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Migration und Integration in Deutschland

Es gab vor allem in der Anfangsphase der Anwerbung von Türken häufige Klagen der deutschen Arbeitskollegen darüber, dass die Türken … an ihrem Arbeitsplatz wie verrückt arbeiten und dadurch die Akkordsätze verderben.

Hans-Günter Kleff, Vom Bauern zum Industriearbeiter, 1985

Migranten = Muslime?

Studie räumt mit Vorurteilen auf

Die meisten Migranten in Hessen sind – entgegen weit verbreiteter Annahmen – katholisch oder evangelisch und nicht muslimisch. Sehr religiös und am wenigsten tolerant sind vor allem die kleineren christlichen Religionsgemeinschaften.

40 Prozent der hessischen Bevölkerung ab 18 Jahren gehören der evangelischen Kirche, 25 Prozent der katholischen Kirche an. Keine Religionszugehörigkeit besitzen 26 Prozent der Bevölkerung. Der Anteil der Muslime beläuft sich auf vier Prozent. Die meisten Personen mit Migrationshintergrund sind katholisch (29 Prozent) oder evangelisch (21 Prozent). 20 Prozent sind Muslime und 16 Prozent konfessionslos. Das ist das zentrale Ergebnis einer repräsentativen Befragung zur Religionszugehörigkeit in Hessen.

Wie aus der Erhebung weiter hervorgeht, halten sich lediglich zehn Prozent der Hessen für „sehr“ religiös und 20 Prozent für „gar nicht“ religiös. 18 Prozent meinen, dass sie „sehr“ religiös erzogen wurden, 15 Prozent überhaupt nicht. Auffällig hierbei ist, dass mehr als jeder zweite Befragte, der einer anderen christlichen Konfession als der katholischen oder evangelischen angehört, angab, „sehr religiös“ zu sein. Im Vergleich dazu gibt nur jeder vierte Muslim an, „sehr religiös“ zu sein. In der Gesamtbetrachtung besteht zwischen der Bevölkerung mit und ohne Migrationshintergrund aber kaum UnterschiedeIm Vergleich dazu gibt nur jeder vierte Muslim an, „sehr religiös“ zu sein. In der Gesamtbetrachtung besteht zwischen der Bevölkerung mit und ohne Migrationshintergrund aber kaum Unterschiede.

Klare Diskrepanz zwischen Wahrnehmung und Wirklichkeit
Für Integrationsminister Jörg-Uwe Hahn (FDP) zeigen diese Ergebnisse eine klare Diskrepanz zwischen der öffentlichen Wahrnehmung und der Realität. Der Religion werde eine größere Bedeutung zugeschrieben, als ihre reale Bedeutung in der Gesellschaft. Nur in Bezug auf Speisevorschriften zeigen sich deutliche Unterschiede. Während 85 Prozent der Muslime aus religiösen Gründen bestimmte Speisen und Getränke meiden, ist das für die allermeisten Befragten mit anderer Religionszugehörigkeit kein Thema.

Positiv sticht hervor, dass 92 Prozent der Befragten die Meinung vertreten, ihre Religion in Hessen frei ausüben zu können. Nur zwei Prozent sind überhaupt nicht dieser Auffassung – Muslime 7 Prozent. In der Gesamtbetrachtung gibt es auch hier keine nennenswerten Unterschiede.

Toleranz weit verbreitet
Erfreulich ist auch, dass sich die Hessen in näheren sozialen Beziehungen sehr tolerant gegenüber anderen Religionen zeigen. Auf die Frage, ob ihnen ein andersgläubiger Nachbar „angenehm“ sei, antworten 85 Prozent, dessen Religion spiele für sie keine Rolle. 13 Prozent ist dieser Nachbar „sehr“ oder „eher angenehm“. Hier zeigen sich Muslime besonders tolerant: 17 Prozent gaben an, dass dieser Nachbar „sehr angenehm“ wäre.

Ähnlich tolerant fallen die Befragungsergebnisse auch in Bezug auf die Partnerwahl aus: Fast drei Viertel der Bevölkerung (74 Prozent) können sich einen andersgläubigen Partner vorstellen. Für zwölf Prozent ist ein solcher Partner nicht vorstellbar. Nennenswerte Unterschiede zwischen Muslimen, Christen oder Menschen mit einer anderen Religionszugehörigkeit gibt es nicht.

Religiöse Vielfalt ist Bereicherung
Deutliche Unterschiede zeigen sich aber bei der Frage, ob religiöse Vielfalt eine Bereicherung für die Gesellschaft darstellt: Während 94 Prozent der muslimischen Befragten hier zustimmend antworten, stimmen hier vergleichsweise wenige katholischen Christen zu (68 Prozent). Und andere christliche Religionszugehörige empfinden religiöse Vielfalt nur noch zu 57 Prozent als bereichernd. Ob die Befragten einen Migrationshintergrund haben oder nicht, spielt hier keine Rolle.

Ein weiteres Ergebnis der Befragung ist: 95 Prozent der Hessen fühlen sich in ihrem Bundesland „wohl“, darunter 61 Prozent sogar „sehr wohl“. Überraschend ist, dass Personen mit Migrationshintergrund sich im Vergleich zu Personen ohne diesen Hintergrund sogar wohler fühlen.

Download: Die Studie „Religion in Hessen: Wie hast du´s mit der Religion?“ kann kostenlos unter www.hmdj.hessen.de heruntergeladen werden.

Keine großen Unterschiede
„Insgesamt zeigt sich“, so Integrationsminister Hahn, „dass sich die Einstellungen nicht so sehr unterscheiden, wie die öffentliche Debatte vermuten ließe. Differenzen in den Ansichten und Aussagen würden – wenn überhaupt – nach Religionszugehörigkeit, Alter und Bildungsniveau deutlich. Ein besonderes Engagement in der Gemeinde und hinsichtlich religiöser Feiern zeige sich vor allem bei den kleineren christlichen Religionsgemeinschaften, so der Integrationsminister.

Das Fazit von Integrationsminister Jörg-Uwe Hahn: „Hessen wird als attraktives Bundesland empfunden, wo man sich wohlfühlen kann. Erfreulich ist, dass der überwiegende Teil der Bevölkerung der Auffassung ist, die eigene Religion in Hessen frei ausüben zu können, und gleichzeitig eine große Toleranz gegenüber Personen anderen Glaubens im näheren sozialen Umfeld zum Ausdruck bringt.“ (eb)

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