MiGAZIN

Weihnachten

Als der kleine Engel weinte

Es war die Zeit nach dem Krieg. Die Weihnachtsvorbereitungen hatten begonnen. Viel gab es nicht. Alles war sehr bescheiden, aber damals empfanden es alle als festlich und prächtig. In der Stadt lebten auch einige Flüchtlingsfamilien…

Es war die Zeit nach dem Krieg. In der kleinen Stadt Höxter an der Weser hatten die Weihnachtsvorbereitungen begonnen. Viel gab es ja noch nicht. Aber das wenige, das übriggeblieben oder wieder neu erworben war, wurde genutzt, um Straßen, Häuser, Marktplatz und Kirche zu schmücken. Sehr bescheiden zwar, ja eigentlich sogar kärglich, aber damals empfanden es alle als festlich und prächtig.

In der Stadt lebten auch einige Flüchtlingsfamilien, als Zwangseinweisung der Behörden in ohnehin schon überfüllten Häusern oder in Barackenlagern untergebracht. Viele erkannte man an der Art, wie sie sich bewegten, wie sie schauten. Fragende Blicke, suchend, zweifelnd. Manche Gesichter zeigten abgründige Trauer, auch Angst. Sie schienen immer auf der Suche nach etwas. Nach der Vergangenheit, die sie verloren hatten, oder der Zukunft, die ungewiß vor ihnen lag?

In der alten Kirche standen wie jedes Jahr zwei riesige Weihnachtsbäume rechts und links des Altars – alte hohe Fichten, im Wald geschlagen und dann mit viel Aufwand in die Kirche gebracht. Sie bildeten die Kulisse für das Krippenspiel, das von Kindern aufgeführt werden sollte. Auch die Andeutung einer Herberge und eines Stalles fehlten nicht. Während des Spiels hatten die Hirten vor einer der Fichten zu kauern und sich an einem Reisighaufen zu wärmen. Sogar echte Schaf- und Ziegenfelle lagen da.

Ich hörte, daß auch zwei Flüchtlingsmädchen dabei sein würden. Die große Schwester sollte die Maria darstellen. Sie war sanft, mit langen schwarzen Haaren, genau so, wie man sich Maria vorstellt. Die kleine spielte eigentlich keine Rolle, stumm sollte sie als Engel die Szene vervollständigen, weil Engel eben dazugehören zu der Weihnachtsgeschichte von Bethlehem.

Ich kannte diese kinderreiche Familie etwas. Die Mutter wartete noch immer auf ihren Mann, der irgendwo im Osten geblieben war. Mit ihren Kindern war sie lange unterwegs gewesen, zu Fuß durch Schnee und Eis, und hatte hier nun eine vorläufige Bleibe gefunden. Wie es weitergehen würde, wußte sie noch nicht. Es war auch damals nicht so einfach, als Alleinerziehende mit fünf Kindern unterzukommen.

Am Tag des Heiligen Abends besuchte ich in der alten Kirche das Krippenspiel. Wieder einmal die alte Geschichte, eigentlich schon fade und abgestanden durch ungezählte Wiederholungen zur Zeit und Unzeit, dachte ich. War sie überhaupt noch zeitgemäß?

Erst hatte ich gar nicht hingehen wollen. Doch als die Kleine, die den Engel darstellen sollte, mich erwartungsvoll fragte, ob ich denn auch käme, hatte ich es nicht fertig gebracht, nein zu sagen. So saß ich nun in der kalten Kirche. Fast konnte man den Atem als kleine weiße Wolke wahrnehmen. Ich dachte sehnsüchtig an meine warme Stube daheim, während das Spiel begann.

Die jüngere der beiden Schwestern kauerte als Engel vor der ganzen Szene. Eigentlich nur eine kleine Statistin. Sie saß da, in einen weißen Umhang gehüllt. Die Hände hielt sie vor der Brust gegeneinander gelegt – eine fromme Geste in der Art wie sie bei den alten Meistern manchmal dargestellt ist.

Jetzt traten Josef und Maria auf, sie suchten eine Herberge. Überall trafen sie nur auf geschlossene Tore und abweisende Gesichter.

„Kalt ist es“, klagte Maria mit sanfter Stimme. „Bitte gebt uns Raum in eurer Herberge.“

Diese Worte kennt sie nicht nur aus dem Spiel, begriff ich plötzlich, die sind ihr durch vielfache eigene Bitten an fremden Türen vertraut.

Dieser Text ist mit freundlicher Erlaubnis des Zeitgut Verlags dem Buch „Unvergessene Weihnachten. Band 8“ entnommen.

Hatten sich anfangs noch einige geräuspert oder miteinander geflüstert, so lag jetzt tiefe Stille über dem Kirchenschiff. Ganz leise war es geworden, als nun die laute, harte Stimme des Wirtes gnadenlos donnerte: „Schert euch fort! Hier ist kein Platz für euch. Seht ihr nicht selbst, daß alles voll ist?“

In diesem Augenblick sah ich etwas ganz anderes: Dem kleinen Engel strömten die Tränen nur so über das Gesicht. Immer mehr wurden es. Schließlich hockte da nur noch ein bitterlich schluchzendes Etwas, das dennoch versuchte, Haltung zu wahren. Die Aufmerksamkeit der Zuschauer galt

längst nicht mehr dem heiligen Paar, sondern dem kleinen unglücklichen Himmelsboten, der so tapfer versuchte, seine Tränen zu beherrschen. Einer der Hirten konnte es nicht mehr mit ansehen, beugte sich zu der Kleinen hinunter und versuchte, sie zu trösten: „Es ist doch nur ein Spiel.“

Der Engel jedoch schluchzte: „Aber es ist wie in Wirklichkeit, und es ist so traurig!“

Ja, dachte ich, indem ich ihn ansah, es ist so traurig. Und du hast die heiligen Höhen der Himmlischen verlassen, bist Zeuge dieser Hartherzigkeit geworden, und es rührt dich an.

Die kleine Engelsdarstellerin konnte nicht mehr in ihre Rolle zurückfinden. Sie mußte so sehr weinen, daß man sie aus der Szene entfernte. Ihre unaufhaltsam fließenden Tränen paßten nicht in das Konzept des Spiels. Engel sollen Gott loben, nicht weinen. Vielleicht waren diese Tränen aber ehrlicher als der herrlichste Gesang. Aus tiefster Seele kamen sie gewiß.