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Migration und Integration in Deutschland

Letztlich haben einige Industriestaaten ihren Bedarf an zusätzlichen Arbeitskräften … dadurch gedeckt, dass sie bei der Einstellung von irregulären Arbeitsmigranten ein Augen zudrücken.

Deutsche Gesellschaft für die Vereinten Nationen, Migration in einer interpedenten Welt, 2004

Interview mit Khadra Sufi

„Deutschland ist ein tolles Land“

Khadra Sufi empfindet Deutschland als tolerantes Land: Jeder darf seine Meinung frei äußern und das sollte jeder auch jedem zugestehen, findet die gebürtige Somalierin. Wenn eine Äußerung fremdenfeindlich klingt, solle man sich lieber fragen, was dahintersteckt.

DATUM13. März 2014

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RESSORTAktuell, Gesellschaft, Interview

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Streit um Multikulti, Warnungen vor Armutsmigration, die Mordserie des NSU. Hat Deutschland ein Rassismus-Problem? Ist die Integration gescheitert? In unserer Interviewreihe sprechen wir mit Menschen unterschiedlichster Herkunft. Mit Aktivisten, Autoren, Philosophen – oder einfach Menschen, die etwas dazu zu sagen haben.

MiGAZIN: Frau Sufi, wo fängt Rassismus Ihrer Meinung nach an?

Khadra Sufi: Das ist grundsätzlich eine gute Frage und schwer zu definieren. Man kann auch aufgrund der „political correctness“ bereits bei einzelnen Worten, die im Duden stehen, von beginnendem Rassismus sprechen. Hier gibt es auf höchster politischer Ebene genügend Diskussionen. Meiner Meinung nach fängt Rassismus erst bei offensichtlichen Anfeindungen an, beispielsweise auf der Straße.

Gibt es auch Rassismus-Vorwürfe in Deutschland, die Sie für übertrieben halten?

Khadra Sufi: Ihre Kindheit verbringt die gebürtige Somalierin, Tochter eines Diplomaten, im Jemen, Sambia, Saudi-Arabien und der DDR. Als 8-Jährige kehrt sie nach Somalia zurück. Mit Ausbruch des Bürgerkrieges ändert sich ihr Leben schlagartig: Die Familie flüchtet. Sie schaffen es nach Deutschland in ein Asylantenheim. Dort leben sie in ärmlichen Verhältnissen. Als ihre Familie weiter nach London zieht, trifft die 16-Jährige eine Entscheidung. Sie bleibt in Deutschland, um ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen. Sie wohnt in einer Garage, ist auf sich allein gestellt. Ihre Vergangenheit hat Khadra Sufi in ihrer Biografie „Das Mädchen, das nicht weinen durfte“, verarbeitet. Mittlerweile ist sie TV-Moderatorin und Botschafterin der UNO-Flüchtlingshilfe mit ihrem Projekt „Mission Possible“.

Sufi: Ich halte jegliche radikale Anfeindungen für übertrieben. Diskussionen um einzelne Worte, die aufgrund der Geschichte Deutschlands als politisch inkorrekt bezeichnet werden, sind auch übertrieben. Jedes Land hat eine Geschichte mit auch dunklen Seiten. Hier sollte sich die Bevölkerung und auch die Politik allmählich mehr Selbstbewusstsein zusprechen. Deutschland ist ein tolles Land mit vielen guten Strukturen. Wenn man selbst aus ungeordneten politischen Verhältnissen kommt, ist es ein gutes Gefühl, in diesen Strukturen aufgefangen zu werden. Jeder einzelne Immigrant sollte sich damit auseinandersetzen und sich nach den Regeln des Landes, in dem er lebt, richten.

Glauben Sie, dass die Fremdenfeindlichkeit durch Brennpunkte mit einem hohen Migrantenanteil zunimmt?

Sufi: Brennpunkte sollte man als diese erkennen und anerkennen. Auch hier ist es schwer, die Frage nach dem Schuldigen zu beantworten. Oder die Frage, ob es besser wäre, den Immigranten die Möglichkeit zu geben, sich dort niederzulassen, wo sie möchten. Oder, wie es die Regel ist, zu „gettoisieren“. Das ist zwar einfacher und man behält den Überblick über den „Status quo“ der einzelnen Schicksale. Allerdings werden so, wenn auch ungewollt, Brennpunkte geschaffen. Wahrscheinlich kommt die höhere Kriminalitätsrate daher, dass dort Lebensumstände herrschen, die die Hoffnungslosigkeit der dort Lebenden verstärken. Dazu kommt sicherlich auch noch die Sprachbarriere.

Ich selbst bin als Asylantin nach Deutschland gekommen, mit absolut nichts. Aber glauben Sie mir bitte, dass das „Nichts“ immer noch mehr war, als das, was wir davor hatten. Wir hatten hier ein Dach über dem Kopf, ein Bett, und das aller Wichtigste: Frieden. Und wir haben überlebt. Aber wir waren gezwungen zu warten. Meine Eltern durften nicht gleich arbeiten. Es fehlte also eine Aufgabe, die man erfüllen konnte. Ich glaube schon, dass man den Menschen, die in unser Land kommen, eine Aufgabe geben könnte, mit der sie sich angenommen und aufgehoben fühlen. Ich erinnere mich gut, dass das damals ein großes Problem in meinem Umfeld war. Sicher gibt es auch hier Ausnahmen. Aber man sollte versuchen zu verstehen, dass man auch hier ansetzen könnte.

Wo sehen Sie in Deutschland bewusste und unbewusste Vorurteile?

Sufi: Deutschland wirkt nach außen wie ein Land der unbegrenzten Möglichkeiten – ist es auch, wenn man es als Individuum versteht. Man sollte sich durch vermeintliche Hürden nicht entmutigen lassen, auf dem Weg, seine Träume zu verwirklichen. Diese Sorgen hat man in jedem anderen Land auch. Ich habe Deutschland schon immer als ein sehr tolerantes Land empfunden und sehe es auch heute noch so. Wir dürfen unsere Meinung frei äußern und das sollte man auch jedem zugestehen. Wenn eine Äußerung mal nach Anfeindung klingt, sollte man diese Meinung nicht gleich so verstehen. Eher mal hinterfragen, was tatsächlich dahintersteckt. Vielleicht sind es auch nur die Ängste desjenigen, der sie äußert. Diese Ängste sollte man ernst nehmen, um nach einer gemeinsamen Lösung zu suchen.

Der Begriff „Fremdenfeindlichkeit” sagt es ja schon: der Hass gegen das „Fremde“. Liegt hinter diesem Hass die Angst vor dem „Fremden“? Warum gibt es diese Angst?

Sufi: Ich denke, dass es meistens eine gewisse Angst vor den unterschiedlichen Kulturen, und für uns meist ungewohnten Bräuchen und Weltanschauungen ist. Es ist doch völlig klar, dass ungewohnte Dinge Ängste und Misstrauen auslösen können. Meiner Meinung nach kann man aber versuchen, sich davon zu befreien, wenn man offener hinschaut und versucht, sich mit den unterschiedlichen Kulturen auseinanderzusetzen – vielleicht auch mit ganz einfachen, alltäglichen Gegebenheiten, wie dem Essen. Viele werden merken, dass man auch mit Kleinigkeiten schon viel dazulernen kann, etwas Neues, Spannendes entdecken kann. Und wenn nicht, dann nicht. Dann aber nicht den Kopf in den Sand stecken und alles Fremde hassen, sondern wieder etwas Neues ausprobieren! Das Motto sollte sein: Leben und leben lassen.

Das Thema Rassismus ist ja auch recht diffus. Es gibt nicht nur die einen, die fremdenfeindlich sind und die anderen, die es nicht sind. Dazwischen gibt es viele Nuancen. Wie sollte man das Thema angehen?

Sufi: Am Wichtigsten ist die Aufklärungsarbeit, um die Integration zu fördern. Man darf nicht Gleiches mit Gleichem vergleichen, sondern sollte die Unterschiede feststellen und diese erklären. Am meisten hapert es bei der Aufklärung, wenn Unwissenheit im Spiel ist. Hier sollten wir alle ein positives Beispiel sein, in jeglicher Hinsicht. Mir selbst liegt dieses Thema sehr am Herzen, daher bin ich glücklich, dass ich seit 2012 mit der UNO-Flüchtlingshilfe zusammenarbeiten kann. Wir haben gemeinsam das Projekt „Mission Possible“ ins Leben gerufen. Gemeinsam mit Katja Hantel, die das Projekt intern bei der UNO-Flüchtlingshilfe betreut, besuchen wir weiterführende Schulen, um dort auf die Probleme von Flüchtlingen aufmerksam zu machen. Es ist ein tolles Gefühl zu sehen, dass die meisten Schüler sehr wissbegierig sind und sich gerne mit dem Thema beschäftigen. Und ich freue mich sehr, mit ihnen über meine Geschichte sprechen zu können.

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11 Kommentare
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  1. Mathis sagt:

    Han Yen, ich kann in Ihren Ausführungen keine Berührungspunkte mit dem Thema finden.Wenn eine einzelne Frau ihr eigenes Schicksal beschreibt, dann wird es die interessieren, die dieser Beschreibung etwas abgewinnen können.Bekannte Einzelpersönlichkeiten können im übrigen sehr wohl wirkungsvoll auf Fehlentwicklungen und Missstände aufmerksam machen, die viele andere, die sich nicht öffentlich äußern, in gleicher Weise betreffen.
    Wen es nicht betrifft, braucht sich ja nicht angesprochen zu fühlen.
    Wer sich exponiert, läuft natürlich immer auch Gefahr, von denen angefeindet zu werden, die in der Kritik stets nur den Angriff erkennen können.


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