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Migration und Integration in Deutschland

Wenn mir etwas Sorge macht, dann nicht Sarrazins Buch, das ich für das absurde Ergebnis eines Hobby-Darwins halte. Viel mehr Sorge macht mir, dass dieser Rückgriff auf die Eugenik in unserem Land gar nicht mehr auffällt, ja mehr noch: als »notwendiger Tabubruch« frenetisch gefeiert wird.

Sigmar Gabriel (SPD-Chef), Die Zeit, 16.09.2010

Glücksatlas 2013

Migranten blicken zuversichtlicher in die Zukunft

Wie zufrieden sind Migranten in Deutschland? Dieser Frage ist der Glücksatlas 2013 nachgegangen – mit überraschenden Ergebnissen: sie steigen auf, sind zuversichtlich und glücklich, sofern sie nicht diskriminiert werden.

Schleswig-Holstein ist die zufriedenste Region Deutschlands, Brandenburg die unzufriedenste. Insgesamt bleibt die Lebenszufriedenheit der Deutschen aber trotz der Euro-Krise auf einem hohen Niveau von 7,0 Punkten stabil. Der Abstand zwischen ost- und westdeutschen Regionen hat sich allerdings leicht vergrößert, auf 0,32 Punkte, nachdem der Unterschied seit der Wende kontinuierlich zurückgegangen war.

Die Bevölkerung mit Migrationshintergrund ist nur geringfügig unzufriedener als die Gesamtbevölkerung. Die Kluft beträgt lediglich 0,04 Punkte. Rechnet man die jüngere Altersstruktur der Zuwanderer heraus, um die Glücksniveaus beider Gruppen besser vergleichen zu können, ergibt sich ein etwas größerer Unterschied von rund 0,1 Punkten (6,94 zu 6,85).

Vergleicht man die Menschen mit direktem Migrationshintergrund mit der Gesamtbevölkerung, dann beträgt der Abstand 0,15 Punkte (6,94 zu 6,79). Das ist immer noch weniger als der Unterschied zwischen Ost- und Westdeutschland. Die Kinder der Zuwanderer weisen aber bereits eine leicht höhere Lebenszufriedenheit auf als die einheimische Bevölkerung. Der Abstand beträgt 0,1 Punkte.

Deutsche Sprache ausschlaggebend
Das sind Ergebnisse des „Deutsche Post Glücksatlas 2013“, der umfangreichsten und aktuellsten Bestandsaufnahme zur Lebenszufriedenheit in Deutschland. Der Glücksatlas wird von der Deutschen Post nun schon zum dritten Mal vorgelegt und ist die aktuellste regelmäßige Studie dieser Art.

Wie aus der Studie weiter hervorgeht, ist neben wirtschaftlichen Gründen die Beherrschung der deutschen Sprache für die Unterschiede verantwortlich. Während jene Migranten, die nach eigener Ansicht über eine sehr hohe Sprachkompetenz verfügen, einen Zufriedenheitswert von 7,2 angeben, liegt der Wert bei jenen mit gar keinen Deutschkenntnissen bei 6,3.

Aufstiegsorientierung der Migranten
Des weiteren zeigt die Allensbach-Befragung eine hohe Aufstiegsorientierung der Migranten: Während 48 Prozent der Gesamtbevölkerung der Meinung sind, dass ihre eigene soziale Stellung sich deutlich gegenüber jener der Eltern verbessert habe, sagen das von den Migranten 61 Prozent. 41 Prozent der Menschen mit Migrationshintergrund meinen, dass es ihnen heute finanziell besser geht als vor fünf Jahren, in der Gesamtbevölkerung sind es nur 26 Prozent.

Die Frage, ob sie glauben, dass es ihren Kindern später einmal besser gehen wird, bejahen 54 Prozent der Eltern von Kindern unter 30 Jahren mit Migrationshintergrund. Von den einheimischen Eltern sind lediglich 27 Prozent vom Aufstieg ihrer Kinder überzeugt. Auch sind Zuwanderer mit ihrer wirtschaftlichen Lage tendenziell zufriedener: 45 Prozent der gesamten Bevölkerung bewerten ihre eigene wirtschaftliche Lage als gut oder sogar sehr gut, von den Zuwanderern sind es 49 Prozent.

Diskriminierung macht unglücklich
Negativ wird die Lebenszufriedenheit der Zuwanderer allerdings durch ökonomische Faktoren (schlechtere Lage bei Beschäftigung, Einkommen, Wohnen) beeinflusst. Eine Rolle spielt auch die „Diskriminierung“. Migranten, die sich benachteiligt fühlen, sind deutlich unglücklicher. 57 Prozent sagen, es sei schon vorgekommen, dass sie sich aufgrund ihrer Herkunft ungerecht behandelt gefühlt hätten. Überdurchschnittlich berichtet vor allem die türkischstämmige Bevölkerung von solchen Erfahrungen, unterdurchschnittlich die Zuwanderer aus Polen und Südeuropa.

Gleichzeitig lässt jedoch die große Mehrheit keinen Zweifel daran, dass solche Erlebnisse nicht der Alltag sind. Lediglich sechs Prozent haben sich häufiger aufgrund ihrer Herkunft ungerecht behandelt gefühlt, 20 Prozent gelegentlich, 30 Prozent nur selten, 38 Prozent noch nie.

Isolation unerwünscht
Dass die große Mehrheit der Migranten in Deutschland keineswegs isoliert lebt, zeigt die Frage zu den sozialen Kontakten: Jeder Zweite sagt, dass er in Deutschland viele Freunde hat, bei den hier Geborenen ist der Anteil noch größer.

Info: Weitere Ergebnisse des Glücksatlas‘ 2013 finden Sie in dem Special der Deutschen Post mit interaktiven Landkarten und Balkendiagrammen.

Auch die Herkunft des Freundeskreises ist bemerkenswert ausgewogen: 27 Prozent der Personen mit Migrationshintergrund haben überwiegend oder ausschließlich deutsche Freunde, bei 46 Prozent ist der Freundeskreis gemischt, nur 26 Prozent haben ausschließlich oder überwiegend nichtdeutsche Freunde. In der türkischstämmigen Bevölkerung ist dieser Anteil allerdings höher.

Überraschende Ergebnisse
Die Analyse, wie zufrieden die Migranten mit ihrem Leben sind, wurde im Sommer 2013 in der deutschsprachigen Bevölkerung ab 16 Jahre mit Migrationshintergrund (1.070 repräsentativ Befragte) vom Institut für Demoskopie Allensbach durchgeführt. Die wissenschaftliche Leitung hatte Professor Renate Köcher, Geschäftsführerin des Instituts für Demoskopie Allensbach.

Die wissenschaftliche Leitung des Glücksatlas haben Professor Bernd Raffelhüschen, Direktor des Forschungszentrums Generationenverträge an der Universität Freiburg, und Professor Renate Köcher, Geschäftsführerin des Instituts für Demoskopie Allensbach. Der Schwerpunkt des Glücksatlas 2013 liegt auf der Lebenszufriedenheit von Migranten. Jürgen Gerdes, Konzernvorstand BRIEF der Deutschen Post DHL, fasst die Ergebnisse wie folgt zusammen: „Uns hat überrascht, dass Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland offenbar zufriedener mit ihrem Leben sind, als man aufgrund der öffentlichen Debatte vermuten würde.“

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