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Sprachstand

Wie nennt man eigentlich Deutsche ohne Migrationshintergrund?

Deutschstämmige, Biodeutsche, Ureinwohner oder doch Platzhirsche? Die Sprachwissenschaftler Prof. Anatol Stefanowitsch und Prof. Juliana Goschler haben ihre Twitter-Follower befragt und die Ergebnisse in ihrer gemeinsamen MiGAZIN Kolumne ausgewertet.

Die Bezeichnung „Menschen/Deutsche mit Migrationshintergrund“ wird oft entweder als belustigendes Beispiel politisch korrekter Sprache herangezogen (meistens von Menschen, die ihn für einen Euphemismus für „Ausländer“ halten) oder als diskriminierend abgelehnt (oft von Menschen, die keinen Migrationshintergrund haben). Ohne es hier ausführlich zu diskutieren, können wir aber davon ausgehen, dass es sich zumindest in manchen Zusammenhängen um ein sinnvolles Wort für eine Gruppe von Menschen handelt, die bestimmte Erfahrungen teilen und auf eine bestimmte Weise wahrgenommen werden.

Uns interessiert heute etwas Anderes: In Zusammenhängen, in denen „Menschen/Deutsche mit Migrationshintergrund“ eine sinnvolle Kategorie ist, wie sollen wir da eigentlich die anderen nennen? Auf dieses Problem stießen wir bei der Recherche zu unserer letzten Kolumne, in der es unter anderem darum ging, dass Eltern ohne Migrationshintergrund häufig Schulen meiden, die einen hohen Anteil an Schülerinnen und Schülern mit Migrationshintergrund haben. Und da wir in unseren eigenen Überlegungen nicht weiter kamen, haben wir damals kurzerhand auf Twitter nachgefragt. Die Antworten scheinen uns interessant genug für eine eigene Kolumne (alle Antworten im Original haben wir hier als Storify gesammelt).

In manchen Antworten gab es mehr oder weniger offene Kritik an unserem Wunsch, die Unterscheidung „mit/ohne Migrationshintergrund“ überhaupt treffen zu wollen. Schließlich seien ja unsere Vorfahren alle irgendwann einmal eingewandert. Es macht aber eben einen Unterschied, ob diese Einwanderung schon so lange her ist, dass sie in der Selbst- und Fremdwahrnehmung eines Menschen keine Rolle mehr spielt – eine Erkenntnis, die sich auch in dem Vorschlag „Deutsche mit verjährtem Migrationshintergrund“ wiederfand. Manche waren sogar der Meinung, eine Unterscheidung nach Deutschen mit und ohne Migrationshintergrund spiele einer Art völkischer Ideologie in die Hände, und machten sarkastische Vorschläge wie „Arier“, „deutscher Volkszugehöriger“ oder „Volksgenosse“.

Nun verweist das Wort „Migrationshintergrund“ ja gerade nicht auf (pseudo-)genetische Definition, sondern auf einen Lebensweg. Aber die Idee der Staatsbürgerschaft durch Abstammung ist offenbar nicht nur tief im deutschen Staatsbürgerrecht verankert, sondern spielt auch in unseren Alltagstheorien eine große Rolle, denn auf die eine oder andere Art bezog sich die Mehrheit der Vorschläge darauf.

Zunächst gab es eine Reihe von Vorschlägen, bei denen Deutsche ohne Migrationshintergrund als offensichtlicher Normalfall betrachtet werden, der keine eigene Bezeichnung braucht: „Bundesbürger“, „Staatsbürger“, „Einwohner“ oder einfach „Deutsche“. In diesen Wörtern drückt sich die Vorstellung aus, dass Deutsche mit Migrationshintergrund eben keine echten Deutschen seien. Das haben sie mit Formulierungen wie „Türke mit deutschem Pass“ gemeinsam, wie sie sowohl von Rechtspopulisten als auch von manchen Deutschen mit Migrationshintergrund selbst verwendet werden. Die meisten Antworten waren aber bemüht, sprachliche Bezeichnungen zu finden, die keine der Gruppen von vornherein als „normal“ oder „abweichend“ darstellt.

Einen direkten Bezug zur Abstammung stellen Vorschläge wie „Deutschstämmige“, „Biodeutsche“ und das etwas befremdliche „Cis-Deutsche“ dar. Das Wort „Deutschstämmige“ findet sich tatsächlich oft in neutralen Zusammenhängen (z.B. in der Fachliteratur) und wir hätten es wohl auch verwendet – mit leichten Magenschmerzen wegen der Idee, dass „Deutsch“ eine ethnisch homogene Kategorie sei. Diese Idee steckt auch hinter dem Wort „Biodeutsche“ (möglicherweise von dem Kabarettisten Mushin Omurca erfunden); das Wort findet sich in abfälligen bis leicht spöttischen Zusammenhängen ebenso wie in der Fachliteratur vieler antirassistischer Aktivist/innen. Obwohl es eigentlich nichts anderes bedeutet als „Deutschstämmige“, führt es bei den so Bezeichneten häufig zu heftigen Abwehrreaktionen. Allein deshalb scheidet es als neutrale Bezeichnung aus, womit leider auch der Vorschlag „Demeterdeutsche“ für Deutsche mit ganz besonders wenig Migrationshintergrund vom Tisch ist. Schließlich liegt auch dem missglückten Vorschlag „Cis-Deutsche“ die Vorstellung zugrunde, dass „echtes“ Deutschsein etwas mit Abstammung und Geburt zu tun hat – die Analogie zu „Cis-Menschen“ und dem Gegenstück „Trans-Menschen“ legt nahe, dass es einerseits „deutsch geborene“ Menschen gibt, und andererseits „Trans-Deutsche“, deren inneres Deutsch-Sein im Widerspruch zu ihrem nicht-deutschen Körper steht.

Einen etwas weniger direkten Bezug zur Abstammung stellen Wörter her, die sich auf die Tatsache beziehen, dass eine Person (und eine lange Reihe ihrer Vorfahren) an einem bestimmten Ort geboren ist. In diese Kategorie fallen Vorschläge wie „Eingeborene“ und „Ureinwohner“ ebenso wie deren durch Übersetzung ins Griechische und Lateinische wenigstens oberflächlich neutralisierten Fachbegriffe „indigene“ bzw. „autochthone Deutsche“ und die Wortschöpfung „Nativdeutsche“. Diese Wörtern, vor allem die Varianten „Eingeborene“ oder „Ureinwohner“, haben einen (ironisch gebrochenen) negativen Beiklang: Sie werden sonst üblicherweise von Eroberern verwendet, die als eingewanderte Gruppe über diejenigen herrschen, die zuerst da waren. Das mag in der Phantasie von Rechtspopulisten ja sogar zutreffen (die sich aber gegen die ebenfalls mitschwingende Konnotation einer „primitiven“ Kultur verwahren dürften). Es gibt also vermutlich Kontexte, in denen diese Wörter Denkanstöße geben könnten, aber als neutrale Bezeichnungen scheiden sie aus.

Dann gab es Vorschläge, die sich nicht auf die Abstammung beziehen, sondern auf das „Als-Erste-dagewesen-Sein“: das neutral klingende „Einheimische“ und die ironisch-scherzhaften Wörter „Bestandsbürger“ und „Platzhirsche“, die den Stolz auf die Tatsache veralbern, dass man sich seit mehreren Generationen nicht vom Platz bewegt hat. „Einheimische“ legt allerdings nahe, dass Menschen, die erst spät im Leben an einen Ort kommen (oder für deren Eltern oder Großeltern das gilt), dort nie heimisch werden können.

Dass Vorschläge wie die ruppig-liebevoll bis deutlich abfällig verwendeten Wörter „Kraut“ und „Kartoffel“ ebenfalls nicht als neutrale Bezeichnungen taugen, ergibt sich (wie bei „Biodeutsche“) schon daraus, dass sie bei den so Bezeichneten nur bedingt auf Begeisterung stoßen. Abgesehen davon hätten sie aber einen entscheidenden Vorteil: Da sie die Aufmerksamkeit weniger auf Geburt und Abstammung, sondern eher auf kulinarische Traditionen lenken, sind sie deutlich durchlässiger. Migrant/innen, die sich dieser kulinarischen Leitkultur anschließen, könnten sich ebenfalls mit diesen Wörtern bezeichnen und würden so sprachlich zu „echten“ Deutschen (Deutsche mit einer Vorliebe zu Nudelgerichten könnten umgekehrt zu „Spaghettis“ werden und würden im nächsten Italienurlaub wie Landsleute behandelt).

Am Ende bleibt also doch nur die Umschreibung „Deutsche ohne Migrationshintergrund“. Das ist sperrig, ist aber wohl die einzige Möglichkeit, den Unterschied zwischen verschiedenen Lebenswegen und -erfahrungen wenigstens ansatzweise wertfrei zu benennen.

Zwei der Vorschläge bestanden aus Abkürzungen, mit denen sich die Sperrigkeit möglicherweise umgehen ließe. Die erste, „DoM“, werden wir allerdings meiden, da sie implizieren könnte, die anderen seien die „Subs“; außerdem lässt sich das Gegenstück „DmM“ nur mit Mühe aussprechen. Über die zweite, „Domino“, müssen wir noch etwas nachdenken.