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Forschungsverbund „Probleme der Ausländerbeschäftigung“, 1979

Griechisch, Arabisch, Türkisch

Auf der Arbeit ist Mehrsprachigkeit ein Plus, nach Feierabend nicht mehr

Wenn Patienten aus den arabischen Ländern kommen, werden die Fremdsprachenkenntnisse von Maila Erasatmi geschätzt. An der Krankenhauspforte hören die Vorteile ihrer Mehrsprachigkeit aber schon auf.

VONGabriele Voßkühler

 Auf der Arbeit ist Mehrsprachigkeit ein Plus, nach Feierabend nicht mehr
Die Verfasserin (42) hat Sprachen und Betriebswirtschaftslehre studiert und danach im PR-Bereich gearbeitet. 2002 ging sie zurück an die Humboldt-Universität in Berlin, wo sie 2010 ihre Dissertation abschloss. Seit 2012 arbeitet sie als freie Autorin. Gabriele Voßkühler ist verheiratet und hat zwei Kinder.

DATUM20. Januar 2014

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RESSORTAktuell, Gesellschaft

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Wenn Maila Erasatmi aus dem Operationssaal eines Berliner Krankenhauses kommt, ist sie eine gefragte Frau: „Es kommen sehr viele Patienten aus Saudi-Arabien zu uns. Da brauchen die anderen Krankenschwestern und Ärzte mich zum Übersetzen. Damit habe ich keine Probleme.“ Die 39-jährige Maila Erasatmi ist OP-Schwester und ihre Muttersprache ist Arabisch. Sie kommt aus dem Libanon und lebt seit ihrem dritten Lebensjahr in Deutschland. Bei der Arbeit ist ihre Mehrsprachigkeit ein Plus, die Kollegen schätzen sie dafür: „Die sagen immer, dass es toll ist jemanden zu haben, der Arabisch kann“, sagt Maila.

An der Krankenhauspforte hören die Vorteile, die sie durch ihre Mehrsprachigkeit hat, aber schon auf. Kommentare wie: „Arabisch hört sich aber aggressiv an“, hört Maila dann öfter. Obwohl ihre Muttersprache Arabisch ist, spricht sie mit ihren Kindern Deutsch. Sie gehört zu der großen Migrantengruppe der zweiten Generation, die ihre Muttersprache nur noch sprechen kann: Lesen und schreiben auf Arabisch hat sie nie gelernt. „Das Deutsche überwiegt bei mir“, erklärt Maila. Wenn sie mit ihren Kindern auf dem Spielplatz ist, spricht sie manchmal Arabisch, fühlt sich aber nicht wohl dabei: „Die Leute gucken dann immer ein bisschen befremdlich.“

Mailas Kinder sprechen kaum noch Arabisch: Sie hat darum gekämpft, dass sie nicht auf die Grundschule in der Nachbarschaft gehen – wo es mehr ausländische als deutsche Kinder gibt – sondern auf eine „deutsche“ Grundschule. Dort haben Mailas Kinder jedoch Probleme, weil ihre Deutschkenntnisse nicht ausreichen: „Das Niveau ist so hoch. Meine Kinder sind mit Kindern von Anwälten und Ärzten zusammen, da kommen sie nicht mit“, sagt Maila.

Die Griechin Maria Wengert-Chalkiadaki spricht mit ihren Kindern ausschließlich ihre Muttersprache. „Selbst wenn andere Leute dabei sind, spreche ich mit meinen Kindern auf Griechisch“, sagt Maria. „Mir ist es egal, dass die Leute mich manchmal komisch angucken. Es ist mir viel wichtiger, dass meine Kinder mit mir meine Muttersprache sprechen.“ Die 37-jährige Griechin lebt seit sieben Jahren in Berlin. Maria hat sich in ihrem Germanistikstudium damit beschäftigt, wie Kinder gleichzeitig verschiedene Sprachen lernen können: „Es ist ein Geschenk für die Kinder, wenn sie mühelos mehrere Sprachen gleichzeitig lernen können, egal welchen Stellenwert diese Sprachen in der Welt haben.“

Marias große Tochter hat Glück gehabt: Sie besucht seit ein paar Monaten eine deutsch-griechische Europaschule im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg. Dort lernt sie gleichzeitig auf Deutsch und auf Griechisch lesen und schreiben. Allerdings bezweifelt Maria, dass sie ihre jüngere Tochter ebenfalls auf diese Schule schicken kann: Die Senatsschulverwaltung hat für das kommende Schuljahr „das Auslaufen der bilingualen, deutsch-griechischen Züge“ angekündigt. Obwohl immer mehr Griechen zum Arbeiten nach Berlin kommen, fehle es der Homer-Grundschule nach offizieller Erklärung an griechischen Schülern. Die neuen Erstklässler sollen ab Sommer eine deutsch-griechische Europa-Schule in einem West-Berliner Außenbezirk besuchen, hier konzentriert sich ein Großteil der griechischen Community Berlins. Die griechischen Eltern wehren sich: Sie schätzen den Standort Prenzlauer Berg wegen seiner zentralen Lage und seiner Vielfalt.

Bei den Staatlichen Europaschulen geht es genau um diese Vielfalt: Hier haben Kinder die Chance, Familien und Schüler anderer Kulturen zu treffen. Prinzip ist die Gleichberechtigung der deutschen und der Partnersprache im Unterricht. Die Klassen setzen sich je zur Hälfte aus Schülern der beiden Sprachen zusammen. In Berlin erfreut sich dieses Schulmodell großer Beliebtheit, vor allen Dingen in Kombination mit den Schulsprachen Englisch und Französisch. Hier ist die Nachfrage oft größer als die Zahl der offenen Einschulungsplätze. Andere Sprachen sind da nicht so beliebt.

Den unterschiedlichen „Wert“ von Sprachen lernen bereits Kinder. „Das fängt schon in der Familie an: Ein Kind kann eine Sprache nicht erlernen, wenn es von seinen Eltern vermittelt bekommt, dass diese Sprache minderwertig ist“, sagt Dunja Pavlovic, eine auf Mehrsprachigkeit spezialisierte Sprachtherapeutin. Spricht ein Kind zuhause Arabisch oder Türkisch so drücken Kinderärzte nach ihrer Erfahrung häufiger ihre Besorgnis darüber aus, ob es denn „auch noch dazu in der Lage sein wird“, Deutsch zu lernen. Stattdessen raten sie Eltern mit ihren Kindern Deutsch zu reden. Mit fatalen Folgen für die Sprachentwicklung des Kindes: „Obwohl die Eltern selber nicht gut Deutsch sprechen, versuchen sie mit ihren Kindern Deutsch zu sprechen. Die Kinder lernen dann weder Deutsch noch ihre Muttersprache“, erklärt Pavlovic.

Maila wünscht sich, dass ihre Kinder besser Arabisch sprechen. Sie ist schon seit langem auf der Suche nach Bildungsangeboten für Kinder mit arabischem Hintergrund – bisher leider ohne Erfolg. Wenn Marias kleine Tochter Pech hat, wird es ihr ähnlich ergehen: Sie wird ohne muttersprachlichen Unterricht auskommen müssen. Für die zukünftigen Schüler der Homer-Grundschule in Berlin ist das aber nicht das einzige: „Sowohl den deutschen als auch den griechischen Kindern wird die Möglichkeit genommen gemeinsam aufzuwachsen“ erklärt Maria: Das bedeutet einen Verlust für beide Seiten.

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7 Kommentare
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  1. posteo sagt:

    Eine russische Bekannte von mir fördert ihre Tochter in folgender Schule:
    http://www.russischeschulebonn.de/
    Diese Schule ist kein Kindergarten, sondern macht stundenweise Bildungsangebote für verschiedene Altersgruppen ab 2 Jahren in russischer Sprache, Tanz, Musik und für die Älteren auch in Mathematik.
    Meine Bekannte finanziert diese Stunden aus eigener Tasche.
    Warum fallen derartige Eigeninitiativen unterschiedlichen Einwandergruppen so unterschiedlich leicht oder schwer?

  2. Stefan Svec sagt:

    Viele Zuwanderer haben ähnliche Probleme, ihren Kindern die Muttersprache zu vermitteln. Aber mittlerweile gibt es viele Angebote im Internet, die es zu nützen gilt und immer werden sie mehr. Nur wird leider viel zu wenig darauf hingewiesen.

    Ein Beispiel für Arabisch finden Sie hier, obwohl die Site derzeit aus techn. Gründen nicht aktualisiert werden kann. So gibt es auch einen Kinderkurs, wie gut er ist weiß ich allerdings nicht. Wäre nett, könnte das jemand beurteilen, danke!

    http://www.fremdsprachenweb.net/sprachen/Arabisch_lernen.htm

    Viel Erfolg!

  3. Saadiya sagt:

    @posteo: Eigeninitiativen fallen deshalb bei der verschiedenen Ethnien anders aus, weil es nicht für jede Gruppe in jeder Stadt gleichviele Interessenten gibt, bzw. die Angehörigen unterschiedlicher Nationalitäten oder Sprachen verschieden verteilt sind. Gehören sehr viele Menschen in einer Stadt einer bestimmten Gruppe an, ist es einfacher, eigene Kurse anzubieten oder Vereine zu gründen, denn es sind sowohl Anbieter (die, die es können) wie Interessierte (die, die es lernen wollen) vorhanden.

    @Stefan: Die Seite eigenet sich nur bedingt zum Sprachenerwerb. Sie listet nur links auf. Außerdem sind die Mehrzahl der angebotenen Kurse „Fremdsprachkurse“ . Es ging im Artikel aber eher um Kurse in der eigenen Muttersprache bzw. um Kurse, die Kinder beim Erlernen der Muttersprache unterstützen können. Da ist der Ansatzpunkt ein anderer.

  4. Stefan Svec sagt:

    @Saadiya: Tut mir sehr leid, aber Ihren Kommentar kann ich so nicht unbeantwortet lassen. Da meine Erklärung dazu an dieser Stelle jedoch zu umfangreich wäre so bitte ich Sie, diese in meinem Blog nachzulesen:

    http://fremdsprachenweb.blog.de/

    Danke, mfG.

  5. Saadiya sagt:

    @Stefan: Versteckte Werbung für die eigene online-Seite??? Oder wie darf man das verstehen????

  6. Stefan Svec sagt:

    @Saadiya: Schade für Sie dass Sie das so sehen. Es ist mein Engagement für die Sache, auf vielleicht zehn oder zwanzig Zugriffe mehr kommt es dabei nicht an und womit sollte ich dabei wohl profitieren?

  7. […] und den Sitten, die mit Sicherheit nicht mehr in unsere Zeit passen, weil sie Unterdrückung der Schwächeren […]



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