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Migration und Integration in Deutschland

Und die einzige Leitkultur, die wir allen Menschen in Deutschland abverlangen müssen, steht in den ersten 20 Artikeln des Grundgesetzes.

Sigmar Gabriel (SPD-Chef), dpa, 7. Oktober 2010

Dämmerlicht

Von der Kraftprobe, ein Kind zu sein.

Erschreckend wenige Eltern scheinen darüber informiert zu sein oder sich dafür zu interessieren, mit welchen Inhalten ihre Kinder in ihrer Freizeit konfrontiert werden. Die neue Kolumne „Dämmerlicht“ von Navid Dastkhosh-Issa.

VONNavid Dastkhosh-Issa

Die Verfasserin, gebürtige Iranerin, hat Islamwissenschaften und Kriminologie / Strafrecht studiert. Sie bietet als Beraterin im Bildungsbereich Seminare an, die sich mit der Vermittlung von Interkultureller Kompetenz speziell für Lehrkräfte und andere Pädagogen befassen. Neben Arbeitserfahrungen im Bereich der Erwachsenenbildung ist sie seit Anfang 2010 in verschiedenen Schularten in der Sek. I und in der Primarstufe als Lehrerin tätig gewesen. Im April erschien ihr Buch:

DATUM1. August 2013

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Es ist heute bei uns ein harter Job, Schülerin oder Schüler zu sein. Wenn man dann noch eine Schule besucht, die an einem sozialen Brennpunkt liegt und in der oft deshalb mehrheitlich SchülerInnen mit Migrationshintergrund unterrichtet werden, dann verbringt man seine Kindertage in der Regel in einer Atmosphäre, in der Respektlosigkeit und Aggressionen ein fester Bestandteil des Schulalltags sind. Dabei braucht man als Kind selbst gar kein Raufbold zu sein, um tagtäglich in Konfrontationen mit einbezogen zu werden. Allein schon die angespannte Atmosphäre, der enorm hohe Lärmpegel, die permanenten Streitigkeiten zwischen den SchülerInnen, die geklärt werden müssen, dazu die überfüllten Klassenräume u.v.a. bedingen, dass Kinder an diesen Schulen nicht die nötige Konzentration zum Lernen entwickeln können.

Nehmen wir als Beispiel das hohe „Schlagpotenzial“, das bei nicht wenigen Kindern und Jugendlichen der Alltag ist. Bis vor – sagen wir – 2 Jahrzehnten war es noch mehr oder weniger normal, dass zum Beispiel Vordrängeln, Platzwegnehmen oder ähnliche Streitthemen zwischen Kindern mit so was wie einem Wegschubsen oder mit Begriffen wie „Blödmann“ oder Ähnliches beantwortet wurden. Heute, inmitten unzähliger und wertvoller pädagogischer Arbeiten, Theorien über Aggressionsentstehung und –bewältigung und psychologischer Erkenntnisse, die – wenn ansatzweise von der Politik ernstgenommen – das Miteinander befrieden würden, ja heute wird beispielsweise so ein „kindisches“ Vordrängeln nicht selten mit wuterfüllten Schlägen seitens des anderen Kindes und im milderen Falle mit Schimpfwörtern beantwortet, die einem Kind noch vor Jahren die Schamesröte ins Gesicht getrieben hätten – falls es die Ausdrücke denn überhaupt verstanden hätte. Das „Draufhauen“ findet bei vielen Kindern heute erschreckenderweise fast schon automatisch, reflexartig statt. Da wird nicht mehr nachgedacht oder abgewogen, ja nicht einmal der eigene Nutzen im Sinne einer Kosten-Nutzen-Abwägung wird in Betracht gezogen – die unzähligen, zweidimensionalen Vorbilder, deren Botschaften die Kinder fortdauernd geistig konsumieren, verfehlen ihre Wirkung nicht. Dabei kann man beobachten, dass es gerade äußerst empfindsame Kinder sind, auf die die destruktiven Inhalte digitaler Medien wie zum Beispiel gewaltverherrlichender Videospiele – das tägliche Brot vieler Kinder – einen verheerend negativen Einfluss ausüben – können wir da etwa noch Konzentration, innere Ruhe und Lust aufs Lernen erwarten?

Oder nehmen wir den enormen, ja heute zur Grundausstattung jedes „medienerzogenen“ Schulkindes zugehörigen „Schimpfpotenzial“! Das oben erwähnte „Blödmann“ oder Beleidigungen wie „Dummkopf“ oder „blöde Kuh“ usw., Schimpfwörter also, die zu der Jugendzeit der heutigen (jungen) Eltern noch mehr oder weniger „Beleidigungspotenzial“ in sich bargen, solche und ähnliche Wörter werden – wenn überhaupt – heute unter „Freuden“ ausgetauscht! Das Beleidigungsrepertoire, was heutiger Norm entspricht, ist vom ganz anderen Holz geschnitzt! Heute beschimpfen sich Kinder und Jugendliche mit Wörtern, Begriffen und Sätzen, die an die Substanz gehen, die die labile, sich noch im Aufbau befindende Identität vieler Kinder und Jugendliche an die Wurzel greifen. In einem Zeitalter, in dem die eigene Identität, die vor allem bei Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund losgelöst aus einer gesellschaftlich-kulturellen Einbettung ohne adäquate und konstruktive Vorbilder irgendwie gebildet werden muss, in dem der junge Mensch mit Migrationshintergrund nicht nur keine notwendige breite Akzeptanz in der Mehrheitsgesellschaft für seine kulturell-religiöse Sozialisation findet, sondern sie unter negativen Bildern überschüttet selbst nur noch erahnen kann, in einer Zeit also, in dem die Konstruktion des eigenen „Selbst“ zu einer Aufgabe geworden ist, die die ganze Kreativitätskraft eines Kindes und eines Jugendlichen für sich einnehmen kann, ja in so einem Zeitalter beleidigen sich Kinder und Jugendliche, indem sie zum Beispiel die Eltern des Gegenübers beschimpfen, indem sie die Familie herabwürdigen, die Nationalität, die kulturellen Eigenheiten usw., Dinge also, zu denen sich das Kind und der Jugendliche (mit Migrationshintergrund) enorm zugehörig sieht, die Zutaten also, die zur Bildung seiner Identität ihm notwendig erscheinen und tatsächlich dafür wichtig sind und deren Infragestellung einen mit Abstand größeren negativen Einfluss auf ihn als Kind und Jugendlicher ausübt, als das für einen Erwachsenen der Fall sein würde.

Es sind schwere geistige Mahlzeiten, die junge Menschen und vor allem junge Menschen mit Migrationshintergrund heutzutage „verdauen“ müssen. Auf der einen Seite sind es entweder familiär schwierige Situationen wie zum Beispiel Trennung der Eltern, die emotionale und oft genug auch finanzielle Probleme mit sich bringen, permanente Streitigkeiten in der Familie, die das notwendige Gefühl der Geborgenheit und Sicherheit beim Kind nicht entstehen lassen oder aber einfach nur fehlende emotionale Zuneigung innerhalb der Familie. Bei vielen Familien mit Migrationshintergrund kommt oft noch ein mangelndes Sicherheitsgefühl und (unbewusste) Zukunfts- und Existenzängste der Eltern und viele andere diverse „Schwachstellen“ hinzu – je nachdem, in welcher sozialen und finanziellen Situation die Familie lebt. Auf der anderen Seite ist es die „digitale“ Welt, die mehr und mehr die „reale“ Welt wegdrängt und die in ihr ausgelebte Brutalität und Egozentrismus zur Richtschnur der Verhaltensweise und Weltsicht der heutigen Kinder und Jugendliche werden lässt.

Die Frage also, ob die Entwicklung Richtung emotionaler Verrohung und sozialer Verantwortungslosigkeit bei den heutigen Kindern und Jugendlichen von ungefähr kommt, kann nur mit einem nein beantwortet werden! Es kommt nicht von ungefähr, dass viele Kinder und Jugendliche jegliches Schamgefühl, jegliches Gefühl für eine soziale Verhaltensweise und für Respekt verloren haben! Sie werden unter anderem durch das, was sie in der Regel in ihrer Freizeit geistig konsumieren, dazu erzogen und finden oft in ihrem Umfeld kein Gegengewicht, kein konstruktives Vorbild, das diese negativen Einflüsse „neutralisieren“ könnte! Es sind die digitalen Medien, die in vielen Familien die Erziehung der Kinder übernommen haben! Und eine ganz wichtige Beobachtung hierbei ist, dass es nicht vorwiegend Familien sind, in denen Kinder mehr oder weniger verwahrlosen. Nein, es sind ganz „normale“ Familien, in denen die Eltern/das Elternteil darum bemüht sind/ist, dass es ihren Kindern an nichts fehlt und die dementsprechend so früh wie möglich dem Kind einen eigenen Fernseher und vor allem einen eigenen Computer mit Internetanschluss zur Verfügung stellen – und dabei völlig verkennen, dass sie dadurch ihrem Kind den Zugriff auf alle möglichen Inhalte im Internet gewähren!

Erschreckend wenige Eltern scheinen darüber informiert zu sein oder sich dafür zu interessieren, mit welchen Inhalten ihre Kinder in ihrer Freizeit konfrontiert werden. Woran dieses Defizit liegen mag, darüber kann man spekulieren. Fest steht, dass die mangelnde Teilnahme vieler Eltern an den Freizeitaktivitäten ihrer Kinder und die mangelnde Kenntnis über die destruktiven Bilder, die sich jeden Tag mehr in den Gedanken und Vorstellungen ihres Kindes verfestigen, verheerende Folgen für diese Kinder und letztlich für unsere Gesellschaft haben wird.

Mitleid und Achtung vor der Würde des Menschen, Sanftmut und Nachsicht, das sind die Werte, die von den Eltern ganz bewusst und aktiv jeden Tag aufs Neue vorgelebt werden müssten und über die erzählt werden müsste – bei weitem mehr, als dies vielleicht der Fall ist. Das Narrative in der Erziehung des Kindes ist bei viel zu vielen Familien vollkommen verloren gegangen. Von den eigenen Erfahrungen und Erlebnissen, ja von dem, was man sich vielleicht an Lebensweisheit angeeignet hat zu erzählen, um dem Kind und dem Jugendlichen andere Sichtweisen, andere Prioritäten im Leben nahe zu bringen und um konstruktive Fantasien anzuregen – das bräuchten heutige Kinder, das müssten Eltern heute ernst und wichtig nehmen. Dabei beobachtet man gerade bei vielen Eltern mit Migrationshintergrund, dass sie zwar ihre Kultur an ihren Kindern weitergeben wollen, dabei aber völlig verkennen, dass Kultur und Bräuche eine Grundbasis der Menschlichkeit brauchen, um darauf gedeihen zu können, ein Terrain von gelebten Werten, in dem auch das Lebendig-Halten, das Erzählen über die Vergangenheit einen wichtigen Platz einnimmt als Brücke zu einer nicht allzu fernen Zeit, in der Kinder sich noch an der Vorfreude erfreuen konnten, in der Kinder noch an einem Spielzeug über längere Zeit hinweg Freude hatten, in dem es normal war, dass Kinder miteinander gespielt habe und nicht nebeneinander, in der sie Freude hatten an der realen Welt und sich nicht abschotteten in virtuelle Welten, in dem die kindliche Vorstellung noch bunt war und nicht schon im Grundschulalter gefärbt von Gewaltfantasien und Cyberkriegern! Sind denn Bräuche und Traditionen nicht mehr als leere Hülsen und zweifelsohne zum Untergang verdammt, wenn der Sinn dahinter nicht verstanden, nicht vorgelebt wird, wenn sie keine Erde haben, in der sie Wurzeln schlagen können?

Gerade viele Eltern mit Migrationshintergrund würden gut daran tun zu erkennen, wie schwer es ihre Kinder haben, inmitten unzähliger Welt- und Rollenbilder, inmitten von verschiedenen und zum Teil paradoxen Anforderungen seitens Familie und Gesellschaft und inmitten vieler anderer Erschwernisse sich selbst zu finden und zu entwickeln. Diese Kinder und Jugendliche brauchen mehr als alle anderen zum einen die volle emotionale Unterstützung ihre Eltern, den Zustand, dass diese ganz bewusst Zeit mit ihnen verbringen, aber auch ihre volle geistige Unterstützung. Dafür müssen ihre Eltern aber auch geistig mitten im gesellschaftlichen Geschehen stehen und nicht irgendwo daneben. Sich mit den Vorteilen, aber auch den Gefahren der digitalen Medien auszukennen, zu wissen, was ihre Kinder da gerade für ein Videospiel spielen, auf welche Inhalte sie im Internet Zugriff haben, zu erkennen, was ihren Kindern mehr schadet als nützt und letztlich zu sehen, dass es eben nicht möglich ist, Kinder ohne größere Eigenanstrengung und zeitlicher und mentaler Investition quasi nebenbei zu gesunden und mündigen Erwachsenen zu erziehen; von diesem notwendigen Erfordernis der geistigen Gegenwärtigkeit scheinen viele Eltern weit entfernt zu sein. Allerhöchste Zeit, sich diese Schlüsselqualifikation anzueignen.

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2 Kommentare
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  1. Radia sagt:

    Auf die Misere von Kindern und Jugendlichen hinzuweisen ist sicherlich sehr notwendig und richtig. Ebenso stimme ich der Analyse zu, dass viele Eltern heute mit dem Eltern-sein überfordert sein können, allein das plurale Werteangebot, aber auch der allgemeine zu bewältigende Alltag stellen eine Herausforderung dar. Soweit so gut.
    Inwieweit dies aber auf Kinder mit Migrationshintergrund zu reduzieren ist, erschließt sich mir nicht! Genau die gleichen Probleme haben auch Kinder deutscher Eltern, haben auch deutsche Eltern. Eine Zurückweisung der oben genannten Probleme auf Migrantenfamilien verkennt die Bildungspolitik in Deutschland erheblich! Nicht Migrationshintergrund, sondern Bildungsstand der Eltern, Lebensfähigkeit der Eltern sind die Rahmenbedingungen für gelingende Erziehung! Hier muss der Ansatz für Veränderung liegen, Eltern, die sich dessen bewusst sind, können mit verschiedenen Wertevorstellungen gut umgehen, ebenso mit dem Medienkonsum ihrer Kinder, ihrem Benehmen, ihrem Verhalten. Weil sie kompetent sind, sie zu begleiten und zu erziehen! Und das gilt für alle Eltern, egal, welchen Hintergrund die haben.

  2. Hans Gothe sagt:

    ein sehr guter Artikel! Ja, auch der Kommentar weist auf Richtiges hin – der Artikel ist aber, so verstehe ich ihn, nicht auf nur einen Teil der Gesellschaft gerichtet – und das stimmt so!



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