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Junge Islam Konferenz

Vielfalt als Normalität akzeptieren

Die Deutsche Islam Konferenz soll sich künftig mit der religionsrechtlichen Gleichstellung islamischer Religionsgemeinschaften befassen, alle anderen Diskussionen sollen im Rahmen einer Enquete-Kommission geführt werden. Das fordert die Junge Islam Konferenz – ein Beitrag von Janika Spannagel, Benedikt Erb und Marett Klahn.

VONSpannagel; Erb; Klahn

Ein Beitrag von Janika Spannagel, Benedikt Erb und Marett Klahn - Alumni der Jungen Islam Konferenz

DATUM22. Januar 2014

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RESSORTAktuell, Meinung

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Wir möchten nicht in einer Gesellschaft leben, in der antimuslimischer Rassismus und Islamfeindlichkeit salonfähig sind. Wir sind überzeugt, dass eine aktive politische Debatte einen notwendigen Beitrag zur Anerkennung von Vielfalt und zum friedlichen Zusammenleben leisten kann: Die Junge Islam Konferenz (JIK) ruft daher die Mitglieder des Deutschen Bundestages zur Einrichtung einer Enquete-Kommission „Vielfalt und gesellschaftliche Teilhabe“ auf, die richtungsweisende Handlungsempfehlungen und gesellschaftspolitische Narrative für die Einwanderungsgesellschaft Deutschland entwickeln soll.

Wie kam es zu diesem Aufruf?
In der JIK befassen wir uns am Beispiel von Islam und der in Deutschland lebenden Muslime und Musliminnen mit dem Umgang mit der bestehenden gesellschaftlichen Vielfalt in Deutschland und begleiten damit den gesellschaftlichen Diskurs, auch durch konkrete Empfehlungen an Politik und Öffentlichkeit. Der Aufruf zur Einrichtung einer Enquete-Kommission ist ein Resultat der intensiven Befassung der JIK mit der Arbeit der Deutschen Islam Konferenz (DIK). Gemeinsam mit den weiteren Teilnehmenden formulierten wir die Empfehlung an die DIK, die Vermengung von integrations-, sicherheits- und religionspolitischen Fragen zu beenden und ein eindeutiges Zeichen gegen die einseitige und stigmatisierende „Islamdebatte“ zu setzen.

Wir empfahlen, dass die DIK in Zukunft ausschließlich zur religionsrechtlichen Gleichstellung islamischer Religionsgemeinschaften arbeiten und die Bundesländer bei der religionspraktischen Umsetzung unterstützen sollte. Vor dem Hintergrund der empfohlenen inhaltlichen Verengung der DIK auf religionsrechtliche Gleichstellung gilt es, ein neues Gremium zu schaffen, in dem die notwendige konstruktive Diskussion über den gesellschaftlichen Wandel hin zu einer Einwanderungsgesellschaft geführt werden soll. Die JIK empfiehlt dafür eine Enquete-Kommission zum Thema „Vielfalt und gesellschaftliche Teilhabe“.

Was erwarten wir von der Arbeit dieser Enquete-Kommission?
Eine Enquete-Kommission ist direkt an den Bundestag angeschlossen und damit auf höchster parlamentarischer Ebene verankert. Im Zeitraum einer Legislaturperiode bietet sie die Möglichkeit, fraktionsübergreifend und im Austausch von Politik und Wissenschaft eine umfassende Bestandsaufnahme über das Verständnis von und den Umgang mit Vielfalt in unserer Gesellschaft zu erarbeiten. Wir würden eine solche einzurichtende Enquete-Kommission in der Verantwortung sehen, die Strukturen, Ursachen und Funktionen von Ausgrenzung und gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit zu analysieren und zukunftsfähige alternative Leitbilder und Handlungsempfehlungen zum Umgang mit Vielfalt zu entwickeln.

Warum ist der Umgang mit Vielfalt so entscheidend?
Der politische und alltägliche Umgang mit Minderheiten oder Unterschiedlichkeit ist von hoher Relevanz für die deutsche Demokratie und geht damit alle an. Es geht um die Gesamtgesellschaft, die entweder in ihrer Gesamtheit integriert ist oder eben nicht. Ausgrenzende Denkmuster, die zumeist auf geschlossenen, homogenen Identitätsvorstellungen beruhen, haben schwerwiegende Folgen für unser friedliches Zusammenleben. Der Blick in die Republik sowie nach Europa verdeutlicht den dringenden Bedarf, der Abwertung von Minderheiten bis in die Mitte der Gesellschaft und dem europaweiten Zulauf zu rechtspopulistischen Parteien klare und richtungsweisende Leitbilder entgegenzustellen, die Vielfalt als Normalität akzeptieren.

Die bisherigen Ansätze sind nicht ganzheitlich und differenziert genug
Abwertung und strukturelle Ausgrenzung von Menschen müssen als gesamtgesellschaftliche Probleme anerkannt werden, es dürfen nicht fälschlicher Weise einzelne Gruppen zur Verantwortung gezogen werden. Für Zusammenleben und Zusammenhalt in der Einwanderungsgesellschaft in Deutschland brauchen wir tragfähige Konzepte zur gesellschaftspolitischen Begleitung von Vielfalt. Die bisherigen begrüßungswerten Bemühungen um eine „Willkommenskultur“ halten wir aus mehreren Gründen für unzureichend: Oftmals handelt es sich dabei um verwaltungstechnische Regelungen für Neuzuwanderer, wohingegen bereits fast ein Fünftel der in Deutschland lebenden Menschen eine Zuwanderungsgeschichte hat. Letztere werden mit den bisherigen Konzepten zur Integration und Willkommenskultur adressiert und damit als Verantwortliche für eine integrierte Gesellschaft definiert. Die Verantwortung für eine gesellschaftliche Akzeptanz von Vielfalt trägt allerdings die gesamte Gesellschaft, auch der Bevölkerungsteil ohne Migrationshintergrund. Diese gesellschaftliche Realität muss gelebt werden und darf kein Verwaltungsakt bleiben. Allen in Deutschland lebenden Menschen muss eine chancengerechte Teilhabe ermöglicht werden.

Wir sprechen von Einwanderungsgesellschaft und sehen darüber hinaus
Die über 100.000 Unterschriften für die Petition „Zukunft – Verantwortung – Lernen: Kein Bildungsplan 2015 unter der Ideologie des Regenbogens“ in Baden-Württemberg, die aufgepfählten Schweineköpfe als Reaktion auf das Bauvorhaben der „Ahmadiyya Muslim Jamaat“ in Leipzig und der boomende Mythos der „Armutseinwanderung“ sind nur einige signifikante Beispiele, die deutlich machen: Deutschland muss dem Umgang mit bestehender Vielfalt aktiv Priorität einräumen und tragfähige gesellschaftspolitische Leitbilder entwickeln, die den aktuellen Tendenzen entgegenwirken. Menschen dürfen nicht länger in ihrer chancengerechten Teilhabe eingeschränkt sein, weil sie nicht einer vermeintlichen (leit-) kulturellen, religiösen, ethnischen oder sexuellen Norm entsprechen. Wir müssen ein Bewusstsein dafür schaffen, dass Vielfalt in unserer heutigen Gesellschaft keine Frage (mehr) ist, sondern der konstruktive Umgang mit ihr eine demokratische Pflicht.

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2 Kommentare
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  1. Das ist ein wichtiger Schritt voran, den es nunmehr zu konkretisieren gilt.



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