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Migration und Integration in Deutschland

Es gab vor allem in der Anfangsphase der Anwerbung von Türken häufige Klagen der deutschen Arbeitskollegen darüber, dass die Türken … an ihrem Arbeitsplatz wie verrückt arbeiten und dadurch die Akkordsätze verderben.

Hans-Günter Kleff, Vom Bauern zum Industriearbeiter, 1985

Integration im 16:9 Format

Eine Reaktion auf Julia Engelmanns Poetry Slam

Julia Engelmann hat mit ihrem Poetry Slam Millionen mitgenommen, zum Nachdenken gebracht. Martin Hyun hingegen konnten sich mit Engelmanns Text nicht identifizieren, er hat seinen eigenen geschrieben – ich laufe, ich renne, ich kämpfe.

VONMartin Hyun

 Eine Reaktion auf Julia Engelmanns Poetry Slam
Martin Hyun, 1979 in Krefeld geboren, Sohn koreanischer Gastarbeiter, studierte Politik, International Business und Relations in den USA und Belgien, war der erste koreanischstämmige Bundesligaspieler in der DEL und Junioren Nationalspieler Deutschlands. Im Europäischen Jahr des interkulturellen Dialog 2008 engagierte er sich als Botschafter in Deutschland. Er gehörte dem Leadership-Programm der Bertelsmann-Stiftung an und nahm als ein Vertreter der Koreaner in Deutschland an der Jahreskonferenz 2008 Forum Demographischer Wandel teil, die vom damaligen Bundespräsidenten Horst Köhler initiiert wurde. Seit 2008 promoviert er zum Thema Arbeitsmigration. Sein aktuelles Buch:

DATUM21. Februar 2014

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RESSORTAktuell, Meinung

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Mit dem Text der Poetry Slammerin Julia Engelmann ging ein Ruck durch Deutschland. Engelmann schaffte es mit ihrer Art und Weise, die Menschen zum Nachdenken zu bringen.

In ihrem Wortfluss über die Sinnhaftigkeit des Lebens, dem dornigen Weg geplagt von Selbstzweifel, der Antriebslosigkeit, mit dem Blick gerichtet zur Erlösung, der versklavten Hoffnung auf den Anfang vom Ende sah ich mich nicht wieder, wie viele meiner Bekannten. Wir konnten uns mit Engelmanns Text nicht identifizieren.

Nur die eine Frage drehte sich in meinem Kopf. Wie wäre dieser Text wohl ausgefallen, wenn es aus der Feder eines Migranten stammen würde? Und so wollte ich ein Versuch starten:

* * *

Ich warte nicht ab,
ich nehme mir viel vor und doch schaffe ich davon alles,
ich halte mich nicht zurück,
ich zweifele nichts an,
ich bin klug,
allein das ist ziemlich gut.

Ich sage sehr viel und bleibe dabei nicht still,
ich tue sehr Vieles, meine Liste ist sehr lang,
also fange ich früh an.
Ich hänge nicht planlos herum und wart auf den nächsten Freitag,
„Ach das mach ich später“ ist nicht die Baseline meines Alltags,
eher: „Ich wäre ein Narr wenn ich aufgeben würde“.

Ich bin fleißig, wie eine Ameise,
ich überwinde immer meinen eigenen Schweinehund,
ich stehe früh auf, ich gehe nicht oft raus, um nicht unnötig Zeit zu verlieren,
ich gehe meine Träume an,
ich gehe auf Risiko wenn es sein muss,
ich laufe meinen Marathon durch, bis ich die Ziellinie erreicht habe,
Aufgeben kommt für mich nicht in Frage.
Kein Tag vergeht für mich nur einfach so.

Eines Tages werde ich alt sein und ohne Bedauern an all die Geschichten zurückblicken,
die ich angefangen und zu einem Ende gebracht habe, ob erfolgreich oder nicht.

Und trotz all dieser Mühen bleiben mir die Türen verschlossen,
weil ich am falschen Ort zur falschen Zeit bin,
weil sich meine Herkunft in meinem Erscheinungsbild widerspiegelt,
weil mein Migrationshintergrund nicht in den richtigem Namen mündet,
und sich mein Äußeres vom Rest unterscheidet.
Der Traum bleibt nur ein Traum, der das Morgenlicht nie erblicken wird.

Der Marathonlauf eines Migrantenlebens kennt keine Zielgerade, sondern nur „Durchhalten“ oder „Aufgeben“,
Absagen werden als „planlos“ und als „Lücke im Lebenslauf“ gewertet,
mein Ehrgeiz wird auf eine harte Probe gestellt.

Die Zeit verrinnt,
ich vergeude mein Talent mit einer Arbeit, die nicht meiner Qualifikation entspricht.
Ich renne und doch stehe ich still,
ich gehe zwei Schritte vor und doch einen Schritt zurück,
ich laufe, ich renne, ich kämpfe,
aufgeben kommt für mich nicht in Frage.
Dafür bin ich zu weit meines Weges gegangen, um einfach kehrt zu machen,
ich habe mein Selbstvertrauen.

Und jede Niederlage ist irgendwie doch ein Sieg,
sie versuchen, meinen Fleiß zu brechen, mich zu demoralisieren,
in der Hoffnung, dass ich leise werde, von der Bildfläche verschwinde,
Aber sie vergessen, dass ein Migrant aus einem anderen Holz geschnitzt ist,
so leicht wird die Flinte nicht ins Korn geworfen.

Eines Tages werde ich alt sein und ohne Bedauern an all die Geschichten zurückblicken,
die mich stärker gemacht und von meinen tiefen Ängsten befreit haben.

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13 Kommentare
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  1. Urs Berger sagt:

    Als Deutscher kann ich das nicht ganz nachvollziehen. Aber nur so kann einer einen Einblick in die Seele eines Migranten bekommen. Danke Martin Hyun.

  2. Der Türke sagt:

    Ich finde das Gedicht doch etwas übertrieben. Ich schreibe hier selbst auch als betroffener. Auch ich habe viele verschlossene Türen erlebt, wenn ich sinnbildlich schreiben darf ;). Trotzdem empfinde ich mein Leben nicht als Tortur, so wie es in dem Gedicht irgendwie durchschimmert. In Deutschland gibt es vieles was gut ist, und eine gute Sache ist die: Wenn man ausreichend qualifiziert und der Bedarf da ist, dann wird man nicht abgewiesen. Es wird einem nicht leicht gemacht, aber man wird selten der Hautfarbe, Religion oder Haarfarbe abgewiesen. Verschossene Türen sind kein Privileg, welches nur Migranten genießen 😉 …

  3. Olesia sagt:

    Ich finde diesen „Gegenentwurf“ zum Text von Julia Engelmann doch etwas einseitig und schwarzweiß. Soll das jetzt heißen, alle „Menschen mit Migrationshintergrund“ plagen sich nur so ab und sind absolut motiviert und engagiert und ihnen werden nur Steine in den Weg gelegt von der bösen autochtonen Bevölkerung? Und nur diejenigen ohne Migrationshintergrund sind mal träge oder untentschlossen? Ich bin der Meinung, man muss den Text von Engelmann nicht super finden und es findet sich bestimmt nicht jeder darin wieder. Allerdings ist das für mich eher eine Gernerationenfrage als die Frage der Herkunft.

  4. Gunnar Lengwennings sagt:

    Die Studien sagen da etwas anderes @ Der Tuerke! Da hilft eine ausreichende Ausbildung und Studium in Deutschland leider nicht aus. Der Nepotismus ist in Deutschland weit verbreitet. Vielleicht hattest Du das Glueck worauf andere Deiner Zunft und Hintergrundes hoffen eines schoenen Tages zu bekommen und das trotz sehr guter Leistung.

  5. Global Player sagt:

    Tja, Migrant Martin Hyun, erster koreanischer DEL-Spieler, Akademiker, Leadership-Teilnehmer und noch vieles mehr ist das lebendige Beispiel dafür, dass man sich als Migrant abplagen kann, wie man will: man wird es zu nichts bringen und „es“ nicht schaffen. Klar, weil böse deutsche Menschenwesen ihn systematisch und schlimmer noch, programmatisch daran hindern. Martin Hyun ist ein Schwarz-Weiß-Seher. Und genau solche Leute braucht man in dieser Debatte nicht. Mehr noch, er wirkt wie ein verbitterter Spalter, der stets und immer trennt: wir Migranten – ihr Nichtmigranten. In seiner Welt führen die „aus anderem Holz geschnitzten“ Migranten ein „Migrantenleben“, welches durch „Demoralisierung“ der Nicht-Migranten geprägt ist. Sind das Minderwertigkeitskomplexe? Ist das Hass? Schade eigentlich.

  6. R.Stil sagt:

    Als ehemaliger Personalleiter einer Behörde und als Deutscher kann ich die Zeilen des Verfassers Martin Hyun gut nachvollziehen. Beim Auswahlgespräch hat der Name, die Herkunft und das äußere Erscheinungsbild immer eine bevorzugte Rolle eingenommen als die Qualifikation. Als männlicher Migrant dessen äußeres Erscheinungsbild nicht gleich „Deutsch“ zu setzen war hatte nie eine wirkliche Chance den Job zu bekommen. Bestenfalls wurde diese Person nur pro Forma eingeladen. Ich habe meinen Job geschmissen, weil ich es nicht länger ertragen konnte, wie heuchlerisch die Kollegen mit „ausländischen“ Kandidaten umgegangen sind. Vor ihnen „ausländerfreundlich“ und verständnisvoll aber im sicheren geschlossenen Raum ungeniert „ausländerfeindlich“ obwohl die Kandidaten „deutsche Staatsbürger“ waren. Da fiel schon mal das Wort „Dieser Kanacke“ oder „Dieser Kamikaze“. Deshalb braucht die Integrationsdebatte genau so einen Protagonisten wie Martin Hyun, der seine Erfahrungen auf Papier bringt. Das hat mit schwarz-weiß Malerei nichts zu tun . So etwas nennt man in Deutschland „MEINUNGSFREIHEIT“.

  7. Tommie sagt:

    @Global Player: Kauf Dir das Buch „Ohne Fleiß kein Reis“. Du scheinst mir ein wenig in der schwarz-weißen Welt zu leben und das sage ich als Deutscher. Deine Ansichten sind ganz schön fest eingefahren und zwischen den Zeilen erkenne ich eine angestaute Wut. Dafür gibt es professionelle Hilfe.

  8. Thomas_1978 sagt:

    Ich schließe mich meinem Namensvetter Tommie an. @Global Player und Olesia: Kauft euch das Buch „Ohne Fleiß kein Reis“. Bildet euch weiter. Vergößert euren Horizont. In Wirklichkeit seid ihr diejenigen, die in einer schwarz weißen Welt lebt. Die Realität sieht anders aus. Der Schriftsteller Martin Hyun ist eine Bereicherung in der engstirningen Integrationsdebatte in Deutschland.

  9. kleinerbruder sagt:

    @ martin hyun

    mit worten ein leben beschrieben , das genau so meins sein könnte.

    @ R.Stil

    endlich mal jemand der es sagt wie es ist ^^.

    aber wenn mir eins dieses gedicht sagt , dann das man nicht verbittert werden soll .

    viele begabte und vorallem fähige junge frauen und männer , die ehrgeizig und aktiv sind werden wie ungeschliffene diamanten übersehn .

    das sagt viel über die goldschmiede und juweliere aus , die den wert eines steines und sein strahlen nicht erkennen können . aber andere werden ihn erkennen und sich zunutze machen

  10. Global Player sagt:

    @Tommi

    „Deine Ansichten sind ganz schön fest eingefahren[..]“

    Könnten Sie das bitte anhand von Beispielen belegen?

    „Dafür gibt es professionelle Hilfe.“

    Sie werfen also Menschen, die nicht Ihrer Meinung sind, (geistige) Krankheit vor, die behandelt werden sollte? Hmmmm, woher kenn ich denn solche Schlußfolgerungen? Wie sähen denn die Behandlungen aus? Elektroschocks? Gehirnwäsche?

    Dass so ein Kommentar, der nichts aussagt und nur beleidigt, überhaupt veröffentlicht wird, ist mir ein Rätsel.


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