MiGAZIN

Critical und Incorrect

Ein Bericht aus der Parallelgesellschaft

Es gibt sie. Es gibt sie doch, die Parallelgesellschaft. Ich habe sie gesehen. Ich war dort. Kürzlich im Steigenberger-Hotel am Los Angeles Platz in Berlin, erster Stock.

Hunderte Menschen in Abendgarderobe versammelten sich um fein gedeckte Tische. Eingestimmt auf den Abend wird durch das Duo Crouch mit zarten Flöten- und Harfentönen. Hierher kommen die gut Betuchten, die Erfolgreichen und die mit Aspirationen, um in den Kreis erfolgreicher Unternehmer aufgenommen zu werden. Bei diesem Jahresendempfang werden die Unternehmerpreise verliehen, die der Verband Barex seit 2007 jährlich auslobt.

Barex e.V. steht für „Berliner Arbeitgeber und Existenzgründerinnen“ und setzt sich vornehmlich aus türkischstämmigen Mitgliedern zusammen. Die Organisation will die „wirtschaftlichen Beziehungen zwischen der Welt, Europa, insbesondere Deutschland, und der Türkei in jeder Hinsicht […] vertiefen […]“ – so heißt es auf der Website barex-ev.de. 180 Berliner und Brandenburger Unternehmen gehören bisher dazu. Angesichts der Existenz von ca. 6000 Unternehmensgründungen durch Türkischstämmige in Berlin und Brandenburg gibt es also noch Expansionsmöglichkeiten. Neben der Stärkung der eigenen Mitglieder durch gezielte Fortbildungsangebote und der Unterstützung deutsch-türkischer Handelsbeziehungen nimmt man sich mit besonderem Engagement der Ausbildungsförderung junger Menschen an.

Unter den Mitgliedern finden sich die Markenvertreter von Gazi bis Leckerback, um nur einige wenige Beispiele bekannter Marken zu nennen. Die Unternehmer-Preise werden in fünf Kategorien vergeben. Der Preis für „hervorragende Leistungen zur Ausbildungsförderung“ geht in diesem Jahr an Osman Sönmez, der für die BOS Logistik Spedition verantwortlich zeichnet. Die Preisrede hielt Prof. Rita Süssmuth in gewohnt warmherzigem Ton. Die Europaabgeordnete Alexandra Thein überreichte den Preis für den erfolgreichsten „Jungunternehmer des Jahres“ an Ilyas Kurtulan und seine moderne Scheideanstalt.

Erfolgreichste „Unternehmerin des Jahres“ wurde die Modedesignerin Canan Nasal, die inzwischen mehrere Schneidereien und eigene Modehäuser betreibt. Önder Kurt, Generalsekretär des Bundesverbands der Unternehmervereinigungen BUV, würdigte ihren Erfolg. Als besonders „innovativer Unternehmer“ wurde Ayhan Koçak ausgemacht und von Prof. Klaus Siebenhaar vorgestellt. Die neuartige Software und die Dienstleistungen von Koçaks Gründung Swabr waren gar nicht so leicht nachzuvollziehen für das breite Publikum. Eher bekam man eine Vorstellung der Arbeit der Preisträgerin für den besonderen „Beitrag zu Deutsch-Türkischen Handelsbeziehungen“, den Süreyya Inal aus den Händen des türkischen Generalkonsuls Ahmet Basar Sen erhielt. Als versierte Verhandlungspartnerin und Coach wusste die Juristin auch gleich die Gelegenheit zu einem klaren Statement in ihrer Dankesrede zu nutzen. Sie schilderte eindrücklich ihren Werdegang und die wenigen Aussichten, die man ihr zugeschrieben hatte. Daraus leitete sie ihre direkten Forderungen an die anwesenden Politiker ab, dem Defizitdiskurs gegenüber Migranten und Migrantinnen entgegen zu wirken.

Vedat Günay, erster Vorstand von Barex, und seine Mitstreitenden konnten zufrieden sein für den gelungenen Abend und die Auswahl der Preisträger. Er schilderte, wie sehr die kontinuierliche Arbeit bei BAREX auf die tägliche Unterstützung der Mitglieder ausgerichtet sei und gleichzeitig ein Zeichen dafür setzt, dass „wir im Herzen Europas angekommen sind“ und sich die Mitglieder als Bestandteil Deutschlands empfinden. Ein untrügliches Zeichen für dieses Faktum sei, dass man das hier verdiente Geld nicht mehr in die Türkei schicke, sondern es in Deutschland investiere. Die allesamt optimistischen Zeichen, die von an diesem Abend im Steigenberger-Hotel ausgesendet wurden, richteten sich deutlich an die gesamte Gesellschaft. Das Potential können sie freilich nur entfalten, wenn sie denn auch wahrgenommen werden – im nicht selten defizitorientierten Mediendiskurs.