunft: Auch migrantische Positionen können schließlich nationalistisch und abwertend sein. Nur aufgrund der Tatsache, dass jemand einen Migrationshintergrund hat, ist er oder sie nicht schon offen für vielfältige Perspektiven.

An dieser Stelle werden in Zukunft junge Menschen schreiben, um den Wandel in eine inklusive und plurale Gesellschaft zu unterstützen. Dabei möchten wir uns vernetzen und kooperieren – mit allen, die etwas beizutragen haben. Wir möchten einen Schritt nach vorne machen, weg von verstaubten und überholten Kategorisierungen. Wir möchten über traditionelle Konfliktlinien hinwegschauen und über soziale Grenzen hinweg Austausch fördern. Wir möchten ein Narrativ schaffen, das der multipolaren und internationalen Realität der Gegenwart gerecht wird.

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