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Migration und Integration in Deutschland

Es sei denn, man würde die Lebensverhältnisse der Ausländer in der Bundesrepublik derartig nachhaltig verschlechtern, dass ein Leben am Rande des Existenzminimums in den Herkunftsländern vorteilhafter erschiene.

Forschungsverbund „Probleme der Ausländerbeschäftigung“, 1979

Critical und Incorrect

Ein Bericht aus der Parallelgesellschaft

Es gibt sie. Es gibt sie doch, die Parallelgesellschaft. Ich habe sie gesehen. Ich war dort. Kürzlich im Steigenberger-Hotel am Los Angeles Platz in Berlin, erster Stock.

VONSabine Schiffer

 Ein Bericht aus der Parallelgesellschaft
Die Autorin arbeitet seit Anfang der 1990er Jahre als Medienpädagogin und promovierte zur Islamdarstellung in den Medien. 2005 gründete sie das freie Institut für Medienverantwortung (IMV) und leitet es seither. Das IMV fordert mehr Verantwortung von Produzenten- und Nutzerseite.

DATUM20. Dezember 2013

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RESSORTAktuell, Meinung

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Hunderte Menschen in Abendgarderobe versammelten sich um fein gedeckte Tische. Eingestimmt auf den Abend wird durch das Duo Crouch mit zarten Flöten- und Harfentönen. Hierher kommen die gut Betuchten, die Erfolgreichen und die mit Aspirationen, um in den Kreis erfolgreicher Unternehmer aufgenommen zu werden. Bei diesem Jahresendempfang werden die Unternehmerpreise verliehen, die der Verband Barex seit 2007 jährlich auslobt.

Barex e.V. steht für „Berliner Arbeitgeber und Existenzgründerinnen“ und setzt sich vornehmlich aus türkischstämmigen Mitgliedern zusammen. Die Organisation will die „wirtschaftlichen Beziehungen zwischen der Welt, Europa, insbesondere Deutschland, und der Türkei in jeder Hinsicht […] vertiefen […]“ – so heißt es auf der Website barex-ev.de. 180 Berliner und Brandenburger Unternehmen gehören bisher dazu. Angesichts der Existenz von ca. 6000 Unternehmensgründungen durch Türkischstämmige in Berlin und Brandenburg gibt es also noch Expansionsmöglichkeiten. Neben der Stärkung der eigenen Mitglieder durch gezielte Fortbildungsangebote und der Unterstützung deutsch-türkischer Handelsbeziehungen nimmt man sich mit besonderem Engagement der Ausbildungsförderung junger Menschen an.

Unter den Mitgliedern finden sich die Markenvertreter von Gazi bis Leckerback, um nur einige wenige Beispiele bekannter Marken zu nennen. Die Unternehmer-Preise werden in fünf Kategorien vergeben. Der Preis für „hervorragende Leistungen zur Ausbildungsförderung“ geht in diesem Jahr an Osman Sönmez, der für die BOS Logistik Spedition verantwortlich zeichnet. Die Preisrede hielt Prof. Rita Süssmuth in gewohnt warmherzigem Ton. Die Europaabgeordnete Alexandra Thein überreichte den Preis für den erfolgreichsten „Jungunternehmer des Jahres“ an Ilyas Kurtulan und seine moderne Scheideanstalt.

Erfolgreichste „Unternehmerin des Jahres“ wurde die Modedesignerin Canan Nasal, die inzwischen mehrere Schneidereien und eigene Modehäuser betreibt. Önder Kurt, Generalsekretär des Bundesverbands der Unternehmervereinigungen BUV, würdigte ihren Erfolg. Als besonders „innovativer Unternehmer“ wurde Ayhan Koçak ausgemacht und von Prof. Klaus Siebenhaar vorgestellt. Die neuartige Software und die Dienstleistungen von Koçaks Gründung Swabr waren gar nicht so leicht nachzuvollziehen für das breite Publikum. Eher bekam man eine Vorstellung der Arbeit der Preisträgerin für den besonderen „Beitrag zu Deutsch-Türkischen Handelsbeziehungen“, den Süreyya Inal aus den Händen des türkischen Generalkonsuls Ahmet Basar Sen erhielt. Als versierte Verhandlungspartnerin und Coach wusste die Juristin auch gleich die Gelegenheit zu einem klaren Statement in ihrer Dankesrede zu nutzen. Sie schilderte eindrücklich ihren Werdegang und die wenigen Aussichten, die man ihr zugeschrieben hatte. Daraus leitete sie ihre direkten Forderungen an die anwesenden Politiker ab, dem Defizitdiskurs gegenüber Migranten und Migrantinnen entgegen zu wirken.

Vedat Günay, erster Vorstand von Barex, und seine Mitstreitenden konnten zufrieden sein für den gelungenen Abend und die Auswahl der Preisträger. Er schilderte, wie sehr die kontinuierliche Arbeit bei BAREX auf die tägliche Unterstützung der Mitglieder ausgerichtet sei und gleichzeitig ein Zeichen dafür setzt, dass „wir im Herzen Europas angekommen sind“ und sich die Mitglieder als Bestandteil Deutschlands empfinden. Ein untrügliches Zeichen für dieses Faktum sei, dass man das hier verdiente Geld nicht mehr in die Türkei schicke, sondern es in Deutschland investiere. Die allesamt optimistischen Zeichen, die von an diesem Abend im Steigenberger-Hotel ausgesendet wurden, richteten sich deutlich an die gesamte Gesellschaft. Das Potential können sie freilich nur entfalten, wenn sie denn auch wahrgenommen werden – im nicht selten defizitorientierten Mediendiskurs.

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2 Kommentare
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  1. Han Yen sagt:

    Lobhudelei für deutsch-türkische Handelsbeziehungen hilft niemanden weiter. Wir brauchen Benchmarking verschiedener Diaspora Politiken im Nexus Trade & Migration und Diaspora Direct Investment.

    Wir brauchen ein Business Networking Institution außerhalb von XING und LinkedIn am Vorbild vom viel imitierten GlobalIrish, ausgerichtethttp://www.globalirish.com/ – das die irische Regierung mit 400 Mio. € finanziert, um mit Irish Americans über Handel und Investments in Irland zu verhandeln.

    Die Joint-Ventures Transaktionen in den Sonderwirtschaftszonen in der EU muss mindestens so gut werden wie das chinesische Counterpart um Hong Kong.

    Die Arbeitgeberseite und die Exekutiven sollten nicht mehr einseitig Arbeitskräfte aus aller Welt anwerben können, sondern die Anwerbezentren den Gewerkschaften überlassen im Einvernehmen mit der Arbeitgeberseite. Das gilt insbesondere in den Sonderwirtschaftszonen in Osteuropa und Griechenland.

    Das World Forum on Diaspora Economy – http://diasporaalliance.org/events/2013-world-forum-on-the-diaspora-economy/ – sollte kein rein amerikanisches Spiel mehr sein, sondern auch aus der EU müssen Vertreter von Gewerkschaften und Arbeitgeberverbände und Migrantenverbände eingeladen werden, um über Tourismus, Güterhandel, Investment, und Tourismus zu reden.

    Wir sollten anfangen Minderheitenpolitik als Diaspora Politik zu reorganisieren, um den Anschluß an den globalen Diskurs zu Migration & Development, Migration & Trade,, Migration & Security, Migration & Democracy Export zu finden.

    Der Defizit Diskurs ist ein rein weißer deutscher Diskurs in der Provinz, den im Grunde niemanden in der UNO, Weltbank, USA, IMF, OECD, Ratingagenturen, IMO, ILO, Kirchen und Gewerrkschaften interessiert. Uns sollte das ebenfalls nicht interessieren.

    Die Auswanderungsstaaten müssen den Diasporas mindestens 50% der Anteile an den Export-Import Banken überlassen, um den Güterverkehr demokratisch zu überwachen und illegale Dual-Use Güterhandel im Interesse der NATO und ihrer verbündeten autokratischer Regime gemäß den UNO Resolutionen zu unterbinden. Zusätzlich haben Export-Import Banken ihre Profite an den Aufbau einer starken Diaspora Ökonomie zugunsten migrantischer Familien und Jugendlicher abzuliefern.

    Business Schools haben Quoten für Studenten einzuführen, die in der Diaspora geboren sind, sobald sie nachgewiesendermaßen Kader für Transnationale Konzerne ausbilden, die in den Einwanderungs- und Auswanderungsstaaten aktiv sind.

  2. Rolf Schuh sagt:

    Parallelgesellschaften gibt es viele und noch mehr bleiben Einheimischen verborgen. Innerhalb dieser Gesellschaften bleiben die meist landsmannschaftlichen Gruppierungen unter sich, abgeschottet von der deutschen Gesellschaft. Gründe dafür gibt es viele. Ein zentraler heißt mangelnde Sprachkenntnisse. Dazu kommt, dass sich eine große Gruppe nicht auf- und angenommen fühlt. Unsicherheiten, wie man miteinander umgehen könnte, gibt es viele auf allen Seiten, denn die Kontakte zu anderen ausländischen Gruppen bestehen genauso wenig nach meiner Wahrnehmung. Damit die die Menschen sich Kontakten zu Einheimischen öffnen halte ich für notwendig, hier eine größere Offenheit gegenüber neuen Mitgliedern dieser Bevölkerung zu entwickeln. Hetzkampagnen so, wie sie derzeit vom äußeren rechten Rand der sich selbst so definierenden Mitte zu sehen und zu hören sind, helfen da überhaupt nicht. Im Gegenteil, sie machen Politiker noch problematischer als sie ohnehin – durchaus nicht unbegründet – gesehen werden. Demokratie als Vorbildmodell funktioniert vom Kleinen ins Große, nicht vom Gemeinen in die Gosse.
    Die Zahl der Migranten, die Deutschland wieder verlassen, sollte Verantwortlichen, die gerne Wirtschaft und Kosten ins Feld führen, Menschen als Problemverursacher benennen, zu denken geben.



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