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Migration und Integration in Deutschland

Es gab vor allem in der Anfangsphase der Anwerbung von Türken häufige Klagen der deutschen Arbeitskollegen darüber, dass die Türken … an ihrem Arbeitsplatz wie verrückt arbeiten und dadurch die Akkordsätze verderben.

Hans-Günter Kleff, Vom Bauern zum Industriearbeiter, 1985

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Existenzgründung in Deutschland – Ein Hindernis für Migranten?

Existenzgründer ohne deutsche Staatsbürgerschaft müssen neben den klassischen Voraussetzungen weitere Besonderheiten beachten. So etwa beim Aufenthaltstitel. Doch viele Neueinwanderer wissen nicht einmal, wo sie sich informieren können.

Seit dem Wochenende stehen die Minister der neuen Bundesregierung fest. Die neue Staatsministerin für Migration, Flüchtlinge und Integration verdient dabei besondere Erwähnung. Denn mit Aydan Özoğuz, Vize-Vorsitzende der SPD, ist zum ersten Mal in der deutschen Geschichte eine Frau mit Migrationshintergrund im Kabinett vertreten.

Die Hoffnung besteht, dass eine Ministerin mit Erfahrungen aus erster Hand qualifiziert und zugleich einfühlsam mit der Migrationsproblematik umgehen kann. Denn noch immer gibt es einige Baustellen in Deutschland, was die Migrationspolitik betrifft, und das, obwohl rund 20 Prozent (16 Millionen Menschen) der Einwohner Deutschlands ausländische Wurzeln haben. Vor allem in der Arbeitswelt werden Migranten oft benachteiligt.

Bereits beim sechsten Integrationsgipfel im Mai dieses Jahres kündigte Alt- und Neukanzlerin Merkel an, für gleiche Chancen für Migranten als Unternehmer sorgen zu wollen. Unter anderem forderte die Kanzlerin gleiche Chancen für Unternehmer aus Familien mit Migrationshintergrund, die eine Existenz gründen wollen. Gerade bei wichtigen Aspekten einer Existenzgründung wie der Kreditvergabe würden Zuwandererfamilien benachteiligt. So wird es ihnen unnötig schwer gemacht, selbstständig ein Unternehmen zu gründen und finanziell unabhängig zu werden.

Voraussetzungen für eine Existenzgründung in Deutschland
Wenn man ein eigenes Unternehmen gründen möchte, braucht das verschiedene Voraussetzungen. Neben persönlichen Voraussetzung gibt es juristische, fachliche und natürlich wirtschaftliche Voraussetzungen, welche im Folgenden zusammen gefasst werden. Wenn Einwanderer eine Existenz gründen wollen, kommen zu diesen vier auch noch aufenthaltsrechtliche Voraussetzungen hinzu.

  • Juristische Voraussetzungen
    Wer eine Existenz aufbauen will, muss volljährig sein und darf kein Berufsverbot erhalten haben. Oft ist es notwendig, ein einwandfreies polizeiliches Führungszeugnis vorweisen zu können.
  • Fachliche Voraussetzungen
    Nicht für alle, aber für einige Berufssparten muss man fachliche Qualifikationen in Form von entsprechenden Abschlüssen vorweisen können. Bei Berufen wie beim Arzt, Apotheker, Rechtsanwalt oder Steuerberater sind bestimmte Abschlüsse selbstverständlich. Doch auch bei Handwerksberufen lohnt sich ein Blick in die Handwerksordnung. Dort ist geregelt, für welche Betriebe etwa ein Meisterschein Voraussetzung ist. Es ist darum unbedingt notwendig, sich im Vorhinein gründlichst zu informieren, welche Anforderungen für die jeweilige Branche bestehen.
  • Wirtschaftliche Voraussetzungen
    Zunächst sollte ein Businessplan erstellt werden, anhand dessen im weiteren Verlauf berechnet wird, wie viel Kapital notwendig ist. Dabei sollte immer realistisch vorgegangen werden. Kredite sollten nur von vertrauenswürdiger Stelle und immer vertraglich abgesichert angenommen werden.
    Für die Aufnahme eines Kredits sind zusätzliche Anforderungen zu beachten. So sind die Voraussetzungen der Norisbank, dass der Antragsteller volljährig ist, ein regelmäßiges Einkommen hat, keine negativen Schufa-Einträge vorzuweisen hat und seit mehr als sechs Monaten beschäftigt ist. In so einem Fall bietet es sich an, sich bei der Existenzgründung mit einem Partner zusammen zu tun. So hat man zum einen weniger Druck und muss weniger Last alleine tragen, zum anderen kann dafür gesorgt werden, dass einer der beiden Partner die Anforderungen der Bank erfüllt, während der andere sich voll um den Aufbau des Unternehmens kümmert. Wofür die stattgegeben Kredite verwendet werden, schreibt die Bank nicht vor.
  • Persönliche Voraussetzungen
    Als guter Unternehmer sollte man einige entscheidende Persönlichkeitsmerkmale mitbringen. Dazu zählen unter anderem Ausdauer, Geduld, Integrität, Souveränität, Zielstrebigkeit und Zuverlässigkeit. Außerdem erleichtert ein sicheres soziales Umfeld die Unternehmensgründung.
  • Aufenthaltsrechtliche Voraussetzungen
    Hierbei wird ein Unterschied gemacht zwischen Einwanderern aus EU-Mitgliedsländern, der Schweiz und einem der EWR-Staaten und Staatsbürgern, die aus einem Land stammen, das nicht der EU angehört. Erstere haben es deutlich leichter, ein Unternehmen in Deutschland zu gründen als zweitere. EU-Bürger benötigen keine Aufenthaltserlaubnis, um in Deutschland zu leben und dürfen in allen Mitgliedsstaaten ein Unternehmen gründen. Nicht-EU-Staatsbürger haben es weniger leicht. So müssen sie zum Beispiel bestimmte Anträge stellen, wenn sie zum Zwecke der Selbstständigkeit nach Deutschland einwandern möchten. Für einen guten Überblick hat das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie alle aufenthaltsrechtlichen Voraussetzungen zusammengestellt.

Die Bundesagentur für Arbeit bietet ebenfalls Beratungen zur Existenzgründung an und hat auf ihrer Website die wichtigsten Informationen zusammengestellt, die Existenzgründer mit Migrationshintergrund beachten müssen. (ts)

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2 Kommentare
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  1. Kirstin von Graefe sagt:

    Sehr gute Beratungen bieten auch die Handelskammern und die Handwerkskammern in jedem Bundesland

  2. Han Yen sagt:

    Die Herangehensweise an die Existenzgründung von Diasporas ist falsch. Das wissenschaftliche Schriftum zeigt nämlich, dass die Kreditquellen migrantischer Gründungsunternehmen einen hohen Anteil bei Freunden und Bekannten haben.

    Die richtige institutionelle Herangehensweise an die Frage ist eher der Institutionen-Import aus den anderen Staaten:

    Aus Frankreich:

    Business and Employment Cooperatives

    Dabei handelt es sich um Gründungsgenossenschaften, wo der Gründungswillige in eine Genossenschaft eintritt, die ihm Buchhaltungs- und Management-Services zur Verfügung stellt. Der Gründungswillige wird in der Genossenschaft angestellt und liefert einen Teil seiner Erträge an die Genossenschaft ab. Die Gründungsgenossenschaft hilft bei der Businessplan Erstellung und der Ansozialisierung von Management-Skills während der Inkubationsphase. Wenn er eine ausreichende Größe und Etablierung auf den Zielmarkt erreicht hat, kann er dafür optieren aus der Genossenschaft auszuscheiden und als atomarer Selbständiger zu agieren oder voll in das Management der Gründungsgenossenschaft involviert zu werden.

    Aus den USA:

    In den USA wurde durch das JOBS Act das Crowdfunding als Kreditsammelstelle reguliert für Emerging Growth Companies. Damit ist es möglich bis zu 1 Mrd. USD über Crowdfunding einzusammeln. Für die Struktur der Kreditquellen migrantischer Gründungsunternehmen wäre eine imitierende Implementation des JOBS Act im EU-Raum ideal, weil Migranten dann über ihr „ethnisches“ soziales Kapital Kreditquellen bereits erschließen. Das Neue am JOBS Act ist die rechtsförmige Regulierung solcher Transaktionen, so werden feste Investitionssummen für Einkommensbereiche der Investoren vorgeschrieben, um die Risiken zu begrenzen, es werden Haftungsregeln definiert und Buchführungspflichten erklärt. In der BRD kann man nur über sehr komplizierte Rechtskleider via Crowdfunding etwa 2 Mio. € einsammeln. Das reicht nicht, um das Kapitalminimum in wichtigen Branchen zu erreichen.

    Community Reinvestment Act

    Die USA hat auf das redlining afroamerikanischer Bevölkerungen von der Kreditvergabe durch die Finanzinstitutionen mit dem Community Reinvestment Act reagiert. Dadurch ist das Monitoring von Finanzmarktinstitutionen in der Kreditvergabe an Minderheiten möglich geworden und es sind Regeln definiert worden, um Community Banks zu etablieren. In der BRD haben wir keine Finanzmarktinstitution zwischen migrantischen Sparern und Migranten als Kreditnehmern. Das Ziel migrantischer Sparer ist aber zinsträchtige migrantische Unternehmen in der Region zu fördern, die einen weiteren Arbeitsmarkt für sie bilden. Das wird durch das Bankensystem aus Sparkassen, Genossenschaftsbanken und Großbanken nicht implementiert. Entsprechende Erfahrungen existieren seit den 1960er in den USA, wie man solche Bankbetriebe betreibt.

    Virtual Incubator

    Es handelt sich um virtuelle Unternehmen, die Gründungswillige von der Businessplan Erstellung, Existenzgründungstrainings und beim Finden von Wagniskapitalgebern und Kreditgebern unterstützen. Virtual Incubators können in allen Sprachen angeboten werden. Die Qualitätsprüfung der eingereichten Businesspläne kann semi-automatisch erledigt werden. Als digitaler Service muss es nur einmal erstellt werden und kann dann zu minimalen Kosten distributiert werden. Laufende Kosten sind Wartungskosten und operative Pflege der Klientengruppen.

    Aus Kanada: Labor-Sponsored Venture Capital

    Migranten haben höhere Risiken als Kreditnehmer durch ein höheres Einkommensrisiko auf den Arbeitsmarkt und Lohnabstände zum Durchschnittsarbeitsnehmer durch Diskriminierung. Diese Risiken können durch die Institution der kanadischen Labor-Sponsored Venture Capital Firms übernommen werden. Das sind Pension Fonds die in Gründungen von Arbeitnehmern investieren, die sich selbständig machen wollen. Die Herangehensweise ist die Maximierung der Lohnsumme der Arbeitnehmerschaft quer durch die Erwerbsbiographien als unselbständiger Arbeitnehmer und Selbständiger. Migranten wechseln häufiger als andere Bevölkerungsgruppen zwischen unselbständiger Arbeit und selbständiger Arbeit. Daher wäre ein Institutionen Import aus Kanada nur wünschenswert, um das auf ordentliche Weise zu regulieren und ökonomisch sinnvoll zu steuern. Eine Institutionalisierung von Labor-Sponsored Venture Capital Firms verhindert nämlich cutting-throat Wettbewerbssituationen von minoritären Kebab-Läden, Call Shops, Reisebüros und Bäckereien und Supermärkten, weil ihre Renditeerwartungen Kapital geographische optimaler investieren kann.

    Die EU hat zudem mit vielen Auswanderungsstaaten Preferential Trade Agreements bei Dienstleistungen und Güterverkehr unterschrieben. Die Eingliederung der migrantischen Unternehmerschaft um die Verträge ökonomisch umzusetzen steht noch aus, weil die Finanzmarktinstitutionen , die Existenzgründungszentren und universitären Inkubatoren nicht koordiniert auf Grundlage dieser Verträge agieren. Der Wohlstandsverlust durch ineffektiven Güteraustausch ist auf die To-Do Liste zu setzen.

    Die Debatten zu interkultureller Öffnung müssen darauf fokussiert werden, dass wir us-amerikanische, kanadische und französische Experten für den Institutionen Import haben wollen. Wenn die Ministerin Aydan Özoğuz etwas leisten will außer Symbolpolitik, dann muss sie Stellenausschreibungen in den USA, Kanada und Frankreich machen, um den Institutionen Import einzuleiten.



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