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Migration und Integration in Deutschland

Niemand lässt sich so gut ausbeuten wie Mitglieder einer Gemeinschaft, die ohne Hilfe der anderen in Deutschland nicht überleben können – illegal und ohne Sprachkenntnisse.

Neske/Heckmann/Rühl, Menschenschmuggel, 2004

Tabu

Über politische Korrektheit und Redeverbote in Debatten

Sarrazin, Sloterdijk und das Online-Portal “Politically Incorrect“ machen Front gegen Politische Korrektheit. Über den Nutzen und Schaden von Redeverboten.

VONGabriele Voßkühler

 Über politische Korrektheit und Redeverbote in Debatten
Die Verfasserin (42) hat Sprachen und Betriebswirtschaftslehre studiert und danach im PR-Bereich gearbeitet. 2002 ging sie zurück an die Humboldt-Universität in Berlin, wo sie 2010 ihre Dissertation abschloss. Seit 2012 arbeitet sie als freie Autorin. Gabriele Voßkühler ist verheiratet und hat zwei Kinder.

DATUM12. März 2014

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RESSORTAktuell, Meinung, Politik

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Was wir heute PK (Politische Korrektheit) nennen, hieß früher “Tabu”. Ein Tabu ist etwas, über das man nicht sprechen darf. Wer “politisch korrekt“ ist, achtet darauf was er sagt und wie er etwas sagt. Soviel zur Terminologie. Wer sich heute, wie das Online-Portal “Politically Incorrect“, „Politische Inkorrektheit“ zur Herzenssache gemacht hat, für den ist das Wort „Generalverdacht“ kein Fremdwort: Wer ihn pflegt, der macht – wie die Autoren auf dieser Webseite – auch gerne mal aus den deutschen Muslimen im Rundumschlag Extremisten.

Die Freunde „Politischer Inkorrektheit“
„Politische Inkorrektheit“ hat viele Freunde: Auch der Bestseller-Autor Thilo Sarrazin hat hier sein Leitthema gefunden: „Unbequeme Wahrheiten“ sind das Steckenpferd des „rechten Rechthabers“ (wie ihn einige Journalisten inzwischen nennen). Nun regt er sich in seinem neuen Buch über die PK in den Medien und der Politik auf und macht sich selber zum “Opfer“ dieser: „Vom moralischen Scheiterhaufen“ für alle Andersdenkende spricht er. Die Medien seien in Deutschland “die Verwalter der politischen Korrektheit” mit “der politischen Klasse als großenteils willfährigem Resonanzboden” (S.46).

Schon in der Vergangenheit hatte Thilo Sarrazin in dem Philosophen Peter Sloterdijk einen Mitstreiter in Sachen “Unbequeme Wahrheiten“ gefunden und schaffte dies nun wieder: In einem Focus-Artikel vom Anfang dieser Woche übt Sloterdijk scharfe Kritik an Denk- und Redeverboten in Deutschland: (…) „Am Islam ist jede Kritik verboten. Das wäre fremdenfeindlich.“ Für Sloterdijk bedeutet PK das Ende jeder öffentlichen Debatte: „Wenn abweichende Meinungen nicht mehr geäußert werden, weil ihre Vertreter sofort als unmoralisch gegeißelt werden, versiegt bald jede Diskussion.“

Redeverbote: ein zweischneidiges Schwert
Obwohl die deutsche Verfassung jedem Bürger garantiert, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei äußern zu dürfen, gibt es hierzulande in öffentlichen Debatten ganz offensichtlich Redeverbote. Wer „politisch korrekt“ sein will, respektiert diese. Doch Redeverbote können ein zweischneidiges Schwert sein: Mit ihnen kann man die Rechte von Minderheiten schützen, aber auch eine öffentliche Debatte behindern. So zeigt eine religionssoziologische Studie der Universität Münster, dass wegen der mangelnden “ehrliche(n) und intensive(n) Debatten über Islam und Integration“ ein Teil der Deutschen weniger tolerant gegenüber Muslimen seien als andere Europäer. Die Studie ist gut drei Jahre alt. Hat sich seitdem etwas geändert? In dem letzten Religionsmonitor der Bertelsmann Stiftung fühlen sich immer noch fast sechzig Prozent der Deutschen in Ostdeutschland und gut die Hälfte der Deutschen in Westdeutschland vom Islam bedroht.

Klaus Bade über die „Kulturangst“ der Deutschen
Der Migrationsforscher Klaus Bade spricht von der „Kulturangst“ der Deutschen mit Blick auf den Islam: „Viele Deutsche empfinden den Weg in die Einwanderungsgesellschaft als kulturelle Identitätskrise“, sagt Bade. Die “Islam-Debatte“ ist für ihn hierbei nicht mehr als eine „Ersatzdiskussion“: Damit wir uns nicht mit uns selber beschäftigen müssen, grenzen wir uns ab und suchen nach dem „Anderen“. Hierbei wird eine so vielfältige Gruppe wie der Islam zu einem Ganzen gemacht: „der“ Islam und „die“ Muslime heißt es dann.

Einige Beobachter dieser Debatte, wie zum Beispiel die Sozialwissenschaftlerin Naika Foroutan, erkennen hier auch Positives: Inzwischen zweifele niemand mehr daran, dass Deutschland ein Einwanderungsland sei. Menschen mit Zuwanderungsgeschichte seien in Deutschland „sichtbarer“ geworden. Für Thilo Sarrazin könnte seine Rolle in diesem Szenario kaum klarer sein: Jemand der unbequeme Wahrheiten kundtut, und dafür von den Medien und der Politik nur Schelte bezieht. Jemand der sich über Redeverbote hinwegsetzt, um die „unwissende“ Mehrheit aufzuklären. Ein rechter Populist.

Gesellschaftspolitik für alle
Im Juni stehen Europawahlen an und die populistische Rechte rüstet sich. Wie kann man ihr den Wind aus den Segeln nehmen? Es sind „sämtliche Befindlichkeiten ernst zu nehmen, innerhalb eines Diskussionsprozesses zu berücksichtigen und nicht von vornherein auszuschließen“, erklärt Dr. Karlies Abmeier von der Konrad-Adenauer-Stiftung. Gesellschaftpolitik für alle, das heißt alle beteiligten Gruppen in die Diskussion um Migration und Integration miteinbeziehen und hierbei keine Themenfelder aussparen. Ohne Frage gibt es hierbei Redeverbote, die nicht verhandelbar sind. Sie schützen Menschen davor herabgesetzt und beleidigt zu werden. Genau da liegt die Grenze. Die Frage, ob es für „riskante“ Themen in der Öffentlichkeit ein Redeverbot geben sollte, erübrigt sich dann.

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2 Kommentare
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  1. Querkopf sagt:

    Heute schon die FAZ gelesen ?

    http://www.faz.net/aktuell/rhein-main/salafisten-szene-professionalisiert-sich-islamisten-mit-neuer-strategie-12844333.html

    „Lies“-Aktion weit gestreut
    Nach Angaben des hessischen Landesamtes für Verfassungsschutz ist das Rhein-Main-Gebiet einer der regionalen Schwerpunkte der Koran-Aktion. Es existierten mehrere Gruppen, die sich an der Kampagne beteiligten und die „Der wahren Religion“ zuzurechnen seien, teilte die Behörde dieser Zeitung mit. „Mit der Kampagne sollen Nicht-Muslime und religiös wenig gefestigte Muslime nicht nur an den Islam herangeführt werden, sondern gleichzeitig mit der salafistischen Szene in Kontakt gebracht werden. Ziel ist es, Anhänger für den Salafismus zu rekrutieren und damit diese Form des religiös motivierten Extremismus in Deutschland weiterzuverbreiten“, heißt es vom Landesamt. Die „Lies“-Aktion könne „den ersten Berührungspunkt für Jugendliche zum salafistischen Spektrum darstellen“ und Impulse dafür geben, sich diesem extremistischen Gedankengut weiter zuzuwenden.

    http://www.amazon.de/Chaos-Kulturen-Debatte-Islam-Integration/dp/3462044281

    Necla Kelek wurde und wird immer wieder kritisiert, ihr Urteil gegenüber den Migranten, den Migrations-forschern, den Behörden, der v.a. türkischen und deutschen Regierung und anderen sei zu rigoros. Ich selbst habe viele ausländische Bekannte und Freunde in Berlin, kann aber – gerade deshalb auch – jedes Argument von Frau Kelek unterschreiben. Statt Integration wurden Parallelkulturen aufgebaut, die sich von der Gesellschaft hier so gut es geht abgrenzen und meist nur Kontakt suchen, wenn es „etwas zu holen“ gibt. Ich weiss wie polemisch das vielleicht klingt, aber es gibt a) auch einige Gegenbeispiele / Gegenentwürfe gelungener Integration und b) wäre es wirklich auch mal an der Zeit, dass die Muslimen her auf Kritik dieser Art nicht mit Beleidigtsein reagieren, sondern zeigen, inwieweit sie sich integrieren bzw etwas für die Gesellschaft tun.
    Dann würde man sehr schnell sehen, wie sehr Frau Kelek recht hat. Dass eine Türkin hier diese Aussagen macht und nicht ein/e deutsche/r Autor/in sollte zu denken geben. Ein hoch interessantes Buch, ich empfehle auch de Wikipedia Artikel über Frau Kelek. Mir geht es nicht um Verunglimpfung von Ausländern, aber ich will mich auch nicht als Schweinefleischfresser beschimpfen lassen. Es geht nur miteinander!

    Gut, daß es kritische Geister gibt.

  2. Cengiz K sagt:

    …Heute schon die FAZ gelesen ?…

    Heute schon den Artikel von Frau Voßkuhle gelesen? Und dass der Verfassungsschutz wieder mal muslimische feinde ausgemacht sieht, spricht doch nur wieder eine eindeutige Sprache, aber nicht darüber was er beobachtet zu haben glaubt, sondern eher wie er es mit Minderheitenrechten sieht.. Mehrmals ist dieses dubiose Amt bereits mit schmierigen Methoden in der Öffentlichkeit aufgetreten, und jedes mal möchte man nur noch würgen, aufgrund dieses Übermaßes an rassistischer Verpeiltheit…
    Anstatt sich mit den Vorwürfen aus dem Artikel von Frau Voßkuhle zu befassen, schieben Sie einfach nur den nächsten dubiosen „Kronzeugen“ vor.. Ist halt viel leichter so eine Opportunistin ohen Peilung vor zu schieben, („politische Korrektheit verbeitet eine Diskussion“), anstatt sich mit dem eigenen xenophoben „Weltbild“ zu befassen.. Der T.S. kann nur soviel publicity erzeugen und konsequenterweise daran sich auch pekuniär bereichern, weil der „Schoß fruchtbar ist noch“..



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