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Migration und Integration in Deutschland

Letztlich haben einige Industriestaaten ihren Bedarf an zusätzlichen Arbeitskräften … dadurch gedeckt, dass sie bei der Einstellung von irregulären Arbeitsmigranten ein Augen zudrücken.

Deutsche Gesellschaft für die Vereinten Nationen, Migration in einer interpedenten Welt, 2004

Studie

Migranten verlieren im deutschen Bildungssystem wertvolle Jahre

Migranten haben hohe Bildungsziele, haben aber wenig Möglichkeiten. Ihr Erfolg oder Misserfolg hängt vor allem vom Lehrer ab. Sie durchlaufen viele Umwege, Schleifen, Sackgassen und Neuorientierungsphasen. Das sind die zentralen Ergebnisse einer aktuellen Bildungsstudie.

Menschen mit Migrationshintergrund verlieren auf dem Weg durch das deutsche Bildungssystem oft wertvolle Lebensjahre. Über den gesamten Bildungsverlauf von der Grundschule bis zum Studium werden die Potenziale von Kindern mit Migrationshintergrund systematisch unterschätzt. Oft dauert es lange, bis ihre Fähigkeiten und Möglichkeiten erkannt werden und die richtigen Weichenstellungen erfolgen – wenn überhaupt. Das zeigen die ersten Ergebnisse der Studie „Bildung, Milieu, Migration“ der Universität Düsseldorf, die von der Stiftung Mercator und der Vodafone Stiftung gefördert wird und Mitte vergangener Woche in Berlin präsentiert wurde.

Die Gründe für den verzögerten Bildungsweg liegen nicht nur in oft mangelhaften Sprachkenntnissen und einer Zurückstufung der Schulklassenzugehörigkeit, wenn die Zuwanderung während der Schullaufbahn erfolgt; sie liegen auch in einer mangelnden Information der Eltern über den vergleichsweise komplizierten Aufbau des deutschen Bildungssystems sowie in weiterhin bestehen Vorurteilen bei Schulen und Behörden. Als Folge durchlaufen Schüler mit Migrationshintergrund viele Umwege, Schleifen, Sackgassen und Neuorientierungsphasen. Die betroffenen Personen bemängeln deutlich die verlorenen gegangenen Jahre.

Problem: Bildungsungleichheit
„Die Stärken von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund werden im Bildungssystem immer noch zu wenig gefördert. Das zeigt die aktuelle Studie. Um die bestehende Bildungsungleichheit zu verringern, ist es daher zentral – neben der Behebung der sozialen und sprachlichen Nachteile – einen Fokus auf die Förderung der Stärken zu legen“, erklärt Prof. Dr. Bernhard Lorentz, Vorsitzender der Geschäftsführung der Stiftung Mercator, zu den ersten Ergebnissen der Studie. „Die breit angelegte Untersuchung der Einstellungen und Erfahrungen von Eltern aus ganz unterschiedlichen Milieus zeigt, wo diese Stärken liegen, hier müssen wir in Zukunft verstärkt ansetzen.“

Die Studie zeigt deutlich, dass Eltern mit Migrationshintergrund oft große Anstrengungen unternehmen, um ihren Kindern eine bessere Bildung zu ermöglichen, sie dabei aber häufig an ihre Grenzen stoßen. Vielen von ihnen fehlt nicht nur das Geld für die heute fast obligatorische Nachhilfe, sondern oft auch das Wissen darüber, wie sie ihren Kindern in der Schule am besten helfen können. Ein großer Teil dieser Eltern wünscht sich hierbei mehr Unterstützung.

Migranten selbst fragen
Dr. Mark Speich, Geschäftsführer der Vodafone Stiftung Deutschland, sagte im Lichte der neuesten PISA-Ergebnisse: „Laut den neuesten PISA-Ergebnissen haben sich die Leistungen der Schüler in Deutschland zwar erfreulich verbessert, aber immer noch bleiben Schüler mit Migrationshintergrund leider oft hinter ihren Mitschülern ohne Migrationshintergrund zurück. Um dies ändern zu können, muss man jedoch zunächst einmal die Migranten selbst fragen, auf welche Hürden sie im deutschen Bildungssystem stoßen. Unsere Studie hat genau dies getan, damit wir der Politik, aber auch uns allen in der Gesellschaft aufzeigen können, wo wir ansetzen müssen, um Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund dabei zu helfen, ihre Potenziale voll entfalten zu können und somit ihre schulischen Leistungen weiter zu verbessern.“

Info & Download: Die Studie „Bildung, Milieu, Migration“ greift erstmals das Gesellschaftsmodell der sozialen Migranten-Milieus des Heidelberger Sinus-Instituts für den Bildungsbereich auf. Damit wird es möglich, die sehr unterschiedlich geprägten Lebenswelten etwa der „Religiös Verwurzelten“ oder der „Kosmopolitisch Intellektuellen“ differenzierter in den Blick zu nehmen. Für den vorliegenden Zwischenbericht wurden 120 Tiefeninterviews mit Eltern von Schülern mit Migrationshintergrund ausgewertet. Sie kann hier heruntergeladen werden.

Laut der Studie rücken viele Migranten ihre Defizite, wie mangelnde Sprachkenntnisse, in den Vordergrund und sehen ihren Hintergrund nicht als Chance an – gerade in den Milieus mit niedriger sozialer Lage wird der eigene Migrationshintergrund und auch der der Kinder als Defizit und Problem erlebt. Lediglich im Intellektuell-kosmopolitischen Milieu wird – fast schon wütend – gefordert, dass endlich ein Perspektivwechsel in der Praxis der Bildungseinrichtungen stattfinden soll. Symptomatisch ist, dass viele Eltern Wert darauf legen, dass die Kinder eine Schule mit einem niedrigen Migrantenanteil besuchen, da man sich dadurch ein höheres Leistungsniveau verspricht.

Lehrer entscheiden über Erfolg und Misserfolg
Ungeachtet aller Debatten über die Strukturen unseres Bildungssystems zeigen die Berichte der Migranten in der Studie immer wieder: Der Erfolg in der Schule hängt in hohem Maße von den einzelnen Lehrern ab – sowohl im positiven als auch im negativen Sinne. Milieuübergreifend werden Fälle der Benachteiligung von Migranten durch Lehrkräfte mit intensiven Emotionen erinnert und ausführlich geschildert. Andererseits wird auch von zahlreichen Fällen berichtet, wo Lehrkräfte weit über das erwartete Maß hinaus Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund halfen und diese unterstützten.

Insbesondere am Übergang zur Sekundarstufe I erleben viele, dass sie bzw. ihre Kinder Empfehlungen für „typische Migrantenschulen“ bekommen haben. Die Hauptschule gilt als solche und hat ein schlechtes Image. Die Gesamtschule wird von vielen Eltern mit Migrationshintergrund als Schulform betrachtet, in der Migranten weniger benachteiligt werden. Das Gymnasium wird von ehemaligen Schülern als konservativ erlebt und man hatte während der Schulzeit das Gefühl, nicht richtig dazu zu gehören. (sb)

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