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Migration und Integration in Deutschland

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Wolfgang Schäuble, Rede zur Amtseinführung des Beuauftragten für Auslandsdeutsche, Februar 2006
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Interview mit Mandana Kazemi

„Das Glück hält nicht für immer, aber die Probleme auch nicht“

In ihrer Kindheit hat Mandana Kazemi die Gewalt der islamischen Revolution miterlebt. Als Teenager musste sie den Schrecken des Ersten Golfkriegs mit ansehen. Mit 16 Jahren flüchtete sie aus dem Iran – und landete in Deutschland. Ein Gespräch mit ihr über das Leben von Flüchtlingen.

VONAnanda Grade

 „Das Glück hält nicht für immer, aber die Probleme auch nicht“
Die Verfasserin ist freie Kulturjournalistin, spezialisiert auf Neue Medien. Nach ihrem Studium der Theater-, Film-, und Fernsehwissenschaft, Soziologie und Germanistik arbeitete sie in verschiedenen Medienbereichen. Heute produziert sie Netzartikel und Vodcasts rund um die Themen Gesellschaft und Kultur. www.anandagrade.de

DATUM20. Dezember 2013

KOMMENTARE4

RESSORTAktuell, Ausland, Interview

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Wie wurden Sie damals in der DDR aufgenommen?

Kazemi: Wir wurden im Zug angehalten, wir wollten eigentlich nicht in Deutschland bleiben, wir wollten ja nach Amerika weiterreisen. Dann haben sie uns die Pässe abgenommen. Wir konnten nicht mit ihnen reden, Englisch haben sie nicht verstanden, wir konnten kein Deutsch. Für mich persönlich war es ein Kulturschock. Ich war so jung und noch nie im Ausland gewesen. Dann kamen wir in Untersuchungshaft. Da war ein großer Raum, in dem auch andere Familien waren. Ein großer kalter Raum mit Fliesen, wie ein Duschraum. Wir wussten alle nicht, was los war. Ehrlich gesagt, wenn ich jetzt darüber nachdenke, ich weiß nicht, was ich gedacht habe. Es war keine Angst, ich wunderte mich nur, was nun wohl passiert. Weil wir sind von einem viel schrecklicheren Ort geflüchtet. Ich hatte bis dahin schon so viel Elend gesehen. Mit Pistolen war ich auch schon bekannt, da waren zwei Leute vor der Tür mit Maschinengewehren und haben uns bewacht und auch bis zur Toilette begleitet. Dann haben sie uns etwas zu essen gebracht, ein großer Wagen mit Sandwiches. Ich habe da meinen ersten Mars-Schoko-Riegel gegessen. Das ist bis heute meine Lieblingsschokolade.

Was geschah nach der Untersuchungshaft?

Kazemi: Abends wurden wir dann in zwei verschiedene Heime untergebracht. Wir lebten drei Tage lang in einer Einzimmerwohnung. Nach drei Tagen wurden wir wieder in ein anderes Heim gebracht, in der Nähe vom Flughafen. Wir mussten täglich sehr weit mit dem Zug fahren, bis wir zum Sozialamt kamen. Da wurden wir am ersten Tag untersucht, wir waren alle nackt, viele Menschen in einem Saal. Ich habe nur versucht, ja keinen anzugucken. Wir wussten gar nicht, was das alles sollte.

Gab es denn keinen Dolmetscher?

Kazemi: Das passierte alles danach, als wir vor Gericht mussten. Im Heim war wenigstens etwas mehr Ordnung als in der Untersuchungshaft. Da war eine Gemeinschaftsdusche, zwei Mal in der Woche wurden wir zum Supermarkt gebracht, dort durfte jeder eine bestimmte Menge einkaufen. Einer hat uns begleitet und notiert, was wir einkaufen und uns gesagt, wann stopp ist.

Jeden zweiten Tag mussten wir zum Sozialamt fahren und warten, bis unsere Nummer aufgerufen wurde. Wenn die Nummer nicht drankam, mussten wir wieder zurückfahren und es am nächsten Tag wieder versuchen. Rund 40 Tage lang ging das so. Als wir schließlich dran kamen, haben sie uns verteilt. Meinen Mann, meinen Sohn und mich haben sie in den Westen geschickt, nach Nordrhein-Westfalen. Viele wurden auf westliche Bundesländer verteilt. Ich kann mich noch genau erinnern, wie sie uns zur Grenze gebracht haben. Das war 1986. Die Säulen des Brandenburger Tors haben mich beeindruckt.

Nach 28 Jahren wieder in Berlin: Mandana Kazemi 2013 vor dem Brandenburger Tor

Nach 28 Jahren wieder in Berlin: Mandana Kazemi 2013 vor dem Brandenburger Tor

Ist das Visum nicht irgendwann abgelaufen?

Kazemi: Genau das, dann ging alles los. Uns wurde eine Anwältin zur Seite gestellt. Die hat auch einen Dolmetscher geholt. Dann mussten wir zum Gericht nach Nürnberg. Da haben die uns verhört, jeweils alleine, wir durften auch nicht miteinander reden. Der Prozess lief jahrelang, immer wieder haben sie uns abgelehnt. Dann, nach sechs Jahren mussten wir zu einem Kölner Gericht. Da waren neun Richter. Wir hatten uns gerade erst hingesetzt, da sagten sie schon: anerkannt! Das war das beste Wort für mich damals: „anerkannt“.

Was haben Sie beruflich gemacht?

Kazemi: Am Anfang gab es ein Gesetz in Iserlohn, das sagte, die Männer müssen im Gartenamt arbeiten und die Frauen in der Küche. Weil ich ein Baby hatte, mein zweiter Sohn war mittlerweile geboren, musste ich nicht, aber meinen Exmann haben sie zur Arbeit geschickt, es war eine Art 1-Euro-Job. Irgendwann haben sie das Gesetz abgeschafft und mein Mann hat den Job verloren. Aber das Gute war, dass wir von Anfang an beide eine Arbeitserlaubnis bekommen haben. Dann konnte ich auch arbeiten, ich habe in einem Restaurant in der Küche angefangen. Mein Ex-Mann hat dann in der Volkshochschule Deutsch gelernt. Damals war das noch nicht Gesetz. Er hat das freiwillig gemacht. Meine Sprachkenntnis musste ich mir selber beibringen.

Wie haben Sie das gemacht?

Kazemi: Durch das Fernsehen. Ich habe mir ganz viele Serien angeschaut. Ich habe mir gesagt, wenn du zu reden anfängst, dann richtig – nicht in so einem gebrochenen Deutsch. Im Iran habe ich nie so richtig Fernsehen geguckt, das habe ich nicht gemocht. Aber hier hatte ich keine Verwandte und keine Beschäftigung und musste immer zu Hause bleiben. Dann habe ich mir gesagt, mach was Gutes draus. Bestimmt habe ich zehn Mal die Serie „Dallas“ von Anfang bis Ende geschaut. Ich habe mir alle möglichen Serien angesehen. Es gab auch eine tolle deutsche Serie: „Ich heirate eine Familie“.

Als ich mich vor fünf Jahren scheiden ließ, habe ich mich bei einem Deutschkurs an der Volkshochschule angemeldet. Ich habe Schule immer geliebt. Mein Ex-Mann hat mir nach der Heirat verboten, die Schule zu besuchen. Das habe ich jetzt nachgeholt.

Ihr Mann hat sie tyrannisiert und eines Tages die Wohnung mit Benzin überschüttet. Wie haben Sie sich vor dieser Ehe gerettet?

Kazemi: Erst hier habe ich gelernt, dass man sich nicht alles gefallen lassen muss. Aber ich hatte kein Geld, keine Unterstützung, konnte die Sprache nicht. Man fragt sich: Wo willst Du hingehen? Ich wusste damals noch nicht einmal, dass es ein Frauenhaus gibt.

Wie haben sie all diese Dinge erfahren?

Kazemi: Mit der Hilfe von meinen jetzigen Kollegen im Jugendamt in Dormagen habe ich mich von meinem Mann getrennt. Die haben mir eine Wohnung besorgt. Innerhalb von einem Tag bin ich ausgezogen. Dann stellte ich fest, ich war wieder schwanger. Am Ende habe ich mir gesagt, ich habe so viel schon erlebt, jetzt kann ich das Kind auch alleine erziehen.

Heute bin ich überglücklich. Egal wie schwer es ist, man kann immer wieder aufstehen. Man sollte nie aufgeben. Das Glück hält nicht für immer, aber auch die Schwierigkeiten halten nicht für immer.

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4 Kommentare
Diskutieren Sie mit!»

  1. Bamby sagt:

    „Nicht ohne meine Tochter“ war übrigens ein hervorragender Thriller, auch wenn das Gerücht der Finanzierung durch CIA nicht aus der Welt geschafft werden konnte.

  2. Thomas sagt:

    Für einen Artikel gibt es immer einen guten Grund solange sie nicht endlich aufhören den Weltherrschern in die Suppe zu spucken. Das macht Erdogan viel besser finde ich, indem er auch bei Syrien alles mit den USA abstimmt.

  3. Mama sagt:

    Der Film „nicht ohne meine Tochter“ hat nicht ohne Grund die goldene Möhre – einen von der CIA gestifteten Filmpreis – gewonnen. Das war schon letztes Jahrhundert, seitdem hat sich auch im Iran offenbar nichts geändert. Danke für dieses Interview

  4. […] Interview: „Das Glück hält nicht für immer, aber die Probleme auch nicht“ […]



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