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Das Christentum gehört zweifelsfrei zu Deutschland. Das Judentum gehört zweifelsfrei zu Deutschland. Das ist unsere christlich-jüdische Geschichte. Aber der Islam gehört inzwischen auch zu Deutschland.

Bundespräsident Christian Wulff, Rede zum 20. Jahrestag der Deutschen Einheit am 3. Oktober 2010

Antisemitismus und Islamfeindlichkeit

Bildung schützt nicht gegen Vorurteile

Auch Studierende sind vor Ressentiments gegen Muslime und Juden nicht gefeit. Ein deutsch-kanadisches Forscherteam hat das Ausmaß von sozialen Vorurteilen bei Studierenden untersucht. Ergebnis: Höhere Bildung schützt weder vor Rassismus noch vor Antisemitismus oder Islamfeindlichkeit.

VONGabriele Voßkühler

 Bildung schützt nicht gegen Vorurteile
Die Verfasserin (42) hat Sprachen und Betriebswirtschaftslehre studiert und danach im PR-Bereich gearbeitet. 2002 ging sie zurück an die Humboldt-Universität in Berlin, wo sie 2010 ihre Dissertation abschloss. Seit 2012 arbeitet sie als freie Autorin. Gabriele Voßkühler ist verheiratet und hat zwei Kinder.

DATUM28. Februar 2014

KOMMENTARE6

RESSORTGesellschaft, Leitartikel

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Ein höherer Bildungsgrad ist ein Garant für eine progressive Haltung. Diese Annahme ist mittlerweile Common Sense, aber woher rührt sie eigentlich? Die jüngere deutsche Geschichte liefert nicht gerade Beweise für ihre Richtigkeit, ganz im Gegenteil: In der Nazi-Zeit gab es wenige deutsche Institutionen, in denen die Hetzjagd nach den Juden so akribisch betrieben wurde wie in den Universitäten.

Mit einem Blick zurück überraschen die Ergebnisse einer neuen deutsch-kanadischen Studie zum Thema „Antisemitismus und antimuslimische Vorurteile Studierender“ also vielleicht gar nicht. „Wir wollten das Ausmaß der sozialen Vorurteile von Studierenden messen“, so der Osnabrücker Erziehungswissenschaftler Wassilis Kassis vergangene Woche (20.2.14) im Jüdischen Museum Berlin bei der Vorstellung der Ergebnisse.

Danach haben Studierende an der Universität Osnabrück und der University of Victoria in British Columbia (Kanada) die gleichen Vorurteile wie die Mehrheit der Bevölkerung. Sprachkenntnisse, internationale Studiengänge, Auslandspraktika und Kommilitonen aus der ganzen Welt scheinen da kaum etwas zu ändern.

Dunkle Seite der Universität
Als die „dunkle Seite der Universität“ fassen die Wissenschaftler die Ergebnisse ihrer Studie zusammen: In Osnabrück und auch in Victoria distanzierten sich nur wenige Studierende klar von diskriminierenden Aussagen zum Thema Judentum und Islam. Auffällig hierbei war, dass antimuslimische Vorurteile insgesamt extremer ausfielen als antisemitische Vorurteile:

In Osnabrück lehnten nur 18 Prozent der befragten 1.000 Studenten Aussagen wie „Deutsche Frauen sollten keine Muslime heiraten“ oder „Muslime provozieren Muslimfeindlichkeit durch ihr Verhalten“ klar ab. Insgesamt zeigten hier rund 80 Prozent der Befragten in unterschiedlicher Ausprägung anti-muslimische Vorurteile.

Antisemitismus als Einfallstor
„Es sollten weniger jüdische Einwanderer nach Deutschland gelassen werden“ und „Deutsche Frauen sollten keine Juden heiraten“. Befragte, die in Osnabrück und Victoria hinter judenfeindlichen Aussagen wie diesen „Stimmt eher nicht“ angekreuzt haben, wurden von den Wissenschaftlern zu den Studenten mit antisemitischen Tendenzen gerechnet. Zusammen mit den Studienteilnehmern, die auf antisemitische Vorurteile „stimmt eher“ oder „stimmt völlig“ geantwortet haben, bildeten sie satte 40 Prozent der befragten Studenten.

Viele Forscher betrachten Antisemitismus als Einfallstor für menschenverachtende Einstellungen. Das deutsch-kanadische Forscherteam fand in seiner Studie einen Beleg für diese Annahme: Studenten mit antisemitischen Vorurteilen waren in Osnabrück und auch in Victoria deutlich anfälliger für andere Stereotype. Antimuslimischen Vorurteilen etwa stimmten sie im Schnitt fünfmal häufiger zu.

Reaktionen auf die Studie
Nicht nur die Ergebnisse dieser Studie, sondern auch die Reaktionen der Öffentlichkeit auf ihren Entschluss eine derartige Studie durchzuführen, erscheinen den Wissenschaftlern besorgniserregend. „Allein über die E-Mails, die ich als Reaktionen auf den Entschluss so eine Studie durchzuführen, erhalten habe, könnte man eine weitere Studie verfassen“, sagt Kassis. Er erzählt von elektronischer Post mit Inhalten wie: „Der Islam ist das Krebsgeschwür der Welt“ oder „Sie schicken ihre Tochter doch bestimmt auch nicht auf eine Problemschule, wo sie von ihren muslimischen Mitschülern Schlampe genannt wird.“

Der Osnabrücker Erziehungswissenschaftler berichtet, dass das Präsidium der Universität Osnabrück, die Ergebnisse seiner Studie sehr ernst nehme. Man habe mit einer “Vorwärtsstrategie“ auf seine Untersuchung reagiert und bereits spezielle „Lernmodule“ entwickelt, gerade auch weil in Osnabrück sehr viele Lehramtsanwärter ausgebildet werden. In Kanada habe es weniger Diskursbereitschaft gegeben, so Kassis´ kanadische Kollegin Charlotte Schallié.

Bildung ≠ Weltoffenheit
Die Ergebnisse dieser Studie entkräften die landläufige Meinung, dass Bildung gegen Vorurteile „schützt“. Das gilt insbesondere für die modernen Facetten von antisemitischen Vorurteilen. Spricht man bei negativen Stereotypen nicht von „Juden“ sondern von „Israelis“, so ist offensichtlich auch bei den gebildeteren Schichten die Bereitschaft höher, diesen Vorurteilen zu erliegen. Bei antimuslimischen Vorurteilen scheint der Faktor „Bildung“ wenig Gewicht zu haben. Von der „Sarrazinisierung unserer Gesellschaft“ spricht Kassis in diesem Zusammenhang.

„Höher gebildete Menschen überschätzen sich in der Regel in ihrer Freundlichkeit“, sagt Prof. Dr. Zick, Sozialpsychologe und Leiter des Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung an der Universität Bielefeld. Für ihn ist nicht die Bildung, sondern das Menschenbild und die politische Kultur einer Person ausschlaggebend für negative Vorurteile. Bildung kann helfen. Das tut sie für Zick aber nur, wenn Kinder bereits in der Schule lernen, „Konflikte demokratisch auszuhandeln, ohne die Gleichwertigkeit des Anderen infrage zu stellen.“

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6 Kommentare
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  1. Florian G. sagt:

    Sehr interessante Ergebnisse. Ich finde allerdings, dass die Überschrift etwas wertend ist. Bildung ist ja nicht gleich nur „studiert“, wie sie scheinbar aber auch in der Studie definiert wurde („Bildungsgrad“). Den Interessierten seien hiermit auch die „Mitte-Studien“ empfohlen, die etwa in die gleiche Richtung forschten. Ergänzend wäre es (aus einem anderen Forschungsparadigma) auch weiterführend, woher diese Vorurteile entstammen.

  2. berndkasseler sagt:

    Ich gebe zu, dass auch ich negativ gegenüber Muslims und Juden eingestellt bin – und zwar dann, wenn sie ihren Glauben offensiv vertreten. Genauso ist meine Meinung aber auch gegenüber zum Beispiel den Katholiken und anderen Religionen oder esoterischen Vereinigungen. All diese Vereinigungen sind mehr oder weniger intolerant. Allerdings sind sie Teil unserer Gesellschaft und werden es immer sein. Nur: Ich selbst finde Menschen mit diesen Heils-Ideen unsympathisch und zähle sie nicht zu meinen Freunden. Aber ich bin dagegen, sie in ihrem Wege des Seligwerdens zu unterdrücken oder auch nur zu behindern. .
    Die Medien schüren meiner Meinung nach die Verallgemeinerung. Sie werfen Ausländer, Muslims, Migranten in einen Topf. Tatsächlich geht es mir so wie vielen Menschen: Mir sind Israelis, Araber, Deutsche, Eskimos usw. willkommen wie jeder andere Bürger; nur der „Heilsauftrag“, das „Predigen“, mag ich nicht. (Politische „Radikalinskis“ mag ich ebenso wenig).

  3. […] Gabriele Voßkühler schreibt heute im Migazin über eine gerade veröffentlichte Studie, die aus einer Kooperation Studierender der Universität Osnabrück und der University of Victoria in British Columbia heraus entstanden ist. Untersucht wurden antisemitische und islamfeindliche Vorurteile unter Studierenden beider Universitäten. Das Ergebnis ist ernüchternd: […]

  4. Rudolf Stein sagt:

    „In Osnabrück lehnten nur 18 Prozent der befragten 1.000 Studenten Aussagen wie „Deutsche Frauen sollten keine Muslime heiraten“ oder „Muslime provozieren Muslimfeindlichkeit durch ihr Verhalten“ klar ab.“

    Wie wäre es, eine repräsentative Studie unter Muslimen durchzuführen, mit der Frage: Sollten muslimische Frauen deutsche (nichtmuslimische) Männer heiraten? Und gleich noch die Frage hinterher schieben: Sollten Kinder aus Ehen muslimischer Frauen (sofern es sie gibt) mit deutschen Männern nichtmuslimisch erzogen werden? Ist eine solche Studie gemacht und liegen die Ergebnisse vor, dann sollte die Autorin ihren Artikel noch einmal überarbeiten.

  5. Cengiz K sagt:

    …Sollten muslimische Frauen deutsche (nichtmuslimische) Männer heiraten?…
    Da sind Sie ja wieder Herr Wiederholungstäter..Was genau würden Sie mit so einer „seriösen“ Studie beweisen wollen?. Wie würden etwaige Befunde obiige Studie konterkarieren?

    …sollten Kinder aus Ehen muslimischer Frauen (…) mit deutschen Männern nichtmuslimisch erzogen werden?…
    Wieder die gleiche Frage, welcher Beweis wäre damit, Ihrer Ansicht nach, erbracht? Äpfel und Birnen lassen sich vorzüglich miteinander vergleichen?

    P.S. Bei der von Ihnen „kritisierten“ Studie ging es um das politische „Kampfrüstzeug“, dass Bildung Vorurteile abschaffe.. Man kann von der Studie halten was man will, aber bei Ihnen würde es ohnehin keinen Unterschied machen, auch wenn Sie irgend eine Form von Bildung vorzuweisen hätten.,Es ging nicht darum, dass „Deutsche (was ist das?)“ per se Vorurteile hätten, falls Sie darauf hinaus wollten.. Dafür gibt es andere solcher unzähligen Studien.. Entweder Sie lesen nicht die Artikel oder Sie haben Verständnisschwierigkeiten Texte in Ihrer eigenen Muttersprache zu verarbeiten.. Wenn Sie mir verraten, nur für den Fall, dass deutsch nicht Ihre Muttersprache ist, lasse ich Ihnen eine Übersetzung in Ihrer Muttersprache freundlicherweise zu kommen, damit Sie, nicht, wie sonst immer, außen vor stehen müssen..
    P.P.S. […]
    P.P.P.S. Wenn Die Autorin den Artikel überarbeitet haben wird, wie Sie das erwarten, als „kritischer“ Leser, was würde dann überarbeitet werden müssen? Was werden die von ihnen vorgeschlagenen „seriösen“ Studien denn ergeben haben?

  6. berndkasseler sagt:

    Bildung und Weltoffenheit müssen leider nicht eins sein. Das lehrt uns die Geschichte. Man viele der Nazi-Ideologen zwar als verbohrt, aber oft nicht als ungebildet bezeichnen.
    Das Problem ist ja, dass es zwar wie z.B. in der Literatur auch einen „Bildungskanon“ gibt, dieser aber von Nation zu Nation, in jeder Kultur…unterschiedlich definiert wird. Das ist auch gar nicht verwunderlich, muss er (der Kanon) sich doch selbst ständig erneuern/aktualisieren.

    Und noch etwas dazu: Viel zu wissen, heißt nicht gleichzeitig auch, viel zu Erkennen. Manche „Erkenntnis“ wiederum resultiert einfach aus Gewöhnen. Das kann man auch ohne Studien über z.B. das Sozialverhalten von Ratten erkennen. Siehe dazu: http://elife.elifesciences.org/content/3/e01385
    Lernen ist ein lebenslanger Prozess, intellektuelle Fähigkeit nur ein Blitzlicht des Jetzt. Bei der rein körperlichen Leistungsfähigkeit würde das ohnehin Niemand bezweifeln.
    Interessant finde ich es, dass Vorurteile tatsächlich nicht unbedingt einem Egoismus entspringen, sondern teilweise im exzessiven Ausleben sogar eher den eigenen Interessen widersprechen.
    Die Korrelation Ausländeranteil und Fremdenfeindlichkeit (oft geringe Ausländerquote, aber hoher Ablehnungsgrad) erstaunt mich nicht. Es war doch immer schon so, dass eine Korrelation ebenfalls besteht zwischen Unwissenheit und Angst/Ablehnung.
    Das Thema Vorurteile ist eines, das uns lebenslang nicht loslässt. Die Geschichte Europas, der USA, ja sogar die der gesamten Welt ist eine der Emigration/Migration. Unter diesem Gesichtspunkt erscheinen all die nationalistischen bzw. rassistischen Hasstiraden einerseits lächerlich, andererseits aber auch in seinen Ursprüngen verständlich (aktuell: Ukraine/Russland). Denn wir wissen, dass es immer Gruppenbildungen gibt, Abgrenzungen, Identifikationen und Aversionen. Diesbezügliche Aggression des Menschen ist vielleicht nicht nur ein Atavismus, nicht nur anthropologisch begründbar, sondern auch etwas biologisch verursachtes?
    Ich denke dabei nicht an Freuds “Todesstreben”, sondern auch an all die vielfältigen Formen der Gewalt, Unterdrückung, Diskriminierung in menschlichen Gesellschaften; die körperliche Aggression als Ventil, Adrenalinausstoß zur körperlichen Leistungssteigerung und Abbauung durch Sport oder Gewalt (in gewissem Maße impliziert jeder Sport auch Gewalt)……………
    Wie jeder Fachmann sofort erkennt. Ich bin nur ein Laie und äußere nur spontane Ideen, die bestimmt nicht wirklich fundiert sind.
    Doch denke ich, dass man sich in einem Blog so äußern darf.
    Abschließend möchte ich noch erwähnen, dass manche Leute beim Lesen des Impressums des MIGAZINS sagen werden: „Ach so, das sind ja nur diese Türken..“
    Darum will ich an dieser Stelle noch auf eine Website und Aktion des BMAS aufmerksam machen: http://www.yes-we-are-open.info/wid/DE/Startseite/start.html#doc/tourenplan.html;jsessionid=5337744A5592BA1764DDF19AFB8784C0 .
    Diese Informationen des sehr gewichtige Bundesministerium wird bestimmt Niemand als Geschwätz von Ausländerfreunden abtun!



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