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Letztlich haben einige Industriestaaten ihren Bedarf an zusätzlichen Arbeitskräften … dadurch gedeckt, dass sie bei der Einstellung von irregulären Arbeitsmigranten ein Augen zudrücken.

Deutsche Gesellschaft für die Vereinten Nationen, Migration in einer interpedenten Welt, 2004

Sprachstand

Die Reise der Wörter

Letzte Woche wurde das Jugendwort des Jahres bekanntgegeben: Es lautet „Babo“ und stammt angeblich aus dem Türkischen. Aber stimmt das, und was würde das für die deutsche Sprache bedeuten? Stefanowitsch und Goschler über neuere Entwicklungen der Jugendsprache.

VONStefanowitsch / Goschler

 Die Reise der Wörter
Anatol Stefanowitsch ist Professor für englische Sprachwissenschaft an der Freien Universität Berlin und Autor des Sprachlog. In seiner Forschung beschäftigt er sich mit der Struktur der englischen und deutschen Sprache. In seinem Blog befasst er sich außerdem mit sprach- und kulturpolitischen Themen.

Juliana Goschler ist Professorin für Deutsch als Zweitsprache an der Universität Oldenburg und Autorin des Blogs Dr. Mutti. In ihrer Forschung beschäftigt sie sich mit Struktur und Variation des Deutschen und seinem Erwerb als Zweit- und Fremdsprache. In ihrem Blog geht es um Fragen von Bildung, Erziehung und Familienpolitik.

DATUM2. Dezember 2013

KOMMENTARE8

RESSORTLeitartikel, Meinung

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Die alljährliche Jugendwortwahl des Wörterbuchverlags Langenscheidt liefert selten Wörter, die sich im Sprachgebrauch einer (wie auch immer definierten) Jugend wiederfinden. Ein Tiefpunkt in dieser Hinsicht war sicher das 2010 gekürte Niveaulimbo, das ungefähr so jugendlich frisch daher kam wie Cordjacketts und toskanischer Rotwein.

Vielleicht hat man bei Langenscheidt selbst eingesehen, dass es so nicht weitergehen kann und dass etwas mehr Authentizität her muss, wenn die Jugendwortwahl nicht völlig ins Surrealistische abgleiten soll. Seit drei Jahren orientiert man sich deshalb bei der Wahl an Neuheiten im Sprachgebrauch angesagter Rapper. Im Jahr 2011 kürte man das Wort Swag aus dem Hit „Dreh den Swag auf“ des Youtube-Stars Money Boy. Im Jahr 2012 war es Yolo aus dem Stück „The Motto“ von Drake feat. Lil Wayne. Und in diesem Jahr nun fiel die Wahl auf das Wort Babo aus dem Hit „Chabos wissen, wer der Babo ist“ des Rappers Aykut Anhan, der unter dem Namen „Haftbefehl“ auftritt.

Wie weit verbreitet diese Wörter bei Jugendlichen tatsächlich sind, lässt sich nicht sagen, und die Jugendwort-Jury scheint das auch gar nicht zu interessieren. Überhaupt zeigt Langenscheidt für einen Wörterbuchverlag erstaunlich wenig Interesse an den angeblichen Jugendwörtern. Über das diesjährige Siegerwort Babo erfährt man aus der offiziellen Pressemitteilung nur, dass es so etwas wie „Chef“ heiße, dass es über Anhans Hit „Eingang in den jugendlichen Sprachgebrauch“ gefunden habe und dass es „aus dem Türkischen“ stamme.

Dabei ist Türkisch eine der wenigen potenziellen Herkunftssprachen, aus der das Wort Babo mit ziemlicher Sicherheit nicht stammt. Matthias Heine vermutet in der Welt, dass das Wort es aus dem Zazaki kommt, einer mit dem Kurdischen verwandten indo-iranischen Sprache, die im Osten von Anatolien gesprochen wird. Und tatsächlich findet sich das Wort Babo mit der Bedeutung „Vater“ in einer ganzen Reihe indo-iranischer Sprachen, vom im Norden Pakistans gesprochenen Shina bis zu im ehemaligen Jugoslawien gesprochenen Dialekten des Romani (der Sprache der Roma). Auch in osttürkischen Dialekten des Aramäischen (einer semitischen Sprache) findet es sich, und es könnte von dort oder aus dem Zazaki auch in Dialekte des Türkischen gelangt sein.

Anhan selbst gibt an, das Wort „von klein auf“ zu kennen und vermutet die Quelle des Wortes im Jugoslawischen. Auch das könnte stimmen, denn im Bosnischen (einer sehr eng mit dem Serbischen und Kroatischen verwandten Sprache des ehemaligen Jugoslawien) bedeutet Babo ebenfalls „Vater“.

Es ist schade (aber eben auch typisch), dass Langenscheidt die Chance vertan hat, anhand der Jugendwort-Wahl wenigstens einen kleinen Ausschnitt der vielfältigen Sprachkontakte zu erklären, die den Sprachraum von der Westküste Europas bis in die Gebirge Pakistans seit Jahrtausenden kennzeichnen.

Trotzdem kann man sich als sprachbegeisterter Mensch über die Entwicklung freuen, die die Wahl des Jugendwortes in den letzten Jahren genommen hat. Nachdem die Jury sich in den ersten drei Jahren des Wettbewerbs an medialen Kunstwörtern wie Gammelfleischparty, Bildschirmbräune, Arschfax und dem bereits erwähnten Niveaulimbo abgearbeitet hatte, waren schon Swag und Yolo insofern erfrischend, als die Rolle des Sprachkontakts (in diesem Fall mit dem Englischen) auf den Sprachgebrauch der deutschsprachigen Jugend in den Vordergrund stellten.

Die Wahl des Wortes Babo setzt – unabhängig davon, wie weit es im Sprachgebrauch der Jugendlichen außerhalb der Haftbefehl-Fans tatsächlich verbreitet ist, einen neuen Akzent, der sich schon im letzten Jahr mit der Wahl von Yallah (Arabisch „Los!“, abgeleitet von ya’allah, „Oh, Allah“) andeutete: Die Jugendwort-Jury würdigt damit den Einfluss der Migrantensprachen auf den deutschen Wortschatz. Es ist zwar schade, dass das in einem Zusammenhang geschieht, durch den Jugendliche mit Migrationshintergrund etwas stereotyp als Gangster-Rapper dargestellt werden, aber es ist begrüßenswert, dass es überhaupt geschieht.

Denn tatsächlich lassen sich gerade im jugendlichen Sprachgebrauch schon seit vielen Jahren Wörter aus dem Türkischen und Arabischen finden, die bisher fast ausschließlich über medial verzerrte Darstellungen der sogenannten „Kanak Sprak“ ins öffentliche Bewusstsein gelangt sind. Das Arabische hat neben dem erwähnten Yallah auch Wallah (etwa „Echt wahr!“, eigentlich „bei Allah“) und abu (etwa „Ey!“ vom arabischen Wort für „Vater“) beigesteuert, das Türkische Wörter wie Lan (von ulan, „Typ, Kerl“), Moruk („Alter (Knacker)“) und Tschüsch (von çüş, „brr“, „pfui“).

Interessant ist dabei nicht nur die Existenz dieser Wörter, sondern auch die Tatsache, dass es sich vor allem um Anredeformen und Ausrufe handelt, die das soziale Miteinander regeln. Das deutet darauf hin, dass hier nicht nur gemischte sprachliche Systeme entstehen (die aber in ihrer Struktur und dem Großteil ihres Vokabulars natürlich deutsch bleiben), sondern, dass diese sprachlichen Systeme Ausdruck multi-kultureller Identitäten sind, die abseits aufgeregter Ab- und Ausgrenzungsdebatten immer selbstverständlicher werden.

Wenn die Jugendwort-Wahl die Diskussion um diese Identitäten beflügeln würde, hätte sie sich tatsächlich gelohnt.

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8 Kommentare
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  1. Wolfram Obermanns sagt:

    In der Peergroup meines Sohnes ist der initialisierende Rap-Titel der Inbegriff für idiotische Mukke. Nicht umsonst haben auch die Persiflagen auf den Titel fast mehr Klicks bei YouTube als das Original.
    Ob dieser Umstand bei der Wahl des Jugendwortes „ein Grund zur Freude ist“ möchte ich doch etwas bezweifeln.

  2. Herr Obermann, da es in unserem Text nicht um die Beliebtheit eines Stücks oder einer Musikrichtung geht, verstehe ich nicht, welche Rolle der Musikgeschmack der Peergroup ihres Sohnes spielt.

  3. Sinan A. sagt:

    CHABO und BABO ist Roma-Jugo.
    Das ist erst mal die Hauptinformation. Bevor man sich also auf die Suche nach einer tieferen Herkunft begibt – Persien vor 5000 Jahren oder so – sollte man die direkte Herkunft erwähnen. Daher hat der Rapper das Wort, wie er auch selbst sagt, und nicht aus dem osttürkischen Bergland.

    Wenn Langenscheidt behauptet, BABO stamme aus dem Türkischen, ist das einfach nur peinlich für einen Sprach- und Wissensverlag. Und es zeigt mal wieder, dass 1.) Unwissenheit auf diesem Gebiet als schick gilt und 2.) dass TÜRKISCH als Synonym für allerlei unbekanntes und unerwünschtes benutzt wird.

  4. Wolfram Obermanns sagt:

    @ Stefanowitsch

    Entschuldigen Sie bitte meinen offensichtlich mißverständlichen Beitrag.

    Der Text des Referenzmusikstückes ist (hier) bei vielen Jugendlichen negativ konnotiert, Rap als solcher nicht unbedingt.
    Es findet auch eine soziale Abgrenzung zu den Jugendlichen statt, die „Babo“ für „cool“ halten.
    Dadurch bekommt eine Preisverleihung für ein Wort, dessen Gebrauch In- und Outgroups definiert, einen seltsamen Beigeschmack, den ich für eher nicht erfreulich halte.
    Es mag sein, daß dieser ab- und ausgrenzende Effekt nur ein lokales Phänomen ist, aber da habe ich meine Zweifel. Ein Blick auf eine regional unterschiedliche Intentionalität bei der Verwendung des Begriffs „Babo“ könnte Aufschluß geben.

    Vielen Dank für Ihre Nachfrage, ich hoffe ich konnte mein Ansinnen hiermit deutlicher machen.

  5. Ochljuff sagt:

    Im Bulgarischen heißt „Babo“ „Oma“, wenn sie direkt angesprochen wird (von „баба“), und im Bulgarischen sind viele Worte sehr ähnlich zum Serbischen einerseits und andererseits auch häufig zum Türkischen (woher das Wort ja nun nicht kommen soll).
    Daher wunderte mich die Wortwahl ein wenig, auch, dass das „Chef“ bedeuten soll. Aber warum nicht? Auch diese Konnotataion spiegelt vlt. die Realität in der Familie des ‚Gangster’rappers wieder.

  6. Hinnerk sagt:

    Meine koreanische Bekannten lachen sich schlapp über diese Wahl, da es in ihrem Herkunftsland „Idiot“ heißt.

  7. Josef Özcan sagt:

    Der offensichtlichen Bezug von BABO zu dem türkischen BABA dürfte zumindest nicht rein zufällig sein … es lebe Langenscheidt …

    Josef Özcan (Diplom Psychologe)

  8. miriam sagt:

    Auf Italienisch bedeutet „babbo“ übrigens auch „Papa“. „Il papa“ hingegen ist der Papst, sonst niemand.



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