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Migration und Integration in Deutschland

Die Wirtschaft entschied über die Anzahl der angeworbenen Gastarbeiter wie über deren Verteilung innerhalb der Bundesrepublik.

Ursula Mehrländer, Ausländerpolitik im Konflikt, 1978

Interview mit Arif Taşdelen

„Viele waren verwundert, dass ich Deutsch kann“

„Ich bin kein Quoten-Türke“, sagt der erste bayerische Landtagsabgeordnete mit Migrationshintergrund, Arif Taşdelen (SPD). MiGAZIN sprach mit ihm über Vorurteile, die er während des Wahlkampfes brechen musste und über seine neue Aufgabe im Landtag.

VONMaida Salihovic

Die Verfasserin, geboren in Bosnien-Herzegowina, ist Studentin der Orientalistik und Politikwissenschaften an der Friedrich-Alexander Universität Erlangen-Nürnberg. Schwerpunkte sind Internationale Politik, Medien- und Integrationspolitik.

DATUM11. Oktober 2013

KOMMENTARE1

RESSORTInterview, Leitartikel, Politik

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MiGAZIN: Herr Taşdelen, Sie haben mit einer Ausbildung bei der Bundesagentur für Arbeit angefangen und bis vor Kurzem waren Sie Zollinspektor beim Hauptzollamt in Nürnberg. Das ist ein recht solides Berufsbild. Warum haben Sie sich entschieden, von einem „anständigen“ Beruf in den oft undankbaren Beruf des Politikers zu wechseln?

Arif Taşdelen: Ich bin der Meinung, jeder Mensch hat eine Begabung. Ich habe relativ schnell gemerkt, dass meine Begabung im Reden liegt. Außerdem fällt es mir leicht, auf Menschen zuzugehen. 2005 hab ich dann gedacht, ich probiere es als ehrenamtlicher Stadtrat. Und dabei ging es nicht um die große Weltpolitik, sondern um die Probleme der Menschen. Es ging beispielsweise um Aufenthaltsprobleme, Alleinerziehende ohne Krippenplatz oder um Kinder, die zur Förderschule geschickt werden, nur weil die deutsche Aussprache nicht einwandfrei ist. Ich hab das einfach gern gemacht, weil ich Verständnis für die Probleme hatte. Vor allem auch, weil sich viele Migranten an mich gewendet haben. Irgendwann war ich aber auch überfordert mit der Doppelbelastung von Job und Ehrenamt und natürlich habe ich auch noch eine Familie. Also musste ich mich entscheiden und habe mich bewusst für die Politik entschieden.

Arif Taşdelen: (geb. 1974) kam im Alter von acht Jahren mit seiner Familie im Rahmen der Familiennachführung aus der Türkei nach Nürnberg. Nach Abschluss der Wirtschaftsschule absolvierte er ein Studium an der Fachhochschule des Bundes für Öffentliche Verwaltung. Seine politische Laufbahn begann er bei der SPD in Nürnberg. Seit 2005 ist er Mitglied im Nürnberger Stadtrat, seit 2011 im Landesvorstand der bayerischen SPD. Am 15. September 2013 wurde er in den bayerischen Landtag gewählt und ist dort der erste Abgeordnete mit türkischen Wurzeln.

Sie sagten ja, dass die Politik undankbar sei. Ja häufig ist sie das. Es geht aber nicht nur darum, erfolgreich zu sein, sondern darum, dass man es überhaupt versucht. Der Beruf mag manchmal undankbar sein, aber ich mache es trotzdem gern. Es erfüllt mich, den Menschen zu helfen. Vor allem weil ich die Probleme kenne. Ich komme aus einer Familie mit sieben Kindern. Und die größte Sorge meiner Eltern war, dass wir auf die schiefe Bahn geraten in „diesem fremden Land“. Man kennt die Sorgen.

MiGAZIN: Kommen wir zu Ihrem Wahlkampf. Sie haben zwei Facebook-Profile, auf denen Sie fleißig posten und Sie waren überall in Nürnberg mit „Arif on Tour“ unterwegs. Warum haben Sie sich für diese Art von Wahlkampf entschieden und wer betreibt eigentlich Ihre Facebook Profile?

Taşdelen: Meine Facebook Profile gehören mir und darum kümmere ich mich auch wirklich selbst. Ich beantworte auch alle meine E-Mails ohne Hilfe. Noch habe ich keine Mitarbeiter. Das war aber auch mein Vorteil im Wahlkampf. Alle Abgeordneten hatten Büros und Mitarbeiter. Ich hatte meine ehrenamtlichen Helfer und die letzten vier Wochen lediglich zwei Praktikantinnen, die mich dann verstärkt unterstützt haben.

Ich hab besonderen Wert darauf gelegt, dass alles, was mit dem Wahlkampf zu tun hatte, meine Handschrift hat. „Arif on Tour“ war meine Idee. Mit meiner Tour habe ich bereits im Juli angefangen, obwohl mir Kollegen davon abgeraten hatten. Eigentlich wusste ich auch nicht, was auf mich zukommt. Plötzlich stand ich als Kandidat in der Öffentlichkeit. So haben wir es aber auch geschafft, Neugierde zu wecken, und kamen leicht ins Gespräch. Die Menschen haben uns unterwegs angehupt oder wollten Fotos mit mir und dem Tour-Bus machen. Aber ich musste viel unterwegs sein und mit den Menschen reden, um erst mal Vorurteile abzubauen.

MiGAZIN: Was für Vorurteile?

Taşdelen: Die Menschen mussten sich erst mit mir unterhalten, damit Sie eben keine Vorurteile mehr haben. Viele waren verwundert, dass ich richtig Deutsch kann. Ganz offen hat mir eine Dame in einem Altenheim zwar zugesichert, dass sie mich wählt, aber sich dabei nicht ganz wohl fühlt. „Wissen Sie, Ihr Name. Ich weiß nicht, ob Sie ein Fundamentalist sind. Ich weiß nicht, ob Sie richtig Deutsch können. Und ich weiß auch nicht, wie Sie ihre Frau behandeln.“ So etwas unterstellt man einem Kandidaten mit deutschem Namen einfach nicht. Ein Kandidat mit einem ausländischen Namen muss mit Vorurteilen rechnen. Deswegen musste ich in meinem Wahlkampf das Eis brechen. Wer die beiden Kandidaten eines Wahlkreises nicht kennt, wählt automatisch den mit dem deutschen Namen.

MiGAZIN: Die Bayern sind ja gerne die Besten und Ersten. Egal ob bei der PISA-Studie oder in der Bundesliga. Warum hat es ausgerechnet in Bayern so lange gedauert, bis ein Kandidat mit Migrationshintergrund in den Landtag gewählt wurde?

Taşdelen: Das ist die harte Hand der CSU. Sie hat einem immer das Gefühl gegeben, dass Migranten nicht so willkommen sind. Da wird regelmäßig vor einem Wahlkampf die Ausländerkeule ausgepackt. Und deswegen hatten die großen Parteien einfach nicht den Mut, weil sie dachten, dass Bayern noch nicht so weit sei. Auch die SPD hat sich wahrscheinlich nicht getraut.

Und außerdem hatte ich den Eindruck, dass viele Menschen überhaupt nicht wussten, dass wir keinen Migranten im Landtag haben. Da waren viele sogar entsetzt. Die Menschen auf den Straßen waren schon viel weiter als die Politik. Das habe ich auch erst später bemerkt. Sogar ich hatte da Bedenken, ob sich das nicht vielleicht negativ auswirken könnte. Das Thema Migration wollte ich in meinem Wahlkampf am besten gar nicht vorkommen lassen, weil ich dann immer schnell darauf reduziert werde. Ich bin ein bisschen mehr als ein Quoten-Türke. Ich wollte nicht die Karte des benachteiligten Migranten spielen, das habe ich nicht nötig.

Den Migrationshintergrund habe ich auch erst die letzten zwei Wochen in meinem Wahlkampf thematisiert. Ich hoffe, dass wir das irgendwann schaffen, dass wir irgendwann nicht mehr als Migranten gesehen werden, dass es irgendwann normal wird.

MiGAZIN: Glauben Sie, dass Sie im Landtag als Politiker ernstgenommen werden oder nur „den Migranten“ im Landtag repräsentieren sollen?

Taşdelen: Die SPD-Landtagsfraktion hat gar keine andere Wahl, als mich ernst zu nehmen. Und zwar weil ich bereits seit 2005 im Nürnberg Stadtrat sitze und weil ich für die SPD einen Stimmkreis zurückgeholt habe, der seit 10 Jahren nicht besetzt war. Ohne Migranten kommt bald keine Partei mehr an die Macht. Das weiß die SPD ebenso wie die anderen Parteien. Man kann nicht mehr an den Migranten vorbei regieren. Man hat also keine andere Wahl, als mich und damit auch die Belange von Migranten ernst zu nehmen.

MiGAZIN: Als erster Migrant im bayerischen Landtag liegt es nahe, dass Sie der Integration besondere Aufmerksamkeit widmen.

Taşdelen: Ich werde mich für die Integration entscheiden, weil ich die Lebenssituationen der Menschen kenne. Meine Vorgänger in der bayerischen Landespolitik kannten sie nur theoretisch. Aber ohne zu wissen, wie das Herz der Menschen schlägt, kann man keine richtige Integrationspolitik betreiben. Und deswegen werde ich mich bewusst für Integrationspolitik entscheiden. Das Thema ist das Thema der Zukunft. Aber ich werde mich auch mit der Wirtschaftspolitik beschäftigen, insbesondere bei arbeitspolitischen Fragen wie dem Mindestlohn oder der Generationsgerechtigkeit.

Ich hoffe die Arbeit als Landtagsabgeordneter in München verändert mich nicht. Ich habe eine gewisse Verantwortung, weil ich auch weiß, woher ich komme. Wir waren sieben Kinder. Viel Geld ist in die Türkei geflossen, weil mein Bruder nicht mit uns nach Deutschland kommen konnte, da er bereits über 16 Jahre alt war. Ich durfte nie mit der Klasse in den Nürnberger Tiergarten gehen, weil der Ausflug acht D-Mark gekostet hätte. Ich wäre ja richtig bescheuert, wenn ich vergessen würde, woher ich komme, und wenn ich mich nicht speziell für die Migranten einsetzen würde.

MiGAZIN: Laut Studien erreichen Bildungsangebote Migranten nicht bzw. nur unzureichend. Woran liegt das?

Taşdelen: Das liegt allein am Schulsystem. Der schulische Erfolg eines Kindes hängt in Deutschland zu 70 % von der Familie ab und nur zu 30 % von der Schule. Hab ich die finanziellen Mittel oder bin ich Akademiker, dann kommt mein Kind in der Schule mit. Wenn ich aber alleinerziehend oder Schichtarbeiter bin und keine finanziellen Mittel für Nachhilfe habe, hat mein Kind kaum eine Chance.

Meines Erachtens ist auch die Entscheidung für die passende Schulform nach der 4. Klasse viel zu früh. Das ist übrigens nicht allein ein migrantenspezifisches Problem, sondern ein soziales Problem. Eine schlecht situierte deutsche Familie hat die gleichen Probleme wie schlecht situierte Familien mit Migrationshintergrund.

Was wir brauchen, sind Ganztagsschulen. Sie könnten helfen, diese Probleme in den Griff zu kriegen. Schließlich haben nicht alle Eltern gleichermaßen Zeit, sich um die Hausaufgaben ihrer Kinder zu kümmern.

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Ein Kommentar
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  1. Asli T. Cevahir sagt:

    NEIN! ich bin bin auch keine Quoten-Türkin! Aber leider habe ich solch eine diskriminierende Aussage in akademischen Kreisen erleben müssen. Anstatt mich meiner ersten beruflichen Stelle zu beglückwünschen, war die Frage im Raum: Ah, wurdest Du eingestelt wegen der Quote, was hat der Job mit Migration zu tun?
    Ich war fassungslos!
    Bin ich die Quote, weil ich einen türkischen Migrationshintergrund habe oder weil ich eine Frau bin?
    Ich stimme der Tendenz zu, dass Diskriminierung und Rassismus in der Gesellschaft eine andere Form annimmt und LEIDER Menschen mit Migrationshintergrund auf der Karriereleiter öfter diskriminiert werden.
    Die Strafe für Deutschland wird folgende sein: BRAIN DRAIN!



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