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Migration und Integration in Deutschland

Wir haben unsere Behörden über Jahrzehnte in eine Abschottungskultur hineinentwickelt. Man hat gesagt: Haltet uns die Leute vom Hals, die wollen alle nur in unsere Sozialsysteme einwandern. Jetzt müssen wir deutlich machen, dass wir Fachkräfte brauchen, dass wir um sie werben müssen.

Peter Clever, Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände, April 2013

Eine ungute Gemengelage

Die Abstimmung gegen Masseneinwanderung

Die Schweiz hat per Volksentscheid gegen „Masseneinwanderung“ votiert. Das zeigt eine tiefe Spaltung zwischen einer europäischen Elite und dem Volk. Sabine Beppler-Spahl über das, was falsch gelaufen ist und wer die Verantwortlichen sind.

VONSabine Beppler-Spahl

Die Verfasserin ist Novo-Redakteurin und lebt in Berlin. Sie ist Diplom-Vokswirtin.

DATUM13. Februar 2014

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RESSORTAktuell, Meinung

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Die Abstimmung gegen Masseneinwanderung in der Schweiz zeigt, wie verwirrend die Debatten über Demokratie, die EU und die Einwanderung sind. Ganz unterschiedliche Probleme wurden so ineinander verstrickt, dass sie zu einem Ganzen zu verschmelzen drohen. Am Ende steht ein Kulturkampf, in dem nicht nur die tiefe Spaltung zwischen einer europäischen Elite und einem großen Teil des Volkes zum Ausdruck kommt, sondern auch die Ablehnung der Immigration. Diese ins Zentrum dieser unguten Gemengelage zu stellen ist so simpel wie falsch.

Was ist geschehen? Die Schweizer haben von ihrem demokratischen Recht Gebrauch gemacht, über eine polarisierende Frage abzustimmen, und das ist zu begrüßen. Zu oft schon wurden Gesetze durch die EU angeordnet und dann in Parlamenten abgenickt, obwohl sie von einem großen Teil der Bürger abgelehnt wurden. Es bleibt abzuwarten, wie die EU-Führung nun mit diesem Ergebnis umgehen wird. Bisher wurden unliebsame Referenden wie die Ablehnung des EU Verfassungsvertrags in Frankreich und den Niederlanden 2005 oder des Lissabon Vertrages in Irland 2008 einfach übergangen.

Die Abstimmung hat auch deutlich gemacht, dass schwierige Entscheidungen nicht aus der nationalen Politik ausgeklammert werden können, indem sie auf die EU Ebene verlagert werden. Statt selber und im eigenen Recht für die Arbeitnehmerfreizügigkeit zu werben, hat sich die Regierung in Bern hinter den Vorgaben aus Brüssel versteckt. Ständig wurde darauf verwiesen, welche vertraglichen Schwierigkeiten sich durch die Abstimmung ergeben könnten, wenn sie nicht im Sinne der EU ausginge. Die Immigration an sich zu verteidigen – unabhängig von EU Gesetzen – schien den Politikern so schwerzufallen, dass sie sich lieber vornehm zurückhielten. Nicht die offene Debatte wurde gesucht, sondern darauf gehofft, die Wähler würden schon das Kreuz an der richtigen Stelle machen, wegen der Angst vor den Sanktionen aus Brüssel. Weil der Wähler aber kein williges Kind ist, kann ein Denkzettel auch vor diesem Hintergrund nicht verkehrt sein.

Der Ruf nach Mitsprache und die Einforderung von Souveränität ist gut. Schlecht ist freilich das Ergebnis: dass mit ihr auch offene Grenzen abgelehnt wurden. Das ist bedauerlich für ein Land, das traditionell liberal und aufgeschlossen war. Schuld ist die Politik. Sie hat es nicht geschafft, die Immigration von den Problemen, die die EU betreffen, zu trennen. Wie ein Land zur Immigration steht, hängt davon ab, wie die Zukunft gesehen wird und ob die Bevölkerung das Gefühl hat, diese mitgestalten zu können. Es geht dabei häufig auch um die Frage der Ressourcen: Müssen wir uns alle einschränken (z.B. beim Wohnraum) oder ist noch Platz für viel mehr? Werden Arbeitsplätze knapp oder wächst die Wirtschaft? Wie soll der Sozialstaat der Zukunft gestaltet werden? Andere wichtige Themen betreffen den Zusammenhalt und die eigene Identität: Was heißt es heute noch, Deutscher oder Schweizer zu sein und wie kann die moderne Gesellschaft der Zukunft aussehen? Nicht zuletzt hat Immigration auch etwas damit zu tun, welchen Stellenwert wir der Freiheit des Individuums zumessen: Möchten wir in einer Welt leben, in der sich Menschen dort niederlassen können, wo sie wollen und wo sie für sich und ihre Familien ein besseres Leben finden können? Wie ist es mit unserem eigenen Recht auf Freizügigkeit?

In der Schweiz waren es vor allem Wirtschaftsvertreter, die für Immigration geworben haben. Wirtschaftliche Argumente allein reichen aber nicht aus, um den Bürger von den Vorteilen offener Grenzen zu überzeugen. Es ist zwar hilfreich, wenn die Fakten auf den Tisch kommen, etwa die Tatsache, dass 90 % aller Bulgaren und Rumänen in Deutschland keine Sozialhilfe erhalten. Doch die Ängste der Bürger vor einem Verdrängungswettbewerb auf dem Arbeitsmarkt werden dadurch nicht nachhaltig abgebaut. Immigration ist eine politische Frage und sollte als solche diskutiert werden. Wenn Europas Eliten glauben, das Gesetz zur Arbeitnehmerfreizügigkeit per EU Beschluss durchsetzen zu können, ohne die Bürger politisch zu überzeugen, dann irren sie sich. Davon profitieren die Pessimisten der Front National in Frankreich, der UKIP in England oder der SVP in der Schweiz, die in der Abschottung die einzige Lösung sehen. Wie die Abstimmung in der Schweiz gezeigt hat, haben sie es geschafft, den Missmut gegen eine autoritäre EU Politik mit der Frage der Einwanderung zu verbinden. Umso wichtiger ist es, eine positive Verteidigung der Immigration zu entwickeln.

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2 Kommentare
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  1. En-Dübendorf sagt:

    Oh ja, … das Abstimmungsergebnis beschränkt sich nicht einfach auf „Ausländer“. Vielfältige Gründe liegen vor. Einer wurde bis jetzt kaum erwähnt. Nämlich die Sozialwerke der Schweiz. Da ist mal die AHV. Sie ist nach dem Umlagesystem gebaut. Da profitiert die Schweiz von den Erwerbstätigen. Dumm ist nur, dass die AHV-Maximal-Rente nicht zum Leben reicht. Die viel wichtigere Rente ist diejenige der 2. Säule. Das obligatorische berufliche Sparen. Mit dieser Rente soll der Lebensstandard „gesichert“ werden. Diese Rente aber hängt von den Einzahlungen des Arbeitgebers und des Arbeitnehmers ab. Um eine „gute“ Rente zu erhalten braucht es rund 35-39 Beitragsjahre!!!. Hat man weniger Beitragsjahre, ist die Rente klein. Auch zusammen mit der AHV kommt man in extreme Schwierigkeiten und ist von der „Fürsorge“ abhängig. (etwa so, wie Hartz IV). Die Zuwanderer machen sich darüber kaum Gedanken, da sie in der „Blüte“ ihres Lebens stehen. Wenn sie aber erst mal Zusatzleistungen von der Fürsorge beanspruchen müssen, sieht das anders aus. Massenhafte Zusatzleistungen würde aber letztlich das Sozialwerk der Schweiz torpedieren.

  2. Han Yen sagt:

    @En-Dübendorf

    Da verbreiten Sie Unsinn. Zuwanderer machen sich sehr viel Sorgen um Altersarmut, da sie eine Begleiterscheinung der Migration ist. Es fehlen immer Beitragsjahre um eine gute Rente erhalten zu können.

    „Die Zuwanderer machen sich darüber kaum Gedanken, da sie in der “Blüte” ihres Lebens stehen. Wenn sie aber erst mal Zusatzleistungen von der Fürsorge beanspruchen müssen, sieht das anders aus. Massenhafte Zusatzleistungen würde aber letztlich das Sozialwerk der Schweiz torpedieren.“

    Prinzipiell lässt sich das Problem lösen, indem man die Produktivität steigert. Dafür braucht man aber mindestens Kontrolle über seine eigenen Steueranteile und die Kapitalguthaben auf den Banksektor, um Ressourcen in die Steigerung des eigenen Humankapitals und des Maschinenparks kippen zu können. Auch eine koordinierte Handelspolitik gegenüber den Auswanderungsstaaten wäre dem nicht abträglich.

    Wirklich drollig wird es aber erst, wenn mehrere Millionen Russland und Statusdeutscher per Gesetz mit Rentenansprüchen ausgestattet werden, ohne jemals eingezahlt zu haben. Die fehlenden Beitragsjahre werden sie aufgrund ihres hohen Einwanderungsalters niemals aufholen. Das deutsche Rentensystem war immer auf falschen Annahmen über das Renteneintrittsalter aufgebaut.

    Die nicht-weißen Migranten haben das Pech zuviel gearbeitet zu haben, zu spät zu sterben und nicht die Möglichkeit gehabt zu haben die Grenzen dicht zu machen seit dem Anschluß der DDR. Das Leben hat sich nicht gelohnt.



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