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Migration und Integration in Deutschland

Die Umstellung darauf, dass jetzt die Ausländer die Überlegenen sind, da sie wenigstens einen Arbeitsplatz besitzen, ist für viele nicht nachvollziehbar.

Friedrich Landwehrmann, Strukturfragen der Ausländerbeschäftigung, 1969

Dr. Yaşar Aydın

„Abwanderung ist das Gegenteil einer gescheiterten Integration“

Die Türkei hat sich vom Auswanderungs- zum Einwanderungsland entwickelt – insbesondere für hochqualifizierte Menschen türkischer Herkunft aus Deutschland. Im Gespräch erklärt der neue MiGAZIN-Kolumnist und Migrationsforscher Yaşar Aydın, warum Menschen das Land ihrer Vorfahren bevorzugen.

Sie haben eine qualitative Studie zur Abwanderung von hochqualifizierten Türkeistämmigen gemacht. Warum beschäftigen Sie sich mit diesem Thema?

Yaşar Aydın: In den Medien wurde viel über die Abwanderung der türkeistämmigen Akademikerinnen und Akademiker diskutiert und teilweise sehr merkwürdige Theorien entworfen. Die türkeistämmigen Hochqualifizierten würden deshalb in die Türkei abwandern, weil sie in Deutschland nicht Fuß fassen und sich mit Deutschland nicht identifizieren könnten. Diese Menschen wurden als Opfer von gesellschaftlichen Problemlagen und Diskriminierungen gesehen und damit wurde die Abwanderung in die Türkei begründet. Und ich hatte zunächst einmal Zweifel an diesen Theorien und Erklärungen und wollte der Sache einmal gründlich nachgehen. Ob das tatsächlich der Ausdruck von gescheiterten Existenzen ist, oder Ausdruck von etwas ganz anderem.

Ihr Buchtitel heißt „Transnational statt nicht integriert“. Was meinen Sie genau mit dem Begriff „transnational“?

Dr. Yaşar Aydın studierte an der Universität Hamburg Soziologie und Volkswirtschaft (2001), absolvierte an der Universität Lancaster (England) sein Masterstudium in Soziologie (2002) und promovierte 2009 an der Universität Hamburg mit der Dissertationsschrift „Topoi des Fremden: Zur Analyse und Kritik einer sozialen Konstruktion“. Nach der Promotion arbeitete er im Hamburgischen WeltWirtschaftsInstitut und an der Universität Hamburg als wissenschaftlicher Mitarbeiter. Er beschäftigt sich insbesondere mit Migrations- und Integrationstheorien, Migrationsbewegungen zwischen Deutschland und der Türkei und mit der Türkeiforschung. Derzeit ist er Mercator-IPC Fellow an der SWP und forscht zum Thema „Die neue Diasporapolitik der Türkei“ und lehrt in Hamburg. Seine aktuelle Publikation: „Transnational statt nicht integriert: Abwanderung türkeistämmiger Hochqualifizierter aus Deutschland“.

Aydın: Ich spreche von transnationalen Orientierungen von Menschen. Damit meine ich Migrantinnen und Migranten, die in einem Land leben, sich in das Land eingliedern, eine Bildungskarriere durchlaufen, sich für die Politik dieses Landes interessieren und vor allem auch die soziale Grammatik, also die Verhaltensweisen dieses Landes verinnerlichen. Und dennoch ihre Beziehungen zum Heimatland oder zum Heimatland der Eltern aufrechterhalten. Also die Sprache weiter pflegen, sich nicht festlegen wollen auf die eine oder andere Gesellschaft und Kultur, sondern sich zu beiden Kulturen und Nationen zugehörig fühlen und auch eine Bilingualität bewusst pflegen. Das ist mit transnationalen Migrantinnen und Migranten gemeint.

Also genau das Gegenteil von „Zwischen zwei Stühlen sitzen“?

Aydın: Exakt, diese Menschen sind keineswegs zwischen zwei Kulturen hin- und hergerissen. Das ist eine verkehrte Sichtweise, ein unterkomplexes Bild. Sicher gibt es auch Menschen, die Identitätsprobleme haben. Aber so kann man sie nicht beschreiben. Im Gegenteil, es sind Menschen, die sich ganz bewusst zu beiden Kulturen zugehörig fühlen. Sie sind keineswegs Opfer einer Bikulturalität, sondern fassen diese als Ressource auf und leben die Multikulturalität bewusst aus.

Was sind die Ergebnisse Ihrer Studie? Was sind die Motive einer Abwanderung in die Türkei?

Aydın: Ich habe festgestellt, dass es immer ein Bündel verschiedener Gründe ist. Die Mehrheit der befragten Menschen wandern aus beruflichen Gründen ab. Sie sind der Meinung, dass sie in der Türkei eine schnellere Karriere machen können und dass dort ihre Branche expandiert. Sie bewerben sich sowohl in Deutschland als auch in der Türkei und vergleichen die Arbeitsangebote. Wichtig ist, dass die Menschen ein transnationales soziales Kapital haben, dass sie also die türkische Sprache und Gepflogenheiten kennen. Sie hatten immer schon gute Kontakte zur Türkei, deshalb war das Land für sie immer schon eine Alternative. Es spielt auch eine große Rolle, dass sich die Wirtschaft in der Türkei positiv entwickelt, so dass viele Unternehmen den hochqualifizierten Türkeistämmigen ein entsprechendes Angebot machen können. Ich habe herausgefunden, dass Diskriminierungs- und Benachteiligungserfahrungen eine untergeordnete Rolle spielen. Auch familiäre Gründe spielen keine starke Rolle.

Sie verlassen Deutschland also nicht aufgrund von „Diskriminierungserfahrungen“ oder „fehlender Integrationsbereitschaft“?

„Warum sollen Hochqualifizierte Deutschland bevorzugen, wenn ihre Bikulturalität gar nicht als Ressource, sondern als Last wahrgenommen wird?“ – Aydın Yaşar

Aydın: Nein. Wenn bereits ein Abwanderungsgedanke vorhanden ist, dann beschleunigen Diskriminierungserfahrungen die Abwanderung. Gegen Diskriminierung haben die Akademikerinnen und Akademiker aber ganz andere Strategien entwickelt. Die entscheidende Rolle spielen definitiv berufliche Gründe. In Bezug auf die türkeistämmige Bevölkerung in Deutschland zeigen quantitative Studien, dass diejenigen mit höherer Qualifikation mobiler sind und eher in die Türkei abwandern. Die weniger Qualifizierten oder, wie Sarrazin es sagt, die „Nicht-Integrierten“, bleiben hier. Und genau deshalb ist das Phänomen der Abwanderung das Gegenteil einer gescheiterten Integration. Es ist das Ergebnis einer Teilhabe in beiden Gesellschaften. Sonst wäre es ihnen auch nicht möglich gewesen einen Job zu finden. Sie hätten genauso wie deutsche Hochqualifizierte auch in die USA oder nach England gehen können, aber die Türkei hat sich einfach angeboten.

In Zeiten des Fachkräftemangels werden die Hochqualifizierten auch in Deutschland benötigt. Was kann man tun, um diese im Land zu halten?

Aydın: Zunächst muss ein Mentalitätswandel stattfinden. Wir brauchen eine Willkommens- und Anerkennungskultur. Wir müssen einfach mal einsehen, dass ein Migrationshintergrund und Bikulturalität kein Makel ist, sondern ganz im Gegenteil eine Ressource. Außerdem muss die Integrationsdebatte in Deutschland anders geführt werden. Integration ist keine Bringschuld, sondern ist ein beidseitiges Phänomen. Integration kann nur dann gelingen, wenn man diese Menschen nicht nur „nicht ausgrenzt“, sondern offen empfängt. Integration im Sinne von „Seid wie wir, passt euch an“ kann nicht gut gehen. Auch die Unternehmen müssen ihren Beitrag dazu leisten, damit die Menschen hier bleiben. Bessere Arbeitsbedingungen, bessere Perspektiven sind vonnöten. Warum sollen hochqualifizierte Menschen in Deutschland bleiben, wenn sie keine Langzeitperspektive haben und warum sollen Hochqualifizierte Deutschland bevorzugen, wenn ihre Bikulturalität gar nicht als Ressource, sondern als Last wahrgenommen wird?

Welche Rolle spielt in diesem Zusammenhang die Debatte um die umstrittene Optionspflicht im Staatsangehörigkeitsrecht? Werden Türkeistämmige möglicherweise vergrault?

Aydın: Die Koalitionsvereinbarung, die Optionspflicht abzuschaffen, ist ein unzureichender Schritt in die richtige Richtung. Es kann als Fortschritt – wenn auch im Schneckentempo – bewertet werden, dass es diesmal einen konservativen Widerstand nicht gegeben hat, wie es 1999 der Fall war, als der CDU Spitzenpolitiker Koch in Hessen eine Unterschriftenkampagne gestartet hatte. Allerdings ist die Forderung der CSU, die Hinnahme der doppelten Staatsangehörigkeit an die Bedingung, in Deutschland aufgewachsen zu sein, festzumachen, keine gute Geste gegenüber den Türkeistämmigen in Deutschland. Das suggeriert: Eigentlich wollen wir nicht, dass ihr die Staatsbürgerschaft des Landes, zu dem ihr intensive Kontakte und Beziehungen habt, behaltet. Das ist eine symbolische Ausgrenzung. Noch schlimmer ist es, dass die „selbsternannten“ Islamspezialisten jetzt so tun, als würde die Hinnahme der doppelten Staatsbürgerschaft die Türkeistämmigen dazu zwingen, die türkische Staatsbürgerschaft zu behalten.

In Kürze startet Ihre neue Kolumne im MiGAZIN. Auf welche Themen wollen Sie den Fokus legen?

Aydın: Ich freue mich, dass ich in regelmäßigen Abständen im MiGAZIN schreiben werde. Mein Fokus wird sich hauptsächlich auf Themen richten, die mit Migration und Integration zusammenhängen. Jedoch werde ich mich auch mit anderen Themen befassen, wie etwa der deutschen Wirtschafts- und Außenpolitik oder der Türkei – auch im Hinblick auf die Türkei-EU-Beziehungen.
Die Politik der Bundesrepublik gegenüber den Türkeistämmigen in Deutschland ist zugleich auch deutsche Außenpolitik, umgekehrt ist die Türkeipolitik der Bundesregierung innenpolitisch von Relevanz. Denn aufgrund der intensiven transnationalen Verflechtungen zwischen Deutschland und der Türkei ist schwierig, wenn nicht gar aussichtslos, klar zwischen Innen- und Außenpolitik zu trennen.

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3 Kommentare
Diskutieren Sie mit!»

  1. Yenicer sagt:

    i. o. Sache:

    Seit Jahren werden Flüchtlinge, Migranten usw. als Zerstörungsinsrument der einzelnen Nationalstaaten missbraucht. Auch unsere Deutschtürken gehen
    nicht aus purer Lust am Abenteuer etc. ins Ausland, oder in das Land ihrer
    Eltern. Wer flüchtet egal aus welchen Gründen, hat letztendlich dauerhaft
    keinen Gewinn an Freiheit. Das sind Propagandamärchen der Politclowns
    und Befehlsempfänger der Finanzfaschisten. Ich wünsche unseren Deutsch-Türken viel Glück und Zufriedenheit in der Türkei.

    Selamlar!

    Yeniceri

  2. Pippi sagt:

    „Gegen Diskriminierung haben die Akademikerinnen und Akademiker aber ganz andere Strategien entwickelt.“ Können Sie uns vielleicht kurz erläutern, welche Strategien diese konkret entwickelt haben? Das interessiert mich unheimlich. Vielleicht kann ich mir da selbst was abgucken.

  3. Cengiz K sagt:

    …Vielleicht kann ich mir da selbst was abgucken….

    Wo werden Sie denn diskriminiert? Das wäre schäbig, wenn Sie versuchen würden, Mitleid zu erheischen..



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