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Hans-Günter Kleff, Vom Bauern zum Industriearbeiter, 1985

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Was wissen wir über Jugendliche mit „muslimischem Hintergrund“?

In der Jugendarbeit wird muslimischen Migrantenjugendlichen häufig eine gemeinsame Identität unterstellt. Doch entsprechen diese Zuschreibungen überhaupt der Lebensrealität? Julia Franz hat untersucht, was für Jugendliche, die als muslimisch bezeichnet werden, tatsächlich relevant ist.

VONJulia Franz

Die Verfasserin ist Sozialpädagogin aus Berlin. Mit ihrer Studie über Jugendliche mit "muslimischem" Hintergrund wurde sie an der Freien Universität Berlin im Fach Erziehungswissenschaften promoviert. Zur Zeit vertritt sie die Professur für Sozialwissenschaften/Qualitative Sozialforschung an der Hochschule Neubrandenburg.

DATUM22. November 2013

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In der Jugendarbeit gelten „muslimische Migrantenjugendliche“ als besondere Zielgruppe von Bildungsangeboten. Wenn es beispielsweise um die Themen NS-Geschichte, Judenverfolgung und aktuellen Antisemitismus geht, wenn über Geschlechterverhältnisse und Sexualität gesprochen werden soll, dann gewinnt die Frage, ob die jugendlichen Teilnehmenden bzw. Schülerinnen und Schülern aus muslimischen Familien kommen, eine gewisse Brisanz.

Im Fachdiskurs Sozialer Arbeit und Pädagogik werden „junge Muslime“ oder „muslimische Jugendliche“ entweder in Bezug auf ethnisch-kulturelle Herkunft, gesellschaftliche Marginalisierung oder religiöse Jugendkultur bestimmt. Diese recht widersprüchlichen Deutungen spiegeln unterschiedliche Problemsichten wider: von einer in Migrantenfamilien tradierten rigiden Herkunftskultur über gesellschaftlichen Rassismus bis zur fundamentalistischen Vereinnahmung junger Gläubiger. Mit diesen im pädagogischen Diskurs vertretenen Problemsichten gehen auch verschiedene Ansprüche an die Jugendarbeit einher. Gleichzeitig werden muslimischen Jugendlichen vage Gemeinsamkeiten zugeschrieben.

In der Studie „Muslimische Jugendliche?“ bilden solche Zuschreibungen einer kollektiven Identität den kritischen Ausgangspunkt einer biografisch orientierten Untersuchung unter jungen Männern und Frauen zwischen 15 und 20 Jahren, die als muslimisch bezeichnet werden. Im Mittelpunkt stehen Erfahrungen Jugendlicher, ohne eine entsprechende kulturelle bzw. religiöse Zugehörigkeit vorab zu unterstellen. In den dazu erhobenen narrativen Interviews erweist sich kollektive Zugehörigkeit weder in religiösem Handeln noch in einer Übereinstimmung alltäglicher Handlungspraxis. Jugendliche eignen sich ihre familiären Migrationsgeschichten an, sie setzen sich mit den Anforderungen der Schule, mit Gleichaltrigen und Eltern auseinander, ohne dass sich darin eine spezifisch islamische Orientierung zeigt. Was religiöse und kulturelle Zugehörigkeit im Alltag der Jugendlichen überhaupt bedeuten, erweist sich vor allem Rahmen intergenerationaler Beziehungen. Nicht muslimische Identität begründet gemeinsame Erfahrungszusammenhänge der untersuchten Jugendlichen, wie dies oft unterstellt wird, sondern die Herausforderung, biografisch tragfähige Orientierungen im Spannungsfeld zwischen den Erwartungen der ersten Migrationsgeneration in den Familien und gesellschaftlichen Anforderungen zu entwickeln. Im Ergebnis der rekonstruktiven Auswertungen der Interviews lassen sich drei Orientierungen voneinander unterscheiden:

1. Orientierung an individueller Authentizität
In diesem Orientierungsrahmen haben die Jugendlichen an verschiedenen Kontexten teil, u. a. an religiösen und ethnisch-kulturellen, ohne ganz in diesen aufzugehen. Individuelle Authentizität als Wertorientierung zeigt sich in einer skeptischen, kritischen Haltung gegenüber Forderungen, sich ganz und gar mit einer Gemeinschaft zu identifizieren. Solche Forderungen erscheinen als Vereinnahmungsversuche, die abgelehnt werden. Stattdessen geht es um die Suche nach einer „authentischen“ Lebensweise, die es ermöglicht, die Zugehörigkeit zu diversen sozialen Kontexten zu integrieren. Im Mittelpunkt dieser Suche stehen Verbundenheit auf der Grundlage gemeinsamer Erfahrungen, selbstbestimmtes Handeln und Distanz gegenüber auferlegten Maßstäben.

2. Orientierung an kollektiver Zugehörigkeit
In diesem Orientierungsrahmen steht die biografische Auseinandersetzung unter dem Vorzeichen kollektiver Zugehörigkeit. Vor allem Brüche und differente Orientierungen der Generationen prägen das Erleben der Familiengemeinschaft. Moralisches Prinzip ist die Verantwortung für die Gemeinschaft. In der ethnisch-kulturellen und religiösen Identität ihrer Familien finden die Jugendlichen eine Möglichkeit, fehlende habituelle Übereinstimmung mit ihren Eltern zu überbrücken. Sie bestätigen die kollektive Zugehörigkeit ihrer Familien, indem sie sie repräsentieren und Normen übernehmen. Ausschluss aufgrund sozialer Identitätskonstruktionen wiegt für diese Jugendlichen schwer. Abwertende Zuschreibungen bearbeiten sie durch Distanzierung vom negativen Gehalt, jedoch nicht von sozialen Identitätskonstruktionen.

3. Orientierung an gesellschaftlicher Anerkennung
In diesem Orientierungsrahmen steht Anerkennung nach gesellschaftlichen Maßstäben im Mittelpunkt. Die Jugendlichen gehen in schulischen Erfolgen auf, sie bewähren sich dadurch an gesellschaftlichen Anforderungen und erfüllen zugleich familiäre Aufträge der älteren Migrationsgeneration. Öffentliche Resonanz auf individuelle Leistungen und Erfolge spielt eine große Rolle, ebenso das Konkurrieren mit anderen um gesellschaftliche Anerkennung. Die Jugendlichen erleben sich dabei nicht als fremdbestimmt, sondern sehen darin ihre Chance, sich selbst zu verwirklichen.

Alle interviewten Jugendlichen erleben ihre Auseinandersetzung mit Normen und Werten als Spannungsfeld von gesellschaftlicher Anerkennung, kollektiver Zugehörigkeit und individueller Authentizität. Dabei steht jeweils eine der drei Dimensionen im Vordergrund. – Lässt sich dieses Spannungsfeld nicht auch für Jugendbiografien ohne einen muslimischen Familienhintergrund beschreiben? Das erscheint immerhin plausibel. Wenn sich aber ein Milieu muslimischer Jugendlicher nicht durch wesentliche geteilte Orientierungen abgrenzen lässt, welchen Sinn macht es dann, von „muslimischen Jugendlichen“ als Zielgruppe von Bildung und Erziehung auszugehen? Und bedarf es andererseits nicht eines solchen Ausgangspunktes, um Zwangsheiraten, Gewalt im Namen von Ehre und/oder Religion, rassistische und antisemitische Zuschreibungen zu thematisieren?

Um diese Themen in der Jugendarbeit anzusprechen, ohne dadurch „muslimische“ Jugendliche von vornherein als problematische oder benachteiligte und unterdrückte Gruppe zu identifizieren, empfiehlt sich eine Haltung gemeinsamen, forschenden Lernens. Jugendliche, die sich mit Religiosität, Gewalterfahrungen, Diskriminierung und schwierigen Familiensituationen beschäftigen, brauchen keine Belehrung, sondern Begleitung in ihrer Auseinandersetzung. In den Interviews wird das Interesse Jugendlicher deutlich, sich im Rahmen der Diskurse über Einwanderung und Muslimas bzw. Muslime in Deutschland autobiografisch zu äußern. Sie zeigten sich sensibel für vereinnahmende, anmaßende Deutungen und kritisierten diese, nicht zuletzt in Bezug auf Fragen von Gerechtigkeit, Verantwortung und Autonomie.

Bereits die ersten Kontakte und Vorgespräche brachten mich in die Situation, Jugendlichen mein Forschungsinteresse zu erklären. Einige Jugendliche befürchteten, dass ihre Äußerungen in einen einseitig problematisierenden Rahmen gestellt würden und lehnten ein Interview daher ab, obwohl sie, wie sie sagten, eigentlich Lust gehabt hätten, von sich zu erzählen. Zu ähnlichen Situationen kommt es auch in der Jugendarbeit, wenn Jugendliche befürchten, ihre Themen und Bildungsinteressen könnten vereinnahmt werden. Dagegen könnten durch forschendes Lernen die sozialen Verhältnisse gemeinsam in den Blick genommen werden:

Zusammen mit Jugendarbeiterinnen und Jugendarbeitern würden Jugendliche z. B. aus Zuschreibungen Fragen formulieren, ihre Erfahrungen artikulieren, mit anderen austauschen und eigene Problematisierungen entwickeln, statt mit Problematisierungen lediglich konfrontiert zu werden. Gemeint ist eine forschende Kommunikation der Beteiligten – einschließlich (Sozial )Pädagoginnen und Pädagogen, Nachbarschaft, Familien etc., um sich mit den eigenen und fremden Erfahrungen und den Hintergründen sozialer Probleme zu beschäftigen, von denen die Jugendlichen sich betroffen fühlen.

Aufgabe der Jugendarbeit wäre dann, den gemeinsamen Forschungsprozess kommunikativ und organisatorisch zu rahmen. Die Problemdeutungen, Selbstverständlichkeiten und Zuständigkeiten der Pädagoginnen und Pädagogen wären ebenfalls als Themen einzubringen. Erst dadurch würde ein solches Projekt glaubwürdig: wenn grundsätzlich keine Positionen im Diskurs um Migration, Ethnie, Religion ohne weiteres gelten könnten, sondern der Versuch unternommen würde, Standpunkte zu hinterfragen – allerdings nicht in dem Sinn, in richtige und falsche Annahmen zu sortieren, sondern von allgemeinen Positionen zu konkreten Erfahrungszusammenhängen zu gelangen.

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