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Erwerbsquoten der inländischen (43 %) und ausländischen (70,8 %) Bevölkerung der Bundesrepublik Deutschland im Jahre 1970.

Friedrich Heckmann, Die Bundesrepublik als Einwanderungsland?, 1981

Europäischer Tag der Logopädie

Mehrsprachige Kinder brauchen mehr Aufmerksamkeit!

Eltern mit ausländischen Wurzeln wird häufig angeraten, mit ihren Kindern Deutsch zu sprechen. Ob das der richtige Weg ist, weiß Dr. Wiebke Scharff Rethfeldt, Expertin für Mehrsprachigkeit und Interkulturalität. Ein Gespräch anlässlich des Tages der Logopädie:

Warum ist das Thema Migration in der gesellschaftlichen Debatte so wichtig?

Dr. Scharff Rethfeldt: In Deutschland leben zunehmend mehr Menschen mit Migrationshintergrund: Im Jahr 2012 gehörten nach Angaben des Statistischen Bundesamtes 16,3 Millionen Menschen zu dieser Bevölkerungsgruppe. Auf die Bundesrepublik bezogen hat jedes dritte Kind unter zehn Jahren einen Migrationshintergrund, in einigen deutschen Großstädten sogar jedes zweite. Dem Thema Migration und damit auch der Mehrsprachigkeit kommt angesichts dieser Fakten eine zentrale Bedeutung in der deutschen Bildungs-, aber auch in der Gesundheitspolitik zu.

Was bedeutet Mehrsprachigkeit?

Dr. Wiebke Scharff Rethfeldt leitet das Institut LOGOCOM in Bremen und vertritt das Fachgebiet der kindlichen Sprach-, Sprech- und Kommunikationsstörungen bei Mehrsprachigkeit und Interkulturalität in Deutschland und auf internationaler Ebene. Sie personifiziert durch ihren Werdegang den Brücken- schlag zwischen Gesundheit und Bildung, der für eine Differenzialdiagnostik zwischen Sprachentwicklungsstörungen und mangelnden Deutsch- kenntnissen erforderlich ist. Mehr Informationen: www.logo-com.net

Rethfeldt: Von Mehrsprachigkeit sprechen wir, wenn ein Kind mehr als eine Sprache regelmäßig in natürlichen Sprachsituationen verwendet. Das heißt nicht, dass es alle Sprachen sprechen muss. Einige Kinder verstehen zwei Sprachen, gebrauchen jedoch nur eine dieser Sprachen aktiv. Auch ist dabei unerheblich, wie gut oder ausgewogen es die Sprachen beherrscht. Es gibt zahlreiche Möglichkeiten: Manche Kinder wachsen innerhalb ihrer Familie mit mehr als einer Sprache auf, für andere Kinder kommt eine weitere Sprache erst im Laufe der Kindheit innerhalb oder außerhalb der Familie hinzu.

Viele Kinder in Deutschland wachsen bereits früh mit zwei oder mehr Sprachen auf. Manchmal sprechen Eltern unterschiedliche Sprachen mit ihrem Kind und mit dem Eintritt in den Kindergarten kommt eine dritte, hier meist Deutsch, dazu. Auch Alleinerziehende können ihre Kinder mehrsprachig erziehen, vor allem wenn eine weitere Sprache außerhalb der Familie erworben wird. Wächst ein Kind mit älteren Geschwistern auf, erwirbt es das Deutsche meist früh. Der Einfluss von Geschwistern auf den Spracherwerb der Kinder wurde lange Zeit unterschätzt. Da viele Familien mit Migrationshintergrund bereits in der zweiten oder dritten Generation in Deutschland leben, ist jedoch nicht mehr unbedingt davon auszugehen, dass in der Familie lediglich die Sprache des Herkunftslandes verwendet wird. Außerdem verändert sich auch der Sprachgebrauch mit der Länge des Aufenthaltes in einem Land oder dem Lebensentwurf einer Familie.

Stellt Mehrsprachigkeit generell eine Überforderung für Kinder dar?

„Problematisch ist auch, wenn die unmittelbaren Bezugspersonen keine guten Sprachvorbilder sind. Beispielsweise weil Eltern, die selbst nur geringe Deutschkenntnisse haben, in bester Absicht mit ihren Kindern Deutsch sprechen, weil ihnen dazu geraten worden ist. Leider werden Bezugspersonen und Kinder auf unterschwellige oder direkte Art noch allzu häufig aufgefordert…“

Rethfeldt: Keineswegs, diese Annahme ist veraltet und seit Jahrzehnten wissenschaftlich widerlegt. Das Gegenteil ist sogar der Fall. Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass Mehrsprachigkeit für Kinder generell keine Überforderung darstellt. Selbst Kinder mit einer geistigen Beeinträchtigung können von einer mehrsprachigen Erziehung profitieren. Aktuelle Untersuchungen zeigen, dass Mehrsprachigkeit sogar den Beginn neurogenerativer Erkrankungen wie beispielsweise Demenz im Alter hinauszögern kann.
Mehrsprachigkeit an sich ist für ein Kind also kein Problem. Wenn es Probleme gibt, dann eher im Umfeld des Kindes. Zum Beispiel, wenn soziale Problemlagen hinzukommen, wie Armut und Bildungsferne. Diese Faktoren wirken genauso ungünstig auf die Sprachentwicklung bei einsprachigen Kindern, jedoch zeigen uns aktuelle Untersuchungen, dass Familien mit Migrationshintergrund häufiger von derlei sozialen Problemlagen betroffen sind.

Problematisch ist auch, wenn die unmittelbaren Bezugspersonen keine guten Sprachvorbilder sind. Beispielsweise weil Eltern, die selbst nur geringe Deutschkenntnisse haben, in bester Absicht mit ihren Kindern Deutsch sprechen, weil ihnen dazu geraten worden ist. Leider werden Bezugspersonen und Kinder auf unterschwellige oder direkte Art noch allzu häufig aufgefordert, nur die spätere Schulsprache Deutsch zu sprechen. Dabei wäre es wichtig, die Mehrsprachigkeit zu fördern, also auch die Erstsprache oder Erstsprachen eines Kindes, was häufig in den Verantwortungsbereich der Eltern fällt. Natürlich ist es auch wichtig, die Sprache zu erwerben, in welcher ein Kind später beschult werden soll. Hier kann ein zeitnaher Eintritt in den Kindergarten unterstützen, sofern dort alltägliche Handlungen sprachlich qualifiziert, anregend und kontrastreich begleitet werden.

Wie können mehrsprachige Kinder beim Spracherwerb unterstützt werden?

„Insofern sollte anderssprachigen Eltern nie geraten werden, eine Fremdsprache, und sei es für sie Deutsch, in der direkten Kommunikation mit ihrem Kind zu verwenden. Das, was ein Kind einmal begriffen hat, kann es später leichter in eine andere Sprache übertragen.“

Rethfeldt: Im Grunde ist es ganz gleich, ob ein Kind mit einer oder mit mehreren Sprachen aufwächst. Wichtig ist, dass es sprachlich angeregt wird. Und dies möglichst vielfältig und im zwischenmenschlichen Kontakt. Medien wie Fernseher oder Hörbücher können dies so nicht leisten. Wächst ein Kind mit unterschiedlich sprechenden Bezugspersonen auf, dann deshalb, weil seine Umgebung dies erfordert, weil es sonst nicht mit den Personen in seinem Umfeld kommunizieren könnte. Die Unterstützung oder Förderung des Spracherwerbs darf man nicht auf Deutsch, Türkisch, Englisch, Russisch usw. reduzieren. Vielmehr geht es darum, dass ein Kind Sprache an sich entdeckt, als zentrales Medium der Kommunikation, mit dem es sich mitteilen, etwas bewegen und sich einmischen kann. Wächst ein Kind mehrsprachig auf, gilt dies für alle seine Sprachen. Um diese zu fördern, wären solche gemeinsame Aktivitäten ideal, die sprachlich begleitet werden und auch im Nachgang besprochen oder anderen weitererzählt werden. Dabei kann intensive Sprachförderung schon ganz früh beginnen.

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2 Kommentare
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  1. Dr. Zellerhoff, Rita sagt:

    Ich stimme Frau Scharff Rethfeldt in allen Punkten zu, die sie zur Förderung der Mehrsprachigkeit beschrieben hat. Doch sieht es im Bereich der Diagnostik schon etwas erfreulicher aus. Insbesondere möchte ich auf die Sprachstandserhebung LiSe-DaZ von Schulz & Tracy hinweisen und auf die evozierte Diagnostik grammatischer Fähigkeiten bei mehrsprachigen Kindern ESGRAF MK nach H.-J. Motsch. Lesenswert ist auch die Expertise: Qualitätsmerkmale der Sprachdiagnostik in der Kita, die im vergangenen Mai vom Mercaator Institut Köln veröffentlicht wurde, vgl.: http://www.mercator-institut-sprachförderung.de (Abruf 19.05.2013). Es tut sich also endlich auch hier etwas!
    Mit freundlichen Grüßen

    Rita Zellerhoff

  2. Wiebke sagt:

    Auch ich stimme zu, möchte aber aus meiner Sicht als Familientherapeutin, die sich als Betroffene intensiv mit dem Thema Migration und Auswirkungen in Familien befasst hat, auf den Beziehungsaspekt aufmerksam machen, der die Bedeutung der Muttersprache unterstreicht. Es geht nämlich nicht nur darum, dass die Sprachfähigkeit der meisten Eltern in ihrer Muttersprache eine bessere ist, sondern, dass z.B. die Intonation der Worte im Verein mit Körpersprache eher Nähe und Intimität vermitteln. In einer ‚fremden‘ Sprache, auch wenn sie noch so perfekt beherrscht wird, ist das weit schwieriger. (DAs macht sich übrigens auch in bi-nationalen Paarbeziehungen bermerkbar) DAs heisst, der Gebrauch der eigenen Muttersprache gegenüber seinem Kind stärkt die Bindung. Weiterhin hat der Erwerb der Sprache, die zur Herkunft der Familie gehört, auch etwas mit Loyalität und Identität zu tun. So wie im Artikel erwähnt wird, dass die Demonstration von Mehrsprachigkeit seitens Mutter und Vater für das Kind Vorbildfunktion haben kann, so lassen sich durch die Pflege der Mutttersprache seitens der Eltern die eigene Herkunft und deren Traditionen als etwas Wertvolles auffassen, was wiederum Identität und Selbstwertgefühl der Kinder stärkt.



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