MiGAZIN

Migration und Integration in Deutschland

Die Wirtschaft entschied über die Anzahl der angeworbenen Gastarbeiter wie über deren Verteilung innerhalb der Bundesrepublik.

Ursula Mehrländer, Ausländerpolitik im Konflikt, 1978

Der Nobelpreis

Wenn Thomas Südhof Deutscher ist, ist Mesut Özil…

Der frischgebackene amerikanische Nobelpreisträger Thomas Südhof wirft Fragen auf. Ist er nun Deutscher oder Amerikaner. Und wenn er ein Deutscher ist, was ist dann Mesut Özil?

VONBirol Kocaman

DATUM9. Oktober 2013

KOMMENTARE10

RESSORTAktuell, Meinung

SCHLAGWÖRTER , ,

DRUCKENAnsicht

MEHR ZUM ARTIKEL

DANKE,
ich möchte MiGAZIN auch in Zukunft lesen!

Die Freude war groß, nachdem bekannt wurde, dass mit Thomas Südhof ein Deutscher den Nobelpreis für Medizin bekommt. Die Medien berichteten im Minutentakt von dem gebürtigen Göttinger. Spiegel etwa sprach über den „deutschen Zellbiologen“ und die Süddeutsche davon, dass „erneut ein Deutscher“ den Nobelpreis gewonnen hat. Die FAZ bejubelte den „Deutschen Biochemiker“ und die Nachrichtenagenturen den „Nobelpreisträger aus Deutschland“.

Selbst Bundespräsident Joachim Gauck gratulierte dem frischgekürten Preisträger: „Deutschland“ freue sich mit ihm. Zusammen mit „seinen amerikanischen Kollegen“, habe Südhof dazu beigetragen, dass „wir“ Diabetes besser verstehen.

Dabei ist Thomas Südhof US-Bürger und kein Deutscher. Er zog schon vor dreißig Jahren in die USA und hat sich dort zwischenzeitlich einbürgern lassen. Seine deutsche Staatsbürgerschaft hat er eigenen Angaben zufolge zwar nie abgegeben, doch darum gekümmert hat er sich auch nicht. Und laut Staatsangehörigkeitsgesetz verliert ein Deutscher die deutsche Staatsbürgerschaft, wenn er ein anderes annimmt – kraft Gesetzes und automatisch.

Anstatt man sich in Deutschland also schwarzärgert, weil das engstirnig gestrickte Staatsangehörigkeitsgesetz dafür gesorgt hat, dass ihm ein Nobelpreisträger durch die Lappen gegangen ist, setzte man sich über den Pass Südhofs einfach hinweg und strickte aus seiner Herkunft einen „Deutschen“. Wieso auch nicht? Schließlich ist die Deutschstämmigkeit von Thomas Südhof auch im online Lexikon Wikipedia dokumentiert.

Dieses Vorgehen ist ja keine Ausnahme. Erinnert sei an die unzähligen Meldungen über den Türken Mesut Özil nach einem seiner erfolgreichen Länderspiele für Deutschland. Spiegel etwa berichtete über den „türkischen Fußballer“ und die Süddeutsche darüber, dass „erneut ein Türke ein Tor für Deutschland geschossen“ hat. Die FAZ bejubelte den „türkischen Spielmacher“ und die Nachrichtenagenturen den „besten Spieler aus der Türkei“. Unvergesslich ist doch auch, wie sehr sich Handelsblatt darüber freute, dass sich Özil noch als Türke fühlt. Nur die eifrigen Wikipedia Autoren haben bei Özil vergessen, seine Türkischstämmigkeit zu betonen. Nichts Besonderes.

Verwirrend an dem Jubelschrei rund um den frischgekürten Nobelpreisträger Südhof ist lediglich, dass sich auch jene über „den Deutschen“ freuen, die sonst darauf bestehen, dass irgendwann mal Schluss sein müsse mit der Herkunft.

Testen Sie den kostenlosen MiGAZIN Newsletter:

10 Kommentare
Diskutieren Sie mit!»

  1. Densus sagt:

    Herr Kocamann sollte es den Deutschen überlassen, wer für sie deutsch ist und wer nicht.

  2. BattalGazi sagt:

    Ja, mischt euch nicht ein wenn sich die deutschen ihre Welt so ausmalen wie es ihnen gerade passt. Ist ja n Unding. Könnt ihr ja in der Türkei machen.
    Ist kein Wunder dass die Türkei nicht in der EU ist. Zitat Erdogan: „…….“

    Sozialschmarotzer und so.

  3. Hoschi sagt:

    Genau, Herr Kocaman (da wird in einem durchschnittlich rassistischen Hirn schnell mal aus Kocaman ein Kocamann, Freud lässt grüßen), überlassen Sie bitte derartiges den Deutschen, die wissen schließlich besser als Türken, was arisch ist und was nicht. *Ironie aus*

  4. Der Blob sagt:

    Anstatt man sich in Deutschland also schwarzärgert, weil das engstirnig gestrickte Staatsangehörigkeitsgesetz dafür gesorgt hat, dass ihm ein Nobelpreisträger durch die Lappen gegangen ist, setzte man sich über den Pass Südhofs einfach hinweg und strickte aus seiner Herkunft einen „Deutschen“. Wieso auch nicht?

    Wieso soll man sich darüber aufregen wenn es andere Länder inklusive Türkei ausdrücklich genauso machen in Bezug zu den Auslandstürken. Oder wie war das damals mit dem Besuch „unseres“ Präsidenten Erdogan in Köln wo so viele „Deutsche“ ihrem wahren Präsidenten zujubeln wollten? Wenn sich Türken auch noch nach 40 Jahren als Türken fühlen wie soll man es einem Deutschen dann verwehren und das obwohl er es gar nicht nötig hat dies selbst ständig zu betonen?

  5. Der Weise sagt:

    Herr Südhof ist deutschen Blutes. Natürlich gehört er zu uns. Genauso wie unsere Brüde und Schwestern in der ehemaligen Sowjetunion, denen wir immer noch die Aufnahme ermöglichen.

    Blut ist dicker als Wasser.

  6. aloo masala sagt:

    Kargo-Kult Türken

    Die sogenannten Deutschen, die darauf bestehen, dass mal Schluss mit der Herkunft sein soll, sind wohl eher die Deutschen, die darauf bestehen, dass man nicht zu den Deutschen zählt. Das sind die Deutschen, die immer irgendwelche Gründe finden, weshalb wir nicht dazugehören.

    Kocaman konstruiert hier wohl eher einen künstlichen Grund, um einen ätzenden Artikel zu rechtfertigen. Auch der Vergleich ist schlecht gewählt. Südhof ist ein Einwanderer der ersten Generation. Er wuchs in Deutschland auf und ging als Erwachsener in die USA. Özil ist ein Einwanderer der dritten Generation.

    Aber der Artikel wirft ein interessantes Licht auf ein häufig beobachtetes Phänomen. Das Phänomen der eigenen Identität. Die Einwanderer der ersten Generation machen in der Regel kein Aufhebens über ihre Herkunft und Identität. Denn es ist klar, woher sie kommen, sie müssen niemanden etwas beweisen.Bei Einwanderern der zweiten und dritten Generation sieht die Sache schon etwas anders aus. Viele machen um ihre Herkunft einen Zirkus, der vor allem eines zeigt, ein schwache Persönlichkeit.

    Beispielsweise gibt es eine Menge Türken (und auch andere) der zweiten und dritten Generation, die türkischer sind als die Türken der Türkei. Es sind für mich die Kargo-Kult Türken. Dieser Begriff stammt von den Physiker Feynman und bezog sich auf Wissenschaft, die keine Wissenschaft ist. Dieses Muster lässt sich auch auf Deutschtürken und anderen Einwandererkindern anwenden:

    „Auf den Samoainseln haben die Einheimischen nicht begriffen, was es mit den Flugzeugen auf sich hat, die während des Krieges landeten und ihnen alle möglichen herrlichen Dinge brachten. Und jetzt huldigen sie einem Flugzeugkult. Sie legen künstliche Landebahnen an, neben denen sie Feuer entzünden, um die Signallichter nachzuahmen. Und in einer Holzhütte hockt so ein armer Eingeborener mit hölzernen Kopfhörern, aus denen Bambusstäbe ragen, die Antennen darstellen sollen, und dreht den Kopf hin und her. Auch Radartürme aus Holz haben sie und alles mögliche andere und hoffen, so die Flugzeuge anzulocken, die ihnen die schönen Dinge bringen. Sie machen alles richtig. Der Form nach einwandfrei. Alles sieht genau so aus wie damals. Aber es haut nicht hin. Nicht ein Flugzeug landet.“

    Die Kargo-Kult Türken täuschen sich in ihrer Identität selbst. Sie sind keine Türken, sie machen alles wie Türken, doch so sehr sie sich anstrengen, sie sind keine Türken. Sie müssen sich ihre ganz eigene Identität suchen. Viele machen das auch. Das ist allerdings nicht ganz einfach, gerade in der deutschen Gesellschaft. Die USA macht es da den Einwandererkindern wesentlich einfacher.

  7. Heinrich sagt:

    Also grundsätzlich sind die Deutschen ja nicht daran Schuld, wenn das schwedische(!!!) Nobelpreiskommitee Thomas Südhof als Deutschen bezeichnet, denn sie hätten ihn genauso auch als Amerikaner beschreiben können und ich glaube kaum, dass die Merkel in Stockholm angerufen hat und darauf gepocht hat, dass Thomas Südhof, als Deutscher präsentiert wird! Er lebt seit über 30 Jahren in den USA und natürlich ist er mehr Amerikaner, als Deutscher.

  8. Roman sagt:

    Ohne Herrn Südhof persönlich zu kennen, halte ich es für sehr plausibel, dass er sich sowohl als US-Amerikaner als auch als Deutscher fühlt. Beide Staaten / Kulturräume haben seine Biografie geprägt. Die Realität ist komplexer als ein ENTWEDER Deutsch ODER US-Amerikanisch. Die doppelte Staatsbürgerschaft würde genau dieser hybriden Identität Rechnung tragen.

  9. Lynx sagt:

    Das bundesdeutsche Staatsangehörigkeitsgesetz schreit geradezu danach, übertreten zu werden, so sehr geht es an den Interessen der Betroffenen vorbei. Ist das Gesetz für die Menschen da, oder sind die Menschen für das Gesetz da?

  10. Lionel sagt:

    Der Autor ist also der Meinung, dass jemand, der in Deutschland geboren und aufgewachsen ist, sein Abitur abgelegt und studiert hat und bis zu seinem 28. Lebensjahr dort auch lebte, nichts mehr mit diesem Land zu tun hat.
    Weil er die amerikanische Staatsangehörigkeit angenommen hat – ob er die deutsche deshalb verlor oder nicht, ist unklar.
    Freude sei deshalb nicht berechtigt, stattdessen soll man sich schwarz ärgern.

    Aha. Es ärgert wohl den Autor, dass man sich nicht ärgert und niemanden die staatsbürgerschaftliche Situation von Hr. Südhoff ernsthaft interessiert, am wenigsten ihn selbst.
    “ Die Deutschen“ sollen sich nicht freuen dürfen – ich glaube allerdings nicht, dass dem Autor dieser Gefallen erwiesen wird.



Bitte beachten Sie unsere Netiquette. Vielen Dank!

Ihr Kommentar dazu:

MiGAZIN

Ziel und Zweck von MiGAZIN ist die Förderung der politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Partizipation von Migrant(inn)en in der Aufnahmegesellschaft. In diesem Sinne soll MiGAZIN die Kommunikation fördern und füreinander sensibilisieren. Mehr über uns...

MiGMACHEN

Die Redaktionsmitglieder von MiGAZIN haben vor allem eins gelernt: Wer über sein Wissen und seine Erfahrungen schreibt, lernt immens dazu. Die kritische Diskussion mit Lesern eröffnet neue Horizonte. Daher hat das MiGAZIN-Team die Aktion-MiGMACHEN ins Leben gerufen. Hier bieten wir allen Interessierten die Möglichkeit, MiGAZIN als Autor, Pate oder Jungautor mitzugestalten. Nähere Informationen...

GRIMME Online Award 2012

    Begründung der Jury: "Über Migranten und Migration wird in Deutschland viel gesprochen. Vor allem von Deutschen. Im Chor der vielen und oft sehr lauten Stimmen fehlen aber zumeist die der Migranten. Und genau diese Lücke füllt das MiGAZIN mit qualitativ hochwertigen Texten und verständlicher Berichterstattung." Weiter ...