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Bildung schützt nicht gegen Vorurteile

Ein höherer Bildungsgrad ist ein Garant für eine progressive Haltung. Diese Annahme ist mittlerweile Common Sense, aber woher rührt sie eigentlich? Die jüngere deutsche Geschichte liefert nicht gerade Beweise für ihre Richtigkeit, ganz im Gegenteil: In der Nazi-Zeit gab es wenige deutsche Institutionen, in denen die Hetzjagd nach den Juden so akribisch betrieben wurde wie in den Universitäten.

Mit einem Blick zurück überraschen die Ergebnisse einer neuen deutsch-kanadischen Studie zum Thema „Antisemitismus und antimuslimische Vorurteile Studierender“ also vielleicht gar nicht. „Wir wollten das Ausmaß der sozialen Vorurteile von Studierenden messen“, so der Osnabrücker Erziehungswissenschaftler Wassilis Kassis vergangene Woche (20.2.14) im Jüdischen Museum Berlin bei der Vorstellung der Ergebnisse.

Danach haben Studierende an der Universität Osnabrück und der University of Victoria in British Columbia (Kanada) die gleichen Vorurteile wie die Mehrheit der Bevölkerung. Sprachkenntnisse, internationale Studiengänge, Auslandspraktika und Kommilitonen aus der ganzen Welt scheinen da kaum etwas zu ändern.

Dunkle Seite der Universität
Als die „dunkle Seite der Universität“ fassen die Wissenschaftler die Ergebnisse ihrer Studie zusammen: In Osnabrück und auch in Victoria distanzierten sich nur wenige Studierende klar von diskriminierenden Aussagen zum Thema Judentum und Islam. Auffällig hierbei war, dass antimuslimische Vorurteile insgesamt extremer ausfielen als antisemitische Vorurteile:

In Osnabrück lehnten nur 18 Prozent der befragten 1.000 Studenten Aussagen wie „Deutsche Frauen sollten keine Muslime heiraten“ oder „Muslime provozieren Muslimfeindlichkeit durch ihr Verhalten“ klar ab. Insgesamt zeigten hier rund 80 Prozent der Befragten in unterschiedlicher Ausprägung anti-muslimische Vorurteile.

Antisemitismus als Einfallstor
„Es sollten weniger jüdische Einwanderer nach Deutschland gelassen werden“ und „Deutsche Frauen sollten keine Juden heiraten“. Befragte, die in Osnabrück und Victoria hinter judenfeindlichen Aussagen wie diesen „Stimmt eher nicht“ angekreuzt haben, wurden von den Wissenschaftlern zu den Studenten mit antisemitischen Tendenzen gerechnet. Zusammen mit den Studienteilnehmern, die auf antisemitische Vorurteile „stimmt eher“ oder „stimmt völlig“ geantwortet haben, bildeten sie satte 40 Prozent der befragten Studenten.

Viele Forscher betrachten Antisemitismus als Einfallstor für menschenverachtende Einstellungen. Das deutsch-kanadische Forscherteam fand in seiner Studie einen Beleg für diese Annahme: Studenten mit antisemitischen Vorurteilen waren in Osnabrück und auch in Victoria deutlich anfälliger für andere Stereotype. Antimuslimischen Vorurteilen etwa stimmten sie im Schnitt fünfmal häufiger zu.

Reaktionen auf die Studie
Nicht nur die Ergebnisse dieser Studie, sondern auch die Reaktionen der Öffentlichkeit auf ihren Entschluss eine derartige Studie durchzuführen, erscheinen den Wissenschaftlern besorgniserregend. „Allein über die E-Mails, die ich als Reaktionen auf den Entschluss so eine Studie durchzuführen, erhalten habe, könnte man eine weitere Studie verfassen“, sagt Kassis. Er erzählt von elektronischer Post mit Inhalten wie: „Der Islam ist das Krebsgeschwür der Welt“ oder „Sie schicken ihre Tochter doch bestimmt auch nicht auf eine Problemschule, wo sie von ihren muslimischen Mitschülern Schlampe genannt wird.“

Der Osnabrücker Erziehungswissenschaftler berichtet, dass das Präsidium der Universität Osnabrück, die Ergebnisse seiner Studie sehr ernst nehme. Man habe mit einer “Vorwärtsstrategie“ auf seine Untersuchung reagiert und bereits spezielle „Lernmodule“ entwickelt, gerade auch weil in Osnabrück sehr viele Lehramtsanwärter ausgebildet werden. In Kanada habe es weniger Diskursbereitschaft gegeben, so Kassis´ kanadische Kollegin Charlotte Schallié.

Bildung ≠ Weltoffenheit
Die Ergebnisse dieser Studie entkräften die landläufige Meinung, dass Bildung gegen Vorurteile „schützt“. Das gilt insbesondere für die modernen Facetten von antisemitischen Vorurteilen. Spricht man bei negativen Stereotypen nicht von „Juden“ sondern von „Israelis“, so ist offensichtlich auch bei den gebildeteren Schichten die Bereitschaft höher, diesen Vorurteilen zu erliegen. Bei antimuslimischen Vorurteilen scheint der Faktor „Bildung“ wenig Gewicht zu haben. Von der „Sarrazinisierung unserer Gesellschaft“ spricht Kassis in diesem Zusammenhang.

„Höher gebildete Menschen überschätzen sich in der Regel in ihrer Freundlichkeit“, sagt Prof. Dr. Zick, Sozialpsychologe und Leiter des Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung an der Universität Bielefeld. Für ihn ist nicht die Bildung, sondern das Menschenbild und die politische Kultur einer Person ausschlaggebend für negative Vorurteile. Bildung kann helfen. Das tut sie für Zick aber nur, wenn Kinder bereits in der Schule lernen, „Konflikte demokratisch auszuhandeln, ohne die Gleichwertigkeit des Anderen infrage zu stellen.“