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Migration und Integration in Deutschland

Und die einzige Leitkultur, die wir allen Menschen in Deutschland abverlangen müssen, steht in den ersten 20 Artikeln des Grundgesetzes.

Sigmar Gabriel (SPD-Chef), dpa, 7. Oktober 2010

Einheit in Vielfalt

Zeit für eine neue Verfassung – für alle Deutschen

Es ist Zeit für eine neue Verfassung, die der Tatsache, dass mittlerweile jeder 5. Bürger Deutschlands einen sogenannten Migrationshintergrund hat, rechnung trägt. Ein Plädoyer von Kemal Cem Yılmaz zum Tag der Deutschen Einheit.

VONKemal Cem Yılmaz

 Zeit für eine neue Verfassung – für alle Deutschen
Der Verfasser ist ein türkodeutscher Pianist und Komponist. Das Klavierspiel erlernte er bei Daniel Vodovoz in Langenhagen. Anschließend studierte er Klavier bei Ralf Kathmayer, Heidi Köhler und Christopher Oakden in Hannover und bei Alfredo Perl in Detmold. Außerdem besuchte er die musiktheoretischen Seminare von Anton Plate. Klavierabende und Kammermusikkonzerte führten ihn bereits durch weite Teile Europas und der Türkei, wo er nach dem Gewinn des Nationalen Türkischen Klavierwettbewerbs 2002 auch immer wieder als Solist mit renommierten Orchestern auftrat. Anlässlich der 700-Jahrs-Feierlichkeiten seines Heimatortes Langenhagen komponierte er 2012 als Auftragskomposition das Orchesterwerk '700', welches in der Elisabethkirche in Langenhagen uraufgeführt wurde. Kemal Cem Yılmaz lebt als freischaffender Pianist, Komponist und Klavierpädagoge in Istanbul.

DATUM2. Oktober 2013

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RESSORTLeitartikel, Meinung

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Die Verbrechen der Nazis an Millionen Juden, Sinti und Roma, an Behinderten, Sozialdemokraten und Kommunisten haben den wohl tiefsten Graben in der Geschichte Deutschlands geschlagen. Allerdings ist die Art und Weise, wie dieses Land nach dem Ende des verlorenen 2. Weltkrieges bzw. der Befreiung vom Nationalsozialismus durch die Alliierten mit diesem Schandfleck umgegangen ist, wohl ebenso einzigartig in der Menschheitsgeschichte wie die vorangegangene noch nie da gewesene, derart industrialisierte Form einer Tötungsmaschinerie, durch die ganze Menschenmassen aufgrund ihrer angeblich genetischen Minderwertigkeit und ihrer ideologischen oder religiösen Zugehörigkeit vernichtet wurden.

Die nachfolgenden Generationen anderer Nationen bzw. Völker, die in den vergangenen Jahrhunderten ganze Völker und Kulturen ausgelöscht und ausgebeutet hatten, haben bis heute nicht annähernd so viel Einsicht gezeigt und Verantwortung für die Verbrechen ihrer Vorfahren übernommen.

Nach Ende des 2. Weltkrieges wurde 1949 unter Aufsicht der Besatzungsmächte eine neue Verfassung für die Bundesrepublik Deutschland beschlossen: das Grundgesetz. Dieses Grundgesetz war von Anfang an eine Art Übergangslösung und beinhaltete als Ziel die Wiedervereinigung der beiden entstanden deutschen Staaten und die anschließende Erarbeitung einer neuen Verfassung, die sich die „Bürger Deutschlands“ in „freier Selbstbestimmung“ geben sollten.

Dies ist auch 23 Jahre nach der sogenannten Wiedervereinigung – ich bevorzuge in diesem Zusammenhang eher den Begriff Annektierung, da man, wie ich finde nur schwerlich von einer Vereinigung sprechen kann, wenn all das, was das System der DDR ausmachte, im Grunde überhaupt keinen Einzug in den neuen gemeinsamen deutschen Staat fand – nicht geschehen, noch bedauerlicher: Es wird nach wie vor kein ehrlicher und offener gesellschaftlicher Dialog darüber geführt. Deutschland ist daher de facto noch immer ein von den Alliierten besetztes Land.

Es sollte nun also endlich eine neue Verfassung geschaffen werden, die zu einer wirklich unabhängigen deutschen Nation führen kann. In dieser Verfassung sollte der Tatsache, dass mittlerweile jeder 5. Bürger Deutschlands einen sogenannten Migrationshintergrund hat entsprechend, ein modernes und durch und durch humanistisch geprägtes Verständnis dafür sorgen, dass alle Staatsbürger dieses Landes auch als wirkliche Deutsche bezeichnet und angesehen werden können, damit der bereits in Artikel 3 des jetzigen Grundgesetzes manifestierte Grundsatz der Gleichheit und Gleichbehandlung aller Menschen vielmehr als gegenwärtig geschehend zu gelebter Wirklichkeit werden kann.

Außerdem könnten zum Beispiel auch zukunftsweisende, für andere Nationen vorbildhafte Gesetze verankert werden, die auch Bürgern mit anderer Staatsangehörigkeit, die ihre bürgerlichen Pflichten in Deutschland erfüllen und z.B. Steuern zahlen usw. auch weitergehende Rechte einräumen. Hier sei vor allem das Wahlrecht genannt. Es sollte eine Verfassung werden, die die Biografien und Eigenheiten von Ostdeutschen und Menschen verschiedenster Herkunft genauso berücksichtigt wie die Befindlichkeiten der westdeutschen „Urbevölkerung“ und der Bayern.

Einer der Gründe, warum Artikel 3 des jetzigen Grundgesetzes für Menschen mit Migrationshintergrund bisher häufig keine reale Gültigkeit erlangen konnte, ist meines Erachtens das Schuldgefühl, mit dem nachfolgende Generationen von Biodeutschen aufwuchsen. Viele Biodeutsche, die selbst gar keine persönliche Schuld für die Verbrechen der Nazis trugen, sich aber trotzdem schuldig fühlen mussten, trafen plötzlich auf Einwanderer und deren Nachfahren, die ein weitaus entspannteres Verhältnis zu ihren Ursprungsnationen hatten, was häufig zu Komplexen aufseiten der Biodeutschen führte und die Abneigung gegenüber „Fremden“ oft verschärfte. Die einen schwenkten ganz selbstbewusst ihre Fahnen während die anderen es oft mit einer Art Schamgefühl tun mussten. Und das in ihrem eigenen Land…

Verantwortung für vergangene Generationen zu übernehmen ist etwas sehr Lobenswertes und Anständiges und verantwortungsbewusst gegenüber nachfolgenden Generationen zu handeln, sollte sogar die Pflicht einer jeden Generation sein. Schuld jedoch kann nicht auf nachfolgende Generationen übertragen werden. Schuld ist nicht vererbbar.

Seit einigen Jahren schwenken nun sogar Menschen nichtdeutscher Herkunft gemeinsam mit Biodeutschen ganz selbstverständlich und voller stolz die deutsche Fahne. Genau dieses Grundgefühl, dass nämlich alle Bürger dieses Landes, egal welche Hautfarbe sie haben oder welcher Abstammung sie sind, gemeinsam stolz auf dieses Land mit seinen vielen positiven Errungenschaften sein können, sollte sich auch in einer neuen deutschen Verfassung widerspiegeln. Begriffe wie Biodeutsche, Russlanddeutsche oder Migrationshintergrund usw. sollten dann endlich der Vergangenheit angehören.

All denjenigen, die meinen, auf eine Nation und alles was damit verbunden ist, könne man grundsätzlich nicht stolz sein, möchte ich sagen, dass ich der festen Auffassung bin, dass eine wirkliche, von der Diktatur des Kapitalismus befreite Globalisierung der Menschheit erst dann möglich sein wird, wenn alle Nationen auf dieser Welt auch tatsächlich souveräne und freie Gebilde werden und sich mit Respekt auf Augenhöhe und ohne Angst voreinander begegnen können. In einer Welt, in der allen Nationen viel daran liegt, das es auch allen anderen Nationen und ihren Bürgern gut geht und in der nicht die ethnische Abstammung, sondern kulturelle Merkmale, allen voran natürlich die Beherrschung der Sprache, die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Nation definieren.

Dies würde zwangsläufig auch dazu führen, dass es immer mehr Hybridmenschen gäbe, die zu mehreren Nationen gleichzeitig gehören und eine wichtige Funktion in dieser weitaus gesünderen und richtigeren Form der Globalisierung einnehmen könnten. Erst muss ein friedliches und gleichberechtigtes Zusammenleben von Menschen verschiedenster Herkunft innerhalb vorhandener Nationalstaaten möglich sein, bevor an so etwas wie eine Weltregierung oder Ähnliches gedacht werden kann. Erst müssen die Grenzen in den Köpfen verschwinden, danach die Grenzen auf der Landkarte. Dieser Prozess ist mühsam und wird sich im Idealfall sogar über viele Generationen hinziehen. Eine sehr wichtige Aufgabe hätten dabei übrigens Künstler, Musiker und Wissenschaftler inne.

Deutschland hätte als Nation ebenfalls die Chance, mit einer neuen Verfassung eine sehr bedeutende Rolle in diesem Prozess einzunehmen und wegweisend für die gesamte Menschheit zu sein. Willy Brandt’s legendärer Appell aus dem Wahlkampf von 1972 sollte daher erweitert werden, wer denn nun einE DeutscheR ist, für ein neues und stärkeres deutsches Nationalbewusstsein (nicht für einen neuen deutschen Nationalismus!): „Deutsche ALLEN URSPRUNGS, ihr könnt stolz sein auf euer Land!“

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11 Kommentare
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  1. Clodwig sagt:

    Deutsche ALLEN URSPRUNGS…

    Richtig. Egal woher jemand ( oder seine Eltern) irgenwann
    gekommen sein mögen. Sobald sie die deutsche Staatsangehörigkeit
    erlangt/bekommen haben, sind sie DEUTSCHE.

    Ansonsten bleiben Sie, Italiener,Amerikaner,Türken,Chinesen….
    … die in Deutschland leben und (hoffentlich) arbeiten.

    Auch die Worte Kennedys „Ich bin ein Berliner“ waren
    nur symbolisch/sympathisierend gemeint.

  2. posteo sagt:

    Zunächst möchte ich meine positive Verwunderung über den Artikel ausdrücken. Besonders, den Vorschlag Deutsche (Staatsbürger) einfach als Deutsche zu bezeichnen, teile ich voll und ganz. Einwanderer der xten Generation ist doch eigentlich ein Widerspruch in sich. Nurfindet und fand meine Meinung in integrationspolitischen Kreisen bisher leider keinerlei Zustimmung, ich denke, dieAngst vorm Arbeitsplatzverlust ist einfach zu groß.

    Nun noch ein Einwand wu folgender Meinung: „Außerdem könnten zum Beispiel auch zukunftsweisende, für andere Nationen vorbildhafte Gesetze verankert werden, die auch Bürgern mit anderer Staatsangehörigkeit, die ihre bürgerlichen Pflichten in Deutschland erfüllen und z.B. Steuern zahlen usw. auch weitergehende Rechte einräumen.“ Dies aber hieße, wieder eine Klassenjustiz einführen. Zwischen „steuerzahlenden Bürgern“ und „Promis, Industriellen u.a. Sozialschmarotzern“ zu unterscheiden, ist zwar naheliegend, aber mit dem Gleichheitsgrundsatz leider nicht vereinbar.
    Spaß beiseite, davon abgesehen, dass Ausländer sehr wohl wählen dürfen, nur eben nicht in ihrem Aufenthaltsland, sondern ihrem Herkunftsland, ist der Gang zur Wahl schließlich nicht die einzige Möglichkeit der politischen Teilhabe. Das deutsche Vereinswesen ist als gesellschaftlicher Machtfaktor berühmt berüchtigt (Kein deutscher Politiker kommt um den Karneval herum) und ebenso findet ein wesentlicher Teil der politischen Willensbildung über andere gesellchaftliche Institutionen wie Gewerksschaften, Bürgerinitiativen, die Wohlfahrtsverbände und natürlich auch die Religionsgemeinschaften statt. All diese Institutionen stehen auch Ausländern offen und wer sich engagiert ist überall gern gesehen.

  3. Soli sagt:

    Ich habe bei ‚annektiert‘ aufgehört zu lesen. Wie man die Befreiiung der Ostdeutschen Mitbürger von der Dikatatur der SED als gewaltsame Inbesitznahme bezeichnen kann ist mir nicht klar, ich finde es sogar als Beleidigung für diejenigen die da für ihre Freiheit auf die Strasse gingen.
    Sollte der Autor das nicht gemeint haben sollte er mal nachlesen was ‚annektieren‘ bedeutet.

  4. Kemal Cem Yilmaz sagt:

    Mir zu raten, ich solle mal nachschauen was annketieren bedeutet, nachdem Sie sich selbst zu schade sind diesen kurzen Artikel überhaupt zu Ende zu lesen, zeugt schon von einer Arroganz, die es eigentlich nicht mal verdient hat erwidert zu werden. Da ich es aber doch gut mit Ihnen meine Herr/Frau Soli rate ich Ihnen nun vielmehr sich selbst mal mit dem Phänomen der “strukturellen Gewalt” auseinanderzusetzen und weise höflich darauf hin daß die Bevölkerung der DDR nicht befreit wurde, sondern wenn schon SICH SELBST befreit hat von einem unrechten und unfreien Herrschaftssystem, und damit vorbildhaft für uns alle war, die wir uns endlich mal von der Vorherrschaft der Banken und Großkonzerne und der medialen Verblödungsmafia befreien sollten! Daß es anscheinend auch viel Gutes in der DDR gab zeigt wohl nicht zuletzt die Tatsache das über ein Viertel der ostdeutschen Wähler noch immer der ‘bösen SED-Nachfolgepartei’ ihr Vertrauen aussprechen. Furchtbar ihr Kommentar, und völlig am Thema vorbei.

  5. aloo masala sagt:

    @Yilmaz

    Sie begrüßen die Befreiung von einem unfreien Herrschaftssystem als vorbildlich und gleichzeitig auch die Wahl der damaligen PDS, die sowohl Mitglieder und vor allem haufenweise Wähler hatte, die dieses unfreie Herrschaftssystem mitgetragen hatten.

    Ich sehe es zwar ähnlich wie Sie, dass die DDR faktisch annektiert wurde, jedoch glaube ich nicht an dem Mythos, dass die DDR-Bürger sich heldenhaft und vorbildlich befreit hatten. Der größte Teil der Befreier waren und blieben angepasste Opportunisten.

  6. Mike sagt:

    Der Begriff „annektiert“ ist vollkommen fehl am Platz. Die „DDR“ trat 1990 freiwiilg dem Geltungsbereich des Grundgesetzes bei! So viel Geschichtskenntnis darf vorausgesetzt werden.

  7. aloo masala sagt:

    @Mike

    Es war sicher keine Annexion im klassischen Sinn. Das Wort Annexion ist ohne Frage polemisch, um einen Aspekt kritisch auszudrücken. Denn wie eine Vereinigung zwischen einem Mittellosen und einem politischen und finanziellen Schwergewicht aussieht kann man sich auch ohne jegliche Kenntnisse der deutschen Geschichte erahnen. Es war mit Sicherheit keine gleichberechtigte Vereinigung auf gleicher Augenhöhe.

  8. Kemal Cem Yilmaz sagt:

    viel wichtiger als sich darüber zu streiten, ob ‘annektieren’ jetzt passt oder nicht (habe ja auch deutlich geschrieben, daß es meine persönliche sichtweise ist…), wäre doch mal mögliche definitionen zu entwerfen, wer denn einE deutscheR ist…
    hier mal ein vorschlag:
    DeutscheR ist, wer sich aufgrund seines/ihres menschlichen Umfeldes, ihrer/seiner Erziehung, prägender Lebenserfahrungen oder mehrerer dieser oder anderer charakakterbildender Merkmale mit der deutschen Gesellschaft verbunden fühlt, die Voraussetzungen für einen Zugang sowohl zu historischen, als auch zu gegenwärtigen kulturellen Werten dieses Landes erhält bzw. erhielt, und in dessen/deren Lebensweise und alltäglichen Gewohnheiten diese Werte eine relevante Stellung beziehen.
    (DeutscheR ist man nicht nur allein durch biologische Abstammung von deutschen Eltern.)

    JedeR Deutsche kann zusätzlich auch StaatsbürgerIn jedes anderen von der Bundesrepublik Deutschland anerkannten Staates sein.

    …einverstanden?…änderungswünsche/-vorschläge?

  9. aloo masala sagt:

    @Yilmaz

    Ich verstehe den Zweck der Übung nicht ganz. Wozu soll das gut sein?

  10. kcy sagt:

    der zweck dieser übung ist wohl das üben an sich herr/frau masala, also übung als selbstzweck in diesem fall, denn Sie wissen ja: übung macht den/die MeisterIN.


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