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Deutsche Gesellschaft für die Vereinten Nationen, Migration in einer interpedenten Welt, 2004

Critical und Incorrect

Burka Avenger – Aufregung um einen pakistanischen TV-Comic

Das kann doch nicht wahr sein! So oder so ähnlich lässt sich die Reaktion der meisten Medien in Deutschland und darüber hinaus beschreiben, die sich des Themas einer pakistanischen TV-Serie angenommen haben.

VONSabine Schiffer

 Burka Avenger – Aufregung um einen pakistanischen TV-Comic
Die Autorin arbeitet seit Anfang der 1990er Jahre als Medienpädagogin und promovierte zur Islamdarstellung in den Medien. 2005 gründete sie das freie Institut für Medienverantwortung (IMV) und leitet es seither. Das IMV fordert mehr Verantwortung von Produzenten- und Nutzerseite.

DATUM19. August 2013

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RESSORTAktuell, Feuilleton, Meinung

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Burka-Avenger“, die „Burka-Rächerin“, heißt die Animations-Zeichentrickserie, in der eine Lehrerin regelmäßig in die Kluft einer Burkaträgerin schlüpft, um dann akrobatisch und mit Büchern und Stiften bewaffnet für Recht und Ordnung zu sorgen.

Dabei entspricht sie genau dem Muster ähnlicher Superheldenstories von Catwoman über Spiderman bis hin zum Urmotiv des Superman, in denen eine eher unscheinbare Person durch das Anlegen eines Helden-Outfits übernatürliche Kräfte erhält und gegen das Böse in der Welt zu Felde zieht. Das Böse in Pakistan ist der Einfluss der Taliban, die unter anderem die Schulbildung von Mädchen ablehnen.

Genau an diesem wunden Punkt setzt die Serie an, die von Popstar Aron Haroon Rashid initiiert wurde und über deren Hauptsponsor er nichts verraten mag. Während Rashid auch immer wieder sich selbst und seine Musik gut in Szene zu setzen weiß, fordert und fördert er zu recht die Bildung. Dabei greift seine Meinung, dass man mit Bildung alles erreichen könne, jedoch arg zu kurz in einem Land, in dem die familiäre und soziale Herkunft nach wie vor alles bestimmt. Auch durch Bildung ist die ererbte Zuweisung nicht zu überwinden. Einen gesellschaftlichen Aufstieg durch Ausbildung und Fleiß gibt es praktisch nicht – ein Quell für viele Frustrationen in dem Land, dessen Schicksal neben dem Einfluss von Taliban auch durch die reiche Herrscherschicht nicht immer zum Guten geführt wird.

Die Burka bzw. den Tschadri als Verkleidungselement der Superheldin zu wählen, stößt teils auf Verwunderung, teils auf Ablehnung. Sowohl Menschenrechtler als auch Fundamentalisten sind empört über den „Missbrauch“ dieses Symbols für die Beherrschung der Frauen. Entgegen Haroons Meinung, dass er ein landesübliches Kleidungsstück wählen wollte, um die Akzeptanz der Heldin zu forcieren, spricht jedoch, dass dieses Kleidungsstück gar nicht so landesüblich ist. Allenfalls im Westen des Landes, in der Gegend um Peschawar, in der Nähe der afghanischen Grenze ist die Ganzkörperverschleierung normaler Teil des Straßenbildes. Im Zentrum, etwa in der aktuellen Hauptstadt Islamabad oder der ehemaligen Hauptstadt Rawalpindi, wie auch im Landesosten, herrscht jedoch eher ein indisch anmutendes Outfit als übliche Frauenbekleidung vor oder das beliebte Shalwar Kamis, eine Hose mit einem passenden Oberteil und einem Schal, der locker über die Schultern und eventuell auch die Haare gelegt wird.

Wahrscheinlich oder hoffentlich wird die Kleidungsdebatte bald verdrängt durch die inhaltlichen Aspekte und die starken sozialen Botschaften der Sendung, die von der Frauenbefreiung bis hin zum Umweltschutz und weit darüber hinaus reicht. Dass eine solche TV-Produktion einen Spiegel sozialer Debatten darstellt, entspricht ebenfalls den Üblichkeiten des Genres, wie auch, dass mit Humor und Übertreibung gearbeitet wird. Den Kindern gefällts.

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8 Kommentare
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  1. mo sagt:

    Ich weiß zwar nicht, welche Zeitungen Frau Schiffer liest, aber ich finde in den wichtigsten deutschen Medien keine ablehnende noch eine verwunderte Reaktion.

    Die Zeit: „Burka Avenger mag ästhetisch und politisch nicht auf der Höhe von Persepolis sein, dem großen Comic-Bildungsroman der Iranerin Marjane Satrapi. Trotzdem ist Jiya die erste weibliche Heldin des modernen Pakistan überhaupt.“

    Süddeutsche: „Dass es ausgerechnet ein Symbol der Unterdrückung ist, das hier für die Emanzipation herhalten muss, ist interessant, irgendwie schräg und gleichzeitig naheliegend.“

    Ähnlich in Welt, FAZ etc. Die FAZ weist richtigerweise darauf hin, wer sich über die Superhildin echauffiert, nämlich: „Über diese Figur und die Tatsache, dass sie verhüllt ist, haben sich Feministinnen und religiöse Führer gleichermaßen echauffiert. Die einen argumentieren, die Würde der Frau sei verletzt, indem das Tragen einer Burka glorifiziert werde. Konservative Muslime meinen im Gegenzug, die Würde der Burka werde verletzt. Beides ist ein Missverständnis.“

    Übrigens trägt die Heldin – wie ihre literarischen Vorbilder Superman, Batman etc. im normalen Leben keine Burka – außerdem bleiben ihre lackierten Fingernägel sichtbar.

  2. aloo masala sagt:

    Schöner Artikel. Ich möchte ihn um einen Punkt ergänzen. In einem Interview mit der Times of India erklärte Aaron Haroon Rashid unter anderem auch, dass er ein Kostüm wollte, das seine Heldin nicht sexualisiert und als Objekt degradiert, wie es beispielsweise bei den westlichen Superheldinnen Catwoman und Wonder Woman der Fall sei.

    Im Nachbarland Indien wird die Serie gut aufgenommen und Bollywood macht sich bereits Gedanken, die Idee als Film umzusetzen, mit Superstars wie Priyanka Chopra oder Katrina Kaif in der Hauptrolle.

    Dagegen pflegt man im Westen weiter seine Obsessionen mit der Burka als Symbol der Unterdrückung der Frau. Das die Burka nur für den Westen ein Symbol ist, das keinerlei Relevanz für den Rest der Welt hat, zeigt, dass die westlichen Kritiker unfähig sind Sachverhalte außerhalb ihrer Maßstäbe und ihres Koordinatensystems zu beurteilen. Es ist so, als ob der Durchschnittsinder “Hot Pants” und “Mini-Rock” als Symbol der Prostitution der Frau erklärt und sich dann über sämtliche Hollywoodfilme als Pornostreifen echauffieren würde.

  3. neko-chan sagt:

    Man vergleiche „Burka Avenger“ mal mit „Dust“ aus dem us-amerikanischen X-Men Franchise (von Marvel, also Disney), dass sich ja seit Jahrzehnten mit verschiedenen gesellschaftlichen Thematiken auseinandersetzt.
    https://upload.wikimedia.org/wikipedia/en/thumb/6/6f/DustProfile.jpg/250px-DustProfile.jpg
    Sie ist dort eine afghanische Mutantin (eine der „Guten“), die auch vollverschleiert auftritt, aus demselben Grund, der hier für „Burka Avenger“ angegeben wird. Offenbar entstand die Figur auch als Reaktion auf 9/11.

  4. Katrin Wohlgemuth sagt:

    Habe gerade die erste Folge gesehen und finde sie toll. Sie setzt sich für Bildung ein. Erklärt es zu einem Recht für alle Kinder. Und steht damit entgegen der fundamentalistischen Einstellung. Das das Kostüm der Heldin eine Burka ist, ist einfach witzig. Ich kann sehr gut verstehen, warum sich Fundamentalisten darüber aufregen. Schließlich wird aus der Burka, das Gegenteil dessen, was sie sich darunter vorstellen. Warum sich andere Menschen darüber aufregen sollten ist mir schleierhaft. Es wird gezeigt, dass sich unter dieser Verhüllung alles Mögliche verbergen kann. Es ist ein Kleidungsstück. Die Bedeutung liegt in der Person, die es trägt und in ihren Gründen dafür. Und diese Gründe können so unterschiedlich sein, wie die Menschen ebend sind.

  5. Dieter Hölterhoff sagt:

    Ich frage mich, welche „Menschenrechtler“ sich da mal wieder stellvertretend empören und womöglich nur mit Bleiwüsten reagieren können. Ich finde die Clips gut gemacht und auch informativ. Bravo! Weiter so! Es gibt noch viel zu tun!

  6. Lynx sagt:

    Die Abendländer haben in ihrer Obsession dieses Kleidungsstück, das in dieser Form nur in Afghanistan und den angrenzenden Gebieten Pakistans getragen wird, unter dem Namen „Burka“ zu einem Symbol der Unterdrückung der Frau gemacht. In den Golfstaaten tragen die Frauen tradionell ein weites Übergewand, das das Gesicht freiläßt und dazu eine Ledermaske namens „Burqa´“, die das Gesicht nur teilweise verdeckt. In anderen arabischen Ländern tragen die muslimischen Frauen über einem leichten, mantelartigen Übergwand eine „Burqa´“ in Form eines Kopftuchs, das auch das Gesicht, außer den Augen, bedeckt.
    In vielen dieser arabischen Länder legten die Frauen, insbesondere der gehobenen verwestlichten Schichten, ab der ersten Hälfte des 20. Jhs. jegliche Kopfbedeckung ab. Die Wiederverbreitung des Kopftuchs und darüber hinaus der Gesichtsbedeckung setzte erst mit der islamischen Rückbesinnung in den 70er Jahren ein. Viele der Muslimas, die bewußt diese Kleidung wählten, mußten sich damit gegen den Widerstand ihrer verwestlichten Familienmitglieder, der Leitungen von Schulen, Universitäten, Behörden und Arbeitgebern durchsetzen. Die Ganzkörperverschleierung als „Symbol“ für die Unterdrückung der Frau zu sehen, entspringt der Ignoranz und den Wahnvorstellungen der in ihrem kulturellen und geistigen Käfig gefangenen Abendländer.
    Warum erregen sie sich nicht über die weitaus wirklichere und relevantere Unterdrückung der Frau im eigenen Land, wie in Form von Zwangsprostitution, geringeren Löhnen als derjenigen von Männern, dem Fehlen eines Gehalts für die Tätigkeit als Hausfrau und deren Geringschätzung? Das ist doch irgendwie schizophren.
    Vor noch nicht allzu langer Zeit hatten viele Christen eine Beschützerinnenfigur in ähnlicher Kleidung: die Schutzmantelmadonna. Allerdings scheint in ihren Hinterköpfen die Vorstellung fest verankert zu sein, die sich auch bei unreligiösen Kulturchristen und Agnostikern noch gehalten hat, daß alles Christliche von sich aus gut und alles Islamische böse ist.

  7. mo sagt:

    @Lynx
    Thema verfehlt. Der Burka-Comic wird durchweg positiv von „den Abendländern“ rezipiert. Wer sich darüber aufregt sind Feministinnen und islamische Fundamentalisten. „Die Abendländer“ regen sich nicht einmal darüber auf, dass sich Feministinnen und Fundamentalisten darüber aufregen, weil sich eh immer irgendwer aufregt. Der Abendländer erfreut sich stattdessen an der Vielfalt literarischer Figuren – auch an Catwoman, der Schwester von Avenger – solange sie für das Gute und gegen das Böse kämpfen. neko-chan hat im übrigen darauf hingewiesen, dass eine ganz ähnliche Figur (eine für das Gute kämpfende Burka-Trägerin) in den „abendländischen“ Disney-Studios konzipiert wurde.

  8. Gero sagt:

    @lynx:….Die Ganzkörperverschleierung als „Symbol“ für die Unterdrückung der Frau zu sehen, entspringt der Ignoranz und den Wahnvorstellungen der in ihrem kulturellen und geistigen Käfig gefangenen Abendländer….

    ….scheint in ihren Hinterköpfen die Vorstellung fest verankert zu sein, die sich auch bei unreligiösen Kulturchristen und Agnostikern noch gehalten hat, daß alles Christliche von sich aus gut und alles Islamische böse ist.
    ______________
    Immer wieder schön zu lesen, wie Sie Lynx, die Erscheinungsformen der Verschleierung der Frauen umzudeuten versuchen. Die Burka ist kein „Kleidungsstück wie jedes andere“ – sie steht für die Unsichtbarmachung der Frau und für die Dominanz der Männer über sie sowie für die religiös begründete (und somit der subjektiven Beliebigkeit überlassenen) Kategorisierung in „ehrbare Frauen“ (= verschleierte) und solche, die dies nicht sind. Das Problem ist in den Köpfen der Männer, die sich die Deutungshoheit darüber anmaßen. Und das Problem sind Leute wie Sie, die in der Kritik an diesen Praktiken „Ignoranz und den Wahnvorstellungen der in ihrem kulturellen und geistigen Käfig gefangenen Abendländer….“ sehen. Fragen Sie sich doch mal nach der Ignoranz in Ihrem eigenen Kopf.

    Dies gilt auch ür den letzten Abschnitt Ihres posts, der sich mit der Wahrnehmung von Muslimen durch „unreligiösen Kulturchristen und Agnostikern“ befasst,. Das dort von Ihnen Vorgetragene lässt sich spielend umkehren im Hinblick der Wahrnehmung von Muslimen gegenüber Christen. .



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