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Wie Deutschland und Korea wegschauten

Eigentlich war Deutschland gegen eine Anwerbung von koreanischen Bergarbeitern wegen der kulturellen Differenzen und dem hohen finanziellen Aufwand. Doch auf Druck des deutschen Steinkohlenbergbaus, die händeringend nach billigen Arbeitskräften suchten, kam es dennoch zur Anwerbung. Am 16. Dezember 1963 – vor 50 Jahren – trat das deutsch-koreanische „Programm zur vorübergehenden Beschäftigung koreanischer Bergarbeiter“ in Kraft.

Im Zuge dieses Programms wurd in der südwestlich gelegenen koreanischen Stadt Naju ein Berufsbildungszentrum errichtet. Geleitet wurde das Bildungszentrum vom deutschen Ingenieur und Entwicklungshelfer Fritz Hohmann. Finanziert wurde es mit öffentlichen Mitteln beider Länder. Das Hohmaneum, wie das Ausbildungszentrum genannt wurde, sollte koreanische Jugendliche nach deutschen Standards für den deutschen Arbeitsmarkt ausbilden.

Vorwurf: sexuelle Misshandlung
In Wirklichkeit spielte sich hinter den Mauern des Zentrums, das für die Jugendlichen ein Weg aus ihrer Armut und eine Brücke in das gelobte Land Deutschland bedeuten sollte, Abscheuliches ab, wie aus Archivdokumenten des Auswärtigen Amts hervorgeht (liegt dem MiGAZIN vor). Die Dokumente wurden über Jahrzehnte als Verschlusssache geheim gehalten und auch nach Ablauf der 30-jährigen Schutzfrist offensichtlich nie mehr gesichtet. Bis jetzt.

Wie daraus hervorgeht wurde dem Leiter des Hohmaneums vorgeworfen, die in seiner Obhut befindlichen Kinder sexuell misshandelt und vergewaltigt zu haben. Bekannt wurde die Misshandlung den Akten nach erstmals im Juni 1967. Zwei ehemalige Mitarbeiterinnen des Hohmaneums wandten sich vertraulich an den deutschen Botschafter Franz Ferring. Sie beschuldigten Hohmann des Kindesmissbrauchs. Es vergingen drei Tage, bis der Botschafter handelte. Er lud seinen Landsmann Hohmann zu einem Gespräch in die Botschaft und konfrontierte ihn mit den Vorwürfen. Hohmann stritt alles ab und kündigte juristische Schritte wegen übler Nachrede und Verleumdung an. Ferring blieb den Archivdokumenten nach zunächst hartnäckig, drohte Hohmann mit einer Konfrontation der Zeugen und beauftragte seinen Kulturreferenten, die Missbrauchsvorwürfe näher zu untersuchen.

Schicksal der Hohmaneum-Schüler zweitrangig
Der Kulturreferent in Seoul sollte gemeinsam mit dem Entwicklungshelfer Fritz Hohmann nach Naju reisen, um den Fall aufzuklären. Wie aus den Akten hervorgeht, hat Hohmann die Reise aber abgelehnt und sich versteckt „vor den koreanischen Stellen und der Botschaft“. Einige Tage später wurde die Botschaft informiert, Hohmann habe versucht, in einem Hotel in Busan, seinem Leben ein Ende zu setzen. Der Suizidversuch scheiterte und Hohmann trat die Flucht nach vorne an. Er verschickte seinen deutschen Pass an die Botschaft, gemeinsam mit einer Verzichtserklärung und beantragte zur selben Zeit die koreanische Staatsbürgerschaft.

Trotz der schwerwiegenden Vorwürfe war die koreanische Regierung bereit, Hohmann das Berufsausbildungszentrum weiter leiten zu lassen. Auf koreanischer Seite befürchtete man einen Gesichtsverlust, wenn das Hohmaneum Projekt, die zum Teil aus Finanztöpfen der koreanischen Regierung finanziert wurde, scheiterte. Offensichtlich war das Schicksal der Hohmaneum-Schüler zweitrangig. Indessen sprach die deutsche Seite von einem „Schönheitsfehler“.

Jede Nacht ein anderes Kind
Der Kulturreferent der deutschen Botschaft verfasste seinen Bericht für das Auswärtige Amt in Bonn. Darin steht: „Hohmann verfahre so, dass er ständig 5-6 Schüler in seinem Privathaus wohnen lasse (die übrigen Schüler wohnen in 2 Internaten, eins in der Schule selbst, eins in der Stadt Naju), von denen jeweils einer nachts in seinem Zimmer schlafen müsse. In seinem Zimmer befinde sich nur ein Bett. Unter anderem habe ein kleiner Hausjunge von 9 Jahren, der im Winter das Holz brachte und im Hause Hilfsdienste verrichtete sich Frl. Chon gegenüber beklagt, dass Herr Hohmann sexuelle Handlungen mit ihm vornehme und sage dies sei gut und richtig“.

Lange hielten die missbrauchten Kinder still und wussten Hohmanns sexuelle Handlungen nicht richtig einzuschätzen, heißt es weiter, bis ein „[…] Homosexuellenskandal zwischen zwei Schauspielern in der koreanischen Presse breit erörtert wurde und viele Schüler jetzt Zweifel bekommen hätten, da bisher der in der ganzen Gegend als große Persönlichkeit geachtete und vom Staatspräsidenten mit einem Besuch geehrte Herr Hohmann den Schülern gesagt habe, diese Dinge seien gut und gehörten zur Ausbildung“.

Alle fünf Tage
Im Bericht des Kulturreferenten kommen insgesamt 23 Hohmaneum-Schüler zu Wort, sowie der Drittklässler Lee Sang-hun (Name geändert). In seinem rudimentären Deutsch, schrieb Sang-hun über seine Erfahrungen mit Fritz Hohmann: „Herr Hohmann hat drei Methoden des schlechtes Verkehr mit den Schülern. Er legt sich nagt auf den Schüler, der auf dem Rücken liegt. Er steckt sein Glied in den After ein. Er legt sich umgekehrt neben den Schüler und nimmt dessen Glied in den Mund. Der Schüler muss das Glied von Herrn Hohmann in den Mund nehmen. Herr Hohmann hat mir alle drei Methoden er durchgeführt“.

Unter dem Vorwand, dass Hohmann besonders geeignete Schüler in das gelobte Land, Deutschland, schicken würde, ließen viele den Missbrauch zu, so auch Cha Joong (Name geändert). Er schrieb: „Herr Hohmann sagte im August 1966, dass er mich nach Deutschland schicken wolle. Dazu musste ich in sein Haus kommen und europäisch Lebensweise lernen. Seit August bis Dezember musste ich alle fünf Tage mit Herrn Hohmann in seinem Zimmer schlafen und mit einer der drei Methoden geschlechtes Verkehr mit ihm haben. Van Januar bis März etwa jeden zwanzigsten Tag, weil in den Ferien viele andere Schüler in das Haus kamen. Im März fragte ich, ob ich wie lange die Einladung warten musste, weil ich nicht mehr in sein Haus gehen wollte, hasste er mich. Voriger Mittwoch sagte er, du siest wieder lieb aus und kommst du mir heute Abend. Er trank mit mir Beer mit anderen Schülern. Er ging in sein Zimmer und machte Licht und rief mich. Dann hat er wieder schlechte verkehr mit mir. Im ungefähr August eine große Lärm geschehen wurde, weil letzte Abend niemand in sein Zimmer ging. Er hat gesagt, gestern habe ich die ganze Nacht auf einer gewartet, aber kam nicht, warum kommt einer nicht, das ist euch eine Pflicht. Er hat so lauter gesagt und geschimpt uns. Und im Hohmaneum das schlechte Verkehr ist ganz allgemein geworden und die Lehrer auch alle wissen, besonders Lehrer Lee. Wenn irgendein Jungen nach Deutschland fahren will, denn er wird mit ihm beischlafen.“

Das Ansehen Deutschlands
Dem Bericht ist zu entnehmen, dass den missbrauchten Schülern in keinerlei Weise gedacht wurde. Den Verantwortlichen ging es vermutlich um die Vermeidung eines größeren Skandals in der Öffentlichkeit und um das „Ansehen Deutschlands“. Entsprechend sprach sich Ferring für eine Übergangslösung für Hohmann und für die Aufrechterhaltung des Hohmaneum-Betriebs aus. Wie aus den Akten zu entnehmen ist, waren sowohl die Bundesregierung als auch die koreanische Regierung sehr bemüht, das Gesicht des koreanischen Präsidenten Park Chung-hee zu wahren. Von deutscher Seite wurde von „Alternativen“ und nicht von „Lösungen“ gesprochen, um so auch das deutsche Gesicht zu wahren. Unter anderem wurden die Missbrauchsvorfälle als Kollateralschaden deklariert.

Das Schicksal der sexuell Misshandelten Kinder unterlag dem politischen Kalkül beider Regierungen, die diplomatische Etikette war offensichtlich wichtiger. Die Missbrauchsvorwürfe gegen den deutschen Entwicklungshelfer Fritz Hohmann wurden weder weiter thematisiert noch wurden strafrechtliche Ermittlungen eingeleitet. Auch blieb bis heute eine interne Aufbearbeitung dieser Fäller aus, genauso wie eine Entschädigung an die Betroffenen und eine Entschuldigung.

Mit dem Verdienstkreuz ausgezeichnet
Die jungen Koreaner sind heute erwachsen. Wo sie leben, was aus ihnen geworden ist, ist nicht bekannt. Fest steht nur, dass keiner an die Öffentlichkeit gegangen ist, wahrscheinlich aus Scham, aus konfuzianistischen Prinzipien, schwere Dinge erdulden zu müssen, zu verdrängen und im Zweifel mit ins Grab zu nehmen.

Hohmann hingegen wurde später für seine Dienste in den deutsch-koreanischen Beziehungen mit dem koreanischen Verdienstkreuz ausgezeichnet, dass ihm Präsident Park höchstpersönlich an sein Revers heftete. Er arbeitete weiter als Professor der koreanischen Yeongnam Technical Universität in Daegu und ist als freier Mann 1982 im Alter von 83 Jahren in Korea gestorben.

Folgende Akten wurden für den Fall Hohmann vom Archiv des Auswärtigen Amtes konsultiert: