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[Es würde im Interesse der deutschen Arbeiter liegen, wenn wir sie zu Fachkräften ausbilden.] Dafür müssen wir natürlich dann die relativ primitiveren Arbeiten … von ausländischen Arbeitskräften besorgen lassen.

Bundeswirtschaftsminister Ludwig Erhard, NWDR-Interview vom 9. April 1954

Eine Tragödie in drei Szenen

Theo Saladin stellt sein neues Buch vor

Theo Saladin hat am Montag sein neues Buch vorgestellt: Pressekonferenz, Kameras, Blitzlichtgewitter oder doch gähnende Leere in den Reihen? Sindyan Qasem, Florian Illerhaus, Daniela Seitzer und Benedikt Erb haben die Pressekonferenz inszentiert in drei Szenen:

VONQasem; Illerhaus; Seitzer; Erb

Sindyan Qasem, Florian Illerhaus, Daniela Seitzer und Benedikt Erb sind Mitglieder des NIR, Netzwerk gegen Islamophobie und Rassismus Leipzig.

DATUM25. Februar 2014

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RESSORTAktuell, Humor

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Es treten auf:

THEO SALADIN
ein ehemaliger Politiker, der in den letzten Jahren durch die Veröffentlichung von provokanten ‚Thesen‘ zu einigem Ruhm und Reichtum gekommen ist

EINE VERLAGSFRAU
JOURNALISTEN und JOURNALISTINNEN
FOTOGRAFEN und FOTOGRAFINNEN
KAMERALEUTE

1. Szene
Ein großer, bestuhlter Raum. Gegenüberliegend der Eingangstür ein Podium, dahinter eine Stellwand, die das überdimensionale Cover eines Buches ziert. Langsam füllt sich der Raum, Journalisten und Fotographen besetzen ihre Plätze. Am Podium werden Mikrofone gerichtet und Wasserflaschen aufgestellt. In der zweiten Stuhlreihe sitzt ein Journalist und wartet. Eine Reihe hinter ihm baut ein Kameramann seine Geräte auf.

KAMERAMANN (reicht dem Journalisten ein zusammengeklapptes Stativ über die Sitzlehne): Können Sie das mal bitte kurz halten?

JOURNALIST: Ja, gerne. Sonst habe ich gerade nichts zu tun.

Der Journalist beobachtet den Kameramann beim Einstellen seiner Arbeitsgeräte, schließlich bricht er das Schweigen.

JOURNALIST: Sind die Plätze für Kameras nicht eigentlich da drüben? (Er deutet vage nach links.)

KAMERAMANN: Jaja, eigentlich schon. Aber die Redaktion will unbedingt gute Nahaufnahmen für die Berichte heute Abend, deswegen stelle ich mich einfach hier hin.

JOURNALIST: Sicherlich wegen der interessanten Mimik, nicht wahr? (Er reicht dem Kameramann das Stativ herüber.)

KAMERMANN: Jaja, genau. Und Sie, was versprechen Sie sich von der Pressekonferenz?

JOURNALIST: Ach, ich brauche nur ein oder zwei Provokationen für eine gute Schlagzeile. Dann bin ich wieder weg. Alles für die Auflage, nicht wahr?

KAMERAMANN: Alles für die Quote, natürlich.

2. Szene
Der Raum ist mittlerweile gefüllt, alle Stühle sind belegt, auf den freien Flächen neben und hinter den Stuhlreihen stehen Fotografen und Kameraleute. Viele von den anwesenden Medienvertretern schauen abwechselnd auf das noch leere Podium und ihre Armbanduhren. Andere tippen vehement auf die Touchscreens ihrer Smartphones. Mit präzise inszenierter Verspätung betritt Theo Saladin den Raum durch eine Seitentür und nimmt am Podium Platz. Neben ihn setzt sich eine Repräsentantin seines Verlages. Sie gießt Wasser ein, legt Papiere zurecht, klopft an die Mikrofone. Theo Saladin genießt sichtlich das schlagartige Verstummen aller im Raum Anwesenden.

VERLAGSFRAU: Ich begrüße Sie recht herzlich zur heutigen Pressekonferenz anlässlich der Veröffentlichung von Theo Saladins neuem Werk ‚Der Gutmenschgulag‘. Theo Saladin ist einer der letzten Querdenker in dieser Republik…

Theo Saladin liest nach einer formvollendeten Ankündigung einen kurzen Abschnitt seines neuen Werkes. Zwar liest er fehlerfrei, trotzdem ist ihm eine gewisse Aufregung anzumerken. Worte wie ‚Vererbung‘, ‚Leistung‘, ‚Sekundärtugenden‘, ‚Ethnie‘ und ‚Tabu‘ betont er mit einer gewissen Schärfe. Er beendet den Absatz beinahe hastig und blickt erwartungsvoll zur Verlagsfrau, die wiederum das Wort an die anwesenden Medienvertreter und -vertreterinnen richtet.

VERLAGSFRAU: Danke, Herr Saladin. Nach dieser kurzen Leseprobe ist es Ihnen allen nun möglich, Fragen zu stellen. Ich möchte Sie bitten, der Reihe nach und präzise zu fragen. Bitte warten Sie, bis das Mikrofon bei Ihnen ist.

Sofort stehen mehrere Personen im Raum auf, andere heben ihre Arme und gestikulieren. Das Mikrofon wird einem Journalisten in der ersten Reihe gegeben. Dieser stellt sich kurz vor, dann beginnt er seine Frage:

JOURNALIST: Herr Saladin, ihr erstes Buch wurde in rot veröffentlicht, das zweite in weiß, ihr aktuelles nun, wie wir alle sehen können (er deutet auf das große Banner, das hinter dem Podium hängt) ist in schwarz gehalten. Ist das das Ende einer Farb-Trilogie? Und beginnen Sie nun eine Serie in schwarz-rot-gold?

THEO SALADIN: (bevor er antwortet, überblickt er den Raum kurz mit einem schief-süffisanten Lächeln): Das mit den Farben ist mir bis jetzt gar nicht aufgefallen, danke für den Hinweis. Ich lasse ja eigentlich den Verlag über solche Sachen entscheiden, mir geht es nur um den Inhalt (noch einmal hält er kurz inne und lächelt). Zu meinem nächsten Buch kann ich Ihnen noch nichts sagen. Erst einmal muss ich den Wirbel überstehen, den das aktuelle Buch verursachen wird. Wie Sie sicherlich wissen, wurde ich schon für meine vergangenen Veröffentlichungen stark kritisiert. Aber meine Kritiker haben meine Bücher sowieso nicht gelesen und wenn doch, dann nicht verstanden.

Das Mikrofon wird in der ersten Reihe ein paar Sitze nach rechts gereicht. Ein weiterer Journalist stellt sich vor und richtet eine Frage an den Autor.

JOURNALIST: Wie können Sie, Herr Saladin, sich denn so sicher sein, dass es, wie Sie sagen, wieder Wirbel um dieses Buch geben wird?

THEO SALADIN: Nun, wenn Sie mein Buch gelesen hätten, dann wäre Ihnen diese Frage im Prinzip von selbst beantwortet worden. Es gibt heutzutage in der Bundesrepublik viele selbsternannte Tugendwächter. Alles was gegen den Konsens verstößt, wird sogleich als Nestbeschmutzung verschrien. Ich selbst tue in meinen Büchern Fakten kund, die jedermann nachprüfen kann. Trotzdem wird mir vorgeworfen, nicht sachlich genug zu schreiben. Denn es ist nun mal so, dass bestimmte unbequeme Wahrheiten hierzulande nicht ausgesprochen werden dürfen. Manche Leute wollen mir sogar den Mund verbieten.

Noch während Saladin spricht, ist in den hinteren Reihen eine junge Journalistin aufgestanden und hat vehement das Mikrofon gefordert. Während Saladins letzter Satz verklingt, erhebt sich im Raum ein Raunen, das weder als ablehnendes Stöhnen noch als zustimmendes Murmeln zu identifizieren ist. Die junge Journalistin stellt sich knapp vor und beginnt unverzüglich.

JOURNALISTIN: Herr Saladin, vor einigen Tagen hatte ein Kollege bereits darauf hingewiesen, dass die Erstauflage Ihres Buches 100.000 Exemplare umfasst, Ihr Verlag Vorabdrucke und Werbung bundesweit in großen Printmedien schalten ließ und nicht zuletzt sind wir alle heute hier bei Ihrer großen Pressekonferenz zur Buchvorstellung versammelt. Behaupten Sie allen Ernstes, dass Ihnen der Mund verboten wird? Ist es nicht so, dass Sie bewusst provozieren und die Grenzen des Diskurses austesten, um mit der Aufmerksamkeit, die Ihnen dadurch zuteil wird, Geld zu verdienen? Ist es nicht eher so, dass Ihnen trotz offen rassistischer, sozial- darwinistischer und sexistischer Argumente immer ein Forum geboten wurde? Ist es nicht so, dass sich Ihre These vom zwanghaften Konsens eigentlich durch Ihre eigenen Publikationen widerlegt? Ist es nicht so, dass …

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