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Und die einzige Leitkultur, die wir allen Menschen in Deutschland abverlangen müssen, steht in den ersten 20 Artikeln des Grundgesetzes.

Sigmar Gabriel (SPD-Chef), dpa, 7. Oktober 2010

Theater

Ich rufe meine Brüder

Kaum zu glauben, dass Jerry nur spielt. Dass „Ich rufe meine Brüder“ nicht sein Stück ist. Von ihm komponiert und arrangiert auf den Pfaden der Verwandlung von Erfahrung in Kunst. „Ich rufe meine Brüder“ in einer hervorragenden Inszenierung von Michael Ronen im Ballhaus Naunynstraße.

VONJamal Tuschick

 Ich rufe meine Brüder
Der Verfasser, geboren 1961 in Kassel, hat seinen libyschen Vater nicht kennengelernt, die Mutter ist Deutsche. Arbeitet seit 1987 als Autor und Journalist vor allem für die Frankfurter Rundschau und die junge welt. Herausgeber der 2000 im S. Fischer Verlag erschienenen Anthologie "Morgenland", die Einfluss gewann auf die Kulturdebatte innerhalb des Migrationsgeschehens. Stichwort: Das Ende der Gastarbeiter-Literatur Tuschick trug zu einem neuen Verständnis der Literatur von Autoren mit einer ethnischen Differenz zur Mehrheitsgesellschaft bei. Er veröffentlichte im Suhrkamp Verlag Keine Große Geschichte, Kattenbeat, Bis zum Ende der B-Seite Zuletzt erschien von ihm im Martin Schmitz Verlag Grobzeug im Rindermix

DATUM3. Dezember 2013

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„Das ist der Heißeste zurzeit“, sagt im Publikum eine über Jerry Hoffmann. „Der klebt überall in der Stadt. Und wie der sich bewegen kann.“ So manga-magisch auf dem schmalen Grad zwischen Kung Fu und konfus. Sein Alter ego heißt Amor. „Ich rufe meine Brüder“ ist eine Einladung, in Amors Kopf Platz zu nehmen wie in einem japanischen Hochgeschwindigkeitszug. Amors Innen- und Außenwelten werden zudem erzählt auf einer Bildstrecke. Die Zeichen flashen die Bühne. Die Bühne flackert wie ein Tanzboden.

„Da ist gestern so ein krankes Ding passiert. Habt ihr gehört? Ein Mann. Ein Auto. Zwei Explosionen. Mitten in der City. Ich rufe meine Brüder an und sage: Nein, niemand wurde gefasst. Niemand verdächtigt. Ich rufe meine Brüder an und sage: Jetzt geht’s los.“

Macht euch unverdächtig, verschmelzt mit der City: das rät Amor den Brüdern am Tag nach dem Selbstmordanschlag in Stockholm 2010. Er ist ganz und gar Familienmensch und als ältester Bruder ein Mann für alle Fälle. Der Attentäter starb, zwei Passanten wurden verletzt, Amor will für Verwandte einen Bohrkopf umtauschen. Eigentlich möchte er dem Angestellten im Kaufhaus seines Unbehagens einen gebrauchten Bohrkopf für einen neuen andrehen. Mit fadenscheiniger Begründung. Der gebrauchte Bohrkopf sei schon defekt gewesen als er so gut wie neu noch war. Der Angestellte entpuppt sich als schwere Enttäuschung. Immer wieder ruft ein ziemlich bester Freund an, ein Zurückgebliebener im Viertel der räumlichen Herkunft. Jan Walter spielt Shavi als Kumpel mit Kind. Seine Sensationen sind von der Art der ersten Banane, die im Nachwuchs Eingang findet. Von Spannung keine Spur, sagt sich Amor da. – Und verweigert die Annahme.

Das Periodensystem dient Amor zur Einteilung der Zeitgenossen. Shavi war Helium, „macht alles leichter“, bevor er Vater und langweilig wurde. Die Explosion der Autobombe hat in Stockholm Schockstarre ausgelöst, doch die „brüderliche“ Choreografie gehört der getanzten Kampfkunst. Amor reagiert paranoid auf die Paranoia der weißen Gesellschaft. Er ist nicht weiß, das reicht für verdächtig.

„Ich rufe meine Brüder“ stammt von Jonas Hassen Khemiri. Der Autor hat sich Amor ausgedacht als einen Helden der Einbildungen. Nie ist sich Amor sicher, ob die Schecks seiner Wahrnehmung gedeckt sind. Ich glaube, das gehört zu den migrantischen Grunderfahrungen. Die Fremdwahrnehmung aus der Mehrheitsgesellschaft funktioniert nicht positiv als soziales Korrektiv. Sich daran zu orientieren, an sich ein ganz normaler Vorgang der Anpassung, hieße: sich mit Vorurteilen zu vergiften. Die Orientierungslücke wird von der Phantasie geschlossen: genau das erzählen die „Brüder“ Khemiris.

Termine: Das Stück „Ich rufe meine Brüder“ wird im Berliner Ballhaus Naunynstraße am Dienstag und Mittwoch (3.12.13 und 4.12.13) aufgeführt. Weitere Informationen und Eintrittskarten gibt es hier.

Amor hat eine Vergangenheit als Stalker, nur sieht er das wieder ganz anders in seiner Anderswelt. Die terrorisierte Valeria (Marion Reiser) kann dem eloquenten Charmebolzen die Wirklichkeit nicht nahebringen. Er glaubt, die Zeit sei einfach nicht reif dafür, dass sie, die ihn aus dem Sandkasten kennt, sich die Finger nach ihm leckt. Das wird schon noch, ist Amor sich selbst gefällig. Valeria geht putzmunter unter die Decke. So viel Ignoranz könnte man mit dem Vorwurf der Arroganz nur schmeicheln.

Nora Abdel-Maksoud kommt als Ahlem und Tyra und als Kung Fu-kompetente Cousine vor, während Stockholm Mordkomplizen mit der Erwartung sucht, dass sie aussehen wie Amor und Ahlem. Das trägt „den Krieg“ in ihre Köpfe. Ahlem wappnet sich mit Geschmeidigkeit. Sie ist in Bereitschaft. Am Ende erschreckt Amor ein schwarzer Bart. Dabei hat er nur in einen Spiegel gesehen. Die Differenz zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung lässt sich nicht aufheben. Amor sieht aus wie ein Täter und fühlt sich selbst bloß bedroht.

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