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Migrantangelo aus Migrantopólitis

Eigentlich, so fiel mir letztens auf, hätte ich überhaupt kein Buch über das Gefühl, zwischen mehreren Kulturen, Identitäten und Gefühlen hin und hergerissen zu sein, schreiben müssen. Schließlich gibt es dafür ja bereits seit Jahrzehnten eine viel einfachere Erklärung aus der Sozialpsychologie: die kognitive Dissonanz, also eine Art Kakophonie der Selbsterkennungsmelodien.

Ich stehe vor der Wahl zwischen mindestens zwei Varianten. Die Entscheidung für Sache Nr. 1 entspricht meinen früheren Handlungen und auch meiner eigentlichen Überzeugung. Die Entscheidung für Sache Nr. 2 aber würde mein bisheriges Verhalten auf den Kopf stellen.

Ergo muss ich, sofern ich mich trotzdem für Sache Nr. 2 entscheide, schon viel an Argumenten aufbringen, um wieder eine konsonante Beziehung zu erreichen, also Harmonie in meiner Gefühlswelt herzustellen. Oder aber ich korrigiere meine eigentlich Haltung und habe dann kein Problem mehr mit der Entscheidung für Sache Nr. 2. Kurz gesagt, gehört mein Buch Periodischer Patriotismus damit eigentlich in den Papiermüll. Geht aber nicht, weil es ein Print-on-Demand-Buch ist. Und schon folgt die nächste kognitive Dissonanz.

Volljähriger Urnengang mit Backstage-Pass für Migranten
Das aber ist nicht weiter schlimm, wird diese fiktive Spannung bald doch durch eine reale und größere verdrängt, wodurch aber wiederum ein neuer Entscheidungsnotstand ansteht. Es wird gewählt, und zwar der 18. deutsche Bundestag, am 22. September 2013. Dann ruft das Verfassungsorgan zur Party auf und feiert seine Volljährigkeit. Zu Disposition und bereit zur Verurteilung zu maximal einer Legislaturperiode stehen Kandidatinnen und Kandidaten – und ein paar Migrantionshintergrundhinterbänkler. Zugegeben, einige von den Migranten-Musterschülern (m/w) sitzen ja bereits jetzt schon in der ersten Reihe der ersten Kammer. Doch, wie viel eigentlich von ihnen bzw. wie viel von jedem?

Nehmen wir nämlich die kognitive Dissonanz zur Hilfe, müsste man sich doch eigentlich fragen, mit wie viel Prozent Abgeordnete wie Philipp Rösler, Cem Özdemir, Omid Nouripour oder vielleicht auch Memet Kılıç eigentlich bei der Sache sind. Und wie viel widmen sie ihrem Migrationshintergrund, wenn sie deutsche Politik machen? Müsste man ihre Diäten und Zahlungen dann nicht eigentlich entsprechend anpassen? In Euro und Fremdwährung?

Ist aber im Prinzip nicht so wichtig. Schließlich sind es sowieso verschwindend wenige Menschen mit Migrationshintergrund, die jetzt schon im Bundestag sitzen bzw. sich um ein Mandat bewerben. Ganze 4 Prozent, so der Mediendienst Integration in einer fast repräsentativen Umfrage unter den Parteien, stehen in den Listenstartlöchern und warten darauf, gekreuz(ig)t zu werden. Und schon wieder taucht sie auf, diese dämliche Dissonanz: Bei einem Gesamtbevölkerungsanteil von rund 20 Prozent ist die Ausbeute also eher schwach.

Andererseits, so muss man auch zugeben, ist diese Liste mit krassen Migranten und Promis gespickt – so wie Schaschlik, bei dem sich zwischen saftigem Fleisch auch die eine oder andere runzlige Tomate und Zwiebelringe finden. Krasse Migranten sind beispielsweise Pascal Kober, der MdB der FDP, mit Riesengebirgisch-Belgischen Wurzeln. Oder auch der in London geborene, und in Frankreich und Deutschland aufgewachsene deutsche und britische Staatsbürger. Prof. Dr. Dennis De (nicht zu verwechseln mit Dr. Dre). Die Promis: Beispielsweise Charles M. Huber, ehemals Polizeikommissar Henry Johnson bei Der Alte, der jetzt den Verdauungstrakt der politischen Allesfresser in Darmstadt anheizt.

Deutsche Ministerin all’italiana kentert
Was jedoch fehlt und mich wiederum in eine kognitive Dissonanz führt, sind die Italiener. Deswegen, so habe ich beschlossen, muss unbedingt noch Migrantangelo auf die Liste. Ein Italiener, der weiß, wie man Politik macht. So wie Josefa Idem. Die ehemalige Ministerin für Sport, Jugend und Gleichberechtigung ist eine der erfolgreichsten Kanutinnen der Welt.

Vermutlich, so die Theorie, schaffte sie es deshalb, fiskalische Finten zu schlagen und Steuern zu hinterziehen. Doch die gebürtige Hammerin und 1992 zum italienischen Staatsglauben konvertierte achtmalige Olympia-Teilnehmerin lief auf ein Riff der italienischen Finanzbehörden und kenterte, gemeinsam mit Tausenden anderer Prominenten, die Steuern ganz individuell und all’italiana interpretieren.

Josefa Idem jedenfalls trat zurück, auch nachdem italienische Zeitungen getitelt hatte, sie als Deutsche würde Politik all’italiana machen. Und das sollte man nicht als Kompliment verstehen. Angesichts der Ungereimtheiten beim Versteuern und Anmelden von Immobilien entwickelten die italienischen Journalisten gar Mitleid mit als jenen diffamierten deutschen Copyianern, die nur wegen ein bisschen abschreiben und lausig zitieren ihren Sombrero nehmen mussten.

Anders gesagt: Wäre Josefa Idem nicht nur auf dem Papier eine italienische Politikerin, hätte sie richtig beschissen, dann dementiert, ein bisschen gewartet und wäre untergetaucht, um dann irgendwann und für welche Partei auch immer wieder zu kandidieren. Oder besser noch: Sie hätte das im Jahre 2000 für Italien geholte Olympia-Gold an Deutschland überschreiben lassen und als neue deutsche Feministerin die Amtsinhaberin Dr. Kristina Schröder in den ewigen Erziehungsurlaub verbannt.

Grüne integrationsrot anstreichen
Insgesamt aber sollte man doch dankbar sein ob solcher kultureller Vielfalt im politischen Einheitsbrei. In Deutschland jedenfalls sind es die Grünen, die man rot anstreichen muss, weil sie mit 23 Kandidaten die Mehrheit der Migranten-Mandatsanwärter stellen. Ist ja irgendwann auch gut. Schließlich bedeuteten noch mehr Migranten-Bewerber auch noch mehr kognitive Dissonanz bei den Wählerinnen und Wählern mit Migrationshintergrund: Wo soll ich denn jetzt das Kreuz machen? Bei meinem Landsmann oder doch lieber bei einem anderen Kandidaten?

Mein Hang zur kognitiven Konsistenz sagt mir: Lass es sein! Denn von den insgesamt rund 90 Kandidaten mit Migrationshintergrund führen die meisten genau dieses Backstage-Leben irgendwo auf einem aussichtslosen Listenplatz weiter und drehen sich im Wahlkreis, bis der Schutzmann kommt und sagt: Guten Tag, dies ist eine verdachtsunabhängige Personenkontrolle bzw. eine Schleierfahundung! Nein, wir haben Schleier und NICHT Burka oder Kopftuch gesagt und überhaupt wollen wir Sie nach scharfer Munition durchsuchen!

Affen-culo
Das hat die italienische Polizei übrigens versäumt und schon wurde die aus Afrika stammende, italienische Integrationsministerin Cecile Kyenge mit Bananen beworfen. Die erste dunkelhäutige Ministerin des Stiefelstaates aber rügte die Polizia und Carabinieri ebenso wenig wie die Angreifer, sondern konterkarierte die erbärmlichen rassistischen Angriffe genial und gelassen: Es sei eine Ohrfeige für die Armut und eine Verschwendung von Lebensmitteln.

Dass sie der Affe und Vizepräsident des Senats, Roberto Calderoli, kurz davor als Orang Utan bezeichnet und ihr nahe gelegt hatte, doch in ihrem Land Ministerin zu werden, machte die aus dem Kongo stammende Politikerin natürlich wütend, doch letztlich hat sie sich nun mit der Lega Nord versöhnt.

Kehraus-Kohl und die Jungtürken
Das aber könnte am Ende ein Eigentor sein, auch wenn noch keine geheimen Sitzungsprotokolle Bettino Craxis (italienischer Ministerpräsident 1983) aufgetaucht sind, in denen davon die Rede ist, dass irgendwann alle Ausländer aus Italien verbannt werden sollten. Schließlich verstand sich der in Sachen Korruption und Vetternwirtschaft legitime Vorgänger Berlusconis ja selber als Jungtürke, so wie übrigens auch Walter Scheel und Hans-Dietrich Genscher. In diesem Sinne kann also Entwarnung gegeben werden: Kehraus-Kohl wollte eigentlich nicht die Türken aus Deutschland fegen, sondern die Jungtürken der FDP domestizieren.

Und Bettino Craxi, der – wie der Spiegel es ausnahmsweise so treffend formuliert – in seiner Amtszeit gleichsam die Nationalmannschaft italienischer Ex-Premiers im Kabinett hatte, wollte sich einfach nicht auswechseln lassen und löste das kognitive Dissonanz-Dilemma schließlich mit einem Eigentransfer nach Tunesien.

Ja, da erweist sich der Fußball wieder einmal als willkommene Allegorien-Spielwiese. So fordern nämlich die einen mittels Online-Petition die zwangsweise und endgültige Auswechslung des Roberto Calderoli und andere rufen die italienischen Politiker dazu auf, ein Zeichen gegen rassistische Sprechchöre zu setzen – kommen sie nun von der populistischen und politischen Bank oder aus den Kehlen minderbemittelter Fußballfans– und immer dann den Senat zu verlassen, wenn der unterentwickelte Primaten-Präsident Roberto Calderoli anwesend ist.