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Todenhöfer zum Syrienkonflikt

Obama müsste John Kerry nach Damaskus schicken statt Marschflugkörper

Assad sei – entgegen den Behauptungen der USA – zu Verhandlungen bereit, so Jürgen Todenhöfer im MiGAZIN Interview. Daran habe die US-Regierung aber kein Interesse. Dass es den Amerikanern im Mittleren Osten um Demokratie und Menschenrechte ginge, hält Todenhöfer für einen Mythos.

VONSaid Rezek

 Obama müsste John Kerry nach Damaskus schicken statt Marschflugkörper
Der Verfasser studiert Politikwissenschaft und Geschichte an der Universität Kassel und beschäftigt sich inhaltlich mit Fragen der Einwanderungsgesellschaft, speziell mit der Medienberichterstattung über Muslime.

DATUM10. September 2013

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RESSORTAusland, Interview, Leitartikel

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Herr Todenhöfer, Sie haben Syrien mehrmals bereist und auch Baschar al-Assad mehrmals getroffen. Teilen Sie die Einstellung in weiten Teilen westlicher Medien, Assad sei ein Diktator?

Jürgen Todenhöfer: Assad ist sicher ein Diktator, ein autoritärer Herrscher. Ich habe in Syrien übrigens nicht nur Assad getroffen. Viel häufiger habe ich Oppositionelle und Rebellen, Al Kaida Kämpfer, Anhänger der Freien Syrischen Armee (FSA) getroffen und war bei Freitagsdemonstrationen in Homs selbst dabei. Das heißt, ich habe versucht, mir beide Seiten anzuschauen.

Welchen Eindruck hatten sie von Assad?

Todenhöfer: Ich hatte fünf ausführliche Gespräche mit Assad. Ich glaube, dass man selbst nach zehn Stunden einen Menschen nicht wirklich genau charakterisieren kann. Ich bin kein Psychologe, aber ich hatte den Eindruck, dass er kein emotionaler, sondern ein sehr rationaler, kopfgesteuerter Mensch ist. Also ganz anders als ein Gaddafi. Er wirkt wie ein Akademiker. Er ist ja einer, als Augenarzt.

Jürgen Todenhöfer erhält von jedem verkauften Exemplar knapp 1 Euro – nach Steuern. Sein Honorar geht uneingeschränkt an schwer verletzte syrische Kinder – unabhängig davon, ob sie von Regierungstruppen oder von Rebellen verletzt worden sind, egal ob sie Sunniten, Schiiten, Alawiten oder Christen sind. Für sieben syrische Kinder konnte Jürgen Todenhöfer mit seinem Vorschuss bereits Prothesen besorgen.

Eine These in ihrem neuen Buch „Du sollst nicht töten“ lautet: Ohne Assad wird es keinen Frieden in Syrien geben. Wie begründen Sie das?

Todenhöfer: Es ist die Aussage mehrerer Oppositioneller. Zum Beispiel von Al Chaeier. Einem Christen, den ich in Syrien getroffen habe. Er hat 15 Jahre in den Gefängnissen von Hafiz und Baschar Al Assad verbracht. Den Großteil unter Hafiz, aber auch unter Baschar. Er hat mir mit Tränen in den Augen gesagt: „Ein friedlicher Übergang zu Demokratie wird nur zusammen mit Assad möglich sein.“ Ich war völlig verblüfft und habe nachgefragt, wie er das nach 15 Jahren Gefängnis sagen könne. Er hat gesagt: „Das ist die Wahrheit.“ Und das haben mir viele Menschen gesagt.

Was sind die Gründe für diese Einschätzung?

Todenhöfer: Ich glaube einer der Gründe ist die militärische Macht Assads. Ein weiterer Grund – und das war auch für mich eine Überraschung, nachdem ich die Revolutionen in Libyen und Ägypten gesehen hatte – ist, dass große Bevölkerungsteile hinter ihm stehen, und zwar nicht nur die Minderheiten, sondern auch die sunnitische Mittel- und Oberschicht. Das ist auch der Grund, warum die Voraussage des Westens, Assad würde in den nächsten vier Wochen stürzen, nach zwei Jahren nicht eingetreten ist.

Es gibt einen beachtlichen Prozentsatz der Bevölkerung, der hinter ihm steht. Mein Eindruck ist, dass der Zuspruch zu Assad eher gestiegen als nachgelassen hat. Ein Großteil der Bevölkerung kann nicht vorstellen, von Al-Nusra oder ähnlichen radikalen Rebellen regiert zu werden. Die Menschen nehmen diese Haltung nicht aus Begeisterung zu Assad ein.

Bei einem Giftgasangriff wurden in Syrien mehr als tausend Menschen getötet. Laut USA ist Assad verantwortlich, Russland bezweifelt das. Wer hat recht?

Todenhöfer: Ich weiß nicht, welcher Verbrecher diese unbestreitbare Scheußlichkeit begangen hat. Aber was ich bisher von John Kerry gehört habe, war nicht überzeugend, teilweise auch historisch völlig falsch. Seine Aussage, wer in der Geschichte bisher chemische Waffen eingesetzt hat, zeigt, dass er sich in der Schule offenbar nicht konzentriert mit Geschichte befasst hat.

Beispielsweise behauptet er, nur Hitler, Saddam Hussein und Assad hätten seit dem Genfer Abkommen von 1925 chemische Waffen eingesetzt. Dabei haben das im Zweiten Weltkrieg auch die Japaner und Italiener getan. Churchill hat nach dem Ersten Weltkrieg gegen irakische Rebellen chemische Waffen eingesetzt und wie er gesagt hat „mit erstaunlichem Erfolg“. Amerika hat wahrscheinlich immer noch die größten Chemiewaffenbestände der Welt, obwohl sie seit Jahren dazu verpflichtet wären, alle ihre Bestände zu zerstören.

Amerika hätte den Einfluss, die Waffenlieferungen aus Saudi-Arabien und Qatar zu stoppen. Seit zwei Jahren werden diese aber durchgewunken. So konnte aus legitimen und friedlichen Demonstrationen ein gewaltsamer Bürgerkrieg werden. Das momentane Vorgehen der USA erinnert mich an ein Zitat von Johann Peter Hebel: „Wenn er‘s gewesen ist, geschieht‘s ihm recht und wenn er es nicht gewesen ist, dann ist es ihm eine Lehre.“

Was meinen Sie?

Todenhöfer: Nach dieser Rechtsauffassung gehen die USA gerade gegen Assad vor. Es geschieht ihm Recht. Es wird ja nicht einmal aufseiten der Amerikaner diskutiert, ob es anders gewesen sein könnte. Und es wird auch nicht diskutiert, ob es nicht generell klüger ist, die Konflikte mit Verhandlungen zu lösen. Selbst wenn Assad tatsächlich derart unvorstellbar töricht und kriminell wäre, dass er den Chemiewaffeneinsatz begangen hätte und das er dafür jetzt, wie die Amerikaner sagen, bestraft werden müsste. Dann frage ich mich als Jurist: Hat es jemals eine Bestrafung der USA wegen des Napalm-und-Agent-Orange-Einsatzes der USA in Vietnam gegeben? Hat es jemals eine Bestrafung einer amerikanischen Regierung, wegen des völkerrechtswidrigen Angriffskrieges gegen den Irak gegeben? Nie! Nie! Man kann nicht mit zweierlei Maß messen. Und diese Doppelmoral bereitet vielen Menschen große Schwierigkeiten, die eigentlich von Amerika viel halten, bis auf seine Außenpolitik.

Zurück zum Chemiewaffeneinsatz: Sie glauben nicht daran, dass es Assad war?

Todenhöfer: Wenn man überlegt, wen ein solcher Anschlag nützt – und ich spreche jetzt nicht über Beweise, dann wäre es erstaunlich und nicht sehr plausibel, dass Assad Inspektoren in sein Land einlädt und wenige Stunden später, nachdem sie angekommen sind, einen mörderischen Chemiewaffenangriff in Hör- und Sehweite ihres Hotels mit schrecklich vielen Toten durchführen lässt. Außerdem ist es nicht sehr plausibel, da zahlreiche Soldaten von Assad schwer verletzt worden sind. Ich habe keinen Gegenbeweis aber wenn sie die Plausibilität prüfen, dann spricht Vieles dagegen.

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11 Kommentare
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  1. aloo masala sagt:

    Gutes Interview. Danke.

  2. Amadeus sagt:

    Ein sehr aufschlussreiches Interview. Es sollte tatsächlich jede Gelegenheit genutzt werden, die seit 2 Jahren andauernde Katastrophe zu beenden ohne dabei den Verursacher von der Verantwortung der 200.000 ermordeten Menschen freizusprechen. Bei dem Interviewten den rational handelnden Menschen zu betonen sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass er bereit ist Millionen für seine Macht und seine Clique zu opfern. Nennen wir es beim Namen. Den Opfern dieser Katastrophe sind wir es schuldig. Er ist und bleibt ein mörderischer Tyrann.

  3. Lynx sagt:

    Wirklich schade, daß Jürgen Todenhöfer nicht Bundeskanzler oder -Präsident ist!
    Es scheint tatsächlich so, daß den meisten Syrern ein Basschar al-Assad, der Schritte in Richtung Demokratie zuläßt, gegenüber einer Diktatur der Extremisten der Nusra-Front das kleinere Übel ist. Die Mehrzahl der sunnitischen Syrer ist nicht sehr streng religiös und folgt der traditionellen Ausrichtung des Islams. Sie möchten nicht, daß – wie unter den Taliban in Afghanistan – Musikhören verboten ist, die Frauen gezwungen werden, sich ganz zu verhüllen usw. Viele der traditionell Religiösen neigen der mystischen Richtung des Islams (Sufismus) zu, die von den Salafiten als „Irrweg“ angesehen wird, und in Saudi Arabien sind und unter den Taliban in Afghanistan waren Versammlungen der Sufis verboten.
    Das Problem sind nicht nur Präsident Assad, seine Familie und die Sekte oder Volksgruppe der Alawiten allein, sondern die nationalsozialistische säkularistische Baath-Partei, durch die sie an die Macht gekommen sind und die den ganzen Staatsapparat korrumpiert hat. Nach dem islamischen Erwachen in den meisten Ländern der Islamischen Welt vermögen der arabische Nationalismus und dessen leere, abgedroschene Parolen kaum noch jemanden zu begeistern. Bei einer wirklichen Demokratisierung und freien Wahlen würde die derzeitig regierende, einzig zugelassene Partei vermutlich keine Mehrheit bekommen, sondern in der Versenkung verschwinden.

  4. Soli sagt:

    @Lynx – es war mit nichten ein „islamisches erwachen“ in der islamischen Welt. Viel mehr war es doch so das freie, und oftmals eher säkulare Kräfte, die Auslöser waren – und denen dann die „Revolution“ von den Islamisten „gestohlen“ wurde.

  5. Marie sagt:

    Ein ganz hervorragendes Interview, dass die Verlogenheit, moralische Verkommenheit und fehlende Rechtsstaalichkeit der westlichen Kriegstreiber auf den Punkt bringt.

  6. aloo masala sagt:

    @Amadeus

    Die Verantwortung an den 100.000 getöteten Menschen in Syrien trägt nicht Assad allein. Mitverantwortlich sind auch ausländischen Söldner und Jihadisten, die mit Waffen und Geld von Partnern der USA unterstützt werden. Den Terroristen geht es nicht um eine Demokratisierung Syriens und auch nicht um das Wohlbefinden der syrischen Bevölkerung, sondern sie verfolgen religiöse, ethnische und auch ausländische Interessen.

    Die Unterstützung der Aufständischen durch Katar, Saudi Arabien und die Türkei ist ein krimineller Völkerrechtsbruch. Diese Staaten, die auf diese Weise einen Bürgerkrieg befeuern, der 100.000 Tote erst möglich macht, sind allesamt Partner der USA. Das heißt, auch die USA hat nichts gegen das Abschlachten der syrischen Bevölkerung einzuwenden. Im Gegenteil, es kommt ihren strategischen Interessen entgegen.

    Denn was für Optionen hat die USA? Im Fokus der US-Interessen steht der Iran. Ein Sieg für Assad wäre ein Sieg für den Iran und auch ein Sieg für die schiitische Hisbollah in Libanon. Der Iran ist bereits als lachender Dritter als Sieger aus dem Irak-Krieg hervorgegangen. Er würde seine Position in der Region festigen. Das ist keine Option für die USA.

    Die andere Option wäre, dass Assad gestürzt wird. Das ist aber auch keine Option. Denn die kampftstärksten Truppen der Aufständischen sind islamistische Extremisten. Eine syrische Regierung, die von der Al Nusra oder/und Al Qaeda geführt wird, ist sowohl den USA als auch Israel feindselig eingestellt und zugleich eine ernsthafte Bedrohung für Israel.

    Die beste Option für die USA und auch für Israel ist, dass sich die Araber in Syrien möglichst lange gegenseitig abschlachten. Denn damit sind eine Reihe von Feinden Israels und der USA in einem Konflikt involviert und die Hände gebunden, der kaum Raum für andere Operationen lässt. Das sind u.a. Assad selbst, die Hisbollah und der Iran auf der einen Seite und die islamistischen Terroristen auf der anderen Seite. Das der Konflikt nun zwei Jahre dauert, scheint diese Einschätzung zu bestätigen.

    Unter diesem Lichte wissen wir, wer noch die syrischen Toten zu verantworten hat.

  7. Amadeus sagt:

    @alo Masala,

    Projektionsfläche: Syrien und der Internationaler Terrorismus in den letzten 50 Jahren.

  8. […] Konflikt finde auf mehreren Ebenen statt, sagte Todenhöfer dem “Migazin”. “Auf der Ersten führen die USA, Saudi-Arabien und Katar in Syrien einen Stellvertreterkrieg […]

  9. […] TL bis zum Ende des Jahres jedoch mit hoher Wahrscheinlichkeit stabil auf 2 Dollar. Sollte es aber in Syrien zu einer Intervention kommen, wäre die türkische Lira sogar über der 2,10-Dollar-Marke denkbar. Findet man hingegen bis […]

  10. Songül sagt:

    Immer wieder schön zu sehen, dass es Menschen gibt, die fernab von medialer Vernebelung die klare Sicht behalten …

    Danke für das Interview.


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