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Arm durch Arbeit

Integrationskurse abschaffen

Vielleicht sollte man die Integrationskurse ganz abschaffen. Seit Jahren schleppt sich dahin, was eh nie besonders intelligent konzipiert war, und was von der Rot-Grünen Koalition mit einer einzigen Prämisse versehen war: der Staat wollte nichts damit zu tun haben. Zumindest nicht mit den Lehrkräften oder den TeilnehmerInnen der Integrationskurse.

VONGeorg Niedermüller

Die „Initiative Bildung Prekär“ (IBP) wurde von Marion Bergmann, Georg Niedermüller und Stephan Pabel im August 2011 begründet. Sie ist geprägt durch gemeinsame Erfahrungen als Lehrkräfte in Integrationskursen im Auftrag des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF). Die Praxiserfahrung hinter den Kulissen des sogenannten „Erfolgsmodells Integrationskurse“ führte dazu, dass sie sich zusammenfanden, um Denkanstöße zu ihrem Bildungsauftrag durch Schreiben an Politiker, Parteien, Fraktionen und Gremien zu geben. Gewerkschaftliche Unterstützung finden sie bei der GEW und Ver.di. Der Initiative gehören des Weiteren Lehrbeauftragte aus Hochschule und dem Bereich Deutsch als Fremdsprache / Zweiterwerb (DaF/DaZ) an. Aktivitäten der IBP sind auch auf www.mindesthonorar.de, Facebook und Twitter zu finden. Marion Bergmann ist unter anderem Buchautorin, Georg Niedermüller Politiklehrer und Stephan Pabel Übersetzer und Sozialpädagoge.

DATUM17. Januar 2014

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„Um die hohe Qualität der Integrationskurse zu sichern“ gibt es die sogenannte Bewertungskommission, in der angeblich auch „Experten der Praxis“ und sogar „Wissenschaftler“ sitzen sollen. Zur Hälfte sitzen dort laut letztem Protokoll Beamte des Bundesinnenministeriums, dazu noch jemand vom Deutschen Volkshochschulverband und ein paar Professoren. Damit sind wahrscheinlich die „Experten der Praxis“ gemeint. Lehrkräfte oder gar echte Ausländer findet man da nicht.

Beim letzten Treffen durften tatsächlich zwei Lehrkräfte antreten und darauf hinweisen, dass Lehrkräfte in Integrationskursen „in der Regel als Honorarkräfte beschäftigt werden“. „Sie machten auf die fehlende soziale Absicherung (u.a. keine Übernahme von Sozialversicherungskosten, kein Mutterschutz, keine Lohnfortzahlung im Krankheitsfall) aufmerksam und forderten höhere Honorare.“ Im Ergebnis hieß es im Protokoll lapidar: „Es wurde darauf hingewiesen, dass im Rahmen der Durchführung der Integrationskurse zwischen dem Bundesamt und den Integrationskurslehrkräften keinerlei vertragliche Vereinbarung sowie keinerlei Rechtsbeziehung besteht.“ Richtig. Das BAMF weist immer gerne darauf hin, dass es mit der Frage, ob die Volkshochschulen Sozialversicherungsbeiträge an den Staat zahlen müssen, nichts zu tun hat. Der Deutsche Volkshochschulverband saß wie immer mit am Tisch, schaute aber betroffen weg. Die Frage der Sozialversicherungsbeiträge stellt man an deutschen Volkshochschulen besser nicht.

Die Volkshochschulen fahren eine doppelte Strategie: Zum einen heucheln sie Verständnis für die Lehrkräfte: „Wir zahlen den Dozenten mehr als 20 Euro, können so aber nicht alle Verwaltungskosten decken“, sagt Ulrich Bausch, Leiter der Reutlinger Volkshochschule. „Ich finde es unerträglich, Menschen mit Hochschulabschluss 15 Euro pro Stunde zu zahlen. Das ist ein Ausdruck von Geringschätzung.“ Richtig, aber die 20 €, die die Reutlinger VHS zahlt ist ebenfalls ein Ausdruck von Geringschätzung. Zum anderen schmeißen die Volkshochschulen jeden raus, der es wagt, auf Missstände hinzuweisen. Hier ein Zitat aus der Mail einer Kollegin: „Hallo, mir ist etwas Ähnliches passiert, und zwar habe ich meinen Chef (einer VHS) auf unsere prekären Beschäftigungsverhältnisse aufmerksam gemacht, worauf er ziemlich säuerlich und verständnislos reagierte. Er ließ meiner Argumentation keinen Spielraum, tat sie als unqualifiziert ab. Ich würde hier schließlich nicht zum Arbeiten gezwungen werden, wenn es mir nicht passe, könne ich ja woanders anfragen (das Übliche, was man von den Chefs in unserer Branche gesagt bekommt).“ So reagieren VHS-LeiterInnen, wenn man sie auf die prekären und rechtlich äußerst bedenklichen Arbeitsverhältnisse hinweist.

Ein anderes Beispiel: An der VHS Neustadt wurde Frau B. seit 22 Jahren mit befristeten Arbeitsverträgen von maximal einem Jahr beschäftigt, früher als Sprachdozentin, seit acht Jahren als pädagogische Mitarbeiterin. Als sie etwas mehr Arbeitssicherheit forderte, wurde sie vom Bürgermeister der Stadt Neustadt gefeuert. Ein offener Brief an den Oberbürgermeister Hans Georg Löffler half nicht.

VHSn und BAMF spielen den Lehrkräften seit Jahren eine Komödie vor. Das BAMF (genauer gesagt die Abgeordneten des Haushaltsausschusses) wirft zu wenig Geld in den Topf, hat aber rechtlich gesehen nichts mit den Lehrkräften zu tun. Die VHSn haben zwar die Arbeitsverträge mit den Lehrkräften, schieben den schwarzen Peter zum BAMF und üben Druck auf die Lehrkräfte aus, die Zustände nicht anzusprechen. Der Bedarf für die Integrationskurse wird für 2014 mit einem Finanzbedarf in Höhe von 219 Mio. € veranschlagt, vorgesehen sind nach dem ersten Haushaltsentwurf jedoch nur 204 Mio. „Bedarf“ bedeutet hier nicht etwa, dass irgendwelche Zahlen darüber vorliegen, wie viele Lehrkräfte davon bezahlt werden müssen. Diese Zahl ist der Bundesregierung nicht bekannt. Damit hat die Bundesregierung nichts zu tun, denn wieviel jede einzelne Lehrkraft verdient ist nur Ergebnis ihres „unternehmerischen“ Auftretens. So haben es sich die Freunde der freien Wirtschaft bei Rot-Grün damals vorgestellt.

Den Lehrkräften kann man nur dringend empfehlen, sich aus dem Integrationskursbereich zu verabschieden und die Integrationskurse vor die Wand fahren zu lassen. Wenn eine Tätigkeit so verachtet und gering geschätzt wird, dann sollte man es in einem anderen Arbeitsbereich versuchen.

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20 Kommentare
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  1. Hans Gothe sagt:

    Ja, so ist es leider – ich bin selbst Pädagogischer Mitarbeiter einer VHS. Es ist grauenvoll, wie sich VHSen und vor allen Dingen die Dachverbände aus der Sache im Einklang mit den Politikern herauslügen. Denn das BAMF ohne VHSen hätte schlagartig so gut wie keine Träger mehr(was viele private Träger da machen, möchte ich hier nicht diskutieren).
    Die Rolle und besonders das Verhalten des BAMF allen gegenüber ist ebenfalls schlicht unerträglich.

  2. Roman sagt:

    Hallo Herr Niedermüller, danke für die Einblicke in die Bedingungen, unter denen Integrationskurse laufen und Ihre Initiative, dieses öffentlich zu machen. Beim Lesen der Überschrift hatte ich schon befürchtet, Sie fordern tatsächlich die Abschaffung von Integrationskursen. Diese Kurse an sich sind nämlich sehr wichtig, nur muss in vielen Fällen die Umsetzung und die Finanzierung und Motivation der Lehrer verbessert werden. Dann profitieren auch die Kursteilnehmer davon.

  3. Cengiz K sagt:

    …Den Lehrkräften kann man nur dringend empfehlen, sich aus dem Integrationskursbereich zu verabschieden und die Integrationskurse vor die Wand fahren zu lassen…

    Das kann man/frau nur unterstützen..

  4. Stephan Pabel sagt:

    „Integrationskurse vor die Wand fahren zu lassen…

    Das kann man/frau nur unterstützen..“
    Super! Das unterstütze ich auch! Aber warum macht das keiner???
    „Kann ich mir nicht leisten! Ich lebe von den 20 oder 25 EUR/UE!“
    Doch! Jeder könnte es sich leisten, anstatt zu unterrichten, einen Tag in seiner Stadt plakativ und medienwirksam mit anderen Kolleginnen den Schuleingang zu versperren und zu streiken. Das würde vielleicht sogar die GEW oder ver.di unterstützen.
    Es kann sich ja auch jeder leisten, auf eigene Kosten (zumindest Fahr- und ggf. Unterbringungskosten plus Verdienstausfall) an Zusatzqualifikationen und Fortbildungen teilzunehmen, wenn die z.B. heute für Alphakurse und morgen für Orientierungskurse plötzlich erforderlich sind.
    Jetzt soll verstärkt Sprachförderung für Fachkräftesicherung angeboten werden. Und wieder werden wir das machen sollen und wollen für 20 oder 25 EUR/UE Dumpinghonorar im Status der (Schein-)Selbstständigkeit!

    „Integrationskurse vor die Wand fahren zu lassen…
    Das kann man/frau nur unterstützen..“

    Man muss es auch wollen! Man muss endlich zeigen, dass die „Rote Linie“ überschritten ist und nicht das marode System stabilisieren, in dem man immer brav weiter funktioniert und allen noch so dreisten Anforderungen des BAMF opferbereit nachkommt.
    Ich will das „vor die Wand Fahren“ dieses fachlich und sozial untauglichen und finanziell mangelhaft ausgestatteten Integrationskonzepts unterstützen – zusammen mit vielen anderen Kolleginnen! Wer will noch?

  5. Han Yen sagt:

    Die Inegrationskurse sollten tatsächlich abgeschafft werden, weil sie nur dazu mißbraucht werden einen neuen juristischen Tatbestand „Integrationsverweigerung“ Wirklichkeit werden zu lassen.

    Bei den heutigen Fortschritten im Distant Learning haben wir es nicht mehr nötig, über Integrationskurse zu reden. Die Open Courseware macht es vor, dass man universitäre Kurse für alle verfügbar machen kann. Bei IT Skills haben wir Cousera, udacity und viele andere mehr. Warum sollte es nicht möglich sein Citizenship Education ebenfalls mehrsprachig in die Wissensallmende zu überführen. Die Teilnahme an den Kursen kann abschließend zertifiziert werden und mit Steueranreizen gefördert werden.

  6. Peter sagt:

    Die Integrationskursträger erhalten vom BAMF 2,94 € pro Unterichtsstunde (45 Min) und TeilnehmerIn. D.h. pro Modul (100 Std) 294 €. Jugend- , Behinderten- und Alphabetisierungskurse werden pauschal mit 4.410 € vergütet. Ein Kurs mit z.B. 10 TeilnehemerInnen erhält somit 2.940 €, mit 20 Tn 5.880 € . Alles nachzulesen auf der Homepage des BAMF /Abrechnungsrichtlinien

  7. Lehrkräfte in sog. Integrationskursen stehen in aller Regel vor der unangenehmen Wahl, entweder Miete, Kranken- oder Rentenversicherungsbeiträge, Lebensmittel oder Fahrtkosten etc. zu bezahlen, aber nicht oft alles zusammen.
    Sie können deshalb als nicht-integrierte Integrierer gelten und brauchen – einen Integrationskurs oder einen sozialversicherungspflichtig beschäftigten Partner/In.
    s. auch:
    http://www.migazin.de/2011/09/01/arbeit-statt-integration/

  8. Gero sagt:

    @Han Yen: Die Inegrationskurse sollten tatsächlich abgeschafft werden, weil sie nur dazu mißbraucht werden einen neuen juristischen Tatbestand “Integrationsverweigerung” Wirklichkeit werden zu lassen.

    Bei den heutigen Fortschritten im Distant Learning haben wir es nicht mehr nötig, über Integrationskurse zu reden. Die Open Courseware macht es vor, dass man universitäre Kurse für alle verfügbar machen kann. Bei IT Skills haben wir Cousera, udacity und viele andere mehr. Warum sollte es nicht möglich sein Citizenship Education ebenfalls mehrsprachig in die Wissensallmende zu überführen. Die Teilnahme an den Kursen kann abschließend zertifiziert werden und mit Steueranreizen gefördert werden
    _____

    Völlig weltferner Kommentar, der allenfalls auf bereits universitär vorgebildete Teilnehmer zutrifft. Zuwanderer aus vielen Teilen der Erde sind z.T. völlig ungebildet und haben nie eine fremde Sprache gelernt. Bei diesen sind o.g. Rat- bzw. Vorschläge gar nicht anwendbar. […]

  9. Ralf Frodermann hat Recht wenn er schreibt, dass Integration mehr ist als die Sprache zu können und irgendeinen Job zu haben. Die Lehrkräfte sind mit ihren 900 € nicht integriert. Der Grund ist einfach: erstens unterrichten sie „nur“ Ausländer und zweitens sind die meisten von ihnen „nur“ Frauen. Von denen sind die meisten angeblich gut verheiratet, weshalb die etwas sparsame Bezahlung schon in Ordnung gehe, wie ein Bundestagsabgeordneten der CDU/CSU schriftlich mitteilte.
    Deshalb fordern manche Lehrkräfte ja auch die Integration der Integrationskurse in das staatliche Schulsystem. Man könnte die I-Kurse an Berufskollegs oder anderen Schulen abhalten und die Lehrkräfte so anstellen wie Lehrer an öffentlichen Schulen. Das würde Vorteile bringen, weil es ja auch an den Schulen kaum DaZ-Lehrkräfte gibt. An manchen Schulen gibt es sog. Seiteneinsteigerklassen, aber wenn es nur um einzelne Schüler geht fallen die durchs Raster.
    Auf jeden Fall bringt es nichts, MigrantInnen in den Integrationskursen auf den Niedriglohnsektor vorzubereiten, denn auch damit sind sie nicht wirklich integriert. Ein sozialer Aufstieg ist ganz eindeutig nicht gewollt, sonst wären die I-Kurse ganz anders aufgebaut. Man würde sie z.B. nicht an Volkshochschulen abhalten, sondern an seriösen staatlichen Bildungseinrichtungen.

  10. Wolfgang Weinem sagt:

    Integrationskurse abschaffen?
    Natürlich!
    Oder für Deutsche auch und vorrangig einführen!!!
    Beispiele für eine absolute Notwendigkeit haben wir ausreichende…
    Die meisten Deutschen würden derartige Tests kaum bestehen.
    Deutsche & sogar Studenten haben Probleme mit der eigenen Muttersprache, in Wort und Schrift.
    Geschweige Allgemeinwissen, Politik und Rhetorik…
    Dafür weniger Probleme mit Fußball und absolut Intelligenzfreie Sendungen wie „Berlin, Lindenstr., Bauer sucht Frau“ usw.
    Einschaltquoten, sich haltende TV-Serien spiegelt die vorhandene Gesellschaftsstruktur wieder und werden von der Politik mit Aufmerksamkeit ausgewertet…


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